Geliehene Zeit

Selten war ich so wenig bereit, den Sommer ziehen zu lassen. Normalerweise bin ich die erste, die auf Morgennebel und kühlere Abende hinweist und voll Freude die wärmeren Strickjacken wieder auspackt. Doch nicht dieses Jahr, in diesem verregneten Sommer, an dem es viel zu früh im August um viertel nach acht dunkel wurde. Seltsam, dass mir das sogar auffällt dieses Jahr und ich die Uhrzeit benennen kann, auf die ich sonst nie geachtet habe. Alles kommt aus diesem seltsamen Gefühl heraus: was, jetzt schon? Ich bin noch nicht bereit! Ich muss den Sommer noch verlängern, wo ich nur kann. Selbst wenn alle Anzeichen unmissverständlich auf Herbst stehen: die Brombeeren am Inn glänzen dunkel und reif in der Sonne. Die Fingerspitzen unseres Ahorns sind gelb, genau wie die der Linde auf meinem Spazierweg. Wenn ich ums sechs Uhr aufstehe, brauche ich im Treppenhaus Licht. Es ist nicht mehr Juni, das sieht und spürt man. Und doch… Ich komme mir vor wie jemand, der ein Stück mit vier Bs vor sich hat, aber darauf beharrt, noch mit drei Kreuzen zu spielen.

Doch morgens in der Küche geniesse ich den Dämmerzustand vor dem Ostfenster, den allmählich graublauer werdenden Himmel. Hier will ich nicht vorgreifen mit künstlichem Licht, genau so wenig, wie ich dieses Jahr vorgreifen will auf den Herbst und seine ganzen gemütlichen Accessoires. Dieses Jahr denke ich mir, sie werden früh genug kommen. Noch ist nicht die Zeit für Kerzen und Jacken. Doch sich vorzumachen, es wäre noch Hochsommer, würde bedeuten, sich selber zu belügen. Und sich eventuell Freuden, die zu einer anderen Jahreszeit gehören und nur dann richtig ausgekostet werden können, vorzugaukeln, obwohl sie nicht das Echte sind. Wenn ich jetzt noch Sommerkleider trage und barfuss laufe, raube ich dann dem Sommer etwas von seiner leuchtenden Milde, oder zwinge ich dem September Gefühle auf, die nur ein schaler Aufguss von echter Wärme und strahlenderem Licht sind? Ich komme mir vor wie ein Gläubiger, der zu viele Kredite aufgenommen hat und jetzt bei einem anderen noch einen Kredit aufnimmt, um die ersten zurückzuzahlen. Ich nehme dem September, was eigentlich ihm gehört, um mich wie im August zu fühlen. Spätestens im Oktober werde ich dem goldenen Licht des Septembers nachtrauern, das ich damals nicht als das genossen habe, was es ist. Wie wenn man sich dabei ertappt, dass man einem geliebten Mensch vor einem Abschied ins Gesicht sieht, ihn warm und lebendig vor sich hat, und dabei denkt: nächste Woche um diese Zeit… Morgen um diese Zeit… Und die kostbaren Minuten zusammen sind getrübt. Diese vorwegnehmende Trauer kann ich in diesen Nachsommer nicht verscheuchen, obwohl ich weiss, dass ich mich damit um den vollen Genuss der letzten warmen Tage bringe.

Meistens mag ich Zwischentöne: in der Musik, in einem fein komponierten Dessert, bei Wandfarben. Die Zwischenstufen sind mir lieber als das allzu Eindeutige. Doch wenn es um den Übergang von einer Jahreszeit in die andere geht, fühle ich mich auf einmal überrollt vom Tempo der Ereignisse. Dieses Jahr tue ich mich schwer mit der trügerischen Wärme und den überraschend kühlen Nächten und schaffe es nicht, diese Zeit einfach als Nachsommer zu definieren und damit zufrieden zu sein, wie sonst auch. Liegt wohl an der langsam wirklich zu langen Pandemie, die mir und wohl allen das Gefühl gibt, etwas verpasst zu haben und nicht ganz auf meine Kosten gekommen zu sein. Diesen Sommer nicht, letzten Sommer nicht. Und dann hält man künstlich etwas fest, was doch längst im Gehen begriffen ist. (Das, was man schon verloren hat, loszulassen, ist immer das Schwierigste.)

Aber ich glaube, langsam sehe ich ein, dass wir uns im Übergang befinden. Die Erkenntnis hat sich an einem regnerischen Morgen leise und sanft in mir ausgebreitet, als ich um kurz nach sechs, zur Zeit der ebenso sanften Dämmerung, mit unseren Tieren auf der überdachten Terrasse sass und der Melodie des Regens gelauscht habe. Katze und Igel frühstückten – aus verschiedenen Näpfen – und ich hielt meinen warmen Kaffeebecher in der Hand und schaute durch den Regen in den dunkelgrüne Garten. Plötzlich sah ich es ein, dass der Sommer vorbei ist. Am Abend zuvor hat uns unsere hungrige Igelin ihre Babies vorgestellt. Igelbabies bedeutet immer: September, Schulanfang, kürzere Tage. Es war sinnlos, sich dagegen zu wehren. Es würde noch einige warme Tage geben, aber der Sommer war vorbei.

Aber abgesehen von der Melancholie des Übergangs bin ich zufrieden mit diesem Sommer. Ich habe sechs Wochen lang wirklich diszipliniert geschrieben und die Geschichte meiner Grosseltern zu Papier gebracht. Natürlich wird es keiner lesen wollen, aber es war mir ein Bedürfnis, auf diese Art ein Bild der Generation zu zeichnen, die meine Nichten und Neffen schon nicht mehr kennengelernt haben. Irgendwann verstummen die Stimmen, die noch aus erster Hand davon erzählen können, und ich habe nach intensivem Austausch mit verschiedenen Familienmitgliedern so viel wie ich konnte festgehalten. (Oh, ich bin auch hier am Festhalten… Ist vielleicht so, wenn die ganze Welt schwankt?) Und das macht mich glücklich und zufrieden. Am glücklichsten bin ich, dass ich es rechtzeitig zum Schulanfang geschafft habe – mein Schreibtisch sah schlimmer aus als während der Diplomarbeit, und es waren alles wertvolle Originaldokumente, die sich stapelten. Ich bin froh, dass ich das zu einem guten Abschluss gebracht habe und alles wieder wohlbehütet wegräumen kann. Eventuelle Erkenntnisse aus der Beschäftigung mit den Vorfahren wären Material für einen anderen Artikel oder auch nicht – wahrscheinlich eher nicht, denn die berühmte Frage, ob die Gene oder die Erziehung oder doch hoffentlich unser freier Wille uns am meisten prägen, werden wir nie zufriedenstellend beantworten können.

Aber ich habe gefeiert, wilder als bei meiner Diplomarbeit! Und so, wie ich auch geschrieben habe: allein. Was perfekt war. (Denn ich bin immer noch so eine heimliche Schreiberin, dass es sich seltsam anfühlen würde, zu jemand zu sagen: lass uns einen draufmachen, ich hab was fertig geschrieben.) Ausserdem – wen kann man mit der Aussicht auf eine frische Rohrnudel und herrlichen Cappuccino schon locken?

Als Belohnung für die viele Arbeit hab ich mir einen samstäglichen Marktsamstag in Traunstein gegönnt. Wer sich fragt, warum ich nicht auf unseren eigenen, ebenfalls schönen Markt gehe und meinem Kaffeeröster untreu werde: in Traunstein kenne ich niemanden, und mich kennt keiner. So nett unser Städtchen ist, aber grade am Samstag kann ich nicht unbehelligt durchlaufen. In Traunstein bin ich eine Fremde, die stumm bleiben kann. Das schätze ich inzwischen enorm. Und ich liebe den Platz um die Kirche, der sich auftut, wenn man die steilen Stufen vom Parkplatz unten erklommen hat: wie eine Theaterkulisse mit dem Freiluft – Wohnzimmer – Gefühl einer italienischen Piazza. Die Kirche ist umgeben von den Marktwägen, die im September genau die bunte, überbordende Fülle mitgebracht haben, die man sich vorstellt (ein Bauer hatte, neben ein paar Kisten Zwetschgen, ausnahmslos Äpfel dabei. Sorten, von denen ich noch nie gehört habe. Ich habe mir eine Mischung aus allen Kisten direkt in meinen Korb kippen lassen). Die Cafés haben ihre Tische noch draussen, und die aromatischen Bohnen bei Kava sind jeden Seitensprung vom heimischen Kaffeeröster wert. Und es gibt einen wunderbaren Buchladen, dessen Auswahl mich immer anspricht. Und ein ulkiges Kaufhaus, das in seiner Universalität alles übertrifft, was es in Zeiten des Onlinehandels noch gibt (es wundert mich nicht, dass das Haus keine Webseite hat. Es würde mich eher überraschen, wenn es so wäre… Doch im verlinkten Wikipedia – Artikel erfährt man, dass hier 1967 die erste Rolltreppe ausserhalb Münchens eingebaut wurde. Man stelle sich vor!! Und das Geschäft 1908 als “Volks – Bazar” eröffnet wurde – der Name ist Programm, bis heute). Allein die Haushaltswarenabteilung ist einen Besuch wert. Hier gibt es Besen neben Weihnachtsausstechern, Gmundner Keramik und Spülbürsten aus Holz, Emailletöpfe wie bei Oma und Muskatreiben, die man sonst nirgends mehr findet. Und die Schreibwarenabteilung! Ein Eldorado, um Schülergeschenke für’s ganze Jahr zu kaufen. Und sich darüber zu amüsieren, wenn man an einem schmalen Regal, das noch irgendwie an eine Säule gequetscht wurde, neben einer umfassenden Auswahl an Grablichtern auch kleine Bürstchen mit langem Griff findet, um die Grablampen von innen zu säubern. Beim Rausgehen sah ich noch aus dem Augenwinkel Teleskop – Fliegenklatschen und Fächer gegen die Sommerhitze. Wie im vollgestellten John Soane’s Museum wundert einen dann nichts mehr. Ich bin begeistert, dass es noch so ein altmodisches Kaufhaus gibt. Als wäre man in den Siebzigerjahren stehengeblieben, als die Leute nur alle paar Wochen mal in die Stadt fuhren. Doch Bestellung und Inventur müssen der Horror sein…

Herbstliche Fülle innen und draussen vor der Tür am Marktplatz. Mit einer Kugel Pistazieneis in der Hand und dem Korb voller Äpfel auf der Bank neben mir war ich endlich mit mir im Reinen: der Sommer darf gehen, wenn der Herbst so viel zu bieten hat.

(Bild: Michael Thoma bei unserem Geburtstagsessen am Simssee)

(Titel geliehen bei André Aciman)

Vom Inn an den Inn: Passau

Auch im zweiten Pandemiesommer haben wir keine grössere Reise geplant. Es fühlt sich immer noch verkehrt an, weiter als zwei, drei Wochen zu planen oder überhaupt zum Vergnügen etwas zu unternehmen, was auch vermieden werden kann. So gern wir sonst ein Mal im Jahr in südlichere Gefilde gefahren sind, so leicht fällt es uns auch, darauf zu verzichten. Man hat sich Freuden dieser Art irgendwie schon so komplett abgewöhnt, dass man kaum mehr merkt, was einem fehlt. Bis…

… man sich eines Samstag morgens doch tatsächlich ins Auto setzt, losfährt und die magische Marke vom Umkreis von fünfzehn Kilometern, die uns noch im Januar aufoktroyiert war, in verwegener Weise verlässt. Mit jedem gefahrenen Kilometer wird das ungläubige Staunen grösser. Es geht! Am Inn entlang, irgendwann über den Inn auf einer grossen Brücke, dann nochmal am Inn, bis fremde, unbekannte Namen auftauchen und die Ortsschilder einen direkt exotischen Touch bekommen: Annabrunn. Manholding. Rattenkirchen. Rotthalmünster. Irgendwann taucht gar das mystische Linz auf, in das wir immer mal fahren wollten – seit es wieder Grenzen gibt und die Grenzen echte Hindernisse sind mit Einreisebeschränkungen, Staus und Kontrollen, wirkt selbst Österreich unerreichbar. Das schlägt mir langsam wirklich auf’s Gemüt. Ich vermisse unsere gelegentlichen Fahrten nach Salzburg und das Salzburger Lebensgefühl mehr, als ich gedacht hätte. Doch heute kommen wir zum Greifen nah an Österreich heran: irgendwann sitzen wir in Passau an der Innpromenade. Die Grenze verläuft im Fluss. Was auf der Karte ein hin – und her – mäandernder schwarzer Streifen ist, ist im trüben schlammigen Wasser unsichtbar, in meinem Kopf aber äusserst präsent. Der Verlust von europäischer Freizügigkeit und vormals gefühlter Einigkeit ist enorm.

Natürlich könnten wir einfach rüberfahren und einen Tag bei den Nachbarn geniessen, aber wir sind beide vernünftig oder bockig und wollen am eigenen Leib erfahren, wie es ist, Extrem – Deutschlandurlaub zu machen und Oberbayern nicht zu verlassen. Es ist auch eine gewisse Neugier dabei, wie es sich anfühlt, sich innerhalb der neuen Grenzen und Beschränkungen zu arrangieren. Manchmal ist es wie dunkle, graue Wolken am Himmel, die zu tief über dem eigenen Kopf hängen. Aber meistens führt es zu neuen Erkenntnissen und Entdeckungen, die wir sonst nicht gemacht hätten, wenn wir den gewohnten Pfaden und grünen Grenzen gefolgt wären. Was ja wieder ein Gewinn ist. Im Gewohnten das Neue zu entdecken, ist immer lebensspendend, sei es auf der Landkarte, in der Musik oder in der Küche. Gelegentlich was komplett Neues zu entdecken, hebt die Lebensgeister aber auf eine ganz andere Art.

Nach einigen Ausflügen unter der Regie meines wasser – und flussbegeisterten Vaters war ich ewig lang nicht mehr in Passau und habe vergessen, wie wunderschön die Altstadt ist. Die bunten, reich verzierten Barockfassaden strahlten an diesem sommerlichen Tag in den verwegensten Pastellfarben, die Giebelchen und verzierten Simse hoben sich filigran gegen den strahlend blauen Himmel ab. Vor den jahrhundertealten Häusern säumten Oleander und Oliven in Kübeln die ohnehin schmalen Gässchen und trugen zum mediterranen Lebensgefühl bei. Eine weitere Besonderheit in Passau: besonders schmale, zierliche Möbelchen für die wirklich schmalen Bürgersteige vor den Cafés. Alle waren ausgesucht hübsch und so unterschiedlich, dass man sich unwillkürlich fragt, ob die Inhaber das Gleiche gegoogelt haben wie Pariser Balkonbesitzer: XS – Terrassentisch? Nostalgischer Mini – Terrassentisch? Metalltischchen 50 cm? Woher auch immer: die Auswahl war inspirierend schön und liess einen überlegen, ob man nicht auch eine bisher für zu schmal befundene Ecke zuhause sinnvoll nutzen kann. Und, das muss man vielleicht nicht erwähnen, alle Tischchen waren besetzt. Dass sie winzig waren, hiess nicht, dass man nicht wunderbar seine Kaffeetasse oder gar das Mittagessen darauf abstellen konnte.

Das Beste aber, sogar besser als die lustigen Möbelchen, war es, echte, lebendige Menschen zu sehen, die unter der Sonne schlendern, lachen, essen, reden. Und ohne Maske! Was früher Alltag war, ist jetzt so ungewohnt und so ausgefallen, dass ich mehr als einmal zwinkerte, ob alles nur ein Traum sei. Und so sehr ich es genoss, auch Teil dieser Menge zu sein, die in Freiheit und entspannt draussen unterwegs war, legten sich immer wieder spassbremsende Bodennebel über meine Seele. Die Sonne mochte scheinen im Moment, aber alles war äusserst fragil. Wir hatten zu oft erlebt, dass von einem auf den anderen Tag alles wieder vorbei sein kann. Erst am Morgen war im Radio verkündet worden, dass in einem Landkreis wieder Kontaktbeschränkungen gelten, weil eine gewisse Inzidenz überschritten wurde. Diese Pandemie hat einen Knacks in mir hinterlassen, und ich habe keine Ahnung, wann mein Optimismus wiederkommt und ich ganz normale Situationen ohne dunkle Hintergedanken geniessen kann. Wobei für mich immer noch gilt, wie ganz am Anfang, dass ich keine Angst vor der Krankheit habe, sondern vor dem, was sich gesellschaftlich und politisch seither getan hat. Ich kannte es bisher einfach nicht, dass sich der Staat derartig aufplustern und in mein Privatleben eingreifen kann. Das beunruhigt mich persönlich und auch beruflich. Mehr als einmal habe ich gedacht, dass ich noch so ein Schuljahr nicht aushalte und mich beurlauben lasse, falls es noch lange so weitergeht. Ich war nie die Lehrerin, die die Wochen bis zu den Ferien zählt, doch diesen Sommer war ich heilfroh, als der Wahnsinn endlich ein Ende hatte. Das ist eine traurige Persönlichkeitsentwicklung, mit der ich bei mir nicht gerechnet habe. Vielleicht muss ich die Bremse reinhauen, bevor ich als Lehrer – Karikatur ende.

Doch zurück zu Passau. Es gab eine Menge an malerisch schönen Winkeln oder besonderen Situationen, die den leeren Tank an schönen Erlebnissen wunderbar aufgefüllt haben, für die nächsten drei Corona – Wellen oder zumindest für diese Wintermonate: die Oleander am Kopf der steilen Treppe von St. Paulus. Ein winziges schmales Häuschen hinter der Innpromenade. Ein Flohmarkt am Innufer, auf dem der Gatte beglückt zwei Bücher kaufte und ich ein weisses Emaille – Kännchen mit Ausgiesser und blauem Rand, mit Blick auf unseren guten alten schlammigen Inn. Ein sehr besonderes, hübsches Café in einem alten geduckten Haus, mit uraltem ausgetretenen dunklen Parkett und bunten Kacheln im breiten Flur, in dem wir uns ungemein wohl gefühlt haben: “Das Hornsteiner” am Steinweg. Später fanden wir heraus, dass in dem Haus ab 1719 ein Uhrmachermeister lebte und arbeitete und ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Geigenbauer aus der Mittenwalder Hornsteiner – Dynastie – beides grosse Interessensgebiete des Gatten. Kein Wunder, dass wir so gern in unserem schnuckeligen Fenstersitz sassen und gar nicht mehr gehen wollten. (Hier entstand mein einziges Kaffeehausbild der letzten achtzehn Monate. Wenn man bedenkt, dass meine Kamera manchmal so voll war von Cappuccinotassen – und Kuchenbildern, dass ich manche einfach gelöscht habe, ist das tatsächlich erwähnenswert.)

Nachdem wir stundenlang über die alten Pflastersteine gelaufen waren, bergauf und bergab, donauwärts oder innwärts und wieder zurück, hatten wir die Qual der Wahl, wo wir uns für die Rückfahrt stärken wollten. In der Grabengasse lockte ein Spätzle – Restaurant, in dem es ausschliesslich meine schwäbische Lieblingspasta gibt – extrem verführerisch, muss ich sagen. Doch das Rennen machte ein Burgerlokal am Ende der gleichen Gasse, einige bunte Häuser weiter hinten und mit Blick auf schon wieder ein bühnenbildreifes kleines Ensemble aus historischen Fassaden und altem Pflaster: “Ruff’s Burger” mit hausgemachter Limonade, etlichen vegetarischen und veganen Burgern und einem amerikanischen Krautsalat, der einfach zum Niederknien war. Auf dem Tisch stand ein Töpfchen Lavendel, der die Wespen etwas ablenkte, eine gewisse Abendruhe senkte sich über die schmale Gasse, und alle Gedanken an weitere Wellen oder Lockdowns wurden vom leckeren Freiluftessen weggefegt.

Auf der Heimfahrt in den rosanen Abendhimmel war ich glücklich: im Gegensatz zu meinem eigenen reagiert das Auto des Gatten, wenn man Gas gibt, und man fliegt nur so dahin. Der Geruch von frisch gemähtem Gras hing über den Feldern. Unser Urlaubstag in der alten Stadt war noch schöner und inspirierender gewesen als erwartet, und ich fühlte die Lust kommen, selber kreativ zu werden: das Gefühl der buckeligen Steine unter den Sandalen versetzte mich in die Vergangenheit, die verzierten Fassaden oder die für die Ewigkeit geschaffenen aufrechten Säulen der Kirchen und Altäre, die wir besichtigt hatten, liessen die Beethoven – Sonaten, die ich gerade übte, lebendig und innerlich hörbar werden. Man braucht Impulse von aussen, um wieder weiter zu schreiben und zu üben. Ich hatte es zu lange vermisst, einfach sinnlos was Schönes zu sehen.

“Als wie mein eignes Haar”

Zwei Geburtstagsgeschenke: links ein Gemälde einer Schülerin, daneben eine Karte einer Freundin mit einem Bonnard – Gemälde. Beides in Südfrankreich, beide kamen am gleichen Tag zu mir.

Als ich kürzlich offiziell alt wurde, schlug ich beim Frühstück den Band mit den Hofmannsthal – Gedichten auf und – nein, ich muss anders anfangen. Denn die Wahrheit ist: jetzt bin ich so alt, dass ich schon tüddelig werde. An meinem Geburtstag stand ich früh auf, weil sich die Maler noch mal angekündigt hatten für letzte Arbeiten am Dachgiebel. Acht Monate hatten wir nichts von ihnen gehört, und dann kommen sie, natürlich, an einem ausgefallenen Tag. Während ich Kaffee machte, die Katzen fütterte, Müsli einweichte und überlegte, wie ich noch einen eigenen Arzttermin unterbringe (denn wenn man mal so alt ist wie ich, sind die Arzttermine häufiger als Abendessen mit Freunden), spähte ich die Kurve hinauf im bekannten Wettlauf mit der Zeit: kann ich mir noch schnell was anziehen oder werde ich die Tür mal wieder im Schlafanzug öffnen? Mir fiel erst gute zwanzig Minuten nach dem Aufstehen ein, dass ich Geburtstag habe. Was irgendwie die traurige, aber realistische Vorschau auf die kommenden Jahre ist.

Irgendwann sass ich dann aber doch am Frühstückstisch und wollte dem Tag einen besonderen Anstrich geben, indem ich ihn mit einem langsam genossenen Gedicht beginne. Ich hatte gehofft, dass der Band von selber bei den “Terzinen über die Vergänglichkeit” aufgehen würde, denn das sind meine Lieblingsgedichte von Hofmannsthal. Und es ist nie verkehrt, über die eigenen Vergänglichkeit nachzudenken. Besonders am Geburtstag. (Ich war schon immer eine Partykanone.) Aber das Buch öffnete sich an einer anderen Stelle, wirklich zufällig, an einem Gedicht, das ich noch nie bewusst gelesen habe und das wie die Faust aufs Auge passte:

Der Ältere

Nun meine ich, ist mir ein Maß geschenkt,

Ein unveränderlich und sichres Maß,

Das mich für immer und untrüglich abhält,

Ein leeres Ding für voll zu nehmen, mich

Für Schales zu vergeuden, fremdem Fühlen

Und angelerntem Denken irgend Platz

In einer meiner Adern zu gestatten.

Wie wunderschön drückt er aus, was ich über die letzten zehn Jahre an mir selber beobachtet habe: lässt die Beeindruckbarkeit der jüngeren Jahre nach, stellt man mit Schrecken fest, wie vieles “schal” ist, um das man früher gekämpft hat. Kleidung. Ausgefeiltes, unnötig kompliziertes Essen. Urlaub an bestimmten Orten oder in bestimmten Hotels. Unnötig imponierende Geschenke. Und man sieht auch sofort, wenn jemand einen dazu bringen will, ein “leeres Ding für voll zu nehmen”, oder? Angefangen von politischen Versprechungen über Leistungen, die nicht wirklich das sind, was man erhofft hatte (Schüler, die beteuern, die linke Hand einzeln geübt zu haben, obwohl man hört, dass das nicht der Fall ist). Oder Gefühle. Oder eine Veranstaltung, die man unbedingt besuchen sollte. Oder ganz banal das Smartphone, ohne das man angeblich nicht leben kann. Die Alarmglocken schrillen schneller, und ich kann Hofmannsthal nur beipflichten: angelerntes Denken findet keinen Platz mehr in meinem Kopf oder meinem Herzen. Ich bin rigoroser geworden im Verteidigen meiner eigenen Ansichten und Überzeugungen. Vor zehn Jahren hätte ich noch vieles gemacht, um anderen einen Gefallen zu tun, was ich heute einfach sein lasse. Und das auch noch ohne schlechtes Gewissen. Diese Freiheit, diese Unabhängigkeit fühlt sich sehr gut an. Jetzt hoffen wir, dass sich die Vergesslichkeit in einem solchen Rahmen bewegt, dass ich noch weiss, was ich ablehne und was nicht – dann kann einen eigentlich nichts mehr schrecken am Altern.

“Der Ältere” war wie ein von oben gesandtes Motto für die senileren Lebensjahre. Sollte ich mal wieder zu höflich oder konziliant werden, weiss ich, wo ich meine Dosis gesunden Menschenverstand finden kann.

Trotzdem blätterte ich zurück zur ersten Terzine. Sie ist so wunderschön, ich könnte sie immer wieder lesen. Das ist genau die Art von Melancholie und Einsicht, die mir guttut und mir meinen so vorübergehenden Platz in der Welt klar macht. Und ich wollte noch mal lesen “Dann: dass ich auch vor hundert Jahren war/ Und meine Ahnen, die im Totenhemd,/ Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar.” Denn darüber denke ich in den letzten Wochen viel nach. Angestossen durch zwei höchst lebendige Verwandte habe ich angefangen, tiefer in der Familiengeschichte zu graben. (Das ist, nur am Rande, der sicherste Beweis fürs Altwerden, oder? Die Steigerung – dass man anfängt, seine Erinnerungen an die Ahnen aufzuschreiben – ist auch schon eingetreten. Deshalb liegt der Blog auch brach seit Wochen.)

Beim Stöbern in der Familiengeschichte und Nachdenken über seine Ahnen beginnt man sich zu fragen: wie sehr bin ich wirklich mit ihnen verbunden? Wie stark sind die Gene? Bin ich “eins mit ihnen als wie mein eignes Haar”? (Woher wusste Hofmannsthal so viel über Genetik?) Die berühmte Frage, ob einen die Herkunft oder die Umgebung mehr prägt, beschäftigt einen als Pädagogen ohnehin andauernd. Besonders, wenn der missionarische Eifer, die optimistische Überzeugung, jemandem “trotz” seiner Umgebung eine neue Welt eröffnen zu können, mal wieder an die Wand gefahren wird. Als aufgeklärter Mensch möchte man auch nicht zu sehr festgelegt werden auf seine Gene, egal wie nett und liebenswert sie im Grunde sind, und ist überzeugt davon, dass man sein Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten kann. Und trotzdem ist man beeinflusst von dem, was man gehört oder gelesen hat, ob man es will oder nicht. In unserer Familie gab es über die Jahrhunderte immer wieder einen bestimmten Beruf, zu Zeiten Bachs schon und auch jetzt noch. Ist die Wahl dann wirklich noch frei oder zufällig? Oder meine ganz persönlichen Vorlieben, Schwimmen und Opernhören: tue ich es so gern, weil ich mich dabei so wundervoll vergessen und auftanken kann, oder weil ich immer wieder gehört habe, dass meine Oma beides auch mit Leidenschaft verfolgt hat? Soll man sich überhaupt freimachen davon, dass man auch vor hundert Jahren schon “war”, oder kann es einem nicht ein wunderbares Gerüst geben fürs eigene Leben?

Es ist auf jeden Fall tröstlich festzustellen, dass man die lebendigen und gestorbenen Ahnen immer hinter sich hat. Beschützend, noch aus der Ferne beschützend, unsichtbar oder ganz warm und spürbar. Es gibt einem Halt in einer Zeit, in der man manchmal schon ins Schwimmen geraten könnte. Denkt man an die, die vor uns kamen, und was sie alles gemeistert und überlebt haben, rückt das die eigenen vermeintlichen Kämpfe in eine beruhigende Perspektive.

Eiertanz

Am längsten Tag des Jahres bin ich um Viertel vor sechs aufgewacht. Süsse Sommerdüfte nach Heu und Rosen wehten durch die offenen Fenster. Ich beschloss, liegen zu bleiben, bis der Kirchturm die volle Stunde schlug. In dieser Viertelstunde fühlte ich mich wie im Urlaub, wie irgendwo ganz weit weg: Hitze, die auch morgens noch im Zimmer hängt, Wolken von Rosenduft, das Gefühl, nichts zu müssen und alles zu dürfen. Einer der gelungeneren Starts in eine Arbeitswoche, zumal der 21. Juni ein Montag und mein längster Tag war. Aber die Grenzen sind seit COVID völlig verschwommen für mich. Mein kleines Heiligtum von Schreibzimmer war monatelang mein öffentlicher Arbeitsplatz, das – wenn auch virtuell – alle meine Schüler betreten haben. Selbst meine Kollegen haben bei unseren Online – Sitzungen meine Regale und meine Dachbalken gesehen, und irgendwie war mir das noch unangenehmer als bei den Schülern (Aber was soll’s – seit der Arbeitgeber Einblicke in Tests und Impfungen hat und sich wirklich in die privateren körperlichen Angelegenheiten einmischen darf, fühle ich mich ausgezogen und in gewisser Weise auch ausgeliefert.) Was früher meine privateste Ecke war, hat sich in ungeahnte Dimensionen geöffnet, ob ich wollte oder nicht. Und trotzdem, oder gerade deswegen, hat sich die Arbeit oft wie entspanntes Zuhause – Sein angefühlt, weil man zwischendurch schnell runtersprinten konnte, um sich einen Tee zu machen oder die maunzelnde Katzenprinzessin zu füttern. Und irgendwann kam die Ernüchterung: es gibt keinen Unterschied mehr zwischen dem, was man bereit ist, mit allen zu teilen, und dem, was privat sein sollte. Man ist alles gleichzeitig. Und versucht, sich dabei wohl zu fühlen. Auf diese Erkenntnis folgt die allgemeine Verwirrung: bin ich im Urlaub oder habe ich noch fünf wunderbare Schulwochen vor mir? Würde ich im Urlaub auch das schwarze Kleid anziehen, wenn ich wüsste, dass es richtig warm wird? (Ja!) Hätte ich in der Ferienwohnung ein Thermometer für die Innentemperatur? (Nein.) Kann man sich wie in Italien fühlen, wenn man in Erding im Musiksaal mit morbider Faszination beobachtet, wie das Thermometer auf der neuen CO2 – Ampel von 33 auf 34,7 Grad steigt und man in eine Aprikose beisst? (Ja!) Ist man nach sechs Arbeitsstunden bei dieser Temperatur noch ganz zurechnungsfähig? (Zu verwirrt, um das zu entscheiden.)

Die zwei Wochen seit den Pfingstferien, in denen wir uns endlich wieder alle sehen durften, ohne den komplizierten und ineffektiven Wechselunterricht, sind in zweierlei Hinsicht doppelbödig. Ich bin nicht nur verwirrt (generell – wie soll man es auch nicht sein, wenn der Gatte am 25. Juni Weihnachtsfeier hat, in einem Restaurant mit Seeterrasse, und fragt, wo das Räuchermännchen ist, das er als Tischdeko gern mitnehmen würde?), sondern versuche auch, mich nicht zu sehr zu freuen. Es ist sagenhaft schön, seine Schüler endlich wieder alle zu sehen, vom Kleinsten bis zur Anwärterin auf die Aufnahmeprüfung, und die Energie, die dabei frei wird, könnte einen noch den Rest des Jahres befeuern – wenn da nicht dauernd die Angst wäre, dass es von heute auf morgen wieder vorbei sein kann. Man hat gelernt, vorsichtig zu sein, selbst als vormals optimistischer Mensch. Wir haben alle am eigenen Leib erfahren, wie unheimlich fragil unser Zusammenleben sein kann. Und da man nichts tun kann, als das zu akzeptieren und sich tagesaktuell an die neuen Verbote anzupassen, kapituliert man irgendwann innerlich und versucht, sich auf Sparflamme durchzuhangeln. Wochenweise kam ich mir wie in der inneren Emigration vor und hab mich aus allem, aber wirklich allem, ausgeklinkt, weil ich es leid war, immer wieder zu gucken, was erlaubt war. Als eines Tages im späten Frühling die Geschäfte in Wasserburg plötzlich aufhatten, war ich damit völlig überfordert. Ich wusste nicht, ob man reindarf. Mit welcher Maske. Mit Test oder ohne. Mit Anmeldung, oder doch einfach so? Mein Konsumverhalten hatte ich radikalst eingeschränkt auf Lebensmittel, Benzin und Briefmarken, und als ich vom Weg zum Postamt durch die Stadt ging, merkte ich: die offenen Läden sind mir egal. Ich brauche nichts. Und will auch nichts. Wozu auch? (Dieses Lebensgefühl hält an. Man hat es wirklich verlernt, einzukaufen – das Bedürfnis ist weg.) Und ich will mich nicht mehr dran gewöhnen, denn es könnte über Nacht wieder alles anders sein.

Ich fühle mich wie ein gebranntes Kind, das tief innen misstrauisch und verunsichert ist. Selbst wenn man denkt, es würde gehen – Vorsicht ist besser. Nicht zu früh freuen. Nicht dran gewöhnen, dass man in Echtzeit reden und den anderen ohne Verzerrung hören kann. Nicht zu sehr drüber freuen, dass man seriös und effektiv am Pedal arbeiten kann. Es könnte so schnell wieder anders sein, auch wenn es sich im Moment so real anfühlt. Ich traue mich nicht, mich auf etwas zu verlassen, selbst wenn es früher Normalität war. Und von dem Wort habe ich auch schon genug – es klingt wie eine Utopie. Ich wäre gern positiver, schaffe es aber nicht.

Deshalb halte ich mich an das, was einem auch im Fall des nächsten Lockdowns nicht genommen werden könnte: Pfingstrosen. Erdbeeren. Der Innspaziergang am Morgen. Der Waldspaziergang hinterm Haus am Abend, wenn sich die Sonne ungewöhnlich spät wie eine riesige goldene Scheibe im kleinen See spiegelt. Doch selbst bei diesen Dingen muss ich mich dran erinnern, dass ich keine Angst haben muss, dass das irgendwann auch verboten ist. Das Leben ist ein Tanz auf rohen Eiern geworden. Ich fühle mich alt und desillusioniert, weil mir die Zuversicht abhanden gekommen ist. Und wenn es schon mir so geht, in stabilen Verhältnissen, immer noch mit Arbeit, mit einem kleinem aber belastbaren privatem Auffangnetz – wie müssen sich dann erst Menschen fühlen, die einsam oder in prekären Verhältnissen leben? Ich bin gespannt, wie viele Rosensträusschen auf dem Schreibtisch, wie viele Dämmerstunden mit frischen Erdbeeren auf der Terrasse es noch braucht, um wieder zurückzufinden in das frühere Lebensgefühl. Ich wünsche uns allen, dass wir uns gegenseitig dabei stützen und inspirieren können und uns wenigstens stundenweise daran erinnern können, wie wir früher gelebt haben.

Die Humanität des Herzens

Trotz der Kälte, trotz eines ungewöhnlich verregneten und frostigen Frühjahrs, hat sich unsere Zierkirsche doch noch entschlossen, ihr Blütenkleid überzuziehen. Auch wenn sie nicht wie eine elegante Ballerina im Garten schwebt wie sonst, sondern die regennassen hellrosa Blüten traurig nach unten zeigen. An genussvolle Tee – Momente unter fallenden Kirschblüten ist dieses Jahr nicht zu denken. Dabei wäre die einsame Teestunde zur Zeit doch sehr angesagt und vernünftig! Und die Zeit unter dem Kirschbaum, ohne Ablenkung und Medienkonsum, würde einem guttun, um nachzudenken. Denn ich frage mich immer wieder, wie wir aus dieser Zeit der Kontaktbeschränkungen und generellen Einschränkungen wieder gut herauskommen. Was für Menschen wir dann sein werden, vor allem die unter uns, die noch gar nicht lange auf der Welt sind und zum Teil zehn Prozent ihrer Lebenszeit unter den gerade herrschenden seltsamen Bedingungen verbracht haben. Was ist das für eine furchtbare Welt, in der der Nächste die Gefahr ist? In der man sich aus dem Weg geht, die Grosseltern nicht umarmt, um sie nicht umzubringen, ohnehin schon einsame Menschen gar nicht mehr besucht, um sie zu schützen? In der Frauen nach fünfzig Ehejahren erst im letzten Moment am Sterbebett ihres Manns im Pflegeheim sein durften, wie es letztes Jahr noch der Fall war? Und ich will hier überhaupt nichts verdammen oder in Frage stellen. Ich bin überzeugt davon, dass diese Verhaltensregeln richtig sind. Auch wenn es manchmal schwer verständlich ist, warum man privat so viel strenger sein muss als im Berufsleben. Diese Diskrepanz macht mir wirklich zu schaffen. Der Gatte sieht (und berührt!!) täglich Dutzende von Menschen bei seiner Arbeit, schon die ganze Pandemie hindurch. Privat hatten wir seit Dezember 2019 exakt zwei Menschen – meine Mutter und unseren Trauzeugen – zu Besuch in unserem Haus. Wir hatten keine einzige Einladung. Das berüchtigte “gute” Geschirr wurde noch mehr geschont als in anderen Jahren und kann irgendwann als “quasi neu” auf E – Bay versteigert werden. Nicht einmal der Mann von den Stadtwerken hat unsere Schwelle überschritten und unseren Alltag aufgehellt – auch das ging dieses Jahr digital. (Wahrscheinlich ist er längst wegrationiert, weil der Arbeitgeber durch die Pandemie seine Überflüssigkeit erkannt hat. Und das ist nur ein weiterer kleiner Mosaikstein bei der Ent-Menschlichung der Gesellschaft. Jeder von uns wird im letzten Jahr die Erfahrung gemacht haben, dass der kontaktlose Versandhandel schneller funktioniert als der örtliche Einzelhandel. Schaffen wir den Weg zurück zu geduldigerem Konsum?) Auch wir waren bei niemanden sonst zu Besuch, sondern haben die zwei, drei Treffen mit Freunden verantwortungsvoll im Freien durchgeführt. Man tut wirklich, was man kann, um die Verbreitung des Virus zu verhindern, doch je länger der Zustand anhält, desto öfter frage ich mich, ob wir es schaffen, unsere Menschlichkeit über diese Zeit zu retten.

Ich habe lange gezögert, diesen in letzter Zeit vielstrapazierten Begriff ins Spiel zu bringen, weil er immer wieder von Gruppierungen verwendet wird, denen ich absolut fern stehe. Genau so wie mein anderer Lieblingsbegriff “Menschenverstand”, vor allem der berüchtigte “gesunde”. Ich finde es furchtbar, wenn Leute, die von sich behaupten, anders oder quer zu denken, diese edlen Begriffe für ihre Zwecke instrumentalisieren. Das kommt für mich einer Entweihung gleich. Und ich frage mich, ob wir von der selben Sache reden. Es ist widersinnig, im Namen der Menschlichkeit auf Schutzmassnahmen für andere zu verzichten. Ich würde auch gern lieber ohne Maske rumlaufen, keine Frage, aber ich finde es idiotisch, das auf Demonstrationen zu tun. Ich stehe diesen angeblichen “Denkern” also wirklich fern, auch wenn ich jetzt die gleichen Begriffe bemühen muss. Ich kann von mir auch nicht sagen, dass ich sonderlich kreuz und quer und kreativ denken würde, sondern ganz spiessig und konservativ gern in die Tiefe denke. Wie eine Löwenzahnwurzel. Tief und gerade und gar nicht quer. Und gern in die immer gleichen Schichten von antiken Stoikern und neuen Renaissance – Stoikern hinein. Was seltsamerweise nie langweilig wird, auch nach Jahrzehnten nicht, sondern immer neue Bezüge zum Tagesgeschehen ans Licht bringen kann. (Und ich habe mich ganz häufig im letzten Jahr gefragt, was Marc Aurel zur aktuellen Lage sagen würde. Oder Montaigne. Oder mein Vater, einer der letzten echten Humanisten.) Wenn man selber in einem Strudel aus Vorschriften, Informationen, Falschinformationen kämpft, kann einem das Gefühl kommen, dass das eigene Schiff den Kompass verloren hat. Was, wenn einem die bewährten Leuchttürme von einst Koordinaten vorgeben, die plötzlich nicht mehr erlaubt sind, im Sinne einer anderen, neuen Art der Mit – Menschlichkeit? Darf ich sagen: aber Montaigne hat eine Woche am Sterbebett seines besten Freundes verbracht und ihn bis zum letzten Atemzug begleitet, obwohl der an der Pest gestorben ist? Vom etwaigen Tragen einer Maske ist nichts überliefert, aber Montaigne hat sich nicht angesteckt und danach noch 29 Jahre gelebt. Dürfte ich in einem solchen Extremfall meiner Menschlichkeit folgen, meinem Impuls, einen geliebten Sterbenden nicht allein zu lassen? Letztes Jahr, in den ganz schlimmen und strengen Zeiten zu Anfang der Pandemie, durfte man es nicht. Und wäre ich damals in so einer Lage gewesen, wäre ich daran verzweifelt. Montaigne hat entgegen allen Empfehlungen und mit hohem Risiko das getan, was ihm richtig erschien. Was ihm sein Herz gesagt hat. Ich möchte eigentlich in einer Welt leben, in der man seinen Überzeugungen folgen darf. Denn ich mache mir Sorgen um das, was Stefan Zweig, auch in Bezug auf Montaigne, so wunderschön “die Humanität des Herzens” nennt. Wie bewahrt man sie? “Wie bewahre ich mir mein innerstes Selbst? Wie schaffe ich es, in dem, was ich sage und tue, nicht weiter zu gehen als bis zu dem, was ich für richtig erachte? Wie schaffe ich es, meine Seele nicht zu verlieren? Vor allem aber: Wie bleibe ich frei?” (Sarah Blackwell, “Das Leben Montaignes”, Seite 239)

Diese letzte, wichtige Frage bringt uns auf noch dünneres Eis. Wenn Freiheitsbeschränkungen und auch offiziell so bezeichnete Einschränkungen von Grundrechten an der Tagesordnung sind, wie schaffe ich es da, mich noch frei zu fühlen, wenn man es schon nicht wirklich sein kann? Vielleicht durch eine andere Einstellung zur Freiheit. Durch ein Gefühl, dass es auf die innere Freiheit mehr ankommt als darauf, möglichst schnell ans Meer zu fahren oder auf ein Rock – Festival zu gehen. Wenn ich mich innerlich frei fühle, zu denken und zu glauben, was ich für richtig halte, kann man auch den Rest akzeptieren (Natürlich in der Hoffnung, dass es noch zu unseren Lebzeiten wieder anders wird. Nicht nur für uns, sondern für die Jüngeren, deren Sozialleben schon so lange auf Eis liegt). Überhaupt: sich in hellen, klaren Gedankengebäuden zu bewegen, die andere so meisterhaft errichtet haben, ist ja schon ein Privileg und eine Art grosser innerer Freiheit. Verglichen mit der Flut an aufgeregten, halbinformierten Schnipseln und Zahlen, die jeden Moment auf einen einprasseln, wenn man nur in sein Mail – Postfach will. Die Überzeugung, dass man innerlich trotz allem immer frei bleiben wird, kann einen durch den langwierigsten Lockdown retten. Man braucht doch noch einen Rest Stärke und Kraft für danach, wenn mal wieder alles anders sein sollte.

Und das mit der Menschlichkeit geht uns hoffentlich nicht abhanden. Im Moment bleiben uns nur die kleinen Gesten, immer noch: Anrufe, um eine liebe Stimme zu hören. Echte Briefe. Kleine Care – Pakete zur Aufmunterung. Wir Älteren wissen, wie das geht. Aber ich mache mir Sorgen um die Kleinen, für deren Entwicklung Berührungen und Umarmungen so wichtig wären. Und auch Kämpfen und Raufen, um sich zu spüren und seine Grenzen kennenzulernen. Oder eben die kleinen Gesten, aber die echten, die es früher gab: auf dem Schoss – Sitzen. Ein Bussi zum Abschied, selbst wenn es angewidert von der Backe gewischt wird. Abzählreime oder Patschspiele, bei denen man die Hände des anderen berührt. Das mag alles zu banal sein, um mit dem vornehmen Begriff “Menschlichkeit” in Zusammenhang gebracht zu werden, aber auf seine Art gehört es dazu. Menschlichkeit ist nicht nur das Ausstellen von grossen Schecks für irgendwelche humanitären Aktionen, sondern auch das kurz den Arm um die Schulter – Legen oder der mitfühlende Händedruck. Oder auch der ganz normale, alltägliche Umgang miteinander, den wir hoffentlich nicht verlernen: ein paar Worte nebenbei mit der Kassiererin, ein Dankeschön mit in – die – Augen – Schauen für den Paketboten, ein höheres Trinkgeld für einen aufmerksamen Kellner. Ich wünsche mir so sehr, dass wir diese Angewohnheiten nicht verlieren und sie irgendwann wieder so unbefangen wie vorher ausführen können.

