Sommer wie 1685

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Ein perfekter, zeitlos schöner Sommernachmittag im Garten eines Barockschlösschens: ich würde ihn am liebsten in einem Parfüm einfangen. Hauptnote: frisch gemähtes Gras und Heu. Der betörend süsse Duft der Nachtkerzen am Kanal, und dazu ein Hauch Kolophonium (das lilane für Barockbögen…). Aber das Parfüm wäre leicht und vergänglich, wie der Sommer oder wie die wunderschöne, erfüllende Stunde mit Gambenmusik im Schloss Lustheim, die mich letzten Sonntag so herrlich aus dem Alltag gehoben hat. Denn: der Alltag einer Pianistin ist, entgegen dem, was der Name meinen könnte, überhaupt nicht leise. Und zur Zeit übe ich selber so viel, dass meine Ohren schon um elf Uhr morgens eigentlich bedient sind. Daher ist es der reinste Luxus für mich, zarte, halblaute Musik zu hören. Vor allem, wenn sie so elfengleich und perfekt gespielt wird wie letztes Wochenende von Friederike Heumann auf ihrer siebensaitigen Gambe und dem (leisen) Lautenist Fred Jacobs (was haben wir nicht für irreführende Bezeichnungen!).

Der Veranstalter betonte extra, dass sie das Ergebnis des zeitgleichen WM-Finales in keinster Weise beeinflussen wollen mit dem rein französischen Programm, aber… Frankreich war definitiv um 1700 Weltmeister, was die Literatur für Viola da Gamba betrifft. Atemberaubend schöne oder virtuose Stücke von Couperin und Marais erklangen in der perfekten Akustik des Festsaals in Lustheim, und ich war restlos glücklich, weil Musik, Architektur und Instrumente so eine stimmige Einheit bildeten und man wirklich vergessen konnte, in welcher Zeit man lebt.

Die noch bessere Zeitreise gab es allerdings nach dem Konzert, mit den schönen delikaten Klängen noch im Ohr. Meine Freundin und ich schlenderten nicht vor dem Schloss im wunderschön bepflanzten Barockgarten mit Blick aufs neue Schloss, sondern dahinter. Hier war ich noch nie gewesen. Auch noch mal ein grosser Park, und die ursprüngliche Barockanlage war deutlich erkennbar durch Alleen, Hecken und Kieswege. Aber statt prachtvoll angepflanzter Rabatten durfte die Natur die freiliegenden Flächen geordnet zurückerobern – überall wuchs das Gras kniehoch, die wunderschönsten, unberührten Sommerwiesen, wie man sie kaum noch wo findet. Und auch hier: Zeitlosigkeit. Egal, in welche Richtung man sich drehte: 1685 kann es nicht viel anders ausgesehen haben. Am halbkreisförmigen Kanal mit den fein verschnörkselten Brücken: kniehohe Pfefferminze und schulterhohe Nachtkerzen in rauhen Mengen. Wir verliessen den Pfad und bahnten uns einen Weg durchs kitzelnde Gras, um an den Nachtkerzen zu schnuppern. Sie waren zu der frühen Abendstunde nicht mehr ganz auf der Höhe, duftmässig, aber wir bekamen eine Ahnung davon, wie süss und schwer sie in ein paar Stunden duften würden. Und ich dachte: ja, das, und dazu ein bisschen harziges Kolophonium…

Foto: mapio.net

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Vom Inn an die Seine: “C’est compliqué!”

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In Paris habe ich fünfzehn Zentimeter Haarlänge hinter mir gelassen und jede Menge Stress. Ich fühlte mich nach dem Friseurbesuch ein Kilo leichter, weil ich die leichte Sommerbrise auf meinem Nacken spüren konnte. Seltsamerweise schiebt man oft aus Zeitmangel genau die Dinge auf, von denen man weiss, dass sie einem gut tun würden – Bewegung draussen, einen Anruf bei einer Freundin, einen monatelang überfälligen Friseurbesuch, nach dem man sich endlich wieder wie ein Mensch fühlt. Der grosse Luxus in den wenigen Tagen in Paris war, dass wir ohne Stundenplan, überhaupt ohne grossartige Pläne leben konnten. Ziel war laut meiner Freundin das “Eintauchen” ins französische Leben, und ich würde sagen, das ist uns sehr gut gelungen. Mit ihr ist aber auch Spontaneität möglich wie mit kaum jemand anderem: wir haben uns oft spontan getrennt für ein paar Stunden, weil eine von uns was Bestimmtes machen wollte, und genau so unkompliziert vier oder fünf Stunden später wieder irgendwo getroffen. Und das Spannende war: ich war komplett unproduktiv und genau so spontan in dieser Zeit. Hatte unser Motto anscheinend gut verinnerlicht. An dem einen Tag wollte ich das Wohnhaus von Victor Hugo anschauen, was ich auch tat (kurz zum Museum: zu einer anderen Jahreszeit vielleicht gemütlicher? Jetzt war es aus irgendeinem Grund überlaufen von laut diskutierenden Südamerikanern. Auch wenn Hugo auf 260 Quadratmetern nicht grade beengt wohnte, war es bei der Sommerhitze einfach zu voll und zu stickig. Ausserdem liessen sich diese Südamerikaner alle einzeln und enthusiastisch grinsend vor Hugo’s Sterbebett photographieren, was mich etwas wunderte. Genau so absurd war es, als ich das Klavier im Wohnzimmer genauer betrachten wollte und ein freundlicher Wärter zu mir kam und mich aufklärte, dass das nicht Hugo’s Klavier sei. Kam mir etwas vor wie in einem absurden Film…) Aber als wir uns abends wieder trafen, konnte ich meiner Freundin nicht genau erzählen, was ich mit den restlichen Stunden angestellt hatte. Ich hatte mich komplett treiben lassen und nicht bemerkt, wie die Zeit verging. Ich hatte nichts gekauft ausser einer Flasche Wasser und fünf Aprikosen. War in einem Café gewesen, am wunderschönen Place des Vosges lange unter den Bäumen im Schatten gesessen (allein deshalb sollte man eigentlich nach Paris fahren) und ansonsten im Marais rumgestromert. Ich hatte vorgehabