Die Humanität des Herzens

Trotz der Kälte, trotz eines ungewöhnlich verregneten und frostigen Frühjahrs, hat sich unsere Zierkirsche doch noch entschlossen, ihr Blütenkleid überzuziehen. Auch wenn sie nicht wie eine elegante Ballerina im Garten schwebt wie sonst, sondern die regennassen hellrosa Blüten traurig nach unten zeigen. An genussvolle Tee – Momente unter fallenden Kirschblüten ist dieses Jahr nicht zu denken. Dabei wäre die einsame Teestunde zur Zeit doch sehr angesagt und vernünftig! Und die Zeit unter dem Kirschbaum, ohne Ablenkung und Medienkonsum, würde einem guttun, um nachzudenken. Denn ich frage mich immer wieder, wie wir aus dieser Zeit der Kontaktbeschränkungen und generellen Einschränkungen wieder gut herauskommen. Was für Menschen wir dann sein werden, vor allem die unter uns, die noch gar nicht lange auf der Welt sind und zum Teil zehn Prozent ihrer Lebenszeit unter den gerade herrschenden seltsamen Bedingungen verbracht haben. Was ist das für eine furchtbare Welt, in der der Nächste die Gefahr ist? In der man sich aus dem Weg geht, die Grosseltern nicht umarmt, um sie nicht umzubringen, ohnehin schon einsame Menschen gar nicht mehr besucht, um sie zu schützen? In der Frauen nach fünfzig Ehejahren erst im letzten Moment am Sterbebett ihres Manns im Pflegeheim sein durften, wie es letztes Jahr noch der Fall war? Und ich will hier überhaupt nichts verdammen oder in Frage stellen. Ich bin überzeugt davon, dass diese Verhaltensregeln richtig sind. Auch wenn es manchmal schwer verständlich ist, warum man privat so viel strenger sein muss als im Berufsleben. Diese Diskrepanz macht mir wirklich zu schaffen. Der Gatte sieht (und berührt!!) täglich Dutzende von Menschen bei seiner Arbeit, schon die ganze Pandemie hindurch. Privat hatten wir seit Dezember 2019 exakt zwei Menschen – meine Mutter und unseren Trauzeugen – zu Besuch in unserem Haus. Wir hatten keine einzige Einladung. Das berüchtigte “gute” Geschirr wurde noch mehr geschont als in anderen Jahren und kann irgendwann als “quasi neu” auf E – Bay versteigert werden. Nicht einmal der Mann von den Stadtwerken hat unsere Schwelle überschritten und unseren Alltag aufgehellt – auch das ging dieses Jahr digital. (Wahrscheinlich ist er längst wegrationiert, weil der Arbeitgeber durch die Pandemie seine Überflüssigkeit erkannt hat. Und das ist nur ein weiterer kleiner Mosaikstein bei der Ent-Menschlichung der Gesellschaft. Jeder von uns wird im letzten Jahr die Erfahrung gemacht haben, dass der kontaktlose Versandhandel schneller funktioniert als der örtliche Einzelhandel. Schaffen wir den Weg zurück zu geduldigerem Konsum?) Auch wir waren bei niemanden sonst zu Besuch, sondern haben die zwei, drei Treffen mit Freunden verantwortungsvoll im Freien durchgeführt. Man tut wirklich, was man kann, um die Verbreitung des Virus zu verhindern, doch je länger der Zustand anhält, desto öfter frage ich mich, ob wir es schaffen, unsere Menschlichkeit über diese Zeit zu retten.

Ich habe lange gezögert, diesen in letzter Zeit vielstrapazierten Begriff ins Spiel zu bringen, weil er immer wieder von Gruppierungen verwendet wird, denen ich absolut fern stehe. Genau so wie mein anderer Lieblingsbegriff “Menschenverstand”, vor allem der berüchtigte “gesunde”. Ich finde es furchtbar, wenn Leute, die von sich behaupten, anders oder quer zu denken, diese edlen Begriffe für ihre Zwecke instrumentalisieren. Das kommt für mich einer Entweihung gleich. Und ich frage mich, ob wir von der selben Sache reden. Es ist widersinnig, im Namen der Menschlichkeit auf Schutzmassnahmen für andere zu verzichten. Ich würde auch gern lieber ohne Maske rumlaufen, keine Frage, aber ich finde es idiotisch, das auf Demonstrationen zu tun. Ich stehe diesen angeblichen “Denkern” also wirklich fern, auch wenn ich jetzt die gleichen Begriffe bemühen muss. Ich kann von mir auch nicht sagen, dass ich sonderlich kreuz und quer und kreativ denken würde, sondern ganz spiessig und konservativ gern in die Tiefe denke. Wie eine Löwenzahnwurzel. Tief und gerade und gar nicht quer. Und gern in die immer gleichen Schichten von antiken Stoikern und neuen Renaissance – Stoikern hinein. Was seltsamerweise nie langweilig wird, auch nach Jahrzehnten nicht, sondern immer neue Bezüge zum Tagesgeschehen ans Licht bringen kann. (Und ich habe mich ganz häufig im letzten Jahr gefragt, was Marc Aurel zur aktuellen Lage sagen würde. Oder Montaigne. Oder mein Vater, einer der letzten echten Humanisten.) Wenn man selber in einem Strudel aus Vorschriften, Informationen, Falschinformationen kämpft, kann einem das Gefühl kommen, dass das eigene Schiff den Kompass verloren hat. Was, wenn einem die bewährten Leuchttürme von einst Koordinaten vorgeben, die plötzlich nicht mehr erlaubt sind, im Sinne einer anderen, neuen Art der Mit – Menschlichkeit? Darf ich sagen: aber Montaigne hat eine Woche am Sterbebett seines besten Freundes verbracht und ihn bis zum letzten Atemzug begleitet, obwohl der an der Pest gestorben ist? Vom etwaigen Tragen einer Maske ist nichts überliefert, aber Montaigne hat sich nicht angesteckt und danach noch 29 Jahre gelebt. Dürfte ich in einem solchen Extremfall meiner Menschlichkeit folgen, meinem Impuls, einen geliebten Sterbenden nicht allein zu lassen? Letztes Jahr, in den ganz schlimmen und strengen Zeiten zu Anfang der Pandemie, durfte man es nicht. Und wäre ich damals in so einer Lage gewesen, wäre ich daran verzweifelt. Montaigne hat entgegen allen Empfehlungen und mit hohem Risiko das getan, was ihm richtig erschien. Was ihm sein Herz gesagt hat. Ich möchte eigentlich in einer Welt leben, in der man seinen Überzeugungen folgen darf. Denn ich mache mir Sorgen um das, was Stefan Zweig, auch in Bezug auf Montaigne, so wunderschön “die Humanität des Herzens” nennt. Wie bewahrt man sie? “Wie bewahre ich mir mein innerstes Selbst? Wie schaffe ich es, in dem, was ich sage und tue, nicht weiter zu gehen als bis zu dem, was ich für richtig erachte? Wie schaffe ich es, meine Seele nicht zu verlieren? Vor allem aber: Wie bleibe ich frei?” (Sarah Blackwell, “Das Leben Montaignes”, Seite 239)

Diese letzte, wichtige Frage bringt uns auf noch dünneres Eis. Wenn Freiheitsbeschränkungen und auch offiziell so bezeichnete Einschränkungen von Grundrechten an der Tagesordnung sind, wie schaffe ich es da, mich noch frei zu fühlen, wenn man es schon nicht wirklich sein kann? Vielleicht durch eine andere Einstellung zur Freiheit. Durch ein Gefühl, dass es auf die innere Freiheit mehr ankommt als darauf, möglichst schnell ans Meer zu fahren oder auf ein Rock – Festival zu gehen. Wenn ich mich innerlich frei fühle, zu denken und zu glauben, was ich für richtig halte, kann man auch den Rest akzeptieren (Natürlich in der Hoffnung, dass es noch zu unseren Lebzeiten wieder anders wird. Nicht nur für uns, sondern für die Jüngeren, deren Sozialleben schon so lange auf Eis liegt). Überhaupt: sich in hellen, klaren Gedankengebäuden zu bewegen, die andere so meisterhaft errichtet haben, ist ja schon ein Privileg und eine Art grosser innerer Freiheit. Verglichen mit der Flut an aufgeregten, halbinformierten Schnipseln und Zahlen, die jeden Moment auf einen einprasseln, wenn man nur in sein Mail – Postfach will. Die Überzeugung, dass man innerlich trotz allem immer frei bleiben wird, kann einen durch den langwierigsten Lockdown retten. Man braucht doch noch einen Rest Stärke und Kraft für danach, wenn mal wieder alles anders sein sollte.

Und das mit der Menschlichkeit geht uns hoffentlich nicht abhanden. Im Moment bleiben uns nur die kleinen Gesten, immer noch: Anrufe, um eine liebe Stimme zu hören. Echte Briefe. Kleine Care – Pakete zur Aufmunterung. Wir Älteren wissen, wie das geht. Aber ich mache mir Sorgen um die Kleinen, für deren Entwicklung Berührungen und Umarmungen so wichtig wären. Und auch Kämpfen und Raufen, um sich zu spüren und seine Grenzen kennenzulernen. Oder eben die kleinen Gesten, aber die echten, die es früher gab: auf dem Schoss – Sitzen. Ein Bussi zum Abschied, selbst wenn es angewidert von der Backe gewischt wird. Abzählreime oder Patschspiele, bei denen man die Hände des anderen berührt. Das mag alles zu banal sein, um mit dem vornehmen Begriff “Menschlichkeit” in Zusammenhang gebracht zu werden, aber auf seine Art gehört es dazu. Menschlichkeit ist nicht nur das Ausstellen von grossen Schecks für irgendwelche humanitären Aktionen, sondern auch das kurz den Arm um die Schulter – Legen oder der mitfühlende Händedruck. Oder auch der ganz normale, alltägliche Umgang miteinander, den wir hoffentlich nicht verlernen: ein paar Worte nebenbei mit der Kassiererin, ein Dankeschön mit in – die – Augen – Schauen für den Paketboten, ein höheres Trinkgeld für einen aufmerksamen Kellner. Ich wünsche mir so sehr, dass wir diese Angewohnheiten nicht verlieren und sie irgendwann wieder so unbefangen wie vorher ausführen können.

(Bild: Markus Uhl)

Frühlingsregen

Nächster Montag, ähnliches Wetter, aber bessere Laune: ich stehe wieder auf der überdachten Treppe bei der Burg und schaue auf die Symphonie in grün und grau, die sich den Augen an diesem Regentag bietet. Der Inn fliesst breit und langsam in einem herrlichen Dunkelgrün, das er nur bei kalten Temperaturen hat. Die tiefhängenden grauen Wolken verschwimmen fast mit dem Wasser. Einige der hohen alten Bäume bekommen schon hellgrüne Fingerspitzen an den Enden der Äste und bringen einen direkt frühlingsfrischen Hauch in die Szenerie, während es ruhig und unaufhörlich regnet. Aber schön angenehm, nur von oben und nicht von der Seite wie letzte Woche. Was auch zur Besserung der Stimmung beiträgt: ich habe mir keinen Kaffee geholt. Erstens wäre der fünfte in dreizehn Monaten wirklich etwas extravagant, zweitens macht es keinen Spass, bei Kälte im Freien Kaffee zu trinken. Heute hat es zwar milde acht Grad, verglichen mit letzter Woche eine enorme Änderung, aber trotzdem – das mit dem Mitnehmkaffee war zu Recht noch nie mein Ding. Ich fürchte, ich werde aufhören, mein Café zu unterstützen (falls man bei meiner Abholrate überhaupt noch von Unterstützung reden kann) und hoffen, dass es trotzdem überlebt, bis wieder zivilisiertere Zeiten herrschen und man am Tisch sitzen darf.

Während ich in den Regen schaue und denke, dass es ein ungewöhnlich langer Winter ist, stelle ich fest, dass in zwei Monaten die Tage schon wieder kürzer werden. Heisst das, dass man den Wintermantel und die Winterstiefel vielleicht gar nicht wegräumen muss dieses Jahr? Das wäre doch immerhin etwas (heute bin ich ganz darauf angelegt, die kleinen Lichtblicke im Alltag zu sehen). Es ist seltsam, dass man manchmal gar nichts Positives mehr sehen kann im Einerlei der jetzigen Weltlage und sich an anderen Tagen aufrichtig freuen kann über Kleinigkeiten, die für andere Menschen vielleicht gar nicht so schön sind. Wie Wollpullis das ganze Jahr über. Oder leiser Dauerregen. Ich merke auch: wenn ich zu viel mit anderen spreche, ihre Ungeduld oder ihren Frust spüre, färbt das auf mich ab. Genau so wie zu viele Nachrichten. Leider kann ich mir den Luxus nicht erlauben, gar keine Nachrichten zu verfolgen, da mein Unterrichtsalltag eng verknüpft ist mit den depperten Inzidenzzahlen und ihrer ganzen Unlogik: die Viertklässler und die Elftklässler dürfen in die Schule, aber nachmittags nicht zu mir. Was vormittags in Gruppen erlaubt ist, ist nachmittags zu zweit auf einmal zu gefährlich. Es verbindet, sich den Frust der Eltern anzuhören, aber selbst wenn wir völlig einer Meinung sind, kann ich nicht für ihr Kind eine Ausnahme mache. So gern ich das würde.

Davon abgesehen, habe ich letzte Woche mit allen Eltern gesprochen. Wahrscheinlich, weil ich wieder alle Live – Termine auf online verschieben musste von Dienstag auf Mittwoch, mit der schon gewohnten anstrengenden Plötzlichkeit. Die Gespräche waren ein gutes Stimmungsbarometer, und als ich merkte, dass mehr als einer erschöpft und frustriert ist mit dem Distanzunterricht, habe ich spontan angefangen, anzubieten, dass wir in Onlinewochen auch Pause machen können. Die Reaktionen waren wirklich interessant, denn manche protestierten sofort und baten mich, den Kindern nicht noch den einen schönen Termin zu nehmen, wenn es sonst schon nichts gibt – andere reagierten nach dem Motto “ich dachte, Sie fragen nie”, weil sie wollen, dass ihre Kinder nicht auch noch nachmittags am Bildschirm sitzen und jetzt, beim angenehm warmen Regenwetter und kaum mehr Schnee, auch mal rausgehen sollen. Bei den Privatschülern kann ich es mir erlauben, mir kleine Freiheiten zu nehmen, und jetzt habe ich tatsächlich eine Handvoll Schüler pro Woche weniger. Aber gefühlt viel mehr Zeit zum Durchschnaufen und Weggehen von dieser eckigen Kiste, die im letzten Jahr so sehr mein Leben bestimmt hat. Wie halten das nur andere aus, die tagtäglich am Computer arbeiten müssen?! Vielleicht ist es auch anders, wenn die Arbeit einfach dafür passt. Meine ist nicht dafür bestimmt, dass man nicht einmal zusammen in einem Raum sitzen darf. Man toleriert die Herausforderungen wie nachhinkender Klang, verlangsamte Kommunikation, künstlich runterregulierte Lautstärken und ein allgemein nivelliertes dynamisches Niveau eine gewisse Zeit, wenn es anders gar nicht gehen würde. Aber keiner wollte, dass diese Art des Unterrichts zum Dauerzustand wird. Es darf auch wirklich langsam wieder anders werden. Wenn man sich vorstellt, dass meine kleinen Schüler bereits ein Zehntel oder noch mehr ihrer Lebenszeit in diesem seltsamen Schwebezustand verbracht haben, wird einem ganz anders. Das muss doch Dellen in ihrer Entwicklung hinterlassen.

Gestern hatte ich viel Echtzeitkontakt mit meiner Freundin in Japan, weil ich was für sie übersetzen sollte und wir trotz Zeitverschiebung hin und herkommuniziert haben. Sie ist Lehrerin und erzählte, dass trotz hoher Zahlen die Schulen immer geöffnet waren. Sie konnte es nicht fassen, dass die Kinder hier seit Mitte Dezember zuhause sind, von den fünf glorreichen Tagen abgesehen, in denen die Schüler laut Regierung “ihre Schule mal von innen sehen sollten”. Sie sagte, das einzige, was sie machen, ist Händewaschen und Masken tragen. Keine Tests, keine Impfung bisher, weil Japaner da anscheinend traditionell zurückhaltend sind. So sehr, dass die Regierung als Motivation für die Impfung den Hinterbliebenen für jeden Impftoten bis zu 340 000 Euro Entschädigung in Aussicht stellt – das ist doch mal ein Geschäftsmodell! Von dieser Neuigkeit abgesehen, war ich erstaunt und ein bisschen neidisch, dass dort die Entwicklung der Kinder solchen Vorrang hat. Ich kann dieses und nächstes Jahr problemlos auf Reisen verzichten, und auch aufs Essengehen und Feiern (und wie!!). Aber ich würde mir so sehr wünschen, meine Schüler wieder in echt betreuen zu können, sie hier auf meinem zuverlässigen und guten Flügel zu hören und spontan mit ihnen vierhändig spielen zu können. So sehr ich wieder in die einsamen Freuden des Lockdowns hineingefunden habe und gerne wieder so weitermachen könnte: das kratzt langsam wirklich an meinem Lebensnerv.

Gestern und heute haben zwei Freundinnen Geburtstag. Normalerweise blüht an diesen Tagen unser Kirschbaum – dieses Jahr (Überraschung!) nicht. Ich bin gespannt, wie viele Tage er noch brauchen wird. Wir brauchen alle noch ein bisschen Geduld, fürchte ich.

…und ein melancholischer Moment im Frühling

Am Montagmorgen, als nach den Osterferien die Schule wieder beginnen sollte, musste ich etwas zur Post bringen und machte wie immer einen Spaziergang am Fluss entlang in die Altstadt daraus. Seit Freitag stand klar, dass in Erding kein Präsenzunterricht stattfinden konnte – ich hatte eine Stunde mehr Lebenszeit durch die entfallene Fahrt – und auch bei uns zeichnete es sich ab, dass die geöffneten Schulen nur noch eine Frage der Zeit wären. Ebenfalls am Freitag kam das offizielle Schreiben zu den Selbsttests der Schüler heraus und wurde am Sonntag an uns verschickt. Anders als noch ein paar Tage davor war nun das Einverständnis der Eltern nicht mehr erforderlich: wenn ein Kind in die Schule kam, wurde das Einverständnis vorausgesetzt. Das hat mich mehr getroffen, als ich erwartet hatte. Ich war müde, als ich es am Sonntag abend las, aber mehr als nur körperlich müde. Wieder ein winziges Stückchen Selbstbestimmung, das verloren gegangen ist und im nüchternen Anweisungs – Beamtendeutsch noch grausamer klingt. Wenn ich Kinder hätte, wäre ich jetzt heftig melancholisch geworden. So war es nur ein Anflug, der aber seither über allem liegt. Warum muss man in Bayern so mit dem Holzhammer bearbeitet werden? Ich habe mir zum Vergleich offizielle englische Webseiten angeschaut. In Grossbritannien sind die Selbsttests nicht verpflichtend, aber die Teilnahmerate ist enorm hoch – weil die Sache den Eltern und Kindern so warm empfohlen, so liebevoll – sorgend ans Herz gelegt wird, dass man direkt enthusiastisch wird, sofort auch einen Selbsttest durchzuführen und sich privilegiert fühlt, kostenlos in den Genuss zu kommen. Der Nutzen für die Gemeinschaft wird auf eine Weise beschrieben, die mir hier völlig abgeht. Ich bin nicht stolz, meinen Teil beizutragen. In England wäre ich es vermutlich.

Ausserdem, wer weiss, wann und ob meine Zwanzigerpackung, die ich vor den Ferien kostenlos in der Schule abholen durfte, jemals zum Einsatz kommt. Sie schlummert in meiner Ledertasche. Aus dem Augenwinkel habe ich gesehen, dass draufsteht, dass man die Tests vor zu hohen Temperaturen schützen soll. Im Moment geht’s noch in meinem Dachzimmer, weil Schnee die Fenster bedeckt und draussen alles weiss ist. Wenn sich die Schliessungen noch weiter hinziehen, muss ich die Tests irgendwann wo anders lagern. Denn so eisig es hier im Moment ist, so warm wird es im Sommer. Und wer weiss, ob ich meine Schüler vor dem Sommer noch sehen darf.

Sommer… Noch eine Hoffnung, die wir streichen können? Gestern habe ich sechs Stunden lang online unterrichtet mit der schottischen Schafwolljacke über den Knien. Heute schneit es sogar noch mehr. Der Schnee hat sich gestern morgen schon angekündigt, als ich in der Stadt war. Nach meiner Erledigung dachte ich, zur Hebung der Moral beginne ich diesen Block zwischen Ostern und Pfingsten mit einem Mitnehm – Kaffee. Mein vierter seit März 2020!! Und ich kann jedes Mal genau beschreiben! (Beim ersten bekam ich wegen wochenlanger Abstinenz derartige Palpitationen, dass ich dachte, ich sei ein Fall für die Notaufnahme. Das war auf einer Bank im Riedergarten in Rosenheim, dem wunderschönen alten Apothekergarten. Und ich dachte: super, ich kollabiere inmitten von Heilkräutern.)

Wenn kein Lockdown gewesen wäre, hätte ich mich natürlich in mein Lieblingscafé gesetzt und hoffentlich die Zeitung zum Kaffee ergattert. Jetzt konnte ich ihn dort immerhin abholen, musste zum Konsumieren aber rausgehen. Bei drei Grad und Schneeregen stellte ich es mir ganz gemütlich auf der überdachten hölzernen Brücke unterhalb der Burg vor. Als ich dann tatsächlich dort stand, den Schirm zwecks Händewärmung am Becher am Boden, und mich der windige Schneeregen trotz Dach leicht seitlich anpeitschte, half selbst der schönste Milchschaum nicht: eigentlich war das miserabel. So sehr ich Regen und graues Wetter sonst liebe. Aber meine Stimmung war zu angeknackst, mein Optimismus zugedeckt wie die Bäume vom Schnee, weil der Zustand einfach schon zu lange anhält. Nachmittags würde der Musikunterricht im Landkreis ab in zwei Tagen wieder verboten werden, was jeder kommen sah – trotz Selbsttests, trotz Masken, obwohl wir hier zu zweit auf 40 Quadratmetern sind und ich lüfte, bis wir schlottern. Ich bin wirklich froh um die Möglichkeit, meine Schüler online zu erreichen und auf diese Art bei der Stange zu halten, aber es war als Übergangslösung gedacht. Als Notlösung. Jetzt ist es der Dauerzustand und wird langsam unbefriedigend für mich. Die Kinder (und vor allem deren Eltern) scheinen dankbar zu sein für die kleinste Abwechslung im Alltag, doch ich frage mich langsam, wie lange man das unbeschadet machen kann, ohne dass sich Haltungs – und andere Fehler einschleichen, die man danach wochenlang korrigieren muss. Von der Entwicklung des Klangempfindens ganz zu schweigen. Und der Teil der Klavierstunde, auf den ich mich als Kind immer am meisten gefreut habe, das Vierhändigspielen, entfällt ersatzlos. Langsam ist das nur noch traurig.

Ich versuche weiterhin, mich an meinem eigenen, inzwischen sehr zotteligen Schopf aus dem Gedankensumpf zu ziehen. Immerhin habe ich drei Osterglocken aus dem Garten gerettet, als es gestern morgen anfing, zu schneien. Am Sonntagabend haben sie noch, von der untergehenden Sonne von hinten beschienen, wie kleine helle Sonnengesichter gestrahlt. Jetzt sind die Gefährtinnen der zart duftenden Osterglocken auf meinem Schreibtisch verschwunden im Schnee. Erst nur vornüber gebeugt, die lieben Köpfchen in den Boden gedrückt, jetzt ganz weg. Wie mein ehemals schwarzes Auto, das sich in einen weissen runden Elephant vor der Haustür verwandelt hat (jippie, ich hab schon die Sommerreifen drauf! Aber ich fahre ja ohnehin nicht!) Ich kann damit leben, dass man nicht verreisen oder essen gehen kann, und dass man niemand anderen sehen darf, gefällt mir nach wie vor. Aber es höhlt langsam den Lebensnerv aus, wenn man seiner Arbeit nicht in der gewohnten Qualität nachgehen kann. Die Osterglocken, die Sonntagskuchen sind ein Versuch, alles ein bisschen erträglicher zu gestalten, aber im Moment wirken sie nicht mehr. Denn ich fühle mich machtlos und bevormundet, seit Monaten schon. Ich halte die Corona – Massnahmen für sinnvoll und nachvollziehbar und halte mich sorgfältig daran. Ich wäre nur bitte gern selber drauf gekommen, oder hätte gern nach entsprechend sanfter Belehrung eingesehen, dass wir nur so aus der Misere rauskommen. Dass es Vorschriften sind, dass Bussgelder zu ihrer Umsetzung angedroht werden, macht mich traurig. Sind wir wirklich so doof, dass der Staat sich derartig aufplustern muss? Doch, wahrscheinlich sind wir das, wenn man sich die Nachrichten von Parties und und Maskenverweigerern anhört. Mein Glaube an die Weiterentwicklung der Menschheit geht zusammen mit meinem letzten Gefühl der Selbstbestimmung den Bach runter. Und dazu schneit es im April.

Sonst beruhigt es mich, am Inn stehenzubleiben und dem breiten, langsamen Fluss zuzusehen, der jeden Tag anders und doch immer gleich ist. Manchmal sind meine Tage so turbulent, dass ich den guten alten Fluss um seinen Gleichmut beneide und mich in ihn hineinversetzen will, um selber etwas Ruhe zu finden. Diese meditativen Minuten draussen haben mich schon durch manche Woche gerettet. Gestern hatte ich zum ersten Mal den Eindruck, dass der jadegrüne Fluss ein unglaublich aufregendes Leben führt, immer in Bewegung, immer vorwärts vom Engadin zum Schwarzen Meer, sorglos und ohne PCR – Tests Grenzen überschreitend, keine Sekunde ruhig – während wir es sind, die auf der Stelle bleiben und komplett stagnieren. Noch ein Paradox, das einen nicht wirklich wundert in diesen Zeiten, oder? Und es wundert einen auch nicht, wenn einen gelegentlich ein Hochwasser aus dunklen Gedanken überspült. Aber keine Angst (und keine besorgten Nachfragen!), im Grunde geht’s mir sehr gut, und bis 14 Uhr werde ich mich wieder im Griff haben und Lebensmut unter meinen Schülern verbreiten. Es kann nur langsam mal anders werden.

Ein Glücksmoment im Frühling

Meistens weiss man erst hinterher, dass man glücklich war. Nicht in dem Moment, in dem man glücklich ist. Man stellt hinterher erstaunt fest, dass man in diesen Sekunden ganz unerwartet und ungeplant einfach vom Glück überfallen wurde, obwohl man doch nur kurz auf die Terrasse gehen wollte, um was auszuprobieren.

Der winzige Virus hat uns viel Verdruss und Chaos beschert, aber auch, bei aller Beschränkung von Freiheiten, eine neue Art von Freiheit. Ich bin zu Zeiten zuhause, an denen ich sonst nie da bin, oder kann mich gelegentlich frei bewegen, wenn ich sonst nur im Wohnzimmer am Klavier wäre. Meine Erding – Tage im Homeoffice kommen mir immer noch wie ein Geschenk vor. Es fühlt sich gut an, zuhause zu sein, und es gibt doch gelegentliche Minipausen, mal fünf Minuten, mal sogar fünfzehn, wenn jemand absagt (weil er exakt zur Klavierstundenzeit einen Zahnarzttermin hat…), die ich ganz anders nutzen kann, wenn ich daheim bin und es mir gönne, kurz vom Computer wegzugehen. In der Schule würde ich verschnaufen. Üben. Kopieren gehen. Vergessen, dass ich grade eigentlich Pause hatte.

Letzten Montag nutzten der Gatte und ich die Zeit, um dem Bügelbrett ein neues Mäntelchen anzuprobieren. Denn am Tag davor hatte der jahrzehntealte Bezug gar arg gebröselt und geflockt und derart sichtbar protestierend angezeigt, dass sein Verfallsdatum tatsächlich überschritten war, dass eine Neuanschaffung unvermeidbar war. Aus unerfindlichen Gründen geht der Gatte gern in den Baumarkt, und so bat ich ihn, auf dem Rückweg von der Klinik einen neuen Bezug für’s treue Bügelbrett mitzubringen, nach meinen sorgfältig und liebevoll abgemessenen Spezifikationen. Die natürlich, wie das so ist, wenn man sich schon länger kennt und der eine Naturwissenschaftler, die andere Künstlerin und der Improvisation nicht abgeneigt ist, einer Zweitprüfung unterzogen wurden. Aber, oh Frühlingswunder, die ersten Masse wurden als korrekt akzeptiert und als Grundlage für die Anschaffung eines Mäntelchens genommen. Laut Beschreibung auf der Packung war es jedoch auf jeder Seite einige Zentimeter zu kurz. Als gute Gattin fragt man nicht, warum denn die Masse sichtbar unterschritten wurden (war es ein dezenter Hinweis darauf, dass unser Bügelbrett auf Diät gesetzt werden sollte? Kauft man Schuhe drei Nummer zu klein in der Hoffnung, dass man sich doch irgendwie reinzwängen kann und viel schicker aussieht?), sondern beglückwünscht den Kauf, da zufälligerweise der wertige Testsieger angeschafft wurde, bedankt sich für den Umweg ins Männerparadies und schlägt vor, die Umhüllung doch zusammen anzulegen. Auf der Terrasse, weil das ganze Brett immer noch leicht bröselt. Kurzfassung: die neue Auflage ist hoffnungslos zu kurz und erfordert einen weiteren Ausflug in den Baumarkt zum Zweck des Umtauschs. Was nicht weiter schlimm ist, da das ja immer noch so ziemliche das Aufregendste an Freizeitgestaltung ist, was man im zweiten Lockdown unternehmen kann. Wenn ich allerdings bedenke, wie verzückt der Gatte den ebenfalls erworbenen Zwei – Komponenten – Kleber anstarrt – eine Kaufurkunde für ein Haus in Amalfi könnte kein seligeres Lächeln auslösen – frage ich mich, ob wir uns nicht, ohne es zu wissen, in einem bizarren gesellschaftlichen Experiment befinden, in dem wir durch Mangel und Entbehrung lernen sollen, den wahren Wert der Dinge wieder zu erkennen.

Aber: das desolate Bügelbrett hat uns beide rausgelockt, in einem Glücksmoment, als wir auch beide nachmittags zuhause waren und Zeit hatten für Banalitäten. Die Sonne schien. Die Hecke war grade frisch geschnitten und sah ausnahmsweise richtig gut aus. Die Katze zählte am Teich gewissenhaft die Fische, die ihrerseits glücklich tänzelnd und schlängelnd die weissen Wolken am Himmel sehen wollten, der wochenlang von einer Eisschicht verborgen gewesen war. Als wir versuchten, das lächerlich kleine Mäntelchen über das Bügelbrett zu zwängen, wusste ich nicht, dass ich gerade im Glück bade. Es hätte ein Moment der Verzweiflung und der Vorwürfe sein können. Dass ich glücklich war, stellte ich hinterher erst fest, als ich wieder in meinem Arbeitszimmer am Computer sass und meiner nächste Schülerin zuhörte.

Glück, das sind die Banalitäten, die ganz kurzen Augenblicke. Nicht die sorgfältig geplanten grossen Feiern, die lang ersehnten Urlaubsreisen, das neue Auto. Es kommt nicht auf Knopfdruck. Aber es kann einen überraschen, wenn man am wenigsten damit rechnet. Und vielleicht werde ich mich jahrzehntelang an den lächerlichen Bügelbrettbezug erinnern, weil in dem Moment, auch wenn der Bezug gar nicht passte, alles gut war und die Sonne dazu schien.

Sabbat – Jahr

Gelegentlich, ganz gelegentlich, habe ich von einem Sabbat – Jahr geträumt. Einer grossen Auszeit mit viel Freiraum für Kreativität auf Knopfdruck, wie man immer hofft. Aber es war nicht wirklich nötig bisher: mein Leben ist eine gut ausbalancierte Mischung aus erfüllender Arbeit und viel freier Zeit (in den Arbeitswochen)/ einfach nur ganz viel freier Zeit in den vielen Ferienwochen. Wegen mir hätte es so bleiben können.

Und dann kam die Pandemie und bescherte uns kollektiv eine Art Sabbat – Jahr, ob wir wollten oder nicht.

Seit einem Jahr nun bewegen wir uns vollentschleunigt durch’s Leben. Wir leben vor allem alle noch, also alle aus meinem näheren und auch weiteren Umfeld – danach sah es nach den düsteren Prophezeiungen letzten März ja nicht unbedingt aus. Der Gatte und ich kennen keinen einzigen, der an Corona gestorben wäre. Erkrankt waren drei unserer Bekannten, eine erst ganz aktuell. Die anderen beiden haben praktisch nichts gespürt und ihre Quarantäne zur weiteren Vollentschleunigung und zum Kellerausmisten genutzt. Wer bei dieser herzlosen und ungeduldigen Einleitung denkt, ich hätte was gegen die Coronamassnahmen, würde mich gar ins Lager der seltsamen Leugner begeben, sei beruhigt – ich bin ein echter Lockdown – Fan. Wenn’s nach mir ginge, dürften die Kontaktbeschränkungen ruhig noch ein paar Jahre andauern. Aber das darf man kaum laut sagen, ebenso wenig, wie man die Massnahmen öffentlich anzweifeln sollte. Und mir ist bewusst, dass ich von einer sehr privilegierten Warte aus spreche. Die Pandemie hat unglaublich viel Leid, Kummer und grosse existentielle Probleme für viele Berufsgruppen mit sich gebracht. Es wird Jahre dauern, bis wir das wirtschaftliche Desaster des Lockdowns überwunden haben werden. An andere Langzeitfolgen wie die enormen Lücken, die Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern mit sich rumschleppen werden, will ich gar nicht denken. Kann man je wieder ausbügeln, was in der Entwicklung von kleinen Menschen schiefgegangen ist? Kann man die Sprachentwicklung oder soziales Lernen irgendwie beschleunigt nachholen, und alle sind wieder auf dem gleichen Stand und können beurteilungsmässig über einen Kamm geschoren werden? Der plötzliche Totalstillstand wird viele unerwünschte Folgen haben. Mir ist bewusst, dass wir uns als Gesellschaft in einer prekären Lage befinden. Und mir ist bewusst, dass es ältere Menschen, die schon vorher unter ihrer Einsamkeit gelitten haben, jetzt noch schwerer haben. Und Kinder unbedingt andere Kinder brauchen, um gesund aufzuwachsen. Besuchsverbote in Seniorenheimen oder die Aufforderung, dass sich Kinder für einen einzigen Spielfreund entscheiden sollen, tun mir das in der Seele weh. Und ich bedaure die Jüngeren, die noch nicht viel von der Welt gesehen haben und gern reisen würden.

Wenn ich nun aber all das nicht berücksichtige und nur aus meiner persönlichen Lage als mittelalter Mensch, der schon viel Schönes erlebt hat, auf dieses Jahr im Ausnahmezustand zurückblicke, kann ich sagen: ich war noch nie so tiefenentspannt wie jetzt. Ich war selten so ausgeschlafen, glücklich und ganz bei mir. Ich bin so ausgeschlafen, dass ich nicht mal mehr meine gelegentlichen anfallsartigen Mittagsschlafe brauche. Ich hatte Zeit, alles zu verarbeiten und nachzudenken. Im Alltag hastet man oft von einem Ereignis ins Nächste. Manches ist aufwühlend und schlimm, manches vielleicht nur ärgerlich, aber bevor man sich gedanklich richtig damit beschäftigen konnte, passiert das Nächste. Spazierengehen oder Tagebuchschreiben hilft, aber noch mehr hilft es, sich in Abgeschiedenheit und echter Seelenruhe Gedanken zu machen. Ich hoffe, ich stosse niemand vor den Kopf, wenn ich sage, dass das Allerentspannendste für mich die Kontaktbeschränkungen waren. Manche meiner Mitmenschen mag ich ja. Dass es nicht all zu viele sein müssen, wusste ich immer schon. Aber der Lockdown hat mir gezeigt, was ich schon immer ahnte: ich wäre die geborene Einsiedlerin. Ich würde erst richtig aufblühen, wenn ich endlich meine Ruhe hätte. Ich hatte schon mit sechzehn Visionen, dass ich später mal allein in einem Turm in Irland leben will. Am besten noch auf einer winzigen, schwer zugänglichen Insel. Irgendwie hat das nie geklappt – aber gefühlt war ich noch nie so nahe dran wie im letzten Jahr. Die Ruhe, das Bewusstsein, dass fast niemand mich stören würde, hat ungeahnte kreative Kräfte freigesetzt. Auf Knopfdruck. Oft sitze ich schon um sechs Uhr morgens am Schreibtisch und schreibe. Noch öfter lösche ich, was ich am Vortag geschrieben habe, und auch wenn das die Umkehrung des kreativen Akts ist, tut sich doch was. Ich übe immerhin. Und selbst wenn ich manchmal nur in meinem imaginären Turmzimmer liege und ein paar Seiten des anderen – echten – Turmbewohners Montaigne lese, zählt das zur Tiefenentspannung und Inspiration. Seine Gedanken könnten nicht so in mich einsickern, wenn ich schon wieder auf dem Weg irgendwohin wäre.

Obwohl ich in den letzten zwölf Monaten fast keine Klavierstunde nicht gegeben habe, also praktisch Vollzeit gearbeitet habe, kommt es mir vor, als würde ich beseligt und heiter im berühmten Sabbat – Jahr leben. Allein, weil die Wochenenden herrlich frei vor einem liegen, immer noch, und auch im letzten Jahr komplett für Schönes genutzt werden konnten. Und weil ich kaum mehr Auto fahre. Ich habe das letzte Mal kurz nach Silvester getankt und bin seither 99 Kilometer gefahren – normalerweise sind es nur für die Arbeit 800 Kilometer im Monat. Das ist geschenkte Lebenszeit, mit der ich gar nicht gerechnet habe. Der damit verbundene Stress, vor allem die unberechenbaren fünf Bahnübergänge auf dem Hinweg und der Haupt – Berufsverkehr auf dem Rückweg, ist einfach weggefegt. Statt dessen habe ich an einem Tag um halb sechs am Abend eine Freundin angerufen – das ist eine Zeit, in der ich normalerweise gar nie erreichbar bin, weil ich entweder unterrichte oder Auto fahre. Ich habe mit meiner Freundin geplaudert im vollen Bewusstsein, dass ich sonst an diesem dunklen, kalten Januarabend im Auto sitzen würde, ein kleines Kettenglied in einer Schlange aus glänzenden Lichtern, die sich langsam über die volle Bundesstrasse windet. Das war tatsächlich ein erhebendes Lebensgefühl.

Überhaupt, dieses frühere Zuhausesein nach dem Online – Unterricht: mein “Heimweg” sind drei Treppen. Manchmal habe ich mittags oder in einer Pause schon die Kartoffeln aufgesetzt und dann in Ruhe neue Rezepte ausprobiert oder alte, zeitaufwändigere zelebriert, auch an ganz normalen Werktagen. Und an den meisten Wochenenden gab es einen Kuchen, oft auch nach neuen Rezepten wie kürzlich einen traumhaft duftenden Orangenkuchen mit selbst kandierten Orangenscheiben aus Kate Young’s wunderbarem “Little Library Cookbook”. Vielleicht haben wir deshalb auch das Gefühl, in Endlos – Ferien zu leben? Wir haben auf jeden Fall noch nie die Spülmaschine so oft laufen gehabt. Und irgendwie ist das auch ein Zeichen von Angekommensein, von Zuhausesein, wenn man langsam die Arbeitsplatte noch mal abwischt, während die Maschine leise brummt, und dann mit einem Portwein und seinem Buch auf’s Sofa geht, auch ganz in Ruhe und im Bewusstsein, alles erledigt zu haben, was im Alltag so anfällt. Weil man ja den ganzen Tag zuhause war.

Meine persönliche Bilanz nach einem Jahr Ausgangsbeschränkungen ist also: es war ein nötiger und heilsamer Reset. Jede Maschine braucht das mal. Warum nicht auch ich? Ich vermisse nichts, das Reisen nicht und auch nicht die Friseurbesuche. Seit dem ersten Lockdown schneide ich mir die Haare selber, schon zum dritten Mal jetzt. Dank angeschaffter Ringleuchte für die Videokonferenzen steht meiner Karriere als Influencerin auch nichts mehr im Wege – wenn ich mal zu viel Zeit habe, produziere ich ein Tutorial zum Thema “Wie werde ich autark/Kapitel 1: Haareschneiden am Hinterkopf ohne Spiegel. Kapitel 2: Ein Jahr ohne Kleiderkäufe//Neue Kombimöglichkeiten für Stücke, die man sonst zu anderen Jahreszeiten trägt.” Wegen mir dürfte es gern noch ein bisschen so weitergehen.

Homeoffice

Voll aufregend: mein eigenes Arbeitszimmer

In der zweiten Online – Unterrichtswoche, als es richtig kalt war und die Winterlandschaft vor meinem Fenster in der Sonne glitzerte, habe ich aus dem Wohnzimmer einer alten schwedischen Villa unterrichtet: weisse und hellgrüne Einrichtung, rechts ein hoher weisser Kachelofen, in dem ein Feuer flackert, ein behagliches Sofa, Zimmerpflanzen am Fensterbrett. Mit diesem Hintergrundbild habe ich meine liebste Lockdown – Phantasie ausgelebt, die ungefähr zu Schulbeginn aufkam, als alles anfing, kompliziert zu werden. Irgendwann dachte ich: ich will nur noch weg hier. Ganz weit weg. Irgendwohin, wo ich meine Ruhe habe und trotzdem online unterrichten kann. Und da fing ich an, von Nord – Norwegen zu träumen. Sehr kurze Tage, viel Schnee zum Räumen, alle zehn Tage den weiten Weg zum Supermarkt fahren – perfekt.

Ich bin noch hier. Physisch. Aber in meinen Tagträumen war ich vorletzte Woche in Skandinavien. Habe vor und nach dem Unterricht je neunzig Minuten im Halbdunkel Schnee geschippt und bin mittags, wenn es einigermassen Tag wurde, auf dem See neben dem Haus Schlittschuh gefahren, bevor ich mit meinen Online – Schülern losgelegt habe. In echt habe ich einen feinen Nusskuchen gebacken, der bis in mein Arbeitszimmer hoch geduftet hat und meine Norwegen – Träume mit zartem Zimtduft untermalt hat. Meine weisse dicke Zopfmusterjacke getragen. Dabei stört es mich kein bisschen, dass ich noch nie in Skandinavien war.

Genau wie meine nächste Phantasiereise – nach einem Woody – Allen – Film war ein Umzug nach New York angesagt. Ein anderes Sehnsuchtsziel von mir, noch unerreichbarer als Norwegen wegen noch mehr Wasser dazwischen. Aber seit Jahr(zehnt)en lese ich Romane, die in New York spielen, mit meinem inzwischen abgegriffenen Falk – Plan neben mir und stelle mir vor, in welches Museum ich zuerst gehen würde. Habe ein vielleicht geschöntes Bild von Brooklyn durch zwei Blogs, die ich regelmässig lese. Schaue Filme, in denen zu Fuss durch Manhattan gelaufen wird. Bereite Lasagne zu mit dem Soundtrack eines Woody – Allen – Films, was für mich Jazz – Ignorantin als echte Fortbildung durchgeht. Ich merke mir Adressen von Buchläden oder dem wunderbaren kleinen Bleistiftladen in der Orchard Street und schaue nach, welche U – Bahn – Station die nächste ist. Da ich als Klavierlehrerin wegen der horrenden Mieten in Manhattan wahrscheinlich in Brooklyn wohnen würde, habe ich die Fährverbindungen über den East River schon mal abgecheckt (Atlantic Avenue zum Pier 11: 9 Minuten, 2.75$) Ich könnte ganz in Ruhe vormittags Bleistifte kaufen in der Orchard Street, ganz ohne U – Bahn, und wäre pünktlich zum Unterrichten zurück. Nach einer fair gehandelten veganen Hafermilch – Latte im nachhaltigen Becher und einem Rosinenbagel im Café, natürlich. Und nachdem ich eventuell Noten in einem echten Geschäft ausgesucht habe und sie nicht online bestellen musste – aber jetzt kommen wir schon zu den sehr privaten, sehr aufregenden Phantasien einer Musikerin in der Provinz. Letzte Woche habe ich mich zum Hintergrundbild – Umzug entschlossen: mein Wohnzimmer in Brooklyn hat die typischen zwei hohen Altbau – Fenster, hellblaue Wände, viele Bücherregale und ein schwarzes Klavier.

So albern diese Gedankenexperimente klingen, haben sie doch eine gewisse positive Wirkung auf die allgemeine Seelenlage. Es macht tatsächlich einen Unterschied, ob man sich mehrere Stunden am Tag vor einem hübschen ungewohnten Hintergrund sieht oder ob es das immer gleiche Zimmer ist. (Wobei mein Zimmer ja auch in Ordnung ist. Und ich bin sicher: es gibt jemand in Brooklyn im Homeoffice, der sich wünscht, irgendwo in einer kleinen Stadt ganz im Grünen zu leben. Mit einem sauberen Fluss, der nicht nach Motoröl riecht. Frischer Luft. Grossen alten Bäumen vor dem Fenster und einem flammenden Winter – Sonnenuntergang dahinter. Kindern, die auf dem Hügel neben dem Haus Schlittenfahren.) Anfangs war ich erstaunt, wie sehr sich die Phantasiereise in den ganzen Alltag hineinzieht, bis hin zu: was würde ich in Schweden anziehen? Was in New York? Was würde ich kochen? Mich fasziniert auch die Vorstellung, wie sich mein Leben, so, wie es jetzt ist, in einer anderen Stadt anfühlen würde. Nicht aus einer Unzufriedenheit heraus, nicht aus Nostalgie, was hätte sein können – wobei das unweigerlich ein bisschen mitschwingt bei solchen Ausflügen in eine gedankliche Zwischenebene – , nicht aus dem konkreten Plan heraus, nächstes Jahr um diese Zeit will ich dort oder dort leben, sondern ganz einfach: wie wäre es, wenn ich jetzt dort wäre? Heute, an diesem einen, einmaligen Tag? In genau diesem trüben Wetter, mit einem zinngrauen Himmel, vorzugsweise Nieselregen oder sogar leichtem Schneefall? Es ist eine Art zur – Seite – Denken. Keine Rückschau, kein Wunschtraum für die Zukunft, keine andere zeitliche Ebene – als Musiker reist man ohnehin genug durch die Zeit – , sondern einfach eine andere Realität, jetzt, in diesem Moment. Eine Art von Realität, die gleichzeitig völlig irreal ist. Ich liebe diese Idee.

Und es tut gut. Mein Lockdown, diese immens lange runtergedrückte Pausentaste, ist bunt und spannend. Monotonie ist bis jetzt noch nicht eingetreten, und ich kann einen Bekannten nicht verstehen, der sich kürzlich beklagt hat, wie fad alles ist. Ich bin in Brooklyn aufgewacht und habe die Möwen kreischen hören – das ist nicht unbedingt fad. Dieses Gedankenexperiment öffnet Fenster nach innen und bringt ganz viel frische Luft ins Alltagsleben. Alles ist plötzlich neu, spannend und anders, wenn man sich vorstellt, man würde das tägliche Einerlei an einem anderen Ort erleben. Und der Ortswechsel muss offensichtlich nicht mal geographisch sein. Ist das nicht praktisch? Ich brauch kein Sabbat – Jahr, ich erlebe das einfach während des Lockdowns von zuhause aus. Fühle mich aber erfrischt und angeregt, als wäre ich auf einem anderen Kontinent gewesen. Wasserburg kann ein Stadtteil von New York werden, wenn man nur fest genug daran glaubt.

Aber dazu muss man mit einem Fuss in einer Traumwelt stehen und sich die Fähigkeit bewahrt haben, über den schnöden Alltag hinauszusehen. Träumen können, Fernweh und Sehnsüchte haben, bedeutet ja nicht, dass man mit dem Hier und Jetzt unzufrieden ist. Aber es gibt immer eine Parallelwelt. Ein Parallel – Leben. Immer die Frage: wie würde ich leben, wenn manche Weichen anders gestellt worden wären oder ich bewusst den anderen Pfad eingeschlagen hätte? Ich bin gern in unserer kleinen gotischen Stadt hier. Aber es hält mich lebendig, mich in andere Orte hineinzuträumen, bis ins kleinste Detail. Nicht nach dem tragischen Motto aus Schubert’s “Wanderer”: “Dort, wo du nicht bist, da ist das Glück.” Sondern: dort, wo ich bin, ist das Glück. Und manchmal schaffe ich es, in Gedanken an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Wer keine Sehnsucht mehr hat, ist schon halb tot, oder? Und Sehnsucht oder die ganz konkrete Variante dieses Gefühls, Fernweh, können ein starker Motor sein, um noch bewusster im echten Leben zu stehen. Ich unterrichte diszipliniert über den Bildschirm, auch wenn ich jetzt schon am Rand einer Sehnenscheidenentzündung bin und das Gefühl habe, ich habe den Schratzen bisher hauptsächlich eine Emoji – Etikette (wie oft ist zu oft?) eingebläut. Trotz hehrer Ziele wie Notendiktat über die Distanz. Und ich arbeite nicht nur, um die Kinder bei der Stange zu halten, sondern auch, um Geld zu verdienen. Damit ich eventuell eines Tages doch noch nach Amerika komme. Denn, der geneigte Leser wird es schon bemerkt haben, die echten Sehnsuchtsziele sind für Nicht – Flieger mit einer komplizierten Anfahrt verbunden. Vielleicht, weil unerfüllte Sehnsucht die langlebigste und bittersüsseste ist. Ich träume auch von Paris. Oder Florenz. Aber nicht so heftig. Denn ich könnte in Rosenheim in einen Zug steigen und wäre dort. Da regt sich nicht so viel im Herzen, als wenn ich erst die Webseiten von Frachtschiffen, die einzelne Passagiere mitnehmen, studieren müsste. Eine gewisse Unerreichbarkeit, ein bisschen Herzziehen, gehört zur echten Sehnsucht dazu. Deshalb wird sie auch nie abgegriffen oder uninteressant.

Das war bei den Minnesängern so, das ist mit mir und New York so. Und wahrscheinlich will ich gar nicht, dass das Objekt meiner Begierde greifbar wird. Neben mir liegt der alte Falk – Plan. Auf dem Cover ist das World Trade Center, der Preis steht noch in D – Mark drauf. Ich hatte wahrlich genug Zeit, den Wunschtraum Wirklichkeit werden zu lassen. Aber von was würde ich dann träumen? Was wäre meine Utopie, mein Ort, an dem es alles besser und unterhaltsamer wäre? Was wäre meine Motivation, zu arbeiten und Geld auf einem extra Reisekonto zu sparen? Denn wenn ich mal dort gewesen wäre, bräuchte ich ein anderes Traumziel für den Eskapismus und als Antrieb, auch die weniger aufregenden Stunden im Unterrichtsalltag zu überstehen. Jeder hat diese Erfahrung gemacht, oder?

Es gab eine Zeit, in der mich fast ein Jahr lang auf dem gleichen Kontinent befand wie das jetzige Ziel meiner Tagträume. Als ich in der Nähe von Atlanta studierte, sind meine japanische Mitbewohnerin und ich zum (winzigen!) Bahnhof von Atlanta gefahren. Nach dem Bürgerkrieg war er gigantisch und eindrucksvoll. Heute steht da ein kleiner roter Backstein – Pavillon. Wir mussten wirklich zwei Mal hinschauen und konnten es nicht fassen: die Millionenstadt mit einem der grössten Flughäfen der Welt hat einen Bahnhof, der sowohl in Japan als auch Europa eher als Fahrradkeller durchgehen würde. Und in dem ungefähr zwei Fernzüge pro Tag verkehren. Nachdem wir uns genug amüsiert hatten, widmeten wir uns der Frage: New York oder New Orleans. Hätten wir uns damals für New York entschieden, würde ich jetzt den Falk – Plan von New Orleans anschmachten, da bin ich mir sicher. Aber – ich besitze nicht mal einen. Dafür viele schöne Erinnerungen an eine andere alte Stadt am Wasser, voll von alter Bausubstanz und stimmungsvollen Friedhöfen. An Silvester hielten wir uns wie Kindergartenkinder an der Hand, weil wir Angst hatten, uns in dem tumultartigen Trubel im French Quarter zu verlieren. An Neujahr frühstückten wir im “Café du Monde” mit den butterigesten Brioches und dem herrlichsten Kaffee meines Lebens. Dann fuhren wir mit der Fähre über den Mississippi, nur um wieder zurück zu fahren (ich fürchte mal, das war meine Idee. Ich mag sinnlose Fährfahrten. Und Fähren oder das auf – der – Fähre – Sein sind fast eine Metapher für diesen seltsamen Schwebezustand, den ich gedanklich grade auskoste: nicht völlig hier, noch nicht ganz dort, aber sehr zufrieden im Zwischenraum). Und bei allem sagten wir uns: wir fahren an Ostern nach New York.

Wir waren beide noch nie in New York. Sie ist wieder zurück in Japan und unterrichtet Englisch, ich sitze hier und kultiviere meine Flugangst. Damals hatten wir Zeit, aber kein Geld. Jetzt ist es umgekehrt – aber auf seine Art auch in Ordnung. Das New Orleans – Kapitel ist mit der Reise abgeschlossen. Ich käme nicht auf die Idee, mir vorzustellen, dort Klavierlehrerin zu sein. Aber ich habe Ideen und Inspiration für meine aktuellen Tagträume von dort mitgenommen. Das Tuckern der Fähren, der Dieselgestank und die flatternden Möwen können am East River auch nicht so anders als am Mississippi sein. Ich habe Stoff für Träume. Und solange es die gibt, ist das Leben reicher. Und bietet beste Unterhaltung, selbst wenn das Homeoffice noch wochenlang weitergehen sollte.

Dankbarkeit

Ein neues Jahr liegt vor uns, frisch und unberührt wie die weisse Schneelandschaft auf meinen ersten Spaziergängen in diesem Jahr. Die Helligkeit, die makellosen Flächen ohne Tapser, die frische klare Luft tun der Seele gut. Es ist seltsam, wie so ein Neustart nach dem Einschnitt der Ferien und Feierlichkeiten über Weihnachten die Stimmung heben kann. Man fragt sich durchaus, ob man etwas Amnesie hat, wenn man die düsteren Zeiten des letzten Jahres, die desolaten Statistiken, die nicht weniger desolaten Prognosen einfach so ausblenden kann. Aber vielleicht sind ein gewisser Gedächtnisverlust oder die Kunst, besonders gut zu verdrängen, auch überlebenswichtig? Vielleicht hätte man keine Motivation mehr, weiterzumachen, wenn man wüsste, dass noch mal ein so anstrengendes Jahr wie das letzte vor uns liegt. Oder bin ich nur besonders naiv? (Das frage ich mich regelmässig, wenn Mitmenschen meinen Optimismus belächeln. Aber er ist tatsächlich unerschöpflich, wie es scheint.)

Ich habe mir tatsächlich einen schönen neuen Kalender für 2021 gekauft, auch auf die Gefahr hin, dass er so lächerlich unbeschrieben bleiben wird wie der vom letzten Jahr. Beziehungsweise nur die Lockdown – Wochen für die Steuer notiert werden oder Sterbedaten von Verwandten eingetragen werden. Die ersten Schulschliessungswochen sind schon notiert – ältere Verwandte, die sterben könnten, haben wir kaum mehr. Ausser es geht jetzt langsam mit meiner Generation weiter? Man muss mit allem rechnen in diesen Zeiten.

Und trotzdem beginne ich das neue Jahr in Zuversicht und Dankbarkeit. Trotz Pandemie, Kontaktbeschränkungen, Schulschliessungen, unerwarteter politischer Instabilität in den USA. Man könnte sich die Decke über den Kopf ziehen und nichts mehr mit der ganzen Sache zu tun haben wollen – oder anerkennen, dass Vieles ausserhalb unseres Einflussbereichs liegt. Uns bleibt nur, in dem kleinen Bereich, über den wir Kontrolle haben, für andere da zu sein. Auch wenn es erschwert wird durch die ganzen Auflagen. Aber es gibt Möglichkeiten. Und keinen Grund zur Resignation. Und ich stelle wirklich fest: getragen von einem Gefühl der Dankbarkeit ist noch mehr möglich. Man darf nicht nur aufzählen, was grade nicht geht, sondern sollte seine Aufmerksamkeit darauf richten, was wir trotz allem geniessen dürfen. In meinem Fall: Arbeit, auch wenn sie die system – irrelevanteste ist, die man sich nur denken kann (“systemrelevant” und “vollumfänglich” sind meine Worte des vergangenen Jahres, letzteres gerne benutzt im Zusammenhang mit Onlineunterricht und dem Hinweis, dass er nicht immer vollumfänglich sein muss oder kann). Ein gemütliches Zuhause mit genug Platz für ein eigenes Arbeitszimmer, in dem der Onlineunterricht stattfinden kann – mir ist bewusst, dass das der pure Luxus ist und Menschen mit Familien und mehreren Kindern, die trotzdem von zuhause aus arbeiten müssen, davon nur träumen. Ein gefüllter Kühlschrank, Regale voller Lebensmittel, wunderbare Keks- und Kuchenreste von den Feiertagen, und die Mittel, um im Notfall wieder einkaufen zu gehen. (Läden, die geöffnet haben und Lieferketten, die funktionieren. Prosaisch, aber wichtig.) Ungelesene Bücher, nicht angeschaute Filme. Und natürlich auch: schon gelesene Bücher und Filme, die man immer wieder sehen könnte. Eine wohlbestückte eigene Bibliothek, die geschlossene Bibliotheken etwas weniger traurig macht. Überhaupt: echte, anfassbare Bücher. Es wäre traurig, während eines Schneesturms während einer Pandemie nur nicht – anfassbare E-Books zu haben. Also: echte Bücher. Echte Kerzen. Unser Christbaum (der dieses Jahr besonders lange bleiben muss. Wenn der Gatte, wie zu erwarten ist, um Lichtmess herum wieder mit dezenten Ermahnungen anfangen wird, werde ich dieses Jahr eventuell die Pandemie – Überlastungs – drohende Depressions – Karte bemühen. Ich hab sie die ganze Zeit nicht gebraucht. Aber irgendeinen Vorteil muss diese Seuche doch haben?

Und es gibt noch einen Vorteil, noch etwas, für das ich als introvertierter Mensch von Herzen dankbar bin: keine Geburtstagsfeiern, keine Parties, keine Einladungen. Man traut sich immer nicht, das laut zu sagen, weil andere Zeitgenossen wirklich darunter leiden. Aber für mich ist das das Paradies auf Erden. Und an der Ode darüber schreibe ich noch, die wird wirklich lang…

Ich bin dankbar dafür, dass ich trotz allem immer noch spüre, wo mein Platz und meine Aufgabe sind in dem ganzen Kuddelmuddel. Es gibt viel zu tun für mich. Ich wache jeden Tag in dem Bewusstsein auf, dass da kleine Menschen sind, die was von mir lernen wollen. Und es ist meine Aufgabe, die Welt auf diese Art mit Musik zu füllen. Irgendwie tritt das jetzt deutlicher zutage, obwohl man denken könnte, es ist das Letzte, was die Menschheit grade braucht. Aber es ist ein Mosaiksteinchen auf dem Weg zu Normalität, Menschlichkeit und Schönheit und hilft einem, nicht völlig vom Glauben abzufallen. Wer hätte das gedacht?

(Foto Oxford: et-homo-factus-est-tumblr.com)

Halt auf der schiefen Bahn

Als die Sterne sich nahekamen in einer Winternacht, in der längsten und dunkelsten Winternacht, habe ich unerwartet einen Hauch Trost und Hoffnung gespürt in diesem seltsamen Jahr. In den letzten Monaten ging so vieles drunter und drüber. Jeder musste sich täglich neu orientieren. Das lähmende Gefühl von Machtlosigkeit nahm in einem Ausmass zu, das einen langsam schon fast den Lebensmut verlieren lässt. Wie zu erwarten, lief auch das Sternegucken nicht wie erwartet ab – wir hatten dichten Nebel, schon den ganzen Tag und am Tag davor auch. Versuchshalber lief ich auf einen Hügel in der Nähe, aber – keine Sicht.

Am nächsten Tag suchte ich nach Bildern der Grossen Konjunktion im Netz. Ich erwartete: wunderbare professionelle Aufnahmen. Was ich nicht erwartete: dass der Anblick der kleinen Jupitermonde, die so brav und treu um den grossen Stern tanzen, mich so im Herzen rühren würde. Alles war seltsam und schief letztes Jahr. Ganz normal ist es ja auch nicht, wenn sich zwei besondere Planeten so sehr nahe kommen. Das Ereignis an sich passt irgendwie zum ausserordentlichen letzten Jahr, und ich dachte mir: machen wir das Beste draus, finden wir die nächste Schieflage auch noch schön. Schauen wir mal ein Bild an. Und dann – bin ich völlig berührt davon, dass in dem Chaos, in der unüblichen sich kreuzenden Bahn, die kleinen Monde so brav sind und ihrem grossen Anführer widerspruchslos auch dann noch folgen, wenn er sich auf Abwege begibt. Dass in der grossen Abweichung doch noch Ordnung herrscht. Die Loyalität der vier Trabanten traf mich wie kein anderes Bild der letzten Monate. Und hat mir unerwartet Hoffnung gegeben in diesem Jahr der Machtlosigkeit und langsamen Resignation. Egal, wo wir uns hinbewegen oder eben: nicht bewegen (dürfen), wir sind nicht allein. Jeder hat seine kleinen, aber wichtigen persönlichen Trabanten. Seien es Menschen, Haustiere, Schriftsteller, wichtige Neigungen – jeder hat etwas, das ihn hält und verankert im Chaos. Und das kann uns keiner nehmen, selbst wenn wir eine Art Hausarrest haben. Hätte ich nicht mit meinem Cellisten so konsequent Kammermusik gemacht, hätte ich nicht so viele Kuchen gebacken im letzten Jahr, hätte ich meine Seneca – Lektüre vernachlässigt: ich wäre die Wände hochgegangen. Und wie die kleinen Monde, waren diese wichtigen Gestirne immer da. Unauffällig, aber beständig. Ich musste sie nur anschauen, den Focus etwas verschieben, und merkte: ich bin nicht allein. Da leuchtet was in der Dunkelheit und weist mir den Weg. Ich schwirre nicht beziehungslos durch’s Weltall.

Und selbst wenn die Dunkelheit andauert, werden diese Begleiter weiter Licht und Sinn verbreiten. Wir sind nicht allein. Wir können anderen helfen, ihre strahlenden Monde zu finden (Seneca, Von der Ruhe des Herzens: “Denn nicht der allein leistet etwas für den Staat, der (…) sich an der Abstimmung über Krieg und Frieden beteiligt, sondern auch wer mit seinem Wort die Herzen der Jugend erreicht.”). Ein Wertesystem, eine moralische Unterstützung zu finden, die auch Krisenzeiten standhält. Es fühlt sich vielleicht seltsam an, wenn man Zuversicht verbreitet, ohne selbst restlos davon überzeugt zu sein. Aber ganz plötzlich löst sich ein Teilchen raus, findet seine eigene Umlaufbahn und fängt an, zu leuchten und zu strahlen. Und wir haben wieder den Atem, ein bisschen weiter zu machen.

Weihnachtsgeschichten

Noch nie im Leben hatte ich so früh Weihnachtsferien: der 18. Dezember wird dieses Jahr der letzte Schultag sein, an dem ich nachmittags noch online unterrichte. Wie viele Jahre lang hab ich noch am 23. bis abends meine Schüler versorgen müssen, und wie oft habe ich mich danach gesehnt, eher die Tage vor Weihnachten frei zu haben als die danach! Ich brauche sie viel eher zur Einstimmung, für letzte schöne heimliche Erledigungen, für kurze Besuche mit schön verpackten Geschenken. Und dieses Jahr sind wir gesegnet mit fast einer ganzen wunderbaren Woche Vorlauf. Minus die ganzen Weihnachtskonzerte und Weihnachtsfeiern – Zeit in Hülle und Fülle liegt vor uns, verheissungsvoll wie ein weites unberührtes Schneefeld. Man staunt es aus der Ferne an, um die unübersehbare Weite an freier Zeit nicht doch mit irgendeiner unbedachten Bewegung zu zerstören. Doch dieses Jahr kann uns praktisch nicht dazwischen kommen – keine sozialen Verpflichtungen zumindest. Das ist schon jetzt ein Weihnachtsgeschenk für mich, und es ist kostbar und besonders, weil wir nicht wissen, ob es je wieder so sein wird (ich versuche mal, die Kehrseite der Medaille zu sehen. Natürlich wäre es auch schön, unproblematisch und ohne grossartige Auflagen die Lieben sehen zu können. Aber jetzt muss man das Beste aus der Situation machen und schauen, wo die Nischen sind, die uns trotz allem Weihnachtsgefühle und Behaglichkeit spüren lassen.)

Die Karten sind fast alle geschrieben, langsam und mit Bedacht immer eine am Tag. Meistens morgens, wenn’s noch dunkel war, beim Licht der Adventskerze. Die Plätzchen warten gut verpackt in Blechdosen auf den grossen Tag. Die Früchtekuchen bekommen am 4. Advent ihr letztes Schlückchen Cognac, bevor sie verschenkfertig sind. Die Ideen für den Weihnachtsbrunch stehen, obwohl da noch mit Freude Kochbücher gewälzt werden. Ich habe einfach – Zeit. Noch fast eine Woche lang wunderbare freie Zeit. Was kann man Schöneres tun, als sich mit geliebten Weihnachtsgeschichten einzustimmen?

Ich habe (natürlich!) eine ganze Sammlung an Weihnachtsbüchern. Ursprünglich dachte ich, ich könnte alle in einem dicken fetten Weihnachts – Literaturlisten – Artikel vorstellen. Aber – wer hält denn das aus? Beim Spaziergang im dichten weichen Nebel habe ich überlegt, welches meine drei liebsten Geschichten sind. Und warum sie mir so gut gefallen. Der rote Faden scheint zu sein: Weihnachten in unüblichen Zeiten oder unter besonderen Umständen. Und immer: ein bescheidenes, selbstgemachtes Weihnachten. So schön Fülle und Überfluss grade in dieser Zeit sein können, so gross ist die Gefahr der Übersättigung und Überforderung. Optisch, akustisch, magenmässig. Wenn uns dieses Jahr etwas gelehrt hat, dann ist es der wirkliche Wert von Dingen, die wir für selbstverständlich genommen haben. Und der vorübergehende, aber trotzdem spürbare Verzicht auf manches. Egal ob es um Lebensmittel oder Mitmenschen geht: etwas nicht zur Verfügung zu haben lässt einen erst spüren, wie viel einem daran liegt. Wie viel trauriger das Leben ist, wenn manches nicht möglich ist. Und wie besonders und wertvoll es ist, Zugang zu etwas zu haben, was nicht selbstverständlich ist.

Die namenlose Freundin des kleinen Erzählers in Truman Capote’s “Eine Weihnachtserinnerung” weiss um dieses Lebensgefühl. Sie ist über 60, im Geiste aber ein Kind und im Haus nicht näher beschriebener Verwandten eher geduldet als geliebt. Ihre Weihnachtsgeschenke sind ein selbstgestrickter weisser Schal und eine Tüte Mandarinen. Das ist alles, was sie bekommt, aber sie ist überglücklich. Die Geschichte spielt zur Zeit Roosevelts im ländlichen Süden der USA. Buddy und seine Freundin verfügen kaum über eigenes Geld, aber sie verbreiten Weihnachtsfreude mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen: Eigeninitiative und Kreativität. Geben ist ihnen viel wichtiger als Nehmen. Im November zieht das ungleiche Paar mit einem alten Kinderwagen los, um Nüsse zu sammeln, die die Basis für ihre dreissig Früchtekuchen sind. Später werden die Kuchen im gleichen Wägelchen zur Post gebracht. Und auch Jahrzehnte später, und in gutsituierten Einkommensverhältnissen, kann ich bestätigen: für Alkohol und Porto geht das meiste Geld drauf bei Früchtekuchen… Im Dezember kommt das Wägelchen noch mal zum Einsatz, um massenweise Ilex und einen Christbaum aus dem Wald zu holen, der mit selbst ausgeschnittenen Papierfiguren geschmückt wird. Es ist ein bescheidenes Weihnachten, und trotzdem einer der glücklichsten Tage ihrer Bekanntschaft. Und bald ist nichts mehr, wie es war… Über der Geschichte liegt eine nebelzarte, süsse Melancholie, und es gibt Stellen von unerwarteter, klarer Einsicht, die einen tief berühren. Nicht nur deshalb bleibt sie mein Favorit unter den Weihnachtsgeschichten. Und weil sie einen so eindringlich lehrt, den Wert einer Tüte Mandarinen wieder neu zu schätzen. Ich kaufe Mandarinen im Dezember, natürlich, aber immer in dem Bewusstsein, dass sie was besonderes sind. Und nie, ohne an Buddy und seine Freundin zu denken.

Meine zweitliebste Weihnachtsgeschichte ist eigentlich das letzte Kapitel aus einem Roman. Ich mag das Kapitel und das ganze Buch so gerne, dass die Gefahr, dass ich wieder von vorne anfange, wenn ich’s schon zur Hand nehme, sehr gross ist: “The Herb of Grace” von Elisabeth Goudge erschien 1948 und erzählt, wie eine Familie im Nachkriegs – England eine neue Bleibe suchen muss und ausgerechnet ein märchenhaftes, jahrhundertealtes Haus bezieht. “Herb of Grace” ist auch der Name des Hauses am Fluss, das eine alte Pilgerherberge war. Romane mit einem Haus als Hauptperson sind ja immer meine Favoriten, und dieses ist ein ganz besonders verwunschenes Haus mit einem ebensolchen Wald drumherum, voll von Geschichten und wundersamen Erlebnissen. Die Familie und der diverse Anhang, der das Grundstück bewohnt, versuchen tapfer, mit den Nachkriegs – Rationierungen klarzukommen, die sowohl Lebensmittel als auch Kleiderstoffe betreffen. Und wie in der anderen Geschichte oben sind Kreativität und Erfindungsreichtum wichtiger als gefüllte Regale in den Läden. Das erste Weihnachtsfest im neuen – uralten – Haus wird ein Gesamterlebnis aus Worten, Musik, Schauspiel und Gebet. Und natürlich Essen. Jeder trägt bei, was seinen Talenten entspricht, und je ausgefallener und spezieller die Vorführungen werden, desto mehr fragt man sich, welcher gute Geist das abendfüllende Programm choreographiert hat. Auf jeden Fall wäre ich zu gern dabei gewesen in echt. Darüber zu lesen ist aber auch gut.

Meine Ausgaben der beiden Geschichten gibt’s leider nur antiquarisch: die Capote – Erzählung ist im wunderbaren dicken Sammelband “Heller Schein in dunkler Nacht”, 2008 herausgegeben von Rita Harenski, Arena – Verlag. Aus einem unerfindlichen Grund ist das Buch grade nicht erhältlich – ich hoffe, es wird wieder aufgelegt, denn es ist die beste Sammlung von Weihnachtserzählungen der Weltliteratur, die ich kenne, und hervorragend geeignet, um an Schüler – Weihnachtsfeiern was vorzulesen. Sollte es jemals wieder Weihnachtsfeiern geben. Meine Ausgabe vom “Herb of Grace” ist von 1949.

Aber das nächste Buch kann man einfach so im Buchladen bestellen! “Die kleine Hexe feiert Weihnachten” ist ein Dauerbrenner hier auf dem Sofatisch. Spätestens wenn ich das aus dem Regal hole, beginnt der Advent. Und meine Schüler blättern es immer wieder durch, alle Jahre wieder, weil die Illustrationen von Lieve Baeten so liebevoll und detailgetreu sind. Und ich glaube, heimlich möchte jeder wie die kleine Hexe leben: allein in einem Baumhaus, autark und selbstbestimmt, aber ganz gemütlich und heimelig. Alles ist klein und praktisch, aber das Hexchen hat alles, was es braucht, bis hin zu einer ebenso kleinen roten Katze. Obwohl sie einen schönen Baum holt und ihn liebevoll schmückt, ist ihr Weihnachten stressfrei und entspannt. Am meisten gefällt mir mit meinem Hang zum Backzwang, dass sie erst an Heiligabend nur eine Sorte Kekse bäckt – die auch umgehend zusammen mit dem Besuch verzehrt werden. Kein kompliziertes Lagern, kein Rauskramen von Dosen, keine verschiedenen Sorten… So gern ich backe, so sehr bewundere ich diese Einfachheit. Das wäre doch mal ein Plan – erst an Heiligabend was backen, sich dann sofort gemütlich vor den Baum zu setzen und sich dem Besuch widmen. Ich bin sicher, keiner hat was vermisst. Manchmal schaue ich tatsächlich selber noch dieses Bilderbuch an und denke mir immer: dieses Jahr wird’s einfacher und simpler. Hat bisher noch nicht geklappt, aber…

Etwas seekrank

Bin ich die einzige, oder lässt uns 2020 leicht seekrank zurück? Gerade die letzten Tagen waren geprägt von sich überstürzenden Beschlüssen und schon wieder anderen Beschlüssen, die die alten auf der linken Spur überholten, bevor ich sie richtig wahrgenommen hatte. War ich einen Tag nicht im Infoportal der Schule, fand ich eine neue Verordnung – und etwas weiter unten im Postkorb schon wieder die Aufhebung davon. Im September wurden uns offiziell die Klarsichtmasken ans Herz gelegt, damit die Schüler unsere Mimik sehen können und wir schöner in Verbindung bleiben – jetzt sind sie verboten und der Planet ist um etliche Kilo Plastikmüll reicher. Im letzten Schuljahr hiess es, es wird keine Leistungsnachweise online geben. Gestern durfte ich die kleinen Fünftklässler, die vom Denken her fast noch Viertklässler sind, darauf vorbereiten, dass ihr erstes Gruppenvorspiel im Januar vielleicht virtuell stattfinden wird (“Was ist ein Gruppenvorspiel?”) Zwei Tage, nachdem der Wechselunterricht ab der 8. Klasse angekündigt wurde, wurden sie komplett in den Distanzunterricht geschickt und waren von heut auf morgen nicht mehr da. Was dazu führte, dass ich alle, die in Erding oder auf meinem Heimweg wohnen, zuhause besuchte zu einer letzten Besprechung und Notenübergabe. Herr Söder hat sich das wahrscheinlich anders vorgestellt mit der Distanz, aber was soll man machen, wenn man mit 48 Stunden Vorankündigung Schüler, die man nur einmal in der Woche trifft, gar nicht mehr sehen darf? Dank des stetig rieselnden Neuschnees letzten Mittwoch wurde es eine direkt märchenhafte Winterreise und ein richtig kleines Abenteuer für mich, die ich ja sonst nie im Aussendienst tätig bin. Alles war weiss, sauber und hell. Es machte Spass, vor jeder Haustür die Stiefel abzutreten und Schneeflocken vom Mantel zu schütteln. Ich habe etliche prachtvolle Haustiere kennengelernt und generell mehr über meine Schüler erfahren (die junge Gräfin, die ich unterrichte, meinte understatement-mässig, sie würde auf den Parkplatz rauskommen, weil man den Eingang zu ihrer Wohnung ein bisschen schlecht findet. Die “Wohnung” ist in einem SCHLOSS, einem echten hübschen gelben Barockschloss! Worüber wir beide diskret hinwegsahen…)

Im Nachhinein war ich froh, meine älteren Schüler alle noch mal besucht und mit Arbeitsaufträgen versehen zu haben. Denn in der nächsten Stunde, als ich wohlgerüstet mit meinem Tablet und allem Wichtigen draufgeladen diese Schüler von der Schule aus kontaktieren wollte, gab es an der ganzen Schule kein WLAN. (Das Schiff schlingerte kurz, die Seekrankheit kam zurück.) Dafür wurde in den 90 Minuten, in denen ich die Kleineren live unterrichtete, die Lautsprecheranlage in der Schule überprüft – mit Weihnachtsschlagern. Die ohne Unterbrechung in jedem Zimmer laufen mussten. Immer wieder kam jemand von der Firma rein, die dafür zuständig ist, und entschuldigte sich, wenn er sah, wie wir verzweifelt unsere Klaviermusik über die unsäglichen Schlager legten. (Ich fühlte mich jetzt wirklich wie auf einem Schiff mit Schlagseite und bereits überspültem Deck, auf dem die Möbel nicht angeschraubt sind und man nicht nur das Inventar, sondern auch das rudernde Kindchen irgendwie versucht festzuhalten.) An dem Tag ging meine Gelassenheit fast über Bord und ich hab mich etwas zu sehr aufgeregt. Ein Wunder, dass ich nicht komplett meschugge wurde.

Aber ich habe was gelernt: manches liegt ausserhalb unseres Einflussbereichs. Und dann muss man es akzeptieren, statt dagegen anzukämpfen und sich dabei aufzureiben. Gestern wollte ich wieder die Daheimgebliebenen von der Schule aus virtuell unterrichten. Als ich mein Tablet öffnete, stutze ich kurz. In dem Moment kam mein Kollege rein, ebenfalls mit einem offenen Tablet in der Hand, und fragte: “Hast du auch kein…?” Wir grinsten nur noch. Und plauderten dann aufs Staatskosten und recht entspannt. Wenn die Schule nicht für eine ordentliche Internetverbindung sorgen kann, ist das nicht unser Problem. Letzte Woche wäre ich noch die Wände hochgegangen, jetzt trank ich einen Tee und genoss meine bezahlte Freistunde ganz bewusst.

Privat läuft alles etwas geordneter ab. Immerhin. Auch wenn hier wie überall eine unübersehbare Unlogik herrscht. Vor zwei Wochen durfte man bis zu einer Inzidenz von 200 noch unterrichten – jetzt sind Musikschulen und privater Unterricht wieder komplett verboten. Keiner konnte mir bis jetzt erklären, warum ich montags im Gymnasium neun Kinder live in Gruppen unterrichten darf, in einem winzigen Kämmerchen, dienstags aber niemand im Einzelunterricht zuhause, obwohl wir hier geschätzt 20 Quadratmeter pro Person haben. Und im Gegensatz zum Gymnasium lüften können – unsere Klavierzimmer haben nur Oberlichter, die man nicht aufmachen kann. Mittwochs in der Schule darf ich wieder live unterrichten, donnerstag zuhause nicht. Was soll ich da antworten, wenn eine kleine Maus, der ich gesagt habe, sie darf diese Woche nicht mehr kommen, mit einem Weihnachtsgeschenk vor der Tür steht und fragt, warum sie in die Schule darf, aber nicht zu mir. Wo doch bei mir viel weniger Kinder seien als in der Schule? Übrigens – hallo noch mal, Herr Söder – haben diese Woche fast alle Schüler, denen ich gesagt habe, sie dürfen nicht mehr kommen, hier geklingelt, um mir Weihnachtsgeschenke zu bringen. Ohne Masken. Es war also nicht nur so, dass ich zu den Kindern gefahren bin, sondern die andere Hälfte der Schüler kam zu mir. Das hat man davon, wenn man hopplahopp alle Kontakte einfrieren will. Vor allem kurz vor Weihnachten. Und natürlich hab ich meine Schüler nicht vor der Tür abgefertigt, sondern wir haben drinnen ein bisschen nett geplaudert – und dann noch mal die Onlinestunde am nächsten Tag bestätigt. Glücklicherweise haben Kinder ja einen Sinn für’s Absurde… Und jetzt habe ich mein ganzes Skype – Szenario wieder im Wohnzimmer aufgebaut, was überhaupt nicht mit der restlichen Weihnachtsdeko harmoniert und mein ästhetisches Empfinden sehr beleidigt. Trotzdem, hardcoremässig, gibt’s die Zimtkerze beim virtuellen Unterrichten. Und tatsächlich Schüler, die mich fragen, ob ich sie auch anzünde, wenn sie nicht kommen. Was für eine Genugtuung, wenn ich sie wortlos vor die Kamera halten kann. Die Welt mag schwanken, Kindchen, aber im Advent brennt die Zimtkerze.