Im Nebel

Als ich früh am Morgen in Gummistiefeln das Gartentor hinter mir schliesse und ein paar Schritte Richtung See gehe, bin ich sofort in einer anderen Welt. Ich kann zwar unseren Gartenzaun noch anfassen, aber wenn ich durch die alten Eichen auf die Wiese mit den Schafen sehe, muss ich zwinkern und mich fragen, ob ich nicht vielleicht doch in Irland bin. Dichter, weisslicher Nebel. Grüne Wiesen, leer bis auf eine Handvoll Schafe. Kein Himmel, kein Horizont, nur dicke Wattewolken und ein eisiger Hauch in der Luft.

Unser Haus ist immer noch in Sichtweite, als ich am See angekommen bin. Der kurze Weg durch den Wald war herbstlich – bunt: braun, orange, senfgelb. Jetzt ist wieder alles weiss. Der See. Der Ausschnitt der Welt, in dem sonst der Himmel ist. Die Fläche über dem See. Und ich fühle mich wie in einer Märchenwelt, wenn ich so in Nebel gehüllt bin. Alles ist stiller als sonst und ich bin ganz alleine. Trotz der lichtlosen, trüben Stimmung schweben geisterhaft undeutliche Reflexionen der Bäume am anderen Ufer auf der glasigen Wasseroberfläche. Alles ist weichgezeichnet, traurig und schön. “Corot country”, würde André Aciman sagen. Ich bin sicher, Corot hätte hier seine Staffelei aufgestellt (und ich hätte ihm Schals und Tee in Thermoskannen aus dem Haus gebracht).

Auch am anderen Ufer ist kein Mensch. Der Weg wird in jeder Richtung nach ein paar Metern verschluckt von undurchdringlichem Nebel. Es ist angenehm gruselig und ich kann nicht anders als weiter zu gehen. Möchte ganz in der Landschaft aufgehen und selber zum Moosgeist werden. Das Haus, seine Wärme, sein Schutz sind viel weniger attraktiv als diese archaische verlassene Landschaft in Wolken. Ich möchte mich drin auflösen wie Tautropfen und mit den Nebelschwaden verschwinden. Oder in einen der geisterhaft kahlen Bäume schlüpfen und eine November-Waldnymphe werden.

Aber es ist Montag. Ich muss nach Erding und Klavierlehrerin sein. Wenn ich mich in einem Hauch auflöse, kommen meine Schüler nicht weiter. Doch vorher noch einen Abstecher zur Fallobstwiese neben der Kirche. Der schlanke spitze Backstein – Kirchturm ist völlig vom Nebel verschluckt, der kleine Friedhof komplett unsichtbar. Das Geisterballett aus kahlen, geduckten Apfelbäumen davor sieht skurril und bedrohlich aus. Auch hier bin ich ganz allein und sammle in Ruhe die letzten abgefallenen Äpfel auf. Viele sind schon zerplatzt vom Frost – es wird Zeit. Ich nehme mir hellgrüne, mittelgrosse von dem einen Baum und kleine rote vom anderen. Sie sehen schon aus wie Christbaumäpfelchen, werden aber wohl nicht so lange halten, denn keiner ist einwandfrei schön.

Als ich auf einem anderen Weg durch den Wald im Nebel zurückgehe, vorbei an jahrhundertealten Eichen mit majestätischen Stämmen, fühle ich mich im Einklang mit mir und der Welt und denke genussvoll: ihr könnt mich alle mal. Man kann uns und unsere Kinder einsperren, uns Masken vor die Nase hängen, den Kindern einen fast paranoiden Waschzwang anerziehen (noch nie im Leben habe ich so viele schuppige, rauhe Kinderhändchen gesehen), uns isolieren und uns gegenseitig entfremden – aber das hier und die Kraft, die ich daraus schöpfe, kann mir niemand nehmen. Meine Corot – Landschaft direkt vor der Terrassentür. Hier sind Fallzahlen oder Mehrwertsteuersenkungen unwichtig. Nach so einem ganzheitlichen Erlebnis will man nicht konsumieren und nichts bestellen. Aber man fühlt sich geerdet und voll neuem Schwung und möchte das an die verunsicherten Kinderchen weitergeben, für die man sich von ganzem Herzen Normalität wünscht.

Ein Mittel gegen soziale Isolation

Vormittags

Im Frühsommer dieses seltsamen Jahres fragten unsere Doppelhaus – Nachbarn, ob wir uns anschliessen wollen, wenn sie das Haus streichen lassen. Wir zögerten nicht lange. Unser Haus wurde vor dreissig Jahren gebaut und es war langsam an der Zeit. Ausserdem bemerkte der Nachbar Risse im Putz und abblätterndes Holz an den Fensterrahmen. Keine Frage – es wäre gut, unsere Hälfte gleich mitstreichen zu lassen, wenn schon ein Gerüst aufgebaut wurde. Es gab eine – äusserst – ausführliche Besprechung mit dem Chef – Maler. Der Kostenvoranschlag war in Ordnung, es wurden wunderhübsche Farben ausgesucht, und mein Traum von einer farbigen Haustür, den ich schon auf ein anderes Leben vertagen wollte, ist auf einmal Wirklichkeit. Die Tür blaugrau streichen zu lassen, war noch die einfachste Übung. Das hätte ich längst schon tun können, ohne dass gleich das ganze Haus renoviert wird. Jedes Mal, wenn ich jetzt voll Entzücken die stilvolle Haustüre anschaue, frage ich mich, ob es mit anderen Lebensträumen nicht genau so einfach wäre, wenn man sich nur richtig informieren würde/ die richtigen Helfer hat. Und wegen der Malerei: wenn wir das professionell machen lassen und eine ordentliche Summe dafür zahlen würden, müsste es doch relativ schnell gehen. Eine Woche? Man hört ja immer, wie teuer Gerüste sind. Es würde sicher nicht länger als acht Tage dauern.

Jeder, der schon mal eine Baustelle hatte oder gar sein Haus neu gebaut hat, weiss, was jetzt kommt, und ich möchte niemand langweilen. Aber: statt im März 2021 stand die Malertruppe überraschend vor jetzt genau drei Wochen auf der Matte und fing an, das Gerüst aufzubauen. Ich hatte keine Zeit, die Kletterrose zurückzuschneiden oder die Töpfe mit den grösseren Pflanzen wegzuräumen. Hätte ich gewusst, das das Tonnenhäuschen jetzt drei Wochen lang unzugänglich zugebaut wird, hätte ich eventuell noch einmal den Müll rausgebracht. In Windeseile war die geliebte Rose mitsamt Spalier von der Wand gehoben und ans Gerüst gefesselt. Der Briefkasten liegt seit drei Wochen abgeschraubt am Boden. Die Bank, auf der meine Schülereltern gern neben der Haustür warten, steht jeden Tag wo anders: auf dem Parkplatz oder schräg auf dem Gehweg. Mal wandert der Briefkasten mit der Bank, mal ist er zugedeckt von Malerplanen.

Zum äusserlichen Chaos kommt eine gewisse innerliche Beunruhigung. Denn die Maler können nicht ohne ihr tragbares Radio, das acht Stunden lang “Antenne Bayern” in voller Lautstärke verbreitet, arbeiten. Und egal, wo sie sind, egal wie hoch: der unsägliche Sender, der seine Zuhörer auch noch duzt, ist dabei. Ich weiss erst seit diesen Tagen, dass die “Apotheken Rundschau” Rundfunk – Werbung macht – inzwischen kenne ich den Jingle auswendig. Und kann es nicht fassen. Und erst seit das Gerüst steht und ständig drei verschiedene Menschen ums Haus herum klettern, merke ich, wie versteckt und uneinsehbar die meisten Zimmer in unserem hohen Haus sind. Grade in meinem Arbeitszimmer oben unter dem Dach habe ich mich immer sicher gefühlt. Da sieht man höchstens Amseln vorbeizischen oder mitten hinein in die blühende Säulenkirsche. Aber buchstäblich jetzt stehen wieder weisse Malerbeine auf dem Gerüst vor meinem Fenster, einen halben Meter rechts von mir. Und es ist wirklich verstörend. Und das ist ja nicht das einzige Fenster, an dem immer unerwartet Gesichter auftauchen. Wir duschen nur noch mit vorgezogener Gardine, in einem dämmrigen Untersee-Blau. Ich habe mich damit abgefunden, dass am Küchenfenster, direkt gegenüber der Anrichte, auf der der Wasserkocher steht und ich schlaftrunken meinen Kaffee aufgiesse, morgens gegen 7.30 besonders eifrig geschliffen und grundiert und lackiert und noch mal lackiert wird. Da ist man wirklich Aug in Auge mit dem Maler. Da das Fenster gekippt sein muss für die Arbeiten und die köstlichen Düfte direkt in die Nase des geknechteten Handwerkers schweben, kommt man sich wie ein Unmensch vor, wenn man ihm (und den anderen) nicht auch gleich einen Kaffee anbietet und nicht bis zehn Uhr wartet. Und nach drei Wochen kennen die Maler alle meine Schlafanzüge und Strickjacken. Aber was soll’s. Eine Woche lang schaffe ich es vielleicht, um sieben Uhr komplett angezogen zu sein. Aber nach zweiundzwanzig Tagen? Und heute ist Tag zweiundzwanzig. Und ich habe grade erfahren, dass das Gerüst noch ein paar Tage bleibt. Den Rest der Arbeiten – was für einen Rest?? – können sie dann ohne ausführen. Übrigens haben wir einen Festpreis vereinbart. Falls sich jemand Sorgen machen sollte.

(War grade wieder kein Unmensch und hab dem Maler vor meinem Fenster Kaffee angeboten. Weil er mich hier gemütlich im Warmen sitzen sieht, mit einer Kanne Tee neben mir. Er sagte: “jetzt nicht, ich hab eh schon Adrenalin.” Mein Schreibzimmer ist wirklich hoch.)

Nachmittags

Aber: es wird schön, und wir sind glücklich. Wir konnten uns leider mit den Nachbarn nicht ganz einigen wegen der Hausfarbe. Wir wollten ein Terracotta-Braunrot wie in Italien für’s ganze Haus, aber das war den Nachbarn zu – bunt. Das Haus ist jetzt elegant – cremefarben, was auch gut ist, und unsere Hälfte hat eben graublaue Fensterrahmen und die schöne bunte Haustür (ich kann’s kaum erwarten, bis unser Weihnachtskranz da hängt. Das wird sensationell schön!). Aber die Wände auf der Terrasse, unter dem Pergoladach – die sind perfekt terracottafarben. Und wir sind begeistert. Unsere Terrasse ist ja überwuchert von wildem Wein, der zur Zeit winzige blaue Beeren hat, und es sieht wunderbar aus vor der roten Wand. Wir fühlen uns wie in Trastevere, und genau das war der Plan. Unglaublich, wie viel das ausmacht. Noch steht das Gerüst, und wir haben frevlerische Pläne, einfach doch unsere ganze Hälfte rot streichen zu lassen. Werden wir aber nicht. Wir wollen die Sache nicht noch künstlich in die Länge ziehen. Machen wir doch jetzt schon Witze, was wir den Malern zum Weihnachtsessen anbieten sollen. Und ich sollte mich nicht insgeheim darauf freuen, dank Gerüst wesentlich mehr Fläche und Deko-Möglichkeiten für meine adventlichen Aussen – Lichterketten zu haben.

Egal wie lange es noch dauern wird, wir sind dankbar. Das Haus und seine Holzverkleidungen werden wieder regendicht. Und die Maler bewahren uns vor dem Vereinsamen während des zweiten Lockdowns. Social Distancing ist ein Fremdwort, wenn ständig drei Leute vor den Fenstern rumturnen, wir uns vormittags zusammen zur Brotzeit an den Gartentisch setzen, gelegentlich der Chef – Maler auf Stippvisite kommt und unsere Nachbarn ohnehin mehrmals am Tag vorbeischauen, weil es irgendwas zu konsultieren gibt. Es wird einsam werden im Kormoranweg, wenn diese Invasion vorbei ist. Und kein “Antenne Bayern” mehr durch die Siedlung schallt.

Nachtrag: ich wollte jetzt auch mal auf’s Gerüst, um die geliebte Rose von oben schneiden zu können. Als ich einen der Maler fragte, ob ich an der Ecke auch auf ein provisorisch aussehendes Holzbrett steigen könnte, meinte er: “Keine Sorge, das hält 200 Kilo.” Das schönste Kompliment meiner Ferien!

Verankert

Auch wenn meine Welt als Musikerin schwankt und zur Zeit nichts ist wie vorher, habe ich einen ergiebigen und erfolgreichen Übesommer hinter mir. Pianisten sind an “Einzelhaft” am Klavier gewöhnt, und es ist mir relativ egal, ob ich auf eigenen Wunsch allein bin oder weil sich draussen eine Pandemie über den Globus verbreitet. Üben gehört zu meinem Alltag wie Essen und Schlafen. Und trotzdem habe ich in den letzten Monaten festgestellt, wie heilsam es ist, nicht ganz allein vor sich hin zu werkeln: die Motivation ist grösser, wenn man sich verbindliche Termine setzt. Man arbeitet anders, wenn man weiss, wann man was abliefern muss. Das ist eindrucksvoll zu beobachten an Schülern, die nur alle zwei Wochen Unterricht nehmen: der Fortschritt ist tatsächlich langsamer, und ich fürchte, dass die erste Woche zu oft verbracht wird mit Plänen, wie man dann in der zweiten Woche übt, ohne gleich anzufangen. Ich bin ja selber nicht anders… Aber wenn die ganz grossen Verbindlichkeiten wie regelmässige Konzerte wegfallen – was gibt es besseres als einen Kammermusikpartner, um einen bei der Stange zu halten?

Ich habe “meinen” Cellisten letztes Jahr bei einem Hauskonzert kennengelernt, bei dem er die Arpeggione – Sonate und ich Beethoven spielte. Auf der Terrasse unterhielt er uns mit der Geschichte, wie er an sein jetziges Cello gekommen war – ein geschlossenes Stammlokal nach der Quartettprobe, das Ausweichen in ein eher kaschemmenartiges Etablissement, das Angebot eines Stammgastes, ihm ein Cello zu zeigen, falls er noch eins braucht, und schliesslich der Glücksfund eines wunderbaren Instruments zu einem lächerlichen Preis, auch wenn die Provenienz und deren Rechtmässigkeit etwas dubios erschienen. Er sieht aus wie ein richtiger Künstlertyp, wenn er mit seiner wirren weissen Mähne selbstversunken über das Cello gebeugt ist, und er spielt wild und ausdrucksvoll. Als ich den Gatten damals auf einem Sommerkurs für Sänger kennenlernte, war ich davon ausgegangen, dass er Profimusiker ist. Jetzt passierte mir der gleiche Fehler zum zweiten Mal: mein Cellist spielt auf einem so hohen Niveau und so hingebungsvoll, dass ich dachte, das sei sein Beruf. Bis eine Bekannte, die auch auf dem Konzert war, mir ausrichtete, dass er gern mit mir Kammermusik machen würde, sich aber nicht sicher sei, ob ich mit einem Amateur spielen würde. Wie sich herausstellte, ist er Arzt, und auch vielbeschäftigt und dienstgeplagt. Aber er legt sein ganzes Herzblut ins Cellospielen, und wir beide nehmen die Sache sehr ernst.

Unser erstes Treffen scheint mir schon so lange her, dabei war es erst letzten Sommer, als er barfuss und in einem verwaschenen T-Shirt mit einem Vergil – Zitat auf lateinisch hier im Wohnzimmer stand und eigentlich wie einer meiner Schüler aussah. Er wirkt immer entspannt und leger, als wäre er grade in Südfrankreich im Urlaub – dabei ist er Chefarzt einer Klinik, die im Frühjahr zum Covid – Krankenhaus seines Landkreises erklärt wurde. Aber selbst da fanden wir Zeit zum Spielen. Er erzählte nebenbei, dass sein jetziges Leben wirklich ruhig sei. Er war, nach etlichen Jahren in Amerika, jahrelang Professor auf drei Kontinenten gleichzeitig und sass praktisch nur im Flugzeug, und das jetzt sei alles halb so wild. Ich kann seine Seelenruhe nur bewundern. Wenn wir bei ihm proben, beleben seine vier Kinder manchmal gleichzeitig die Küche. Er hat den Trubel im Rücken, aber ich sehe vom alten Blüthner im Wohnzimmer aus direkt ins volle Leben und muss gestehen, dass ich manchmal abgelenkt bin, wenn noch die Katze oder der Hund dazukommen. Manchmal klingelt zur Krönung noch sein Handy – Klingelton ist der gejagte letzte Satz vom “Tod und das Mädchen”, der mich nervöser macht als der Notarztpiepser des Gatten, weil hier jemand eindrucksvoll direkt mit dem Tod ringt (was für ein makabrer Klingelton für einen Arzt, oder?) – und er weist den Anrufer höflich, aber bestimmt auf englisch darauf hin, dass er sich in der Zeitzone vertan habe und sie das Interview erst nach seiner “Besprechung” hier machen könnten. Und dann “besprechen” wir uns weiter, und er ist sofort wieder da, wo wir unterbrochen wurden. Ich kann mir von ihm wirklich was abgucken, was es heisst, ganz im Moment und im Hier und Jetzt zu leben und alles, was auf einen einstürmt, einfach auszublenden.

Bei der ersten Probe dachte ich noch: vielleicht spielen wir nur einmal zusammen, vielleicht passt es nicht. Aber – es klickte, vom ersten Takt an. Und seither haben wir nicht mehr aufgehört, zusammen das Cello – Repertoire zu erkunden. Ich habe immer davon geträumt, mit einem Cellisten zu arbeiten. Der Traum ging nur einmal, noch zu Schulzeiten, in Erfüllung. Seither hat mir das Leben Geiger und Sänger beschert, was auch schön ist. Aber ich kenne die Literatur rauf und runter, und es war spannend, Neuland zu betreten. Ich wollte schon immer die herrlichen Beethoven – Cello – Sonaten spielen. Er hat alle im Repertoire, und so verbrachte ich den Sommer 2019 damit, alle zwei Wochen eine neue Sonate fertig zu haben. Das war eine tolle Herausforderung und gab den Wochen eine wunderbare Struktur. Diesen Sommer waren unsere festen Termine noch wichtiger, weil die ganze Welt ums uns so im Schwanken war und so viele verbindiche Termine und Routine wegfielen. Ich bin sicher, es hätte mir psychisch gar nicht gut getan, mich dem dolce far niente hinzugeben oder nur für mich allein zu üben. Der berüchtigte Schweinehund wird ein zahmes Haustier, wenn man ihn mit regelmässigen Terminen füttert. Wir haben die Zeit gut genutzt: wir haben beide Brahms – Sonaten gelernt und quasi alles, was Schumann für Cello und Klavier geschrieben hat (auch alles wunderbare Neuentdeckungen für mich). Und wir sind zuversichtlich, dass irgendwann wieder die Zeit kommen wird, in der wir unser Programm vor einem kleinen Publikum spielen können. Aber bis dahin – erfreuen wir Hund und Katze damit, die alten Apfelbäume in seinem Garten, die Eichen hinter unserem Haus. Und uns.

Die Energie unter den Masken

(Meine neue Brille, gesehen von Julia, 3. Klasse)

Als ich klein war und in die Grundschule ging, konnte jeder jederzeit die Schule betreten. Und auch verlassen. Auch im Gymnasium in der Stadt war es so. Nach den Terroranschlägen von 2001 änderte sich das: zum ersten Mal in meinem Leben mussten die Schulen die Türen absperren, nachdem die Kinder morgens angekommen waren. Terrorismus schien eine reale Bedrohung für unseren Nachwuchs zu sein (“Das ist wegen der Taliban”, raunte mir der alte Hausmeister im beschaulichen Isen zu). Die Devise war, unsere Kinder gegen die Bedrohung von aussen zu schützen. Vergessene Turnbeutel und Bibliotheksbücher schienen vernachlässigbare Probleme, und Eltern, die vormittags die Schule betreten wollten, mussten sich im Sekretariat anmelden. Meine Klavierschüler nachmittags musste ich einzeln an der Türe abholen und danach wieder hermetisch abschliessen.

Nach dem Amoklauf von Winnenden geriet die Bedrohung von innen in den Focus. Plötzlich wurden in den Klassenzimmern Telephone installiert. Es gab Notfallpläne, wie man sich verhält, wenn einer aus unserer Mitte ausrastet, und Übungen zum Evakuieren oder sich Verbarrikadieren mit der Klasse. Jetzt nicht verwechseln: nicht von aussen abschliessen, sondern von innen! Auf Durchsagen warten!

Kaum hat man sich daran gewöhnt, immer den Schlüssel gezückt zu halten, haben wir die Weisung, angesichts der übermächtigen unsichtbaren Bedrohung durch Viren gar überhaupt nichts mehr abzuschliessen. Wäre es früher eine Katastrophe gewesen, wenn ich meinen Schulschlüssel an Erding – Tagen vergessen hätte, wäre das jetzt kein Problem. Alles ist offen, vom Haupteingang bis zu den Klassenzimmern. Auch in den Zimmern stehen die Türen zum Innenhof offen. Alles ist auf Durchzug, und die frische, klare Septemberluft breitet sich wunderbar in der ganzen Schule aus. Das war schon im Frühling so, als nach den strengen Ausgangsbeschränkungen die Abiturienten als erste wieder die Schule betreten durften. Auch wenn wir nur höchstens 100 Personen in der gesamten Schule waren, hatten die Hausmeister gewissenhaft alles auf Durchzug gestellt. Die Schüler waren vormittags für vier Stunden oder so da. Wenn ich mich nachmittags mit meinen Klavierschülern traf, war die Schule komplett ausgestorben – aber alles offen. In diesen wenigen Wochen habe ich zum ersten Mal ein Gefühl für das Gebäude bekommen, diese moderne, weitläufige Konstruktion aus grauem Beton, schwarzem Schiefer und hauptsächlich Glas. Wie grosszügig die Dimensionen sind, merkt man erst, wenn auf einmal nicht mehr 1200 Leute (und ihre Rucksäcke) da durchschlurfen, sondern nichts als eine kühle Brise durch die Flure weht und die Gardinen sich leicht bauschen. In der Zeit erst, als der Raum so pur auf mich wirken konnte, habe ich verstanden, warum die Schule damals einen Architekturpreis bekommen hat. Sie kam mir vor wie ein kühler, schattiger Palast des Windes und nicht die überfüllte, stickige Bude mit versagenden Klimaanlagen, wie wir sie in heissen Sommern zu oft erleben durften. Es war besonders, den Raum auf diese Art zu erfahren, und gleichzeitig surreal und museumsartig. So ist es nicht gedacht, eine Schule als kühle, stille Geisterschule.

Immer noch muss alles offen sein. Theoretisch kann sich jeder, der vorbeikommt, eine schöne CD aus unserem Notenschrank aussuchen, eine dicke fette Puccini – Oper vielleicht, sich einen Espresso in unserem Musiklehrerzimmer machen und dann unsere tolle Anlage und die Akustik im Musiksaal geniessen. Oder auf unseren schönen Flügeln spielen. Was auch irgendwie absurd ist. Aber die offenen Türen haben auch was Gutes. Der UPS – Mann kann rein, die Viren können raus, und ich habe freie Hände für Noten und Taschen, wenn ich nicht alles absperren muss. Und über die Jahre versuchen wir, durch die sich ändernden Arbeitswelten zu segeln und nicht aus den Augen zu verlieren, was wirklich zählt. Vor lauter wichtigen Nebensächlichkeiten gerät der Unterricht fast in den Hintergrund. Bis die Hauptpersonen dazukommen: die kleinen und nicht mehr so kleinen Menschen, die ganz viel von uns wissen wollen und es kaum erwarten können, nach den langen Sommerwochen und dem erzwungenen Stillstand davor loszulegen. Auf einmal ist es egal, ob mit Maske oder ohne – die Wissbegier ist enorm und wir reden nur über Musik, nicht über die Situation oder die Aussichten.

Wahrscheinlich war ich nicht die einzige, die dem Schulbeginn mit Ganztagesmaskierung mit Unbehagen entgegengesehen hat. Wie fühlen sich Eltern, wenn sie wissen, ihr Kind muss im Bus, auf dem Pausenhof, in der Schule, beim Sportunterricht, wieder im Bus durchgehend eine Maske tragen? An guten Tagen von 7 bis 14 Uhr, an Tagen mit Nachmittagsunterricht auch mal von 7 bis 17 Uhr? Mir tun die Kinder einfach leid. Und als ich am ersten Montag in der Schulzeit, als es 30 Grad hatte in Erding, die Zehntklässler in der prallen Mittagssonne draussen auf dem Sportplatz beim Sportunterricht mit Maske habe schwitzen sehen, fand ich es nur unmenschlich. Und einfach übertrieben, im Freien. Wie schade, dass man seinen gesunden Menschenverstand im Moment viel zu oft ausblenden muss. Mir tut das wirklich weh.

Aber, die gute Nachricht: die Schüler scheinen es gelassen zu nehmen. Und grade meine sechs neuen Fünftklässler sind wie leere Schwämme und ganz wild darauf, endlich mit dem Klavierspielen loszulegen. Da ist eine Energie und Lebensfreude unter den Masken, dass man das Lächeln und Grinsen direkt sehen kann. Ganz zu schweigen von der Energie in den ganzen kleinen Körperchen. Weil es so warm war, hatten die Mädchen noch mal Sommerkleider an. Babyspeck unter Spaghettiträgern… Hat mich dran erinnert, wie jung sie wirklich noch sind, wenn sie zu uns kommen. Und in fünf Jahren erkennt man sie kaum wieder. Ich bin bei jedem neuen Anfang auch nach all den Jahren wieder froh, dass ich die kleinen Menschen in dieser Übergangsphase voller Umwälzungen begleiten kann. Und es wird nie Routine oder Alltag, sondern ist mit jedem speziellen Menschen wieder auf seine eigene Art einzigartig.

Adaptieren

Tittmoning 2019

Als ich mich heute morgen an den Schreibtisch gesetzt habe, ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass die äussersten Blätter an einem bestimmten Baum im Nachbarsgarten dunkelrot werden. Es ist zwar nur ein Hauch, wenn man den ganzen Baum betrachtet, und nur die Spitzen, aber ein untrügliches Zeichen für September. Und den beginnenden Herbst. Genau wie der dichte Morgennebel, der hinter den hohen Bäumen schwebt und sich den Hügel hinab bis zum Inn zieht. Und es ist länger dunkel am Morgen, oder dämmrig. Auf jeden Fall so, dass ich in meiner Schreibecke unter dem Dach gerne eine Kerze anzünde, was ich im Sommer nie mache. Und die Strickjacke, nach der man jetzt schon reflexhaft greift, hatte auch lange Ferien.

Es ist einfach, sich anzupassen und Veränderungen zu akzeptieren, wenn sie im vertrauten Zyklus der Jahreszeiten ablaufen. Manche erwarten wir mit Vorfreude und Lust, wie ich den Herbst, manche eher notgedrungen und zähneknirschend. Aber wir wissen, was uns erwartet, wie man sich darauf einstellt und wann es wieder vorbei sein wird. Im Gegensatz zu diesem seltsamen unsichtbaren Ding, das uns seit Monaten das Leben schwer macht. Vielleicht ist das Gefühl von Verunsicherung und Bedrohung auch grösser, weil der Gegner unsichtbar ist? Gegen Schnee gibt es Stiefel und Mäntel, gegen Sonne Lotion und Brillen. Und wir spüren sofort, wenn wir das richtige Mittel gewählt haben. Mit dem Virus dagegen muss man darauf vertrauen, dass das, was man tut beziehungsweise viel mehr: nicht tut, einen positiven Effekt haben wird. Man hält sich an Regeln und Auflagen in der Hoffnung, dass der Spuk irgendwann vorbei sein wird. Und es fängt für mich wirklich an, sich wie ein Spuk, wie ein unsichtbarer Quälgeist anzufühlen. Zu Beginn der Pandemie war ich geradezu beseelt davon, so viel Normalität wie möglich aufrecht zu erhalten, gute Stimmung zu verbreiten, hoffnungsvoll zu sein. Ich (oder wir alle?) dachte, dass in ein paar Monaten alles vorbei sein wird.

Aber langsam wird es zermürbend. Auch wenn Leben angeblich Veränderung ist – muss es denn so viel Veränderung sein? Und müssen wir uns immer mit Begeisterung anpassen, oder darf man auch mal deprimiert sein, weil alles so kompliziert und aufwendig ist? Als im März am Freitag die Schulschliessungen beschlossen wurden, habe ich am Montag hochmotiviert trotzdem aus der Ferne unterrichtet und aufmunternde Durchhalteparolen verbreitet, dass wir die nächsten fünf, sechs Wochen bis zu den Pfingstferien sinnvoll nutzen können, bevor wieder alles wie vorher wird. Ich hatte keine einzige schlaflose Nacht oder irgendwelche Bedenken, sondern wollte einfach, dass alles so gut wie möglich weiterläuft. Und es lief gut, weil wir alle unseren gesunden Menschenverstand eingesetzt haben, ohne dass in Einzelheiten vorgeschrieben wurde, was sinnvoll ist.

Seit Ende Juli werden wir bombardiert von Handreichungen, Mitteilungen des Kultusministeriums, Hygienekonzepten, geänderten Raumbelegungen in der Schule, Auflagen und Verboten. Maskenpflicht auf dem Parkplatz. Ich wiederhole: Masken auch auf dem Parkplatz. Wenn ich abends gegen sechs zu meinem Auto gehe auf dem völlig verlassenen Parkplatz, ist in den dunklen Wintermonaten die Bedrohung durch einen etwaigen Serienmörder grösser als durch einen Virus. Bilde ich mir ein. Ich kann das Schul – Infoportal kaum mehr öffnen, ohne leicht nervös zu werden, was es jetzt schon wieder Neues gibt (heute war es ein Aufruf der Fachschaft, uns die erste Konferenz mit was Selbstgebackenem zu versüssen – harmlos, aber: wo ich mich sonst mit Freuden gemeldet hätte, denke ich jetzt entnervt “was denn noch alles?” und klicke die Mail weg. Das ist definitiv ein schlechtes Zeichen für die allgemeine Seelenlage.) Wir sind wahrscheinlich viel besser vorbereitet als im März, aber ich fühle mich mutloser und weniger motiviert.

Bis mir gestern abend ganz plötzlich ein Hoffnungsschimmer kam: was, wenn es tatsächlich irgendwann vorbei wäre? Rechnet überhaupt noch jemand mit diesem Szenario? Wir haben so viele worst – case – Strategien für die Schule, aber kann es sein, dass wir sie irgendwann gar nicht mehr brauchen? Die Idee kam mir beim Zähneputzen (tatsächlich zum ersten Mal seit Monaten. Wie schnell man sich an sein “Gefängnis” gewöhnt!), und da ich weiss, dass mich Googlen in so einem Fall nur noch nervöser machen würde, fragte ich den Gatten kurz vor dem Schlafengehen, ob solche Pandemien auch irgendwann ein Ende haben. Er antwortete unverzüglich und ganz ruhig: “Natürlich. Die Pest hat ja auch wieder aufgehört.” Und das hat mich mehr beruhigt als etwaige seitenlange Artikel. Beim Einschlafen hab ich noch an die Spanische Grippe gedacht, die ja offensichtlich auch vorbei ist, und daran, dass es uns Hoffnung geben kann, zurückzublicken in die Geschichte und zu schauen, wie die Menschheit mit ähnlichen Situationen umgegangen ist. Es gab schon immer lebensbedrohliche Pandemien, aber irgendwann wird hoffentlich Pause sein (bis zur nächsten Mutation – aber daran denke ich jetzt nicht).

Heute morgen hab ich dann doch gegoogelt… Die verschiedenen Pestepidemien dauerten um die fünf Jahre, die Spanische Grippe zwei Jahre. Forscher schätzen, dass Corona uns noch 18 bis 24 Monate auf Trab halten wird. Das ist zu lang für meinen Geschmack, aber immerhin eine Perspektive, mit der man leben kann. Denn ich beginne tatsächlich, mit dem Einbruch des kulturellen Lebens zu hadern. Ein halbes Jahr und im Sommer war es auszuhalten, auch wenn mir die beiden Sommerkonzerte meiner Schüler gefehlt haben. Aber – auch kein Adventskonzert? Und für mich keine anderen Konzerte zum Anhören oder Selberspielen? Unser Philharmonie – Abo ruht beitragsfrei, ohne dass wir das beantragt hätten, weil in der Philharmonie mit ihren 2000 Plätzen im Moment 200 Zuhörer zugelassen sind. Und auch selber habe ich nicht viel Lust, irgendwas zu planen, was dann doch nicht stattfindet. Wie unsere diversen Beethoven – Geburtstags – Konzerte.

Und dennoch – Musik ist noch das einzige, was mir Hoffnung gibt. Und ist letztlich auch das, weswegen ich aus dem Haus gehe. Ich habe eine Mission, und jetzt muss ich sie halt mit Maske erfüllen: ich will die Welt mit Musik füllen, und ich will anderen zeigen, wie das geht. Früher habe ich das metaphorisch und eher poetisch gesehen, und es war immer eine Art Mysterium, wie diese unsichtbaren physikalischen Schallwellen die tiefsten Winkel unserer Seele und unseres Gehirns erreichen können, trotz aller Methodik und allen handwerklichen Tricks. Seit diesem Jahr wissen wir, dass Musik tatsächlich die Räume erfüllt und Sänger und Bläser mit den berüchtigten Aerosolen mehr verbreiten können als nur Wohlklang. Es ist kein Wunder, wenn das Weltbild wankt und man generelle Existenzzweifel bekommt, wenn das, wofür man brennt, auf einmal Unsicherheit statt Schönheit verbreitet. Wir sind noch relativ gut dran mit dem Klavier, so lange wir nicht vierhändig spielen und es regelmässig desinfizieren. Aber wir werden in der Fachsitzung lange darüber sprechen, wie es mit den Problemgruppen weitergehen kann. Die Bläserkollegen haben mein Mitgefühl, und wir müssen eine gute Lösung finden. Aber – es gibt so vieles andere, an was man eigentlich denken will zum Schulanfang. Ich spüre eine gewisse Verdrossenheit und Überforderung.

Trotzdem bin ich fest entschlossen, mir den Herbstbeginn und das wunderbare Gefühl von Neuanfang und gleichzeitig Gemütlichkeit nicht von Corona verderben zu lassen. Auf keine andere Jahreszeit freue ich mich so sehr wie auf den Herbst. Und auch wenn alles etwas anstrengender ist als sonst: ich werde Dahlien kaufen, Apfelstrudel backen und langsam die Apfel – Zimt – Kerze rausholen. Bestimmte Lieblingsbücher und Filme wieder lesen und anschauen, auch wenn ich sie fast jedes Jahr sehe (“Harry und Sally”! “E-Mail für Dich”! Herbst in New York und Traumwohnungen!). Die Bleistifte spitzen, das neue Notizbuch zum ersten Mal öffnen. Auch wenn es banale Rituale sind, geben sie einem ein Gefühl von Sicherheit und Normalität, die wir dieses Jahr wahrscheinlich alle brauchen können.

Sommerurlaub 2020

Der August in diesen seltsamen pandemischen Zeiten war entspannt und erholsam wie schon lange nicht mehr. Kein Kofferpacken, kein Halb-Verschmachten beim beliebten Stau in der Poebene, während es draussen 36 Grad hat, kein Joggen durch den Bahnhof von Brüssel mit dem Rollköfferchen im schlingernden Schlepptau, um den Eurostar nach London noch zu erwischen. Stattdessen übernahm ich die Giess – und Katzenfütter – Freuden für zwei Nachbarn, die zeitgleich vierzehn Tage weg waren, tatkräftig unterstützt von unserem Kätzchen. Sie hat noch nie Grundstücksgrenzen respektiert und betrachtet unsere drei nebeneinanderliegenden Gärten (und die angrenzenden sicher auch) ohnehin als ihren persönlichen grossen Garten. Und sie war sichtlich erfreut, dass auch ich langsam zur Vernunft komme und, wie sie auch, täglich einen Rundgang durch alle drei Gärten mache.

Diese abendliche Giessrunde durch stille Gärten in einer stillen Siedlung hatte einen unerwartet hohen Erholungswert. Obwohl ich die Gärten und Terrassen unserer Nachbarn kenne, weil wir uns immer wieder gegenseitig einladen, ist es was ganz Anderes, das Licht, das durch die alten Eichen wandert und die langen abendlichen Schatten, die so ganz anders sind als in unserem Garten, allein und in Ruhe zu betrachten. Dreissig Meter weiter seitlich sind die Perspektive, die Winkel und die Farben so anders, dass man das Gefühl hat, man war auf einem richtigen Ausflug. Dabei hat man nur die Geranien versorgt. Am Tag bevor die Nachbarn mit der üppigen Geranie wiederkamen nahm ich meine Küchenschere mit rüber und schnitt im goldenen Abendlicht alle verblühten Blüten ab, um den Garten in Top – Zustand zu übergeben, und selbst das macht mehr Spass als zuhause – weil die Sonne aus einem anderen Winkel zuschaut.

Ein paar Tage lang hatte ich eine gewisse Oxford – Sehnsucht. Ich erwähnte es den Nachbarn gegenüber, deren Katze ich füttern sollte, während wir am Vorabend ihrer Abreise zusammen zu Abend assen (ich kenne ihr Hochdeck gut: letztes Jahr hatten sie uns vorgeschlagen, dass wir uns abends immer eine Stunde auf ihre Terrasse setzen, weil die Katze nicht isst, wenn sie alleine ist. Wir eierten rüber mit unseren Büchern und Getränken, genossen die Aussicht und lasen, die Katze räkelte sich in der Sonne und war glücklich – ass aber erst wieder bei uns zuhause. Dieses Jahr haben wir sie einfach gleich bei uns gefüttert.) Worauf sie uns einen Packen DVDs mit dem “Jungen Inspector Morse” liehen, den wir überhaupt nicht kannten. (Wir sind wieder die letzten, wahrscheinlich?) Oxford – Krimis mit den goldenen Sandsteinfassaden und filigranen gotischen Kirchtürmen der Stadt als Hintergrund. Ständiges “da waren wir!” – Gekreische und gegenseitiges Angestupse. Überschwappender Aperol, wenn wir ein Gässchen wiedererkannten. Kurz: die perfekte virtuelle Reise in Zeiten von Corona. Und der Inspector ist ein Seelenverwandter von uns beiden und scheint unsere Auffassung von einem gelungenen Samstag – Abend zu teilen: Mozart – Requiem, Brahms – Requiem oder doch, für heitere Stunden, das Fauré – Requiem? (Und wir sind uns einig: Morse wird den Übergang zur CD nur widerstrebend und langsam mitmachen und seiner LP – Sammlung lange treu bleiben.) Wenn ihm nach frivolerer Unterhaltung zumute ist, hört er Opern. Hauptsächlich Puccini und italienischen Belcanto. Endlich mal eine Serie mit einem richtig guten Soundtrack.

Wieder zurück hinter der eigenen Hecke bestätigten wir uns immer wieder, dass es doch gar keinen Grund gibt, wegzufahren, wenn wir es so schön haben. Uns beiden fällt es überhaupt nicht schwer, mal ein Jahr Ruhe zu geben. Wahrscheinlich, weil wir schon immer so erfüllte und beglückende Urlaube hatten, von denen wir auch nach Jahren noch zehren. Wir haben beim Abendessen immer wieder unsere früheren Reisen rekapituliert und uns gegenseitig erzählt, was so besonders war. Selbst nach Jahren noch sind die Eindrücke so farbig und spannend wie beim ersten tatsächlichen Erleben. Es muss nicht immer was Neues draufgesetzt werden. Aber die Schatten, die in unserem Garten immer länger werden, das rosa-goldene Abendlicht, das bauchige Glas Aperol, das in der letzten Sonne noch mal orange auffleuchtet – das muss jetzt und hier genossen werden.

Immer harmonisch

 

Zell am See

Zell am See 2017

Wie schnell man sich anpasst an neue Realitäten. Man gewöhnt sich an Gesichtsmasken und selbst daran, seine Masken auch dabei zu haben. Das Desinfizieren der Klaviertasten zwischen den einzelnen Schülern ist ein neues Ritual geworden, das mir oft genug mit Enthusiasmus abgenommen wird. Ein Zehnjähriger übernahm die Aufgabe besonders hingebungsvoll. Als ich ihn danach lobte, stand er auf, verbeugte sich neben dem Flügel, wie wir es für Konzerte geübt haben, wedelte mit dem Tuch und grinste: “Ferdinands Flügelpflege – immer harmonisch!” Man könnte hadern, grummeln, sich aufregen wegen der Einschränkungen allerorten – oder einfach das Beste draus machen, mit guter Laune und Hingabe. Vielleicht zeichnet sich dabei auch ab, wer glücklicher durch’s Leben geht? Wer es schafft, selbst in geänderten Umständen noch “immer harmonisch” und in Einklang mit sich selbst zu bleiben?

Ich fühle mich ganz bei mir, wenn ich im Wasser bin. Immer, nicht nur während dieser heissen Sommertage. Letzte Woche war ich zwei Tage nach dem starken Hochwasser und den überschwemmten Strassen hier im Simssee. Die Badewiese in Baierbrunn war stark geschrumpft, aber nicht wegen Corona – Auflagen, wie man meinen könnte, sondern weil der See sich grosse Teile der Wiese zurückerobert hatte. Man lief auf Gras und schon über – knietief im Wasser, bis überhaupt erst der steinige  Seeboden begann. Die roten Bänke auf der Wiese standen im Wasser – man hätte sie nur in Badekleidung benutzen können und wäre dann bis zum Bauch im Wasser gewesen. Der grosse, lange Steg war komplett verschwunden. Nicht mal die Griffe der Leitern schauten noch aus dem Wasser. Alles war versunken und  verschwunden und auf angenehme Art surreal. Wie in einem Traum. Man kommt wo hin, und nichts ist mehr, wie man es erwartet. Ich schätze, der See war 1,5 Meter höher als sonst. Und das Wasser war wunderbar kühl bis kalt, weiter draussen. Und weich und angenehm, wie es nur der Simssee immer ist – was für ein Luxus, in frischem Regenwasser zu schwimmen! Wenn ich das herrliche Bergpanorama vor mir habe, möchte ich gar nicht aufhören. Und (es war abends), als irgendwann in der Mitte des Sees die Fische anfingen, um mich herum aus dem Wasser zu springen, war ich ganz eins mit mir. Wirklich in Harmonie. So fühle ich mich nur, wenn ich unter meinesgleichen bin. Irgendwann möchte ich auch ein Fisch werden…

Aber meistens muss ich doch auf dem Trockenen existieren und trockenen Angelegenheiten nachgehen. In diesen warmen Tagen hilft einzig Eiskaffee, um mich zum Üben zu motivieren. Normal bin ich erwachsen genug, um ohne extrinsische Belohnungen auszukommen, aber August… Ferien… Schwere Brahms-Sonaten… Da hilft nur, morgens die doppelte Menge Kaffee im Espressokännchen zu machen und die andere Hälfte nachmittags mit fünf Eiswürfeln und einem Schuss Milch mit ins Übezimmer zu nehmen (Und Kastanienhonig. Das ist das i-Tüpfelchen.) Und sich vorzunehmen: 45 Minuten, und zwischendurch gibt’s Eiskaffee. Und jedes Mal werden 90 Minuten oder zwei Stunden daraus. Es kommt ja nur darauf an, dass man sich hinsetzt und anfängt, so banal es klingt. 

Und ich brauche die Zeit, weil die Brahms F-Dur-Cellosonate wirklich unangenehm schwer ist. Wir spielen sie zwar schon seit Wochen, aber ich habe sie nie seriös studiert, nur in der grössten Schulhektik irgendwie nebenbei eingepaukt. Jetzt habe ich mir die Mühe gemacht, das ganze Ding noch mal aufzudröseln und wirklich aufzupolieren. War und ist viel Arbeit, aber langsam hört man einen Unterschied. Und man schuldet es einem späten Brahmswerk einfach, genug Zeit damit zu verbringen. Und wenn man es geduldig anfängt, ist es spannender als die Erstbegegnung. Wenn man Schicht um Schicht aufdeckt, Fingersätze wegradiert und bessere findet, Linien und Themen noch besser verknüpft. Das ist eigentlich wahnsinnig aufregend, und auch wenn wir dieses Jahr nicht wegfahren, habe ich das Gefühl, mich in ganz anderen Welten bewegt zu haben.

Dank des ausgefallenen Beethoven – Geburtstags haben wir uns ein neues Programm überlegt und spielen parallel dazu die andere Brahms – Sonate, die frühe e – moll – Sonate. Die habe ich zum Abitur mit jemand gespielt und seither nicht mehr angerührt – und doch war sie mir vertraut “als wie mein eig’nes Haar”. Da braucht’s auch keinen Eiskaffee zur Motivation. Es ist erstaunlich, in welchen Bewusstseinsschichten Stücke, die wir in einem prägenden Alter richtig gut gelernt haben, rumwabern. Und wie essentiell es wäre, in den Jahren vor dem Abitur möglichst viele grossartige Stücke gut zu lernen. Das bleibt wirklich für’s Leben. Und selbst wenn man im immer gleichen See schwimmt, am immer gleichen Flügel sitzt: tiefer geht immer noch. So viel verbirgt sich noch unter der Oberfläche, was es wert ist, erkundet zu werden. Was nach aussen eventuell öde aussieht, kann unglaublich aufregend werden.

Filmriss

P1150091

2020 hat uns allen den kollektiven Filmriss beschert. Grade noch mittendrin in allem, wurden wir abrupt und unerwartet mitten in der Handlung gestoppt. Und mussten, wie früher in der Augsburger “Filmbühne”, dem Mini-Programmkino meiner Schulzeit, mehr oder weniger im Dunklen warten, bis es weiterging. (Kennt die Generation von heute überhaupt noch Filme auf Rollen? Werden die im Kino inzwischen auch irgendwie digital gezeigt? (Geht man noch ins Kino??) Allein bei der Überlegung komme ich mir wie eine Oma vor. Was man ohnehin ist, wenn man “die Generation von heute” sagt.) Der erste Reflex war Frust und Enttäuschung und “oh nein, nicht das”, bis man sich blitzschnell mit der Situation arrangierte und mit der Freundin kicherte und quasselte. Ähnlich wie im März diesen Jahres.

Wie ist es aber, wenn man mit ständigen kurzen Filmrissen leben muss? Bei einem kleinen Schüler von mir wurde im Herbst eine Absencen – Epilepsie diagnostiziert. Er hat Aussetzer von bis zu 15 Sekunden, in denen er mit offenen Augen wie eingefroren dasitzt und nicht ansprechbar ist. Die ersten Male dachte ich, er träumt halt vor sich hin. Oder ich habe ihn zu sehr zugetextet und das ist sein Mechanismus, mit zu viel Input umzugehen. Aber beim “Aufwachen” hatte er immer eine bestimmte Art, zu zwinkern, und einen besonders orientierungslosen Blick. Von der Mutter erfuhr ich dann, dass sie grade dabei sind, der Sache nachzugehen. Seit es amtlich ist, bekommt er Medikamente – aber es scheint schwierig zu sein, die richtige Dosis zu finden, denn selbst nach Monaten hat er noch seine Aussetzer. Aber es ist enorm wichtig, das in den Griff zu kriegen. 15 Sekunden können im Strassenverkehr oder beim Schwimmen alles sein. Selbst schon in der Badewanne.

Und erst in der Musik. Oder im Ballett, der anderen Kunst, die sich so wunderbar in der Zeit abspielt. Da ist es zwar nicht wirklich überlebensnotwendig – in einem gewissen Sinn aber doch. Das Tragische ist: das Kindchen ist wirklich musikalisch und mit viel Freude und Elan bei der Sache. Er wäre der perfekte Kandidat für unser Gymnasium. Und ist es aufgrund seiner Erkrankung leider gar nicht mehr. Ich hoffe, dass die Sache medikamentös behoben werden kann. Denn es ist fatal, grade dann die Kunst zu wählen, die so eng mit der Zeit verwoben ist. Würde er malen, würden keinem beim fertigen Bild auffallen, dass er mal 15 Sekunden mit den Gedanken nicht dabei war. Und wenn man schreibt, starrt man regelmässig viel länger als 15 Sekunden in die Luft, und keiner merkt es. Es beeinträchtigt das Ergebnis kein bisschen. Aber Musik lebt von und mit der Zeit. Oft denke ich, Musik ist im Grunde genommen kein physikalisches, akustisches Phänomen, sondern irgendwas noch Komplizierteres und Metaphysisches. Wie wir die Zeit dehnen, wieder schneller laufen lassen, fast ganz anhalten, tatsächlich mal für Sekunden anhalten im allerköstlichsten oder schmerzhaftesten Zustand der Entrücktheit – das ist manchmal selbst für mich so unfassbar und magisch, dass ich mich frage, was eigentlich dahinter steckt. Wer eigentlich der grosse Puppenspieler dahinter ist. Man bildet sich ein, man halte das alles in den eigenen Händen, zwischen den eigenen Fingern. Aber ohne die Verbindung zu etwas Grösserem kommt man nicht in diesen Zustand. Und auch nicht ohne eine gewisse Sicherheit, dass man sich auf seinen Körper verlassen kann. Egal, wie man die trainiert: mit autogenem Training, Meditation oder Atemübungen. Dass man sich auf die physische Seite verlassen kann, ist die Grundvoraussetzung, um dann in bestimmten Momenten zu grösster Freiheit zu kommen.

Und über eine Sache sollte man gar nicht nachdenken: wo die verlorene Zeit hingeht, während wir einen äusseren oder inneren Filmriss haben. Denn die lässt sich davon kein bisschen beeindrucken und rieselt weiter, wir das so ihre Gewohnheit ist. Während mein Schüler wo anders und wirklich abwesend ist, obwohl er neben mir sitzt, vergeht die Klavierstunde. Während (damals) der Vorführer an den Filmrollen rumfummelte, lief die Zeit weiter, bis wir zu unserem Bus nach Hause mussten. Von denen es nicht beliebig viele gab – Kinozeit, Abends – Ausgeh – Zeit war sehr wertvolle Zeit. Während Corona die Welt mit quietschenden Reifen abgebremst hat, ist es draussen trotzdem Frühling geworden, jeden Tag ein bisschen mehr. Bis er auf einmal schon fast wieder vorbei war. Vielleicht sollte man es unter Kollateralschaden verbuchen? Eins der Risiken, die man eingeht, wenn man durch’s Leben schreitet? Ist sicher gesünder, als mit Kronos oder wer zuständig ist mit seinem erwarteten und tatsächlichen Lebenszeit – Konto abzurechnen. Ausserdem achten andere Götter schon drauf, dass wir bestimmte Momente so intensiv und ins Unendliche gedehnt erleben, dass es in der Gesamt – Bilanz wieder passt.

Ich bin gespannt, wie es mit meinem Schüler weitergeht und wünsche ihm, dass bald alles gut wird. Er ist nicht nur ein ganz liebes, aufgewecktes Kerlchen, sondern spricht auch wunderbar bayerisch. Als ich ihn im Winter fragte, ob er sich an unsere letzte Fingerübung erinnert, sagte er “Klar!”, demonstrierte sie in der Luft und sagte “Auffi – obi, auffi – obi, auffi – obi!” So einen Schüler kann man nicht verlieren.

Ritterliche Briefträger

 

In der schattigen Altstadt treffe ich unseren pensionierten Briefträger. Wir bleiben im morgendlichen Lieferverkehr in der Fussgängerzone kurz stehen, um über den roten Kater zu sprechen, den wir am Inn immer streicheln. Plötzlich zieht mich unser Ex – Briefträger zur Seite und herrscht einen Kleinbusfahrer durch’s offene Fenster an:

“Herrschaftszeiten, pass doch auf, dass’d die schöne Frau ned uumfahrst!”

Verschwimmende Zeitebenen

fullyhappyvegan

2020 bestätigt, was ich immer geahnt habe: das Konzept von linearer Zeit ist überholt. Kalender auch. Wie schade, ich hatte so einen schönen für dieses verkorkste Jahr – aber was nützt der hübscheste englische Letts – Kalender, wenn die Zeit sich einfach nicht dran hält? Im Alltag passieren zu viele seltsame Dinge, die einem in dem ohnehin verwirrten Geisteszustand, in dem wir wahrscheinlich alle sind, ganz real vorkommen. Im ersten Moment meint man, es stimmt – letzte Woche kam ich in unseren Musiksaal 1, in dem ich grade unterrichte, und an der Tafel stand (und steht immer noch) “12. 03. 20”. Trotz Wiederaufnahme des Unterrichts. Aber da der auch immer digital ist, für die Hälfte der Klasse, die zuhause ist, benutzt niemand mehr die Tafel. Das Schlimme ist, dass sich niemand wundert, wenn im Juli noch das Datum von März da steht. Vielleicht auch, weil sich keiner ganz sicher ist, ob alles nicht ein schlechter Traum war und wir irgendwann am 13. März aufwachen dürfen?

Zur Verwirrung trägt bei, dass sich zu vieles überlagert. Vorgestern kam eine Schülerin mit lila Milka – Hasenohren auf dem Kopf an, weil sie möchte, dass endlich Ostern ist. Was soll man da seine Vorfreude auf Weihnachten erwähnen – vielleicht gibt’s dieses Jahr eine Neuauflage von Ostern, bevor wir die Adventskalender wieder rauskramen? Einen Tag vor den Hasenohren, an einem der kühlen Tage mit Dauerregen, die diesen Sommer zu einem der besten seit Jahren machen, hatte ich beim Unterrichten Kerzen und die Lichterkette an. Ein malendes Geschwisterkind sagte zufrieden: “Das ist gemütlich. Wie im Herbst.” Einen Tag nach den Hasenohren war ich bei einer erwachsenen Schülerin zuhause, luxusmässig, vor dem samstäglichen Marktbesuch in der Stadt. Auf ihrem Klavier stand noch etliche Weihnachtsdeko, die ich nicht kommentierte. Aber ich dachte mir: wundern tut mich gar nix mehr. Gestern der Wunsch nach Ostern, jetzt ein paar Weihnachtsmänner, und dann laufe ich ohne Jacke und im hellblauen Sommerhemd runter in die Stadt und kaufe die schönsten reifen französischen Pfirsiche und Aprikosen. Man gewöhnt sich an alles. Für Musiker ist Gleichzeitigkeit, Verschlungenheit von Zeitebenen und Zeitachsen, die auch mal rückwärts laufen, Alltag. Es ist quasi mein Job, dass mich nichts mehr wundert. Aber langsam wird dieses Ineinanderlaufen von Zeit Virginia – Woolf – haft. Oder wie in einem Traum. Während draussen die Rosen blühen und die Aprikosen auf dem Markt leuchten, sitzen wir mit Hasenohren unter der Lichterkette, freuen uns an der Duftkerze und zählen die Monate bis Weihnachten. Und das wirklich Seltsame: keiner regt sich darüber auf. Es mag mal den Versuch einer Auflehnung geben, ein leicht empörtes “Aber…” Doch es geht allen gleich. Hochzeiten sind verschoben, Urlaube abgesagt, alles fällt zusammen und ineinander wie ein Bündel Mikadostäbe. Und wir dürfen uns daraus eine neue Realität bauen. Die Farben rauspicken, die wir im Moment in unserem Leben wollen. Andere ausblenden und ignorieren – die Zeit dafür wird schon auch wieder kommen. Uns eventuell abgewöhnen, von der Zeit zu verlangen, dass sie sich verhält, wie wir es gewohnt waren: dass nach einer Stufe die nächste kommt, nach einem Monat der andere (und zwar: Juli nach Juni…), Weihnachten erst nach Ostern. Vielleicht hat man Angst davor, dass man eines Tages aus dieser traumhaften Phase wachgerüttelt wird und feststellt, was man alles verpasst hat. Dass man, trotz allem, gealtert ist. Der MVV schon wieder neue Gebühren hat. Das Abo für eine Zeitschrift verlängert werden muss. Und man sich fragt: wie kann das sein? Wo war ich denn?

Oder – man geniesst diesen Zustand angstfrei. Uhren – und kalenderlos auch. Durchschreitet heiter “Raum um Raum”, um Hesse ganz krude abzukürzen, und blickt sich um und reagiert auf das, was grade in den traumhaften Schwebezustand passt. Nur Unmittelbares, was ohne viel Planung funktioniert. Da ist ein Igel – er wird gefüttert. Da kommt ein Kind mit Hasenohren – es wird ans Klavier gesetzt. Da lachen mich Aprikosen an – die werden gleich gegessen. Keine Marmeladenorgie dieses Jahr. Marmelade beinhaltet ja auch immer einen Glauben an ein Später, an einen Zeitpunkt in einer anderen Jahreszeit, in dem man an die vergangene erinnert werden möchte. Wer weiss, ob wir uns nicht irgendwann in unserer eigenen Kindheit wieder finden und immer gleichzeitig Weihnachten und Geburtstag ist, wenn die Zeit sich weiterhin so verschwurbelt verhält.

Und die Musik zu diesem Zustand? Philip Glass. Seine repetitiven Minimotive, die mir manchmal fast auf den Nerv gehen können, bestätigen mir jetzt in einer wunderbaren Weise: “Jetzt Jetzt Jetzt”. Oder “Hier Hier Hier”. Es ist Musik, die alles noch mehr verschwimmen lässt und einen gleichzeitig mehr verankert im gegenwärtigen Moment als alles sonst, was linear und mit einer gewissen Entwicklung abläuft. Tut mir leid, aber Beethoven im Beethoven – Jahr ist leider zu kompliziert. Nicht noch mehr Drama. Keine Rück – oder Ausblicke. Einfach nur ein Zustand, der sich, wie Kreise in einem Teich, sanft aber konstant immer weiter ausbreitet und dabei immer der Gleiche bleibt.

Foto: fullyhappyvegan.tumblr.com