(Bild: Markus Uhl)

Frühlingsregen

Nächster Montag, ähnliches Wetter, aber bessere Laune: ich stehe wieder auf der überdachten Treppe bei der Burg und schaue auf die Symphonie in grün und grau, die sich den Augen an diesem Regentag bietet. Der Inn fliesst breit und langsam in einem herrlichen Dunkelgrün, das er nur bei kalten Temperaturen hat. Die tiefhängenden grauen Wolken verschwimmen fast mit dem Wasser. Einige der hohen alten Bäume bekommen schon hellgrüne Fingerspitzen an den Enden der Äste und bringen einen direkt frühlingsfrischen Hauch in die Szenerie, während es ruhig und unaufhörlich regnet. Aber schön angenehm, nur von oben und nicht von der Seite wie letzte Woche. Was auch zur Besserung der Stimmung beiträgt: ich habe mir keinen Kaffee geholt. Erstens wäre der fünfte in dreizehn Monaten wirklich etwas extravagant, zweitens macht es keinen Spass, bei Kälte im Freien Kaffee zu trinken. Heute hat es zwar milde acht Grad, verglichen mit letzter Woche eine enorme Änderung, aber trotzdem – das mit dem Mitnehmkaffee war zu Recht noch nie mein Ding. Ich fürchte, ich werde aufhören, mein Café zu unterstützen (falls man bei meiner Abholrate überhaupt noch von Unterstützung reden kann) und hoffen, dass es trotzdem überlebt, bis wieder zivilisiertere Zeiten herrschen und man am Tisch sitzen darf.

Während ich in den Regen schaue und denke, dass es ein ungewöhnlich langer Winter ist, stelle ich fest, dass in zwei Monaten die Tage schon wieder kürzer werden. Heisst das, dass man den Wintermantel und die Winterstiefel vielleicht gar nicht wegräumen muss dieses Jahr? Das wäre doch immerhin etwas (heute bin ich ganz darauf angelegt, die kleinen Lichtblicke im Alltag zu sehen). Es ist seltsam, dass man manchmal gar nichts Positives mehr sehen kann im Einerlei der jetzigen Weltlage und sich an anderen Tagen aufrichtig freuen kann über Kleinigkeiten, die für andere Menschen vielleicht gar nicht so schön sind. Wie Wollpullis das ganze Jahr über. Oder leiser Dauerregen. Ich merke auch: wenn ich zu viel mit anderen spreche, ihre Ungeduld oder ihren Frust spüre, färbt das auf mich ab. Genau so wie zu viele Nachrichten. Leider kann ich mir den Luxus nicht erlauben, gar keine Nachrichten zu verfolgen, da mein Unterrichtsalltag eng verknüpft ist mit den depperten Inzidenzzahlen und ihrer ganzen Unlogik: die Viertklässler und die Elftklässler dürfen in die Schule, aber nachmittags nicht zu mir. Was vormittags in Gruppen erlaubt ist, ist nachmittags zu zweit auf einmal zu gefährlich. Es verbindet, sich den Frust der Eltern anzuhören, aber selbst wenn wir völlig einer Meinung sind, kann ich nicht für ihr Kind eine Ausnahme mache. So gern ich das würde.

Davon abgesehen, habe ich letzte Woche mit allen Eltern gesprochen. Wahrscheinlich, weil ich wieder alle Live – Termine auf online verschieben musste von Dienstag auf Mittwoch, mit der schon gewohnten anstrengenden Plötzlichkeit. Die Gespräche waren ein gutes Stimmungsbarometer, und als ich merkte, dass mehr als einer erschöpft und frustriert ist mit dem Distanzunterricht, habe ich spontan angefangen, anzubieten, dass wir in Onlinewochen auch Pause machen können. Die Reaktionen waren wirklich interessant, denn manche protestierten sofort und baten mich, den Kindern nicht noch den einen schönen Termin zu nehmen, wenn es sonst schon nichts gibt – andere reagierten nach dem Motto “ich dachte, Sie fragen nie”, weil sie wollen, dass ihre Kinder nicht auch noch nachmittags am Bildschirm sitzen und jetzt, beim angenehm warmen Regenwetter und kaum mehr Schnee, auch mal rausgehen sollen. Bei den Privatschülern kann ich es mir erlauben, mir kleine Freiheiten zu nehmen, und jetzt habe ich tatsächlich eine Handvoll Schüler pro Woche weniger. Aber gefühlt viel mehr Zeit zum Durchschnaufen und Weggehen von dieser eckigen Kiste, die im letzten Jahr so sehr mein Leben bestimmt hat. Wie halten das nur andere aus, die tagtäglich am Computer arbeiten müssen?! Vielleicht ist es auch anders, wenn die Arbeit einfach dafür passt. Meine ist nicht dafür bestimmt, dass man nicht einmal zusammen in einem Raum sitzen darf. Man toleriert die Herausforderungen wie nachhinkender Klang, verlangsamte Kommunikation, künstlich runterregulierte Lautstärken und ein allgemein nivelliertes dynamisches Niveau eine gewisse Zeit, wenn es anders gar nicht gehen würde. Aber keiner wollte, dass diese Art des Unterrichts zum Dauerzustand wird. Es darf auch wirklich langsam wieder anders werden. Wenn man sich vorstellt, dass meine kleinen Schüler bereits ein Zehntel oder noch mehr ihrer Lebenszeit in diesem seltsamen Schwebezustand verbracht haben, wird einem ganz anders. Das muss doch Dellen in ihrer Entwicklung hinterlassen.

Gestern hatte ich viel Echtzeitkontakt mit meiner Freundin in Japan, weil ich was für sie übersetzen sollte und wir trotz Zeitverschiebung hin und herkommuniziert haben. Sie ist Lehrerin und erzählte, dass trotz hoher Zahlen die Schulen immer geöffnet waren. Sie konnte es nicht fassen, dass die Kinder hier seit Mitte Dezember zuhause sind, von den fünf glorreichen Tagen abgesehen, in denen die Schüler laut Regierung “ihre Schule mal von innen sehen sollten”. Sie sagte, das einzige, was sie machen, ist Händewaschen und Masken tragen. Keine Tests, keine Impfung bisher, weil Japaner da anscheinend traditionell zurückhaltend sind. So sehr, dass die Regierung als Motivation für die Impfung den Hinterbliebenen für jeden Impftoten bis zu 340 000 Euro Entschädigung in Aussicht stellt – das ist doch mal ein Geschäftsmodell! Von dieser Neuigkeit abgesehen, war ich erstaunt und ein bisschen neidisch, dass dort die Entwicklung der Kinder solchen Vorrang hat. Ich kann dieses und nächstes Jahr problemlos auf Reisen verzichten, und auch aufs Essengehen und Feiern (und wie!!). Aber ich würde mir so sehr wünschen, meine Schüler wieder in echt betreuen zu können, sie hier auf meinem zuverlässigen und guten Flügel zu hören und spontan mit ihnen vierhändig spielen zu können. So sehr ich wieder in die einsamen Freuden des Lockdowns hineingefunden habe und gerne wieder so weitermachen könnte: das kratzt langsam wirklich an meinem Lebensnerv.

Gestern und heute haben zwei Freundinnen Geburtstag. Normalerweise blüht an diesen Tagen unser Kirschbaum – dieses Jahr (Überraschung!) nicht. Ich bin gespannt, wie viele Tage er noch brauchen wird. Wir brauchen alle noch ein bisschen Geduld, fürchte ich.

…und ein melancholischer Moment im Frühling

Am Montagmorgen, als nach den Osterferien die Schule wieder beginnen sollte, musste ich etwas zur Post bringen und machte wie immer einen Spaziergang am Fluss entlang in die Altstadt daraus. Seit Freitag stand klar, dass in Erding kein Präsenzunterricht stattfinden konnte – ich hatte eine Stunde mehr Lebenszeit durch die entfallene Fahrt – und auch bei uns zeichnete es sich ab, dass die geöffneten Schulen nur noch eine Frage der Zeit wären. Ebenfalls am Freitag kam das offizielle Schreiben zu den Selbsttests der Schüler heraus und wurde am Sonntag an uns verschickt. Anders als noch ein paar Tage davor war nun das Einverständnis der Eltern nicht mehr erforderlich: wenn ein Kind in die Schule kam, wurde das Einverständnis vorausgesetzt. Das hat mich mehr getroffen, als ich erwartet hatte. Ich war müde, als ich es am Sonntag abend las, aber mehr als nur körperlich müde. Wieder ein winziges Stückchen Selbstbestimmung, das verloren gegangen ist und im nüchternen Anweisungs – Beamtendeutsch noch grausamer klingt. Wenn ich Kinder hätte, wäre ich jetzt heftig melancholisch geworden. So war es nur ein Anflug, der aber seither über allem liegt. Warum muss man in Bayern so mit dem Holzhammer bearbeitet werden? Ich habe mir zum Vergleich offizielle englische Webseiten angeschaut. In Grossbritannien sind die Selbsttests nicht verpflichtend, aber die Teilnahmerate ist enorm hoch – weil die Sache den Eltern und Kindern so warm empfohlen, so liebevoll – sorgend ans Herz gelegt wird, dass man direkt enthusiastisch wird, sofort auch einen Selbsttest durchzuführen und sich privilegiert fühlt, kostenlos in den Genuss zu kommen. Der Nutzen für die Gemeinschaft wird auf eine Weise beschrieben, die mir hier völlig abgeht. Ich bin nicht stolz, meinen Teil beizutragen. In England wäre ich es vermutlich.

Ausserdem, wer weiss, wann und ob meine Zwanzigerpackung, die ich vor den Ferien kostenlos in der Schule abholen durfte, jemals zum Einsatz kommt. Sie schlummert in meiner Ledertasche. Aus dem Augenwinkel habe ich gesehen, dass draufsteht, dass man die Tests vor zu hohen Temperaturen schützen soll. Im Moment geht’s noch in meinem Dachzimmer, weil Schnee die Fenster bedeckt und draussen alles weiss ist. Wenn sich die Schliessungen noch weiter hinziehen, muss ich die Tests irgendwann wo anders lagern. Denn so eisig es hier im Moment ist, so warm wird es im Sommer. Und wer weiss, ob ich meine Schüler vor dem Sommer noch sehen darf.

Sommer… Noch eine Hoffnung, die wir streichen können? Gestern habe ich sechs Stunden lang online unterrichtet mit der schottischen Schafwolljacke über den Knien. Heute schneit es sogar noch mehr. Der Schnee hat sich gestern morgen schon angekündigt, als ich in der Stadt war. Nach meiner Erledigung dachte ich, zur Hebung der Moral beginne ich diesen Block zwischen Ostern und Pfingsten mit einem Mitnehm – Kaffee. Mein vierter seit März 2020!! Und ich kann jedes Mal genau beschreiben! (Beim ersten bekam ich wegen wochenlanger Abstinenz derartige Palpitationen, dass ich dachte, ich sei ein Fall für die Notaufnahme. Das war auf einer Bank im Riedergarten in Rosenheim, dem wunderschönen alten Apothekergarten. Und ich dachte: super, ich kollabiere inmitten von Heilkräutern.)

Wenn kein Lockdown gewesen wäre, hätte ich mich natürlich in mein Lieblingscafé gesetzt und hoffentlich die Zeitung zum Kaffee ergattert. Jetzt konnte ich ihn dort immerhin abholen, musste zum Konsumieren aber rausgehen. Bei drei Grad und Schneeregen stellte ich es mir ganz gemütlich auf der überdachten hölzernen Brücke unterhalb der Burg vor. Als ich dann tatsächlich dort stand, den Schirm zwecks Händewärmung am Becher am Boden, und mich der windige Schneeregen trotz Dach leicht seitlich anpeitschte, half selbst der schönste Milchschaum nicht: eigentlich war das miserabel. So sehr ich Regen und graues Wetter sonst liebe. Aber meine Stimmung war zu angeknackst, mein Optimismus zugedeckt wie die Bäume vom Schnee, weil der Zustand einfach schon zu lange anhält. Nachmittags würde der Musikunterricht im Landkreis ab in zwei Tagen wieder verboten werden, was jeder kommen sah – trotz Selbsttests, trotz Masken, obwohl wir hier zu zweit auf 40 Quadratmetern sind und ich lüfte, bis wir schlottern. Ich bin wirklich froh um die Möglichkeit, meine Schüler online zu erreichen und auf diese Art bei der Stange zu halten, aber es war als Übergangslösung gedacht. Als Notlösung. Jetzt ist es der Dauerzustand und wird langsam unbefriedigend für mich. Die Kinder (und vor allem deren Eltern) scheinen dankbar zu sein für die kleinste Abwechslung im Alltag, doch ich frage mich langsam, wie lange man das unbeschadet machen kann, ohne dass sich Haltungs – und andere Fehler einschleichen, die man danach wochenlang korrigieren muss. Von der Entwicklung des Klangempfindens ganz zu schweigen. Und der Teil der Klavierstunde, auf den ich mich als Kind immer am meisten gefreut habe, das Vierhändigspielen, entfällt ersatzlos. Langsam ist das nur noch traurig.

Ich versuche weiterhin, mich an meinem eigenen, inzwischen sehr zotteligen Schopf aus dem Gedankensumpf zu ziehen. Immerhin habe ich drei Osterglocken aus dem Garten gerettet, als es gestern morgen anfing, zu schneien. Am Sonntagabend haben sie noch, von der untergehenden Sonne von hinten beschienen, wie kleine helle Sonnengesichter gestrahlt. Jetzt sind die Gefährtinnen der zart duftenden Osterglocken auf meinem Schreibtisch verschwunden im Schnee. Erst nur vornüber gebeugt, die lieben Köpfchen in den Boden gedrückt, jetzt ganz weg. Wie mein ehemals schwarzes Auto, das sich in einen weissen runden Elephant vor der Haustür verwandelt hat (jippie, ich hab schon die Sommerreifen drauf! Aber ich fahre ja ohnehin nicht!) Ich kann damit leben, dass man nicht verreisen oder essen gehen kann, und dass man niemand anderen sehen darf, gefällt mir nach wie vor. Aber es höhlt langsam den Lebensnerv aus, wenn man seiner Arbeit nicht in der gewohnten Qualität nachgehen kann. Die Osterglocken, die Sonntagskuchen sind ein Versuch, alles ein bisschen erträglicher zu gestalten, aber im Moment wirken sie nicht mehr. Denn ich fühle mich machtlos und bevormundet, seit Monaten schon. Ich halte die Corona – Massnahmen für sinnvoll und nachvollziehbar und halte mich sorgfältig daran. Ich wäre nur bitte gern selber drauf gekommen, oder hätte gern nach entsprechend sanfter Belehrung eingesehen, dass wir nur so aus der Misere rauskommen. Dass es Vorschriften sind, dass Bussgelder zu ihrer Umsetzung angedroht werden, macht mich traurig. Sind wir wirklich so doof, dass der Staat sich derartig aufplustern muss? Doch, wahrscheinlich sind wir das, wenn man sich die Nachrichten von Parties und und Maskenverweigerern anhört. Mein Glaube an die Weiterentwicklung der Menschheit geht zusammen mit meinem letzten Gefühl der Selbstbestimmung den Bach runter. Und dazu schneit es im April.

Sonst beruhigt es mich, am Inn stehenzubleiben und dem breiten, langsamen Fluss zuzusehen, der jeden Tag anders und doch immer gleich ist. Manchmal sind meine Tage so turbulent, dass ich den guten alten Fluss um seinen Gleichmut beneide und mich in ihn hineinversetzen will, um selber etwas Ruhe zu finden. Diese meditativen Minuten draussen haben mich schon durch manche Woche gerettet. Gestern hatte ich zum ersten Mal den Eindruck, dass der jadegrüne Fluss ein unglaublich aufregendes Leben führt, immer in Bewegung, immer vorwärts vom Engadin zum Schwarzen Meer, sorglos und ohne PCR – Tests Grenzen überschreitend, keine Sekunde ruhig – während wir es sind, die auf der Stelle bleiben und komplett stagnieren. Noch ein Paradox, das einen nicht wirklich wundert in diesen Zeiten, oder? Und es wundert einen auch nicht, wenn einen gelegentlich ein Hochwasser aus dunklen Gedanken überspült. Aber keine Angst (und keine besorgten Nachfragen!), im Grunde geht’s mir sehr gut, und bis 14 Uhr werde ich mich wieder im Griff haben und Lebensmut unter meinen Schülern verbreiten. Es kann nur langsam mal anders werden.

Ein Glücksmoment im Frühling

Meistens weiss man erst hinterher, dass man glücklich war. Nicht in dem Moment, in dem man glücklich ist. Man stellt hinterher erstaunt fest, dass man in diesen Sekunden ganz unerwartet und ungeplant einfach vom Glück überfallen wurde, obwohl man doch nur kurz auf die Terrasse gehen wollte, um was auszuprobieren.

Der winzige Virus hat uns viel Verdruss und Chaos beschert, aber auch, bei aller Beschränkung von Freiheiten, eine neue Art von Freiheit. Ich bin zu Zeiten zuhause, an denen ich sonst nie da bin, oder kann mich gelegentlich frei bewegen, wenn ich sonst nur im Wohnzimmer am Klavier wäre. Meine Erding – Tage im Homeoffice kommen mir immer noch wie ein Geschenk vor. Es fühlt sich gut an, zuhause zu sein, und es gibt doch gelegentliche Minipausen, mal fünf Minuten, mal sogar fünfzehn, wenn jemand absagt (weil er exakt zur Klavierstundenzeit einen Zahnarzttermin hat…), die ich ganz anders nutzen kann, wenn ich daheim bin und es mir gönne, kurz vom Computer wegzugehen. In der Schule würde ich verschnaufen. Üben. Kopieren gehen. Vergessen, dass ich grade eigentlich Pause hatte.

Letzten Montag nutzten der Gatte und ich die Zeit, um dem Bügelbrett ein neues Mäntelchen anzuprobieren. Denn am Tag davor hatte der jahrzehntealte Bezug gar arg gebröselt und geflockt und derart sichtbar protestierend angezeigt, dass sein Verfallsdatum tatsächlich überschritten war, dass eine Neuanschaffung unvermeidbar war. Aus unerfindlichen Gründen geht der Gatte gern in den Baumarkt, und so bat ich ihn, auf dem Rückweg von der Klinik einen neuen Bezug für’s treue Bügelbrett mitzubringen, nach meinen sorgfältig und liebevoll abgemessenen Spezifikationen. Die natürlich, wie das so ist, wenn man sich schon länger kennt und der eine Naturwissenschaftler, die andere Künstlerin und der Improvisation nicht abgeneigt ist, einer Zweitprüfung unterzogen wurden. Aber, oh Frühlingswunder, die ersten Masse wurden als korrekt akzeptiert und als Grundlage für die Anschaffung eines Mäntelchens genommen. Laut Beschreibung auf der Packung war es jedoch auf jeder Seite einige Zentimeter zu kurz. Als gute Gattin fragt man nicht, warum denn die Masse sichtbar unterschritten wurden (war es ein dezenter Hinweis darauf, dass unser Bügelbrett auf Diät gesetzt werden sollte? Kauft man Schuhe drei Nummer zu klein in der Hoffnung, dass man sich doch irgendwie reinzwängen kann und viel schicker aussieht?), sondern beglückwünscht den Kauf, da zufälligerweise der wertige Testsieger angeschafft wurde, bedankt sich für den Umweg ins Männerparadies und schlägt vor, die Umhüllung doch zusammen anzulegen. Auf der Terrasse, weil das ganze Brett immer noch leicht bröselt. Kurzfassung: die neue Auflage ist hoffnungslos zu kurz und erfordert einen weiteren Ausflug in den Baumarkt zum Zweck des Umtauschs. Was nicht weiter schlimm ist, da das ja immer noch so ziemliche das Aufregendste an Freizeitgestaltung ist, was man im zweiten Lockdown unternehmen kann. Wenn ich allerdings bedenke, wie verzückt der Gatte den ebenfalls erworbenen Zwei – Komponenten – Kleber anstarrt – eine Kaufurkunde für ein Haus in Amalfi könnte kein seligeres Lächeln auslösen – frage ich mich, ob wir uns nicht, ohne es zu wissen, in einem bizarren gesellschaftlichen Experiment befinden, in dem wir durch Mangel und Entbehrung lernen sollen, den wahren Wert der Dinge wieder zu erkennen.

Aber: das desolate Bügelbrett hat uns beide rausgelockt, in einem Glücksmoment, als wir auch beide nachmittags zuhause waren und Zeit hatten für Banalitäten. Die Sonne schien. Die Hecke war grade frisch geschnitten und sah ausnahmsweise richtig gut aus. Die Katze zählte am Teich gewissenhaft die Fische, die ihrerseits glücklich tänzelnd und schlängelnd die weissen Wolken am Himmel sehen wollten, der wochenlang von einer Eisschicht verborgen gewesen war. Als wir versuchten, das lächerlich kleine Mäntelchen über das Bügelbrett zu zwängen, wusste ich nicht, dass ich gerade im Glück bade. Es hätte ein Moment der Verzweiflung und der Vorwürfe sein können. Dass ich glücklich war, stellte ich hinterher erst fest, als ich wieder in meinem Arbeitszimmer am Computer sass und meiner nächste Schülerin zuhörte.

Glück, das sind die Banalitäten, die ganz kurzen Augenblicke. Nicht die sorgfältig geplanten grossen Feiern, die lang ersehnten Urlaubsreisen, das neue Auto. Es kommt nicht auf Knopfdruck. Aber es kann einen überraschen, wenn man am wenigsten damit rechnet. Und vielleicht werde ich mich jahrzehntelang an den lächerlichen Bügelbrettbezug erinnern, weil in dem Moment, auch wenn der Bezug gar nicht passte, alles gut war und die Sonne dazu schien.

Sabbat – Jahr

Gelegentlich, ganz gelegentlich, habe ich von einem Sabbat – Jahr geträumt. Einer grossen Auszeit mit viel Freiraum für Kreativität auf Knopfdruck, wie man immer hofft. Aber es war nicht wirklich nötig bisher: mein Leben ist eine gut ausbalancierte Mischung aus erfüllender Arbeit und viel freier Zeit (in den Arbeitswochen)/ einfach nur ganz viel freier Zeit in den vielen Ferienwochen. Wegen mir hätte es so bleiben können.

Und dann kam die Pandemie und bescherte uns kollektiv eine Art Sabbat – Jahr, ob wir wollten oder nicht.

Seit einem Jahr nun bewegen wir uns vollentschleunigt durch’s Leben. Wir leben vor allem alle noch, also alle aus meinem näheren und auch weiteren Umfeld – danach sah es nach den düsteren Prophezeiungen letzten März ja nicht unbedingt aus. Der Gatte und ich kennen keinen einzigen, der an Corona gestorben wäre. Erkrankt waren drei unserer Bekannten, eine erst ganz aktuell. Die anderen beiden haben praktisch nichts gespürt und ihre Quarantäne zur weiteren Vollentschleunigung und zum Kellerausmisten genutzt. Wer bei dieser herzlosen und ungeduldigen Einleitung denkt, ich hätte was gegen die Coronamassnahmen, würde mich gar ins Lager der seltsamen Leugner begeben, sei beruhigt – ich bin ein echter Lockdown – Fan. Wenn’s nach mir ginge, dürften die Kontaktbeschränkungen ruhig noch ein paar Jahre andauern. Aber das darf man kaum laut sagen, ebenso wenig, wie man die Massnahmen öffentlich anzweifeln sollte. Und mir ist bewusst, dass ich von einer sehr privilegierten Warte aus spreche. Die Pandemie hat unglaublich viel Leid, Kummer und grosse existentielle Probleme für viele Berufsgruppen mit sich gebracht. Es wird Jahre dauern, bis wir das wirtschaftliche Desaster des Lockdowns überwunden haben werden. An andere Langzeitfolgen wie die enormen Lücken, die Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern mit sich rumschleppen werden, will ich gar nicht denken. Kann man je wieder ausbügeln, was in der Entwicklung von kleinen Menschen schiefgegangen ist? Kann man die Sprachentwicklung oder soziales Lernen irgendwie beschleunigt nachholen, und alle sind wieder auf dem gleichen Stand und können beurteilungsmässig über einen Kamm geschoren werden? Der plötzliche Totalstillstand wird viele unerwünschte Folgen haben. Mir ist bewusst, dass wir uns als Gesellschaft in einer prekären Lage befinden. Und mir ist bewusst, dass es ältere Menschen, die schon vorher unter ihrer Einsamkeit gelitten haben, jetzt noch schwerer haben. Und Kinder unbedingt andere Kinder brauchen, um gesund aufzuwachsen. Besuchsverbote in Seniorenheimen oder die Aufforderung, dass sich Kinder für einen einzigen Spielfreund entscheiden sollen, tun mir das in der Seele weh. Und ich bedaure die Jüngeren, die noch nicht viel von der Welt gesehen haben und gern reisen würden.

Wenn ich nun aber all das nicht berücksichtige und nur aus meiner persönlichen Lage als mittelalter Mensch, der schon viel Schönes erlebt hat, auf dieses Jahr im Ausnahmezustand zurückblicke, kann ich sagen: ich war noch nie so tiefenentspannt wie jetzt. Ich war selten so ausgeschlafen, glücklich und ganz bei mir. Ich bin so ausgeschlafen, dass ich nicht mal mehr meine gelegentlichen anfallsartigen Mittagsschlafe brauche. Ich hatte Zeit, alles zu verarbeiten und nachzudenken. Im Alltag hastet man oft von einem Ereignis ins Nächste. Manches ist aufwühlend und schlimm, manches vielleicht nur ärgerlich, aber bevor man sich gedanklich richtig damit beschäftigen konnte, passiert das Nächste. Spazierengehen oder Tagebuchschreiben hilft, aber noch mehr hilft es, sich in Abgeschiedenheit und echter Seelenruhe Gedanken zu machen. Ich hoffe, ich stosse niemand vor den Kopf, wenn ich sage, dass das Allerentspannendste für mich die Kontaktbeschränkungen waren. Manche meiner Mitmenschen mag ich ja. Dass es nicht all zu viele sein müssen, wusste ich immer schon. Aber der Lockdown hat mir gezeigt, was ich schon immer ahnte: ich wäre die geborene Einsiedlerin. Ich würde erst richtig aufblühen, wenn ich endlich meine Ruhe hätte. Ich hatte schon mit sechzehn Visionen, dass ich später mal allein in einem Turm in Irland leben will. Am besten noch auf einer winzigen, schwer zugänglichen Insel. Irgendwie hat das nie geklappt – aber gefühlt war ich noch nie so nahe dran wie im letzten Jahr. Die Ruhe, das Bewusstsein, dass fast niemand mich stören würde, hat ungeahnte kreative Kräfte freigesetzt. Auf Knopfdruck. Oft sitze ich schon um sechs Uhr morgens am Schreibtisch und schreibe. Noch öfter lösche ich, was ich am Vortag geschrieben habe, und auch wenn das die Umkehrung des kreativen Akts ist, tut sich doch was. Ich übe immerhin. Und selbst wenn ich manchmal nur in meinem imaginären Turmzimmer liege und ein paar Seiten des anderen – echten – Turmbewohners Montaigne lese, zählt das zur Tiefenentspannung und Inspiration. Seine Gedanken könnten nicht so in mich einsickern, wenn ich schon wieder auf dem Weg irgendwohin wäre.

Obwohl ich in den letzten zwölf Monaten fast keine Klavierstunde nicht gegeben habe, also praktisch Vollzeit gearbeitet habe, kommt es mir vor, als würde ich beseligt und heiter im berühmten Sabbat – Jahr leben. Allein, weil die Wochenenden herrlich frei vor einem liegen, immer noch, und auch im letzten Jahr komplett für Schönes genutzt werden konnten. Und weil ich kaum mehr Auto fahre. Ich habe das letzte Mal kurz nach Silvester getankt und bin seither 99 Kilometer gefahren – normalerweise sind es nur für die Arbeit 800 Kilometer im Monat. Das ist geschenkte Lebenszeit, mit der ich gar nicht gerechnet habe. Der damit verbundene Stress, vor allem die unberechenbaren fünf Bahnübergänge auf dem Hinweg und der Haupt – Berufsverkehr auf dem Rückweg, ist einfach weggefegt. Statt dessen habe ich an einem Tag um halb sechs am Abend eine Freundin angerufen – das ist eine Zeit, in der ich normalerweise gar nie erreichbar bin, weil ich entweder unterrichte oder Auto fahre. Ich habe mit meiner Freundin geplaudert im vollen Bewusstsein, dass ich sonst an diesem dunklen, kalten Januarabend im Auto sitzen würde, ein kleines Kettenglied in einer Schlange aus glänzenden Lichtern, die sich langsam über die volle Bundesstrasse windet. Das war tatsächlich ein erhebendes Lebensgefühl.

Überhaupt, dieses frühere Zuhausesein nach dem Online – Unterricht: mein “Heimweg” sind drei Treppen. Manchmal habe ich mittags oder in einer Pause schon die Kartoffeln aufgesetzt und dann in Ruhe neue Rezepte ausprobiert oder alte, zeitaufwändigere zelebriert, auch an ganz normalen Werktagen. Und an den meisten Wochenenden gab es einen Kuchen, oft auch nach neuen Rezepten wie kürzlich einen traumhaft duftenden Orangenkuchen mit selbst kandierten Orangenscheiben aus Kate Young’s wunderbarem “Little Library Cookbook”. Vielleicht haben wir deshalb auch das Gefühl, in Endlos – Ferien zu leben? Wir haben auf jeden Fall noch nie die Spülmaschine so oft laufen gehabt. Und irgendwie ist das auch ein Zeichen von Angekommensein, von Zuhausesein, wenn man langsam die Arbeitsplatte noch mal abwischt, während die Maschine leise brummt, und dann mit einem Portwein und seinem Buch auf’s Sofa geht, auch ganz in Ruhe und im Bewusstsein, alles erledigt zu haben, was im Alltag so anfällt. Weil man ja den ganzen Tag zuhause war.

Meine persönliche Bilanz nach einem Jahr Ausgangsbeschränkungen ist also: es war ein nötiger und heilsamer Reset. Jede Maschine braucht das mal. Warum nicht auch ich? Ich vermisse nichts, das Reisen nicht und auch nicht die Friseurbesuche. Seit dem ersten Lockdown schneide ich mir die Haare selber, schon zum dritten Mal jetzt. Dank angeschaffter Ringleuchte für die Videokonferenzen steht meiner Karriere als Influencerin auch nichts mehr im Wege – wenn ich mal zu viel Zeit habe, produziere ich ein Tutorial zum Thema “Wie werde ich autark/Kapitel 1: Haareschneiden am Hinterkopf ohne Spiegel. Kapitel 2: Ein Jahr ohne Kleiderkäufe//Neue Kombimöglichkeiten für Stücke, die man sonst zu anderen Jahreszeiten trägt.” Wegen mir dürfte es gern noch ein bisschen so weitergehen.

Homeoffice

Voll aufregend: mein eigenes Arbeitszimmer

In der zweiten Online – Unterrichtswoche, als es richtig kalt war und die Winterlandschaft vor meinem Fenster in der Sonne glitzerte, habe ich aus dem Wohnzimmer einer alten schwedischen Villa unterrichtet: weisse und hellgrüne Einrichtung, rechts ein hoher weisser Kachelofen, in dem ein Feuer flackert, ein behagliches Sofa, Zimmerpflanzen am Fensterbrett. Mit diesem Hintergrundbild habe ich meine liebste Lockdown – Phantasie ausgelebt, die ungefähr zu Schulbeginn aufkam, als alles anfing, kompliziert zu werden. Irgendwann dachte ich: ich will nur noch weg hier. Ganz weit weg. Irgendwohin, wo ich meine Ruhe habe und trotzdem online unterrichten kann. Und da fing ich an, von Nord – Norwegen zu träumen. Sehr kurze Tage, viel Schnee zum Räumen, alle zehn Tage den weiten Weg zum Supermarkt fahren – perfekt.

Ich bin noch hier. Physisch. Aber in meinen Tagträumen war ich vorletzte Woche in Skandinavien. Habe vor und nach dem Unterricht je neunzig Minuten im Halbdunkel Schnee geschippt und bin mittags, wenn es einigermassen Tag wurde, auf dem See neben dem Haus Schlittschuh gefahren, bevor ich mit meinen Online – Schülern losgelegt habe. In echt habe ich einen feinen Nusskuchen gebacken, der bis in mein Arbeitszimmer hoch geduftet hat und meine Norwegen – Träume mit zartem Zimtduft untermalt hat. Meine weisse dicke Zopfmusterjacke getragen. Dabei stört es mich kein bisschen, dass ich noch nie in Skandinavien war.

Genau wie meine nächste Phantasiereise – nach einem Woody – Allen – Film war ein Umzug nach New York angesagt. Ein anderes Sehnsuchtsziel von mir, noch unerreichbarer als Norwegen wegen noch mehr Wasser dazwischen. Aber seit Jahr(zehnt)en lese ich Romane, die in New York spielen, mit meinem inzwischen abgegriffenen Falk – Plan neben mir und stelle mir vor, in welches Museum ich zuerst gehen würde. Habe ein vielleicht geschöntes Bild von Brooklyn durch zwei Blogs, die ich regelmässig lese. Schaue Filme, in denen zu Fuss durch Manhattan gelaufen wird. Bereite Lasagne zu mit dem Soundtrack eines Woody – Allen – Films, was für mich Jazz – Ignorantin als echte Fortbildung durchgeht. Ich merke mir Adressen von Buchläden oder dem wunderbaren kleinen Bleistiftladen in der Orchard Street und schaue nach, welche U – Bahn – Station die nächste ist. Da ich als Klavierlehrerin wegen der horrenden Mieten in Manhattan wahrscheinlich in Brooklyn wohnen würde, habe ich die Fährverbindungen über den East River schon mal abgecheckt (Atlantic Avenue zum Pier 11: 9 Minuten, 2.75$) Ich könnte ganz in Ruhe vormittags Bleistifte kaufen in der Orchard Street, ganz ohne U – Bahn, und wäre pünktlich zum Unterrichten zurück. Nach einer fair gehandelten veganen Hafermilch – Latte im nachhaltigen Becher und einem Rosinenbagel im Café, natürlich. Und nachdem ich eventuell Noten in einem echten Geschäft ausgesucht habe und sie nicht online bestellen musste – aber jetzt kommen wir schon zu den sehr privaten, sehr aufregenden Phantasien einer Musikerin in der Provinz. Letzte Woche habe ich mich zum Hintergrundbild – Umzug entschlossen: mein Wohnzimmer in Brooklyn hat die typischen zwei hohen Altbau – Fenster, hellblaue Wände, viele Bücherregale und ein schwarzes Klavier.

So albern diese Gedankenexperimente klingen, haben sie doch eine gewisse positive Wirkung auf die allgemeine Seelenlage. Es macht tatsächlich einen Unterschied, ob man sich mehrere Stunden am Tag vor einem hübschen ungewohnten Hintergrund sieht oder ob es das immer gleiche Zimmer ist. (Wobei mein Zimmer ja auch in Ordnung ist. Und ich bin sicher: es gibt jemand in Brooklyn im Homeoffice, der sich wünscht, irgendwo in einer kleinen Stadt ganz im Grünen zu leben. Mit einem sauberen Fluss, der nicht nach Motoröl riecht. Frischer Luft. Grossen alten Bäumen vor dem Fenster und einem flammenden Winter – Sonnenuntergang dahinter. Kindern, die auf dem Hügel neben dem Haus Schlittenfahren.) Anfangs war ich erstaunt, wie sehr sich die Phantasiereise in den ganzen Alltag hineinzieht, bis hin zu: was würde ich in Schweden anziehen? Was in New York? Was würde ich kochen? Mich fasziniert auch die Vorstellung, wie sich mein Leben, so, wie es jetzt ist, in einer anderen Stadt anfühlen würde. Nicht aus einer Unzufriedenheit heraus, nicht aus Nostalgie, was hätte sein können – wobei das unweigerlich ein bisschen mitschwingt bei solchen Ausflügen in eine gedankliche Zwischenebene – , nicht aus dem konkreten Plan heraus, nächstes Jahr um diese Zeit will ich dort oder dort leben, sondern ganz einfach: wie wäre es, wenn ich jetzt dort wäre? Heute, an diesem einen, einmaligen Tag? In genau diesem trüben Wetter, mit einem zinngrauen Himmel, vorzugsweise Nieselregen oder sogar leichtem Schneefall? Es ist eine Art zur – Seite – Denken. Keine Rückschau, kein Wunschtraum für die Zukunft, keine andere zeitliche Ebene – als Musiker reist man ohnehin genug durch die Zeit – , sondern einfach eine andere Realität, jetzt, in diesem Moment. Eine Art von Realität, die gleichzeitig völlig irreal ist. Ich liebe diese Idee.

Und es tut gut. Mein Lockdown, diese immens lange runtergedrückte Pausentaste, ist bunt und spannend. Monotonie ist bis jetzt noch nicht eingetreten, und ich kann einen Bekannten nicht verstehen, der sich kürzlich beklagt hat, wie fad alles ist. Ich bin in Brooklyn aufgewacht und habe die Möwen kreischen hören – das ist nicht unbedingt fad. Dieses Gedankenexperiment öffnet Fenster nach innen und bringt ganz viel frische Luft ins Alltagsleben. Alles ist plötzlich neu, spannend und anders, wenn man sich vorstellt, man würde das tägliche Einerlei an einem anderen Ort erleben. Und der Ortswechsel muss offensichtlich nicht mal geographisch sein. Ist das nicht praktisch? Ich brauch kein Sabbat – Jahr, ich erlebe das einfach während des Lockdowns von zuhause aus. Fühle mich aber erfrischt und angeregt, als wäre ich auf einem anderen Kontinent gewesen. Wasserburg kann ein Stadtteil von New York werden, wenn man nur fest genug daran glaubt.

Aber dazu muss man mit einem Fuss in einer Traumwelt stehen und sich die Fähigkeit bewahrt haben, über den schnöden Alltag hinauszusehen. Träumen können, Fernweh und Sehnsüchte haben, bedeutet ja nicht, dass man mit dem Hier und Jetzt unzufrieden ist. Aber es gibt immer eine Parallelwelt. Ein Parallel – Leben. Immer die Frage: wie würde ich leben, wenn manche Weichen anders gestellt worden wären oder ich bewusst den anderen Pfad eingeschlagen hätte? Ich bin gern in unserer kleinen gotischen Stadt hier. Aber es hält mich lebendig, mich in andere Orte hineinzuträumen, bis ins kleinste Detail. Nicht nach dem tragischen Motto aus Schubert’s “Wanderer”: “Dort, wo du nicht bist, da ist das Glück.” Sondern: dort, wo ich bin, ist das Glück. Und manchmal schaffe ich es, in Gedanken an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Wer keine Sehnsucht mehr hat, ist schon halb tot, oder? Und Sehnsucht oder die ganz konkrete Variante dieses Gefühls, Fernweh, können ein starker Motor sein, um noch bewusster im echten Leben zu stehen. Ich unterrichte diszipliniert über den Bildschirm, auch wenn ich jetzt schon am Rand einer Sehnenscheidenentzündung bin und das Gefühl habe, ich habe den Schratzen bisher hauptsächlich eine Emoji – Etikette (wie oft ist zu oft?) eingebläut. Trotz hehrer Ziele wie Notendiktat über die Distanz. Und ich arbeite nicht nur, um die Kinder bei der Stange zu halten, sondern auch, um Geld zu verdienen. Damit ich eventuell eines Tages doch noch nach Amerika komme. Denn, der geneigte Leser wird es schon bemerkt haben, die echten Sehnsuchtsziele sind für Nicht – Flieger mit einer komplizierten Anfahrt verbunden. Vielleicht, weil unerfüllte Sehnsucht die langlebigste und bittersüsseste ist. Ich träume auch von Paris. Oder Florenz. Aber nicht so heftig. Denn ich könnte in Rosenheim in einen Zug steigen und wäre dort. Da regt sich nicht so viel im Herzen, als wenn ich erst die Webseiten von Frachtschiffen, die einzelne Passagiere mitnehmen, studieren müsste. Eine gewisse Unerreichbarkeit, ein bisschen Herzziehen, gehört zur echten Sehnsucht dazu. Deshalb wird sie auch nie abgegriffen oder uninteressant.

Das war bei den Minnesängern so, das ist mit mir und New York so. Und wahrscheinlich will ich gar nicht, dass das Objekt meiner Begierde greifbar wird. Neben mir liegt der alte Falk – Plan. Auf dem Cover ist das World Trade Center, der Preis steht noch in D – Mark drauf. Ich hatte wahrlich genug Zeit, den Wunschtraum Wirklichkeit werden zu lassen. Aber von was würde ich dann träumen? Was wäre meine Utopie, mein Ort, an dem es alles besser und unterhaltsamer wäre? Was wäre meine Motivation, zu arbeiten und Geld auf einem extra Reisekonto zu sparen? Denn wenn ich mal dort gewesen wäre, bräuchte ich ein anderes Traumziel für den Eskapismus und als Antrieb, auch die weniger aufregenden Stunden im Unterrichtsalltag zu überstehen. Jeder hat diese Erfahrung gemacht, oder?

Es gab eine Zeit, in der mich fast ein Jahr lang auf dem gleichen Kontinent befand wie das jetzige Ziel meiner Tagträume. Als ich in der Nähe von Atlanta studierte, sind meine japanische Mitbewohnerin und ich zum (winzigen!) Bahnhof von Atlanta gefahren. Nach dem Bürgerkrieg war er gigantisch und eindrucksvoll. Heute steht da ein kleiner roter Backstein – Pavillon. Wir mussten wirklich zwei Mal hinschauen und konnten es nicht fassen: die Millionenstadt mit einem der grössten Flughäfen der Welt hat einen Bahnhof, der sowohl in Japan als auch Europa eher als Fahrradkeller durchgehen würde. Und in dem ungefähr zwei Fernzüge pro Tag verkehren. Nachdem wir uns genug amüsiert hatten, widmeten wir uns der Frage: New York oder New Orleans. Hätten wir uns damals für New York entschieden, würde ich jetzt den Falk – Plan von New Orleans anschmachten, da bin ich mir sicher. Aber – ich besitze nicht mal einen. Dafür viele schöne Erinnerungen an eine andere alte Stadt am Wasser, voll von alter Bausubstanz und stimmungsvollen Friedhöfen. An Silvester hielten wir uns wie Kindergartenkinder an der Hand, weil wir Angst hatten, uns in dem tumultartigen Trubel im French Quarter zu verlieren. An Neujahr frühstückten wir im “Café du Monde” mit den butterigesten Brioches und dem herrlichsten Kaffee meines Lebens. Dann fuhren wir mit der Fähre über den Mississippi, nur um wieder zurück zu fahren (ich fürchte mal, das war meine Idee. Ich mag sinnlose Fährfahrten. Und Fähren oder das auf – der – Fähre – Sein sind fast eine Metapher für diesen seltsamen Schwebezustand, den ich gedanklich grade auskoste: nicht völlig hier, noch nicht ganz dort, aber sehr zufrieden im Zwischenraum). Und bei allem sagten wir uns: wir fahren an Ostern nach New York.

Wir waren beide noch nie in New York. Sie ist wieder zurück in Japan und unterrichtet Englisch, ich sitze hier und kultiviere meine Flugangst. Damals hatten wir Zeit, aber kein Geld. Jetzt ist es umgekehrt – aber auf seine Art auch in Ordnung. Das New Orleans – Kapitel ist mit der Reise abgeschlossen. Ich käme nicht auf die Idee, mir vorzustellen, dort Klavierlehrerin zu sein. Aber ich habe Ideen und Inspiration für meine aktuellen Tagträume von dort mitgenommen. Das Tuckern der Fähren, der Dieselgestank und die flatternden Möwen können am East River auch nicht so anders als am Mississippi sein. Ich habe Stoff für Träume. Und solange es die gibt, ist das Leben reicher. Und bietet beste Unterhaltung, selbst wenn das Homeoffice noch wochenlang weitergehen sollte.