Homeoffice

Voll aufregend: mein eigenes Arbeitszimmer

In der zweiten Online – Unterrichtswoche, als es richtig kalt war und die Winterlandschaft vor meinem Fenster in der Sonne glitzerte, habe ich aus dem Wohnzimmer einer alten schwedischen Villa unterrichtet: weisse und hellgrüne Einrichtung, rechts ein hoher weisser Kachelofen, in dem ein Feuer flackert, ein behagliches Sofa, Zimmerpflanzen am Fensterbrett. Mit diesem Hintergrundbild habe ich meine liebste Lockdown – Phantasie ausgelebt, die ungefähr zu Schulbeginn aufkam, als alles anfing, kompliziert zu werden. Irgendwann dachte ich: ich will nur noch weg hier. Ganz weit weg. Irgendwohin, wo ich meine Ruhe habe und trotzdem online unterrichten kann. Und da fing ich an, von Nord – Norwegen zu träumen. Sehr kurze Tage, viel Schnee zum Räumen, alle zehn Tage den weiten Weg zum Supermarkt fahren – perfekt.

Ich bin noch hier. Physisch. Aber in meinen Tagträumen war ich vorletzte Woche in Skandinavien. Habe vor und nach dem Unterricht je neunzig Minuten im Halbdunkel Schnee geschippt und bin mittags, wenn es einigermassen Tag wurde, auf dem See neben dem Haus Schlittschuh gefahren, bevor ich mit meinen Online – Schülern losgelegt habe. In echt habe ich einen feinen Nusskuchen gebacken, der bis in mein Arbeitszimmer hoch geduftet hat und meine Norwegen – Träume mit zartem Zimtduft untermalt hat. Meine weisse dicke Zopfmusterjacke getragen. Dabei stört es mich kein bisschen, dass ich noch nie in Skandinavien war.

Genau wie meine nächste Phantasiereise – nach einem Woody – Allen – Film war ein Umzug nach New York angesagt. Ein anderes Sehnsuchtsziel von mir, noch unerreichbarer als Norwegen wegen noch mehr Wasser dazwischen. Aber seit Jahr(zehnt)en lese ich Romane, die in New York spielen, mit meinem inzwischen abgegriffenen Falk – Plan neben mir und stelle mir vor, in welches Museum ich zuerst gehen würde. Habe ein vielleicht geschöntes Bild von Brooklyn durch zwei Blogs, die ich regelmässig lese. Schaue Filme, in denen zu Fuss durch Manhattan gelaufen wird. Bereite Lasagne zu mit dem Soundtrack eines Woody – Allen – Films, was für mich Jazz – Ignorantin als echte Fortbildung durchgeht. Ich merke mir Adressen von Buchläden oder dem wunderbaren kleinen Bleistiftladen in der Orchard Street und schaue nach, welche U – Bahn – Station die nächste ist. Da ich als Klavierlehrerin wegen der horrenden Mieten in Manhattan wahrscheinlich in Brooklyn wohnen würde, habe ich die Fährverbindungen über den East River schon mal abgecheckt (Atlantic Avenue zum Pier 11: 9 Minuten, 2.75$) Ich könnte ganz in Ruhe vormittags Bleistifte kaufen in der Orchard Street, ganz ohne U – Bahn, und wäre pünktlich zum Unterrichten zurück. Nach einer fair gehandelten veganen Hafermilch – Latte im nachhaltigen Becher und einem Rosinenbagel im Café, natürlich. Und nachdem ich eventuell Noten in einem echten Geschäft ausgesucht habe und sie nicht online bestellen musste – aber jetzt kommen wir schon zu den sehr privaten, sehr aufregenden Phantasien einer Musikerin in der Provinz. Letzte Woche habe ich mich zum Hintergrundbild – Umzug entschlossen: mein Wohnzimmer in Brooklyn hat die typischen zwei hohen Altbau – Fenster, hellblaue Wände, viele Bücherregale und ein schwarzes Klavier.

So albern diese Gedankenexperimente klingen, haben sie doch eine gewisse positive Wirkung auf die allgemeine Seelenlage. Es macht tatsächlich einen Unterschied, ob man sich mehrere Stunden am Tag vor einem hübschen ungewohnten Hintergrund sieht oder ob es das immer gleiche Zimmer ist. (Wobei mein Zimmer ja auch in Ordnung ist. Und ich bin sicher: es gibt jemand in Brooklyn im Homeoffice, der sich wünscht, irgendwo in einer kleinen Stadt ganz im Grünen zu leben. Mit einem sauberen Fluss, der nicht nach Motoröl riecht. Frischer Luft. Grossen alten Bäumen vor dem Fenster und einem flammenden Winter – Sonnenuntergang dahinter. Kindern, die auf dem Hügel neben dem Haus Schlittenfahren.) Anfangs war ich erstaunt, wie sehr sich die Phantasiereise in den ganzen Alltag hineinzieht, bis hin zu: was würde ich in Schweden anziehen? Was in New York? Was würde ich kochen? Mich fasziniert auch die Vorstellung, wie sich mein Leben, so, wie es jetzt ist, in einer anderen Stadt anfühlen würde. Nicht aus einer Unzufriedenheit heraus, nicht aus Nostalgie, was hätte sein können – wobei das unweigerlich ein bisschen mitschwingt bei solchen Ausflügen in eine gedankliche Zwischenebene – , nicht aus dem konkreten Plan heraus, nächstes Jahr um diese Zeit will ich dort oder dort leben, sondern ganz einfach: wie wäre es, wenn ich jetzt dort wäre? Heute, an diesem einen, einmaligen Tag? In genau diesem trüben Wetter, mit einem zinngrauen Himmel, vorzugsweise Nieselregen oder sogar leichtem Schneefall? Es ist eine Art zur – Seite – Denken. Keine Rückschau, kein Wunschtraum für die Zukunft, keine andere zeitliche Ebene – als Musiker reist man ohnehin genug durch die Zeit – , sondern einfach eine andere Realität, jetzt, in diesem Moment. Eine Art von Realität, die gleichzeitig völlig irreal ist. Ich liebe diese Idee.

Und es tut gut. Mein Lockdown, diese immens lange runtergedrückte Pausentaste, ist bunt und spannend. Monotonie ist bis jetzt noch nicht eingetreten, und ich kann einen Bekannten nicht verstehen, der sich kürzlich beklagt hat, wie fad alles ist. Ich bin in Brooklyn aufgewacht und habe die Möwen kreischen hören – das ist nicht unbedingt fad. Dieses Gedankenexperiment öffnet Fenster nach innen und bringt ganz viel frische Luft ins Alltagsleben. Alles ist plötzlich neu, spannend und anders, wenn man sich vorstellt, man würde das tägliche Einerlei an einem anderen Ort erleben. Und der Ortswechsel muss offensichtlich nicht mal geographisch sein. Ist das nicht praktisch? Ich brauch kein Sabbat – Jahr, ich erlebe das einfach während des Lockdowns von zuhause aus. Fühle mich aber erfrischt und angeregt, als wäre ich auf einem anderen Kontinent gewesen. Wasserburg kann ein Stadtteil von New York werden, wenn man nur fest genug daran glaubt.

Aber dazu muss man mit einem Fuss in einer Traumwelt stehen und sich die Fähigkeit bewahrt haben, über den schnöden Alltag hinauszusehen. Träumen können, Fernweh und Sehnsüchte haben, bedeutet ja nicht, dass man mit dem Hier und Jetzt unzufrieden ist. Aber es gibt immer eine Parallelwelt. Ein Parallel – Leben. Immer die Frage: wie würde ich leben, wenn manche Weichen anders gestellt worden wären oder ich bewusst den anderen Pfad eingeschlagen hätte? Ich bin gern in unserer kleinen gotischen Stadt hier. Aber es hält mich lebendig, mich in andere Orte hineinzuträumen, bis ins kleinste Detail. Nicht nach dem tragischen Motto aus Schubert’s “Wanderer”: “Dort, wo du nicht bist, da ist das Glück.” Sondern: dort, wo ich bin, ist das Glück. Und manchmal schaffe ich es, in Gedanken an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Wer keine Sehnsucht mehr hat, ist schon halb tot, oder? Und Sehnsucht oder die ganz konkrete Variante dieses Gefühls, Fernweh, können ein starker Motor sein, um noch bewusster im echten Leben zu stehen. Ich unterrichte diszipliniert über den Bildschirm, auch wenn ich jetzt schon am Rand einer Sehnenscheidenentzündung bin und das Gefühl habe, ich habe den Schratzen bisher hauptsächlich eine Emoji – Etikette (wie oft ist zu oft?) eingebläut. Trotz hehrer Ziele wie Notendiktat über die Distanz. Und ich arbeite nicht nur, um die Kinder bei der Stange zu halten, sondern auch, um Geld zu verdienen. Damit ich eventuell eines Tages doch noch nach Amerika komme. Denn, der geneigte Leser wird es schon bemerkt haben, die echten Sehnsuchtsziele sind für Nicht – Flieger mit einer komplizierten Anfahrt verbunden. Vielleicht, weil unerfüllte Sehnsucht die langlebigste und bittersüsseste ist. Ich träume auch von Paris. Oder Florenz. Aber nicht so heftig. Denn ich könnte in Rosenheim in einen Zug steigen und wäre dort. Da regt sich nicht so viel im Herzen, als wenn ich erst die Webseiten von Frachtschiffen, die einzelne Passagiere mitnehmen, studieren müsste. Eine gewisse Unerreichbarkeit, ein bisschen Herzziehen, gehört zur echten Sehnsucht dazu. Deshalb wird sie auch nie abgegriffen oder uninteressant.

Das war bei den Minnesängern so, das ist mit mir und New York so. Und wahrscheinlich will ich gar nicht, dass das Objekt meiner Begierde greifbar wird. Neben mir liegt der alte Falk – Plan. Auf dem Cover ist das World Trade Center, der Preis steht noch in D – Mark drauf. Ich hatte wahrlich genug Zeit, den Wunschtraum Wirklichkeit werden zu lassen. Aber von was würde ich dann träumen? Was wäre meine Utopie, mein Ort, an dem es alles besser und unterhaltsamer wäre? Was wäre meine Motivation, zu arbeiten und Geld auf einem extra Reisekonto zu sparen? Denn wenn ich mal dort gewesen wäre, bräuchte ich ein anderes Traumziel für den Eskapismus und als Antrieb, auch die weniger aufregenden Stunden im Unterrichtsalltag zu überstehen. Jeder hat diese Erfahrung gemacht, oder?

Es gab eine Zeit, in der mich fast ein Jahr lang auf dem gleichen Kontinent befand wie das jetzige Ziel meiner Tagträume. Als ich in der Nähe von Atlanta studierte, sind meine japanische Mitbewohnerin und ich zum (winzigen!) Bahnhof von Atlanta gefahren. Nach dem Bürgerkrieg war er gigantisch und eindrucksvoll. Heute steht da ein kleiner roter Backstein – Pavillon. Wir mussten wirklich zwei Mal hinschauen und konnten es nicht fassen: die Millionenstadt mit einem der grössten Flughäfen der Welt hat einen Bahnhof, der sowohl in Japan als auch Europa eher als Fahrradkeller durchgehen würde. Und in dem ungefähr zwei Fernzüge pro Tag verkehren. Nachdem wir uns genug amüsiert hatten, widmeten wir uns der Frage: New York oder New Orleans. Hätten wir uns damals für New York entschieden, würde ich jetzt den Falk – Plan von New Orleans anschmachten, da bin ich mir sicher. Aber – ich besitze nicht mal einen. Dafür viele schöne Erinnerungen an eine andere alte Stadt am Wasser, voll von alter Bausubstanz und stimmungsvollen Friedhöfen. An Silvester hielten wir uns wie Kindergartenkinder an der Hand, weil wir Angst hatten, uns in dem tumultartigen Trubel im French Quarter zu verlieren. An Neujahr frühstückten wir im “Café du Monde” mit den butterigesten Brioches und dem herrlichsten Kaffee meines Lebens. Dann fuhren wir mit der Fähre über den Mississippi, nur um wieder zurück zu fahren (ich fürchte mal, das war meine Idee. Ich mag sinnlose Fährfahrten. Und Fähren oder das auf – der – Fähre – Sein sind fast eine Metapher für diesen seltsamen Schwebezustand, den ich gedanklich grade auskoste: nicht völlig hier, noch nicht ganz dort, aber sehr zufrieden im Zwischenraum). Und bei allem sagten wir uns: wir fahren an Ostern nach New York.

Wir waren beide noch nie in New York. Sie ist wieder zurück in Japan und unterrichtet Englisch, ich sitze hier und kultiviere meine Flugangst. Damals hatten wir Zeit, aber kein Geld. Jetzt ist es umgekehrt – aber auf seine Art auch in Ordnung. Das New Orleans – Kapitel ist mit der Reise abgeschlossen. Ich käme nicht auf die Idee, mir vorzustellen, dort Klavierlehrerin zu sein. Aber ich habe Ideen und Inspiration für meine aktuellen Tagträume von dort mitgenommen. Das Tuckern der Fähren, der Dieselgestank und die flatternden Möwen können am East River auch nicht so anders als am Mississippi sein. Ich habe Stoff für Träume. Und solange es die gibt, ist das Leben reicher. Und bietet beste Unterhaltung, selbst wenn das Homeoffice noch wochenlang weitergehen sollte.

Dankbarkeit

Ein neues Jahr liegt vor uns, frisch und unberührt wie die weisse Schneelandschaft auf meinen ersten Spaziergängen in diesem Jahr. Die Helligkeit, die makellosen Flächen ohne Tapser, die frische klare Luft tun der Seele gut. Es ist seltsam, wie so ein Neustart nach dem Einschnitt der Ferien und Feierlichkeiten über Weihnachten die Stimmung heben kann. Man fragt sich durchaus, ob man etwas Amnesie hat, wenn man die düsteren Zeiten des letzten Jahres, die desolaten Statistiken, die nicht weniger desolaten Prognosen einfach so ausblenden kann. Aber vielleicht sind ein gewisser Gedächtnisverlust oder die Kunst, besonders gut zu verdrängen, auch überlebenswichtig? Vielleicht hätte man keine Motivation mehr, weiterzumachen, wenn man wüsste, dass noch mal ein so anstrengendes Jahr wie das letzte vor uns liegt. Oder bin ich nur besonders naiv? (Das frage ich mich regelmässig, wenn Mitmenschen meinen Optimismus belächeln. Aber er ist tatsächlich unerschöpflich, wie es scheint.)

Ich habe mir tatsächlich einen schönen neuen Kalender für 2021 gekauft, auch auf die Gefahr hin, dass er so lächerlich unbeschrieben bleiben wird wie der vom letzten Jahr. Beziehungsweise nur die Lockdown – Wochen für die Steuer notiert werden oder Sterbedaten von Verwandten eingetragen werden. Die ersten Schulschliessungswochen sind schon notiert – ältere Verwandte, die sterben könnten, haben wir kaum mehr. Ausser es geht jetzt langsam mit meiner Generation weiter? Man muss mit allem rechnen in diesen Zeiten.

Und trotzdem beginne ich das neue Jahr in Zuversicht und Dankbarkeit. Trotz Pandemie, Kontaktbeschränkungen, Schulschliessungen, unerwarteter politischer Instabilität in den USA. Man könnte sich die Decke über den Kopf ziehen und nichts mehr mit der ganzen Sache zu tun haben wollen – oder anerkennen, dass Vieles ausserhalb unseres Einflussbereichs liegt. Uns bleibt nur, in dem kleinen Bereich, über den wir Kontrolle haben, für andere da zu sein. Auch wenn es erschwert wird durch die ganzen Auflagen. Aber es gibt Möglichkeiten. Und keinen Grund zur Resignation. Und ich stelle wirklich fest: getragen von einem Gefühl der Dankbarkeit ist noch mehr möglich. Man darf nicht nur aufzählen, was grade nicht geht, sondern sollte seine Aufmerksamkeit darauf richten, was wir trotz allem geniessen dürfen. In meinem Fall: Arbeit, auch wenn sie die system – irrelevanteste ist, die man sich nur denken kann (“systemrelevant” und “vollumfänglich” sind meine Worte des vergangenen Jahres, letzteres gerne benutzt im Zusammenhang mit Onlineunterricht und dem Hinweis, dass er nicht immer vollumfänglich sein muss oder kann). Ein gemütliches Zuhause mit genug Platz für ein eigenes Arbeitszimmer, in dem der Onlineunterricht stattfinden kann – mir ist bewusst, dass das der pure Luxus ist und Menschen mit Familien und mehreren Kindern, die trotzdem von zuhause aus arbeiten müssen, davon nur träumen. Ein gefüllter Kühlschrank, Regale voller Lebensmittel, wunderbare Keks- und Kuchenreste von den Feiertagen, und die Mittel, um im Notfall wieder einkaufen zu gehen. (Läden, die geöffnet haben und Lieferketten, die funktionieren. Prosaisch, aber wichtig.) Ungelesene Bücher, nicht angeschaute Filme. Und natürlich auch: schon gelesene Bücher und Filme, die man immer wieder sehen könnte. Eine wohlbestückte eigene Bibliothek, die geschlossene Bibliotheken etwas weniger traurig macht. Überhaupt: echte, anfassbare Bücher. Es wäre traurig, während eines Schneesturms während einer Pandemie nur nicht – anfassbare E-Books zu haben. Also: echte Bücher. Echte Kerzen. Unser Christbaum (der dieses Jahr besonders lange bleiben muss. Wenn der Gatte, wie zu erwarten ist, um Lichtmess herum wieder mit dezenten Ermahnungen anfangen wird, werde ich dieses Jahr eventuell die Pandemie – Überlastungs – drohende Depressions – Karte bemühen. Ich hab sie die ganze Zeit nicht gebraucht. Aber irgendeinen Vorteil muss diese Seuche doch haben?

Und es gibt noch einen Vorteil, noch etwas, für das ich als introvertierter Mensch von Herzen dankbar bin: keine Geburtstagsfeiern, keine Parties, keine Einladungen. Man traut sich immer nicht, das laut zu sagen, weil andere Zeitgenossen wirklich darunter leiden. Aber für mich ist das das Paradies auf Erden. Und an der Ode darüber schreibe ich noch, die wird wirklich lang…

Ich bin dankbar dafür, dass ich trotz allem immer noch spüre, wo mein Platz und meine Aufgabe sind in dem ganzen Kuddelmuddel. Es gibt viel zu tun für mich. Ich wache jeden Tag in dem Bewusstsein auf, dass da kleine Menschen sind, die was von mir lernen wollen. Und es ist meine Aufgabe, die Welt auf diese Art mit Musik zu füllen. Irgendwie tritt das jetzt deutlicher zutage, obwohl man denken könnte, es ist das Letzte, was die Menschheit grade braucht. Aber es ist ein Mosaiksteinchen auf dem Weg zu Normalität, Menschlichkeit und Schönheit und hilft einem, nicht völlig vom Glauben abzufallen. Wer hätte das gedacht?

(Foto Oxford: et-homo-factus-est-tumblr.com)

Halt auf der schiefen Bahn

Als die Sterne sich nahekamen in einer Winternacht, in der längsten und dunkelsten Winternacht, habe ich unerwartet einen Hauch Trost und Hoffnung gespürt in diesem seltsamen Jahr. In den letzten Monaten ging so vieles drunter und drüber. Jeder musste sich täglich neu orientieren. Das lähmende Gefühl von Machtlosigkeit nahm in einem Ausmass zu, das einen langsam schon fast den Lebensmut verlieren lässt. Wie zu erwarten, lief auch das Sternegucken nicht wie erwartet ab – wir hatten dichten Nebel, schon den ganzen Tag und am Tag davor auch. Versuchshalber lief ich auf einen Hügel in der Nähe, aber – keine Sicht.

Am nächsten Tag suchte ich nach Bildern der Grossen Konjunktion im Netz. Ich erwartete: wunderbare professionelle Aufnahmen. Was ich nicht erwartete: dass der Anblick der kleinen Jupitermonde, die so brav und treu um den grossen Stern tanzen, mich so im Herzen rühren würde. Alles war seltsam und schief letztes Jahr. Ganz normal ist es ja auch nicht, wenn sich zwei besondere Planeten so sehr nahe kommen. Das Ereignis an sich passt irgendwie zum ausserordentlichen letzten Jahr, und ich dachte mir: machen wir das Beste draus, finden wir die nächste Schieflage auch noch schön. Schauen wir mal ein Bild an. Und dann – bin ich völlig berührt davon, dass in dem Chaos, in der unüblichen sich kreuzenden Bahn, die kleinen Monde so brav sind und ihrem grossen Anführer widerspruchslos auch dann noch folgen, wenn er sich auf Abwege begibt. Dass in der grossen Abweichung doch noch Ordnung herrscht. Die Loyalität der vier Trabanten traf mich wie kein anderes Bild der letzten Monate. Und hat mir unerwartet Hoffnung gegeben in diesem Jahr der Machtlosigkeit und langsamen Resignation. Egal, wo wir uns hinbewegen oder eben: nicht bewegen (dürfen), wir sind nicht allein. Jeder hat seine kleinen, aber wichtigen persönlichen Trabanten. Seien es Menschen, Haustiere, Schriftsteller, wichtige Neigungen – jeder hat etwas, das ihn hält und verankert im Chaos. Und das kann uns keiner nehmen, selbst wenn wir eine Art Hausarrest haben. Hätte ich nicht mit meinem Cellisten so konsequent Kammermusik gemacht, hätte ich nicht so viele Kuchen gebacken im letzten Jahr, hätte ich meine Seneca – Lektüre vernachlässigt: ich wäre die Wände hochgegangen. Und wie die kleinen Monde, waren diese wichtigen Gestirne immer da. Unauffällig, aber beständig. Ich musste sie nur anschauen, den Focus etwas verschieben, und merkte: ich bin nicht allein. Da leuchtet was in der Dunkelheit und weist mir den Weg. Ich schwirre nicht beziehungslos durch’s Weltall.

Und selbst wenn die Dunkelheit andauert, werden diese Begleiter weiter Licht und Sinn verbreiten. Wir sind nicht allein. Wir können anderen helfen, ihre strahlenden Monde zu finden (Seneca, Von der Ruhe des Herzens: “Denn nicht der allein leistet etwas für den Staat, der (…) sich an der Abstimmung über Krieg und Frieden beteiligt, sondern auch wer mit seinem Wort die Herzen der Jugend erreicht.”). Ein Wertesystem, eine moralische Unterstützung zu finden, die auch Krisenzeiten standhält. Es fühlt sich vielleicht seltsam an, wenn man Zuversicht verbreitet, ohne selbst restlos davon überzeugt zu sein. Aber ganz plötzlich löst sich ein Teilchen raus, findet seine eigene Umlaufbahn und fängt an, zu leuchten und zu strahlen. Und wir haben wieder den Atem, ein bisschen weiter zu machen.

Weihnachtsgeschichten

Noch nie im Leben hatte ich so früh Weihnachtsferien: der 18. Dezember wird dieses Jahr der letzte Schultag sein, an dem ich nachmittags noch online unterrichte. Wie viele Jahre lang hab ich noch am 23. bis abends meine Schüler versorgen müssen, und wie oft habe ich mich danach gesehnt, eher die Tage vor Weihnachten frei zu haben als die danach! Ich brauche sie viel eher zur Einstimmung, für letzte schöne heimliche Erledigungen, für kurze Besuche mit schön verpackten Geschenken. Und dieses Jahr sind wir gesegnet mit fast einer ganzen wunderbaren Woche Vorlauf. Minus die ganzen Weihnachtskonzerte und Weihnachtsfeiern – Zeit in Hülle und Fülle liegt vor uns, verheissungsvoll wie ein weites unberührtes Schneefeld. Man staunt es aus der Ferne an, um die unübersehbare Weite an freier Zeit nicht doch mit irgendeiner unbedachten Bewegung zu zerstören. Doch dieses Jahr kann uns praktisch nicht dazwischen kommen – keine sozialen Verpflichtungen zumindest. Das ist schon jetzt ein Weihnachtsgeschenk für mich, und es ist kostbar und besonders, weil wir nicht wissen, ob es je wieder so sein wird (ich versuche mal, die Kehrseite der Medaille zu sehen. Natürlich wäre es auch schön, unproblematisch und ohne grossartige Auflagen die Lieben sehen zu können. Aber jetzt muss man das Beste aus der Situation machen und schauen, wo die Nischen sind, die uns trotz allem Weihnachtsgefühle und Behaglichkeit spüren lassen.)

Die Karten sind fast alle geschrieben, langsam und mit Bedacht immer eine am Tag. Meistens morgens, wenn’s noch dunkel war, beim Licht der Adventskerze. Die Plätzchen warten gut verpackt in Blechdosen auf den grossen Tag. Die Früchtekuchen bekommen am 4. Advent ihr letztes Schlückchen Cognac, bevor sie verschenkfertig sind. Die Ideen für den Weihnachtsbrunch stehen, obwohl da noch mit Freude Kochbücher gewälzt werden. Ich habe einfach – Zeit. Noch fast eine Woche lang wunderbare freie Zeit. Was kann man Schöneres tun, als sich mit geliebten Weihnachtsgeschichten einzustimmen?

Ich habe (natürlich!) eine ganze Sammlung an Weihnachtsbüchern. Ursprünglich dachte ich, ich könnte alle in einem dicken fetten Weihnachts – Literaturlisten – Artikel vorstellen. Aber – wer hält denn das aus? Beim Spaziergang im dichten weichen Nebel habe ich überlegt, welches meine drei liebsten Geschichten sind. Und warum sie mir so gut gefallen. Der rote Faden scheint zu sein: Weihnachten in unüblichen Zeiten oder unter besonderen Umständen. Und immer: ein bescheidenes, selbstgemachtes Weihnachten. So schön Fülle und Überfluss grade in dieser Zeit sein können, so gross ist die Gefahr der Übersättigung und Überforderung. Optisch, akustisch, magenmässig. Wenn uns dieses Jahr etwas gelehrt hat, dann ist es der wirkliche Wert von Dingen, die wir für selbstverständlich genommen haben. Und der vorübergehende, aber trotzdem spürbare Verzicht auf manches. Egal ob es um Lebensmittel oder Mitmenschen geht: etwas nicht zur Verfügung zu haben lässt einen erst spüren, wie viel einem daran liegt. Wie viel trauriger das Leben ist, wenn manches nicht möglich ist. Und wie besonders und wertvoll es ist, Zugang zu etwas zu haben, was nicht selbstverständlich ist.

Die namenlose Freundin des kleinen Erzählers in Truman Capote’s “Eine Weihnachtserinnerung” weiss um dieses Lebensgefühl. Sie ist über 60, im Geiste aber ein Kind und im Haus nicht näher beschriebener Verwandten eher geduldet als geliebt. Ihre Weihnachtsgeschenke sind ein selbstgestrickter weisser Schal und eine Tüte Mandarinen. Das ist alles, was sie bekommt, aber sie ist überglücklich. Die Geschichte spielt zur Zeit Roosevelts im ländlichen Süden der USA. Buddy und seine Freundin verfügen kaum über eigenes Geld, aber sie verbreiten Weihnachtsfreude mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen: Eigeninitiative und Kreativität. Geben ist ihnen viel wichtiger als Nehmen. Im November zieht das ungleiche Paar mit einem alten Kinderwagen los, um Nüsse zu sammeln, die die Basis für ihre dreissig Früchtekuchen sind. Später werden die Kuchen im gleichen Wägelchen zur Post gebracht. Und auch Jahrzehnte später, und in gutsituierten Einkommensverhältnissen, kann ich bestätigen: für Alkohol und Porto geht das meiste Geld drauf bei Früchtekuchen… Im Dezember kommt das Wägelchen noch mal zum Einsatz, um massenweise Ilex und einen Christbaum aus dem Wald zu holen, der mit selbst ausgeschnittenen Papierfiguren geschmückt wird. Es ist ein bescheidenes Weihnachten, und trotzdem einer der glücklichsten Tage ihrer Bekanntschaft. Und bald ist nichts mehr, wie es war… Über der Geschichte liegt eine nebelzarte, süsse Melancholie, und es gibt Stellen von unerwarteter, klarer Einsicht, die einen tief berühren. Nicht nur deshalb bleibt sie mein Favorit unter den Weihnachtsgeschichten. Und weil sie einen so eindringlich lehrt, den Wert einer Tüte Mandarinen wieder neu zu schätzen. Ich kaufe Mandarinen im Dezember, natürlich, aber immer in dem Bewusstsein, dass sie was besonderes sind. Und nie, ohne an Buddy und seine Freundin zu denken.

Meine zweitliebste Weihnachtsgeschichte ist eigentlich das letzte Kapitel aus einem Roman. Ich mag das Kapitel und das ganze Buch so gerne, dass die Gefahr, dass ich wieder von vorne anfange, wenn ich’s schon zur Hand nehme, sehr gross ist: “The Herb of Grace” von Elisabeth Goudge erschien 1948 und erzählt, wie eine Familie im Nachkriegs – England eine neue Bleibe suchen muss und ausgerechnet ein märchenhaftes, jahrhundertealtes Haus bezieht. “Herb of Grace” ist auch der Name des Hauses am Fluss, das eine alte Pilgerherberge war. Romane mit einem Haus als Hauptperson sind ja immer meine Favoriten, und dieses ist ein ganz besonders verwunschenes Haus mit einem ebensolchen Wald drumherum, voll von Geschichten und wundersamen Erlebnissen. Die Familie und der diverse Anhang, der das Grundstück bewohnt, versuchen tapfer, mit den Nachkriegs – Rationierungen klarzukommen, die sowohl Lebensmittel als auch Kleiderstoffe betreffen. Und wie in der anderen Geschichte oben sind Kreativität und Erfindungsreichtum wichtiger als gefüllte Regale in den Läden. Das erste Weihnachtsfest im neuen – uralten – Haus wird ein Gesamterlebnis aus Worten, Musik, Schauspiel und Gebet. Und natürlich Essen. Jeder trägt bei, was seinen Talenten entspricht, und je ausgefallener und spezieller die Vorführungen werden, desto mehr fragt man sich, welcher gute Geist das abendfüllende Programm choreographiert hat. Auf jeden Fall wäre ich zu gern dabei gewesen in echt. Darüber zu lesen ist aber auch gut.

Meine Ausgaben der beiden Geschichten gibt’s leider nur antiquarisch: die Capote – Erzählung ist im wunderbaren dicken Sammelband “Heller Schein in dunkler Nacht”, 2008 herausgegeben von Rita Harenski, Arena – Verlag. Aus einem unerfindlichen Grund ist das Buch grade nicht erhältlich – ich hoffe, es wird wieder aufgelegt, denn es ist die beste Sammlung von Weihnachtserzählungen der Weltliteratur, die ich kenne, und hervorragend geeignet, um an Schüler – Weihnachtsfeiern was vorzulesen. Sollte es jemals wieder Weihnachtsfeiern geben. Meine Ausgabe vom “Herb of Grace” ist von 1949.

Aber das nächste Buch kann man einfach so im Buchladen bestellen! “Die kleine Hexe feiert Weihnachten” ist ein Dauerbrenner hier auf dem Sofatisch. Spätestens wenn ich das aus dem Regal hole, beginnt der Advent. Und meine Schüler blättern es immer wieder durch, alle Jahre wieder, weil die Illustrationen von Lieve Baeten so liebevoll und detailgetreu sind. Und ich glaube, heimlich möchte jeder wie die kleine Hexe leben: allein in einem Baumhaus, autark und selbstbestimmt, aber ganz gemütlich und heimelig. Alles ist klein und praktisch, aber das Hexchen hat alles, was es braucht, bis hin zu einer ebenso kleinen roten Katze. Obwohl sie einen schönen Baum holt und ihn liebevoll schmückt, ist ihr Weihnachten stressfrei und entspannt. Am meisten gefällt mir mit meinem Hang zum Backzwang, dass sie erst an Heiligabend nur eine Sorte Kekse bäckt – die auch umgehend zusammen mit dem Besuch verzehrt werden. Kein kompliziertes Lagern, kein Rauskramen von Dosen, keine verschiedenen Sorten… So gern ich backe, so sehr bewundere ich diese Einfachheit. Das wäre doch mal ein Plan – erst an Heiligabend was backen, sich dann sofort gemütlich vor den Baum zu setzen und sich dem Besuch widmen. Ich bin sicher, keiner hat was vermisst. Manchmal schaue ich tatsächlich selber noch dieses Bilderbuch an und denke mir immer: dieses Jahr wird’s einfacher und simpler. Hat bisher noch nicht geklappt, aber…

Etwas seekrank

Bin ich die einzige, oder lässt uns 2020 leicht seekrank zurück? Gerade die letzten Tagen waren geprägt von sich überstürzenden Beschlüssen und schon wieder anderen Beschlüssen, die die alten auf der linken Spur überholten, bevor ich sie richtig wahrgenommen hatte. War ich einen Tag nicht im Infoportal der Schule, fand ich eine neue Verordnung – und etwas weiter unten im Postkorb schon wieder die Aufhebung davon. Im September wurden uns offiziell die Klarsichtmasken ans Herz gelegt, damit die Schüler unsere Mimik sehen können und wir schöner in Verbindung bleiben – jetzt sind sie verboten und der Planet ist um etliche Kilo Plastikmüll reicher. Im letzten Schuljahr hiess es, es wird keine Leistungsnachweise online geben. Gestern durfte ich die kleinen Fünftklässler, die vom Denken her fast noch Viertklässler sind, darauf vorbereiten, dass ihr erstes Gruppenvorspiel im Januar vielleicht virtuell stattfinden wird (“Was ist ein Gruppenvorspiel?”) Zwei Tage, nachdem der Wechselunterricht ab der 8. Klasse angekündigt wurde, wurden sie komplett in den Distanzunterricht geschickt und waren von heut auf morgen nicht mehr da. Was dazu führte, dass ich alle, die in Erding oder auf meinem Heimweg wohnen, zuhause besuchte zu einer letzten Besprechung und Notenübergabe. Herr Söder hat sich das wahrscheinlich anders vorgestellt mit der Distanz, aber was soll man machen, wenn man mit 48 Stunden Vorankündigung Schüler, die man nur einmal in der Woche trifft, gar nicht mehr sehen darf? Dank des stetig rieselnden Neuschnees letzten Mittwoch wurde es eine direkt märchenhafte Winterreise und ein richtig kleines Abenteuer für mich, die ich ja sonst nie im Aussendienst tätig bin. Alles war weiss, sauber und hell. Es machte Spass, vor jeder Haustür die Stiefel abzutreten und Schneeflocken vom Mantel zu schütteln. Ich habe etliche prachtvolle Haustiere kennengelernt und generell mehr über meine Schüler erfahren (die junge Gräfin, die ich unterrichte, meinte understatement-mässig, sie würde auf den Parkplatz rauskommen, weil man den Eingang zu ihrer Wohnung ein bisschen schlecht findet. Die “Wohnung” ist in einem SCHLOSS, einem echten hübschen gelben Barockschloss! Worüber wir beide diskret hinwegsahen…)

Im Nachhinein war ich froh, meine älteren Schüler alle noch mal besucht und mit Arbeitsaufträgen versehen zu haben. Denn in der nächsten Stunde, als ich wohlgerüstet mit meinem Tablet und allem Wichtigen draufgeladen diese Schüler von der Schule aus kontaktieren wollte, gab es an der ganzen Schule kein WLAN. (Das Schiff schlingerte kurz, die Seekrankheit kam zurück.) Dafür wurde in den 90 Minuten, in denen ich die Kleineren live unterrichtete, die Lautsprecheranlage in der Schule überprüft – mit Weihnachtsschlagern. Die ohne Unterbrechung in jedem Zimmer laufen mussten. Immer wieder kam jemand von der Firma rein, die dafür zuständig ist, und entschuldigte sich, wenn er sah, wie wir verzweifelt unsere Klaviermusik über die unsäglichen Schlager legten. (Ich fühlte mich jetzt wirklich wie auf einem Schiff mit Schlagseite und bereits überspültem Deck, auf dem die Möbel nicht angeschraubt sind und man nicht nur das Inventar, sondern auch das rudernde Kindchen irgendwie versucht festzuhalten.) An dem Tag ging meine Gelassenheit fast über Bord und ich hab mich etwas zu sehr aufgeregt. Ein Wunder, dass ich nicht komplett meschugge wurde.

Aber ich habe was gelernt: manches liegt ausserhalb unseres Einflussbereichs. Und dann muss man es akzeptieren, statt dagegen anzukämpfen und sich dabei aufzureiben. Gestern wollte ich wieder die Daheimgebliebenen von der Schule aus virtuell unterrichten. Als ich mein Tablet öffnete, stutze ich kurz. In dem Moment kam mein Kollege rein, ebenfalls mit einem offenen Tablet in der Hand, und fragte: “Hast du auch kein…?” Wir grinsten nur noch. Und plauderten dann aufs Staatskosten und recht entspannt. Wenn die Schule nicht für eine ordentliche Internetverbindung sorgen kann, ist das nicht unser Problem. Letzte Woche wäre ich noch die Wände hochgegangen, jetzt trank ich einen Tee und genoss meine bezahlte Freistunde ganz bewusst.

Privat läuft alles etwas geordneter ab. Immerhin. Auch wenn hier wie überall eine unübersehbare Unlogik herrscht. Vor zwei Wochen durfte man bis zu einer Inzidenz von 200 noch unterrichten – jetzt sind Musikschulen und privater Unterricht wieder komplett verboten. Keiner konnte mir bis jetzt erklären, warum ich montags im Gymnasium neun Kinder live in Gruppen unterrichten darf, in einem winzigen Kämmerchen, dienstags aber niemand im Einzelunterricht zuhause, obwohl wir hier geschätzt 20 Quadratmeter pro Person haben. Und im Gegensatz zum Gymnasium lüften können – unsere Klavierzimmer haben nur Oberlichter, die man nicht aufmachen kann. Mittwochs in der Schule darf ich wieder live unterrichten, donnerstag zuhause nicht. Was soll ich da antworten, wenn eine kleine Maus, der ich gesagt habe, sie darf diese Woche nicht mehr kommen, mit einem Weihnachtsgeschenk vor der Tür steht und fragt, warum sie in die Schule darf, aber nicht zu mir. Wo doch bei mir viel weniger Kinder seien als in der Schule? Übrigens – hallo noch mal, Herr Söder – haben diese Woche fast alle Schüler, denen ich gesagt habe, sie dürfen nicht mehr kommen, hier geklingelt, um mir Weihnachtsgeschenke zu bringen. Ohne Masken. Es war also nicht nur so, dass ich zu den Kindern gefahren bin, sondern die andere Hälfte der Schüler kam zu mir. Das hat man davon, wenn man hopplahopp alle Kontakte einfrieren will. Vor allem kurz vor Weihnachten. Und natürlich hab ich meine Schüler nicht vor der Tür abgefertigt, sondern wir haben drinnen ein bisschen nett geplaudert – und dann noch mal die Onlinestunde am nächsten Tag bestätigt. Glücklicherweise haben Kinder ja einen Sinn für’s Absurde… Und jetzt habe ich mein ganzes Skype – Szenario wieder im Wohnzimmer aufgebaut, was überhaupt nicht mit der restlichen Weihnachtsdeko harmoniert und mein ästhetisches Empfinden sehr beleidigt. Trotzdem, hardcoremässig, gibt’s die Zimtkerze beim virtuellen Unterrichten. Und tatsächlich Schüler, die mich fragen, ob ich sie auch anzünde, wenn sie nicht kommen. Was für eine Genugtuung, wenn ich sie wortlos vor die Kamera halten kann. Die Welt mag schwanken, Kindchen, aber im Advent brennt die Zimtkerze.

Trotz allem

Und trotz allem wurde es Advent. Man glaubt es in diesem Jahr ja schon nicht mehr, dass irgendwas nach Plan läuft. Aber der Kalender wanderte weiter. Die erste Kerze wurde angezündet (und es bleibt bei einer – wir haben dieses Jahr eine schöne Adventskerze statt Kranz). Das Haus duftet köstlich nach Zimt und Nelken und die Plätzchendosen quellen schon jetzt über. Dabei habe ich doch noch gar nicht richtig angefangen mit dem Backen? Naseweise Schüler versuchen, mir einzureden, dass der Nikolaus “der Roland aus Edling” sei. Alle Jahre wieder gibt es so einen kleinen Defätisten, dem ich aber nicht glaube. Denn das stimmt einfach nicht.

Dass der Advent unerwarteterweise doch kam und mit dem ersten Dezember sogar ein kurzer, märchenhafter Puderzuckerschnee, erscheint in dem Jahr wie ein Wunder. Aber vielleicht ist es viel mehr eine innere Einstellung, die noch nötiger ist als in den anderen Jahren? Jetzt ist Advent, und das lassen wir uns in diesem Jahr der Rückschläge und des Verzichts nicht auch noch nehmen. Man braucht die vertrauten Rituale, Düfte, Geschmäcker mehr als sonst. Und anders als in den normal hektischen Jahren gibt es keine Ausrede, warum man auf einmal aufwacht und diese besonderen Wochen schon zur Hälfte zerronnen sind – jetzt haben wir mehr Zeit denn je, alles in Ruhe vorzubereiten und zu zelebrieren. Wie oft habe ich gefühlt bei Nacht und Nebel die Lichterkette vor der Haustür aufgehängt oder den Klavierengel, der uns jedes Jahr begleitet, schnell aus dem Keller geholt, bevor der erste Dezember – Schüler klingelte? Panikartig noch am Abend gebacken, damit ich am nächsten Tag die Schrift auf die Pfefferkuchen bekomme und sie noch die Chance hat, zu trocknen? Jetzt gibt es keine Montags- oder anderen Konzerte. Nichts, was man selber spielt oder anhören geht. Private Adventsfeiern sind auch quasi unmöglich – man ist vernünftig und spart sich die berüchtigte Virenexposition lieber für wichtigere Gelegenheiten wie Weihnachten auf. “Have yourself a merry little christmas” bekommt eine ganz neue und nicht unbedingt unwillkommene Bedeutung. Auch wenn man allein ist, findet Advent in unseren Herzen statt. Und ich freue mich aufrichtig auf Weihnachten und fühle mich trotz allem verbunden mit meinen Lieben.

Natürlich besonders, wenn ich backe und dabei daran denke, wem ich was schenke. Dank der Mithilfe meiner Mutter warten sechs prächtige englischen Weihnachtskuchen darauf, verschenkt zu werden. Wir haben am offiziellen britischen Anrührtag, einem kalten und nebligen Novembersonntag, begonnen, Trockenobst zu schneiden, Gewürze abzumessen und Mandeln zu blanchieren. Bei schöner Musik und Kerzenlicht standen wir wirklich den halben Tag und Abend in der Küche und haben höchst zufrieden abends vor dem Ins-Bett-Gehen die schweren Kuchen zum ersten Mal mit Brandy getränkt. Jeden Sonntag bis Weihnachten gibt es noch ein Löffelchen mehr. Ich staune über meine Selbstdisziplin, wenn mir beim Öffnen der Folie schon so herrliche Gerüche um die Nase schweben – man möchte wirklich sofort reinschneiden und probieren. Noch eine köstliche, qualvolle Vorfreude mehr…

Der Abend des ersten Adventssonntags 2020 wird mir immer in Erinnerung bleiben, weil er so völlig anders und trotzdem perfekt war. Obwohl wir ein stimmungvolles, schön dekoriertes Zuhause haben, genug zu essen im Kühlschrank, relativ brave Katzen und sogar noch kleine Bienenwachskerzen, die wunderbar duften, fanden wir uns aus verschiedenen Gründen abends auf einem Autobahn – Parkplatz wieder, hungrig und neunzig Minuten von zuhause. Seit dem Adventsfrühstück hatten wir nichts mehr gegessen, und da sonst nichts aufhaben darf, sind wir absurderweise zum Burger King gefahren. Wir essen alle zehn Jahre einen Burger. Ich finde schon die Bestellung kompliziert, geschweige denn von dem Monster abzubeissen. Auch wenn letztlich der Gatte meinen halben Burger essen durfte: ich wollte auch einen. Und so sassen wir mit den fettigen Tüten behaglich in unserem grossen, warmen Auto. Der Parkplatz war leer und dunkel. Ausser uns waren ein paar junge Hupfer da, die mit ihrem Fastfood im geöffneten Kofferraum ihrer rundum beschallten Wagen sassen. Mir wurde schon kalt, wenn ich sie mit ihren tiefsitzenden Hosen nur rumlaufen sah, und frei nach Reich – Ranicki, der lieber in einem Taxi als in einer Strassenbahn weint, stellten wir snobistisch fest, dass es schöner ist, Pommes in einem Jaguar zu essen statt in einem Ford Fiesta. Und hatten dann echte und tiefgehende Gespräche, während wir uns die fettigen Finger leckten, besser und ruhiger als sonst im Alltag. Vielleicht muss man sich in so eine absurde und ungewohnte Situation begeben, um sich wieder neu begegnen zu können? Wenn alles anders und seltsamer ist als sonst, bemerkt man umso mehr, was man am Anderen hat. Oder hat es mit dem Advent im Herzen zu tun, dass man selbst einen Burger – King – Parkplatz schön finden kann?

Jetzt sind wir wieder zuhause. Essen mit Besteck und Kerzenlicht. Proben Brahms – Sonaten und überlegen uns stilvolle Weihnachtsmenüs anhand von schönen Kochbüchern. Aber dieser Ausflug zum Fastfood – Lokal hat was bewegt.

Im Nebel

Als ich früh am Morgen in Gummistiefeln das Gartentor hinter mir schliesse und ein paar Schritte Richtung See gehe, bin ich sofort in einer anderen Welt. Ich kann zwar unseren Gartenzaun noch anfassen, aber wenn ich durch die alten Eichen auf die Wiese mit den Schafen sehe, muss ich zwinkern und mich fragen, ob ich nicht vielleicht doch in Irland bin. Dichter, weisslicher Nebel. Grüne Wiesen, leer bis auf eine Handvoll Schafe. Kein Himmel, kein Horizont, nur dicke Wattewolken und ein eisiger Hauch in der Luft.

Unser Haus ist immer noch in Sichtweite, als ich am See angekommen bin. Der kurze Weg durch den Wald war herbstlich – bunt: braun, orange, senfgelb. Jetzt ist wieder alles weiss. Der See. Der Ausschnitt der Welt, in dem sonst der Himmel ist. Die Fläche über dem See. Und ich fühle mich wie in einer Märchenwelt, wenn ich so in Nebel gehüllt bin. Alles ist stiller als sonst und ich bin ganz alleine. Trotz der lichtlosen, trüben Stimmung schweben geisterhaft undeutliche Reflexionen der Bäume am anderen Ufer auf der glasigen Wasseroberfläche. Alles ist weichgezeichnet, traurig und schön. “Corot country”, würde André Aciman sagen. Ich bin sicher, Corot hätte hier seine Staffelei aufgestellt (und ich hätte ihm Schals und Tee in Thermoskannen aus dem Haus gebracht).

Auch am anderen Ufer ist kein Mensch. Der Weg wird in jeder Richtung nach ein paar Metern verschluckt von undurchdringlichem Nebel. Es ist angenehm gruselig und ich kann nicht anders als weiter zu gehen. Möchte ganz in der Landschaft aufgehen und selber zum Moosgeist werden. Das Haus, seine Wärme, sein Schutz sind viel weniger attraktiv als diese archaische verlassene Landschaft in Wolken. Ich möchte mich drin auflösen wie Tautropfen und mit den Nebelschwaden verschwinden. Oder in einen der geisterhaft kahlen Bäume schlüpfen und eine November-Waldnymphe werden.

Aber es ist Montag. Ich muss nach Erding und Klavierlehrerin sein. Wenn ich mich in einem Hauch auflöse, kommen meine Schüler nicht weiter. Doch vorher noch einen Abstecher zur Fallobstwiese neben der Kirche. Der schlanke spitze Backstein – Kirchturm ist völlig vom Nebel verschluckt, der kleine Friedhof komplett unsichtbar. Das Geisterballett aus kahlen, geduckten Apfelbäumen davor sieht skurril und bedrohlich aus. Auch hier bin ich ganz allein und sammle in Ruhe die letzten abgefallenen Äpfel auf. Viele sind schon zerplatzt vom Frost – es wird Zeit. Ich nehme mir hellgrüne, mittelgrosse von dem einen Baum und kleine rote vom anderen. Sie sehen schon aus wie Christbaumäpfelchen, werden aber wohl nicht so lange halten, denn keiner ist einwandfrei schön.

Als ich auf einem anderen Weg durch den Wald im Nebel zurückgehe, vorbei an jahrhundertealten Eichen mit majestätischen Stämmen, fühle ich mich im Einklang mit mir und der Welt und denke genussvoll: ihr könnt mich alle mal. Man kann uns und unsere Kinder einsperren, uns Masken vor die Nase hängen, den Kindern einen fast paranoiden Waschzwang anerziehen (noch nie im Leben habe ich so viele schuppige, rauhe Kinderhändchen gesehen), uns isolieren und uns gegenseitig entfremden – aber das hier und die Kraft, die ich daraus schöpfe, kann mir niemand nehmen. Meine Corot – Landschaft direkt vor der Terrassentür. Hier sind Fallzahlen oder Mehrwertsteuersenkungen unwichtig. Nach so einem ganzheitlichen Erlebnis will man nicht konsumieren und nichts bestellen. Aber man fühlt sich geerdet und voll neuem Schwung und möchte das an die verunsicherten Kinderchen weitergeben, für die man sich von ganzem Herzen Normalität wünscht.

Ein Mittel gegen soziale Isolation

Vormittags

Im Frühsommer dieses seltsamen Jahres fragten unsere Doppelhaus – Nachbarn, ob wir uns anschliessen wollen, wenn sie das Haus streichen lassen. Wir zögerten nicht lange. Unser Haus wurde vor dreissig Jahren gebaut und es war langsam an der Zeit. Ausserdem bemerkte der Nachbar Risse im Putz und abblätterndes Holz an den Fensterrahmen. Keine Frage – es wäre gut, unsere Hälfte gleich mitstreichen zu lassen, wenn schon ein Gerüst aufgebaut wurde. Es gab eine – äusserst – ausführliche Besprechung mit dem Chef – Maler. Der Kostenvoranschlag war in Ordnung, es wurden wunderhübsche Farben ausgesucht, und mein Traum von einer farbigen Haustür, den ich schon auf ein anderes Leben vertagen wollte, ist auf einmal Wirklichkeit. Die Tür blaugrau streichen zu lassen, war noch die einfachste Übung. Das hätte ich längst schon tun können, ohne dass gleich das ganze Haus renoviert wird. Jedes Mal, wenn ich jetzt voll Entzücken die stilvolle Haustüre anschaue, frage ich mich, ob es mit anderen Lebensträumen nicht genau so einfach wäre, wenn man sich nur richtig informieren würde/ die richtigen Helfer hat. Und wegen der Malerei: wenn wir das professionell machen lassen und eine ordentliche Summe dafür zahlen würden, müsste es doch relativ schnell gehen. Eine Woche? Man hört ja immer, wie teuer Gerüste sind. Es würde sicher nicht länger als acht Tage dauern.

Jeder, der schon mal eine Baustelle hatte oder gar sein Haus neu gebaut hat, weiss, was jetzt kommt, und ich möchte niemand langweilen. Aber: statt im März 2021 stand die Malertruppe überraschend vor jetzt genau drei Wochen auf der Matte und fing an, das Gerüst aufzubauen. Ich hatte keine Zeit, die Kletterrose zurückzuschneiden oder die Töpfe mit den grösseren Pflanzen wegzuräumen. Hätte ich gewusst, das das Tonnenhäuschen jetzt drei Wochen lang unzugänglich zugebaut wird, hätte ich eventuell noch einmal den Müll rausgebracht. In Windeseile war die geliebte Rose mitsamt Spalier von der Wand gehoben und ans Gerüst gefesselt. Der Briefkasten liegt seit drei Wochen abgeschraubt am Boden. Die Bank, auf der meine Schülereltern gern neben der Haustür warten, steht jeden Tag wo anders: auf dem Parkplatz oder schräg auf dem Gehweg. Mal wandert der Briefkasten mit der Bank, mal ist er zugedeckt von Malerplanen.

Zum äusserlichen Chaos kommt eine gewisse innerliche Beunruhigung. Denn die Maler können nicht ohne ihr tragbares Radio, das acht Stunden lang “Antenne Bayern” in voller Lautstärke verbreitet, arbeiten. Und egal, wo sie sind, egal wie hoch: der unsägliche Sender, der seine Zuhörer auch noch duzt, ist dabei. Ich weiss erst seit diesen Tagen, dass die “Apotheken Rundschau” Rundfunk – Werbung macht – inzwischen kenne ich den Jingle auswendig. Und kann es nicht fassen. Und erst seit das Gerüst steht und ständig drei verschiedene Menschen ums Haus herum klettern, merke ich, wie versteckt und uneinsehbar die meisten Zimmer in unserem hohen Haus sind. Grade in meinem Arbeitszimmer oben unter dem Dach habe ich mich immer sicher gefühlt. Da sieht man höchstens Amseln vorbeizischen oder mitten hinein in die blühende Säulenkirsche. Aber buchstäblich jetzt stehen wieder weisse Malerbeine auf dem Gerüst vor meinem Fenster, einen halben Meter rechts von mir. Und es ist wirklich verstörend. Und das ist ja nicht das einzige Fenster, an dem immer unerwartet Gesichter auftauchen. Wir duschen nur noch mit vorgezogener Gardine, in einem dämmrigen Untersee-Blau. Ich habe mich damit abgefunden, dass am Küchenfenster, direkt gegenüber der Anrichte, auf der der Wasserkocher steht und ich schlaftrunken meinen Kaffee aufgiesse, morgens gegen 7.30 besonders eifrig geschliffen und grundiert und lackiert und noch mal lackiert wird. Da ist man wirklich Aug in Auge mit dem Maler. Da das Fenster gekippt sein muss für die Arbeiten und die köstlichen Düfte direkt in die Nase des geknechteten Handwerkers schweben, kommt man sich wie ein Unmensch vor, wenn man ihm (und den anderen) nicht auch gleich einen Kaffee anbietet und nicht bis zehn Uhr wartet. Und nach drei Wochen kennen die Maler alle meine Schlafanzüge und Strickjacken. Aber was soll’s. Eine Woche lang schaffe ich es vielleicht, um sieben Uhr komplett angezogen zu sein. Aber nach zweiundzwanzig Tagen? Und heute ist Tag zweiundzwanzig. Und ich habe grade erfahren, dass das Gerüst noch ein paar Tage bleibt. Den Rest der Arbeiten – was für einen Rest?? – können sie dann ohne ausführen. Übrigens haben wir einen Festpreis vereinbart. Falls sich jemand Sorgen machen sollte.

(War grade wieder kein Unmensch und hab dem Maler vor meinem Fenster Kaffee angeboten. Weil er mich hier gemütlich im Warmen sitzen sieht, mit einer Kanne Tee neben mir. Er sagte: “jetzt nicht, ich hab eh schon Adrenalin.” Mein Schreibzimmer ist wirklich hoch.)

Nachmittags

Aber: es wird schön, und wir sind glücklich. Wir konnten uns leider mit den Nachbarn nicht ganz einigen wegen der Hausfarbe. Wir wollten ein Terracotta-Braunrot wie in Italien für’s ganze Haus, aber das war den Nachbarn zu – bunt. Das Haus ist jetzt elegant – cremefarben, was auch gut ist, und unsere Hälfte hat eben graublaue Fensterrahmen und die schöne bunte Haustür (ich kann’s kaum erwarten, bis unser Weihnachtskranz da hängt. Das wird sensationell schön!). Aber die Wände auf der Terrasse, unter dem Pergoladach – die sind perfekt terracottafarben. Und wir sind begeistert. Unsere Terrasse ist ja überwuchert von wildem Wein, der zur Zeit winzige blaue Beeren hat, und es sieht wunderbar aus vor der roten Wand. Wir fühlen uns wie in Trastevere, und genau das war der Plan. Unglaublich, wie viel das ausmacht. Noch steht das Gerüst, und wir haben frevlerische Pläne, einfach doch unsere ganze Hälfte rot streichen zu lassen. Werden wir aber nicht. Wir wollen die Sache nicht noch künstlich in die Länge ziehen. Machen wir doch jetzt schon Witze, was wir den Malern zum Weihnachtsessen anbieten sollen. Und ich sollte mich nicht insgeheim darauf freuen, dank Gerüst wesentlich mehr Fläche und Deko-Möglichkeiten für meine adventlichen Aussen – Lichterketten zu haben.

Egal wie lange es noch dauern wird, wir sind dankbar. Das Haus und seine Holzverkleidungen werden wieder regendicht. Und die Maler bewahren uns vor dem Vereinsamen während des zweiten Lockdowns. Social Distancing ist ein Fremdwort, wenn ständig drei Leute vor den Fenstern rumturnen, wir uns vormittags zusammen zur Brotzeit an den Gartentisch setzen, gelegentlich der Chef – Maler auf Stippvisite kommt und unsere Nachbarn ohnehin mehrmals am Tag vorbeischauen, weil es irgendwas zu konsultieren gibt. Es wird einsam werden im Kormoranweg, wenn diese Invasion vorbei ist. Und kein “Antenne Bayern” mehr durch die Siedlung schallt.

Nachtrag: ich wollte jetzt auch mal auf’s Gerüst, um die geliebte Rose von oben schneiden zu können. Als ich einen der Maler fragte, ob ich an der Ecke auch auf ein provisorisch aussehendes Holzbrett steigen könnte, meinte er: “Keine Sorge, das hält 200 Kilo.” Das schönste Kompliment meiner Ferien!

Verankert

Auch wenn meine Welt als Musikerin schwankt und zur Zeit nichts ist wie vorher, habe ich einen ergiebigen und erfolgreichen Übesommer hinter mir. Pianisten sind an “Einzelhaft” am Klavier gewöhnt, und es ist mir relativ egal, ob ich auf eigenen Wunsch allein bin oder weil sich draussen eine Pandemie über den Globus verbreitet. Üben gehört zu meinem Alltag wie Essen und Schlafen. Und trotzdem habe ich in den letzten Monaten festgestellt, wie heilsam es ist, nicht ganz allein vor sich hin zu werkeln: die Motivation ist grösser, wenn man sich verbindliche Termine setzt. Man arbeitet anders, wenn man weiss, wann man was abliefern muss. Das ist eindrucksvoll zu beobachten an Schülern, die nur alle zwei Wochen Unterricht nehmen: der Fortschritt ist tatsächlich langsamer, und ich fürchte, dass die erste Woche zu oft verbracht wird mit Plänen, wie man dann in der zweiten Woche übt, ohne gleich anzufangen. Ich bin ja selber nicht anders… Aber wenn die ganz grossen Verbindlichkeiten wie regelmässige Konzerte wegfallen – was gibt es besseres als einen Kammermusikpartner, um einen bei der Stange zu halten?

Ich habe “meinen” Cellisten letztes Jahr bei einem Hauskonzert kennengelernt, bei dem er die Arpeggione – Sonate und ich Beethoven spielte. Auf der Terrasse unterhielt er uns mit der Geschichte, wie er an sein jetziges Cello gekommen war – ein geschlossenes Stammlokal nach der Quartettprobe, das Ausweichen in ein eher kaschemmenartiges Etablissement, das Angebot eines Stammgastes, ihm ein Cello zu zeigen, falls er noch eins braucht, und schliesslich der Glücksfund eines wunderbaren Instruments zu einem lächerlichen Preis, auch wenn die Provenienz und deren Rechtmässigkeit etwas dubios erschienen. Er sieht aus wie ein richtiger Künstlertyp, wenn er mit seiner wirren weissen Mähne selbstversunken über das Cello gebeugt ist, und er spielt wild und ausdrucksvoll. Als ich den Gatten damals auf einem Sommerkurs für Sänger kennenlernte, war ich davon ausgegangen, dass er Profimusiker ist. Jetzt passierte mir der gleiche Fehler zum zweiten Mal: mein Cellist spielt auf einem so hohen Niveau und so hingebungsvoll, dass ich dachte, das sei sein Beruf. Bis eine Bekannte, die auch auf dem Konzert war, mir ausrichtete, dass er gern mit mir Kammermusik machen würde, sich aber nicht sicher sei, ob ich mit einem Amateur spielen würde. Wie sich herausstellte, ist er Arzt, und auch vielbeschäftigt und dienstgeplagt. Aber er legt sein ganzes Herzblut ins Cellospielen, und wir beide nehmen die Sache sehr ernst.

Unser erstes Treffen scheint mir schon so lange her, dabei war es erst letzten Sommer, als er barfuss und in einem verwaschenen T-Shirt mit einem Vergil – Zitat auf lateinisch hier im Wohnzimmer stand und eigentlich wie einer meiner Schüler aussah. Er wirkt immer entspannt und leger, als wäre er grade in Südfrankreich im Urlaub – dabei ist er Chefarzt einer Klinik, die im Frühjahr zum Covid – Krankenhaus seines Landkreises erklärt wurde. Aber selbst da fanden wir Zeit zum Spielen. Er erzählte nebenbei, dass sein jetziges Leben wirklich ruhig sei. Er war, nach etlichen Jahren in Amerika, jahrelang Professor auf drei Kontinenten gleichzeitig und sass praktisch nur im Flugzeug, und das jetzt sei alles halb so wild. Ich kann seine Seelenruhe nur bewundern. Wenn wir bei ihm proben, beleben seine vier Kinder manchmal gleichzeitig die Küche. Er hat den Trubel im Rücken, aber ich sehe vom alten Blüthner im Wohnzimmer aus direkt ins volle Leben und muss gestehen, dass ich manchmal abgelenkt bin, wenn noch die Katze oder der Hund dazukommen. Manchmal klingelt zur Krönung noch sein Handy – Klingelton ist der gejagte letzte Satz vom “Tod und das Mädchen”, der mich nervöser macht als der Notarztpiepser des Gatten, weil hier jemand eindrucksvoll direkt mit dem Tod ringt (was für ein makabrer Klingelton für einen Arzt, oder?) – und er weist den Anrufer höflich, aber bestimmt auf englisch darauf hin, dass er sich in der Zeitzone vertan habe und sie das Interview erst nach seiner “Besprechung” hier machen könnten. Und dann “besprechen” wir uns weiter, und er ist sofort wieder da, wo wir unterbrochen wurden. Ich kann mir von ihm wirklich was abgucken, was es heisst, ganz im Moment und im Hier und Jetzt zu leben und alles, was auf einen einstürmt, einfach auszublenden.

Bei der ersten Probe dachte ich noch: vielleicht spielen wir nur einmal zusammen, vielleicht passt es nicht. Aber – es klickte, vom ersten Takt an. Und seither haben wir nicht mehr aufgehört, zusammen das Cello – Repertoire zu erkunden. Ich habe immer davon geträumt, mit einem Cellisten zu arbeiten. Der Traum ging nur einmal, noch zu Schulzeiten, in Erfüllung. Seither hat mir das Leben Geiger und Sänger beschert, was auch schön ist. Aber ich kenne die Literatur rauf und runter, und es war spannend, Neuland zu betreten. Ich wollte schon immer die herrlichen Beethoven – Cello – Sonaten spielen. Er hat alle im Repertoire, und so verbrachte ich den Sommer 2019 damit, alle zwei Wochen eine neue Sonate fertig zu haben. Das war eine tolle Herausforderung und gab den Wochen eine wunderbare Struktur. Diesen Sommer waren unsere festen Termine noch wichtiger, weil die ganze Welt ums uns so im Schwanken war und so viele verbindiche Termine und Routine wegfielen. Ich bin sicher, es hätte mir psychisch gar nicht gut getan, mich dem dolce far niente hinzugeben oder nur für mich allein zu üben. Der berüchtigte Schweinehund wird ein zahmes Haustier, wenn man ihn mit regelmässigen Terminen füttert. Wir haben die Zeit gut genutzt: wir haben beide Brahms – Sonaten gelernt und quasi alles, was Schumann für Cello und Klavier geschrieben hat (auch alles wunderbare Neuentdeckungen für mich). Und wir sind zuversichtlich, dass irgendwann wieder die Zeit kommen wird, in der wir unser Programm vor einem kleinen Publikum spielen können. Aber bis dahin – erfreuen wir Hund und Katze damit, die alten Apfelbäume in seinem Garten, die Eichen hinter unserem Haus. Und uns.

Die Energie unter den Masken

(Meine neue Brille, gesehen von Julia, 3. Klasse)

Als ich klein war und in die Grundschule ging, konnte jeder jederzeit die Schule betreten. Und auch verlassen. Auch im Gymnasium in der Stadt war es so. Nach den Terroranschlägen von 2001 änderte sich das: zum ersten Mal in meinem Leben mussten die Schulen die Türen absperren, nachdem die Kinder morgens angekommen waren. Terrorismus schien eine reale Bedrohung für unseren Nachwuchs zu sein (“Das ist wegen der Taliban”, raunte mir der alte Hausmeister im beschaulichen Isen zu). Die Devise war, unsere Kinder gegen die Bedrohung von aussen zu schützen. Vergessene Turnbeutel und Bibliotheksbücher schienen vernachlässigbare Probleme, und Eltern, die vormittags die Schule betreten wollten, mussten sich im Sekretariat anmelden. Meine Klavierschüler nachmittags musste ich einzeln an der Türe abholen und danach wieder hermetisch abschliessen.

Nach dem Amoklauf von Winnenden geriet die Bedrohung von innen in den Focus. Plötzlich wurden in den Klassenzimmern Telephone installiert. Es gab Notfallpläne, wie man sich verhält, wenn einer aus unserer Mitte ausrastet, und Übungen zum Evakuieren oder sich Verbarrikadieren mit der Klasse. Jetzt nicht verwechseln: nicht von aussen abschliessen, sondern von innen! Auf Durchsagen warten!

Kaum hat man sich daran gewöhnt, immer den Schlüssel gezückt zu halten, haben wir die Weisung, angesichts der übermächtigen unsichtbaren Bedrohung durch Viren gar überhaupt nichts mehr abzuschliessen. Wäre es früher eine Katastrophe gewesen, wenn ich meinen Schulschlüssel an Erding – Tagen vergessen hätte, wäre das jetzt kein Problem. Alles ist offen, vom Haupteingang bis zu den Klassenzimmern. Auch in den Zimmern stehen die Türen zum Innenhof offen. Alles ist auf Durchzug, und die frische, klare Septemberluft breitet sich wunderbar in der ganzen Schule aus. Das war schon im Frühling so, als nach den strengen Ausgangsbeschränkungen die Abiturienten als erste wieder die Schule betreten durften. Auch wenn wir nur höchstens 100 Personen in der gesamten Schule waren, hatten die Hausmeister gewissenhaft alles auf Durchzug gestellt. Die Schüler waren vormittags für vier Stunden oder so da. Wenn ich mich nachmittags mit meinen Klavierschülern traf, war die Schule komplett ausgestorben – aber alles offen. In diesen wenigen Wochen habe ich zum ersten Mal ein Gefühl für das Gebäude bekommen, diese moderne, weitläufige Konstruktion aus grauem Beton, schwarzem Schiefer und hauptsächlich Glas. Wie grosszügig die Dimensionen sind, merkt man erst, wenn auf einmal nicht mehr 1200 Leute (und ihre Rucksäcke) da durchschlurfen, sondern nichts als eine kühle Brise durch die Flure weht und die Gardinen sich leicht bauschen. In der Zeit erst, als der Raum so pur auf mich wirken konnte, habe ich verstanden, warum die Schule damals einen Architekturpreis bekommen hat. Sie kam mir vor wie ein kühler, schattiger Palast des Windes und nicht die überfüllte, stickige Bude mit versagenden Klimaanlagen, wie wir sie in heissen Sommern zu oft erleben durften. Es war besonders, den Raum auf diese Art zu erfahren, und gleichzeitig surreal und museumsartig. So ist es nicht gedacht, eine Schule als kühle, stille Geisterschule.

Immer noch muss alles offen sein. Theoretisch kann sich jeder, der vorbeikommt, eine schöne CD aus unserem Notenschrank aussuchen, eine dicke fette Puccini – Oper vielleicht, sich einen Espresso in unserem Musiklehrerzimmer machen und dann unsere tolle Anlage und die Akustik im Musiksaal geniessen. Oder auf unseren schönen Flügeln spielen. Was auch irgendwie absurd ist. Aber die offenen Türen haben auch was Gutes. Der UPS – Mann kann rein, die Viren können raus, und ich habe freie Hände für Noten und Taschen, wenn ich nicht alles absperren muss. Und über die Jahre versuchen wir, durch die sich ändernden Arbeitswelten zu segeln und nicht aus den Augen zu verlieren, was wirklich zählt. Vor lauter wichtigen Nebensächlichkeiten gerät der Unterricht fast in den Hintergrund. Bis die Hauptpersonen dazukommen: die kleinen und nicht mehr so kleinen Menschen, die ganz viel von uns wissen wollen und es kaum erwarten können, nach den langen Sommerwochen und dem erzwungenen Stillstand davor loszulegen. Auf einmal ist es egal, ob mit Maske oder ohne – die Wissbegier ist enorm und wir reden nur über Musik, nicht über die Situation oder die Aussichten.

Wahrscheinlich war ich nicht die einzige, die dem Schulbeginn mit Ganztagesmaskierung mit Unbehagen entgegengesehen hat. Wie fühlen sich Eltern, wenn sie wissen, ihr Kind muss im Bus, auf dem Pausenhof, in der Schule, beim Sportunterricht, wieder im Bus durchgehend eine Maske tragen? An guten Tagen von 7 bis 14 Uhr, an Tagen mit Nachmittagsunterricht auch mal von 7 bis 17 Uhr? Mir tun die Kinder einfach leid. Und als ich am ersten Montag in der Schulzeit, als es 30 Grad hatte in Erding, die Zehntklässler in der prallen Mittagssonne draussen auf dem Sportplatz beim Sportunterricht mit Maske habe schwitzen sehen, fand ich es nur unmenschlich. Und einfach übertrieben, im Freien. Wie schade, dass man seinen gesunden Menschenverstand im Moment viel zu oft ausblenden muss. Mir tut das wirklich weh.

Aber, die gute Nachricht: die Schüler scheinen es gelassen zu nehmen. Und grade meine sechs neuen Fünftklässler sind wie leere Schwämme und ganz wild darauf, endlich mit dem Klavierspielen loszulegen. Da ist eine Energie und Lebensfreude unter den Masken, dass man das Lächeln und Grinsen direkt sehen kann. Ganz zu schweigen von der Energie in den ganzen kleinen Körperchen. Weil es so warm war, hatten die Mädchen noch mal Sommerkleider an. Babyspeck unter Spaghettiträgern… Hat mich dran erinnert, wie jung sie wirklich noch sind, wenn sie zu uns kommen. Und in fünf Jahren erkennt man sie kaum wieder. Ich bin bei jedem neuen Anfang auch nach all den Jahren wieder froh, dass ich die kleinen Menschen in dieser Übergangsphase voller Umwälzungen begleiten kann. Und es wird nie Routine oder Alltag, sondern ist mit jedem speziellen Menschen wieder auf seine eigene Art einzigartig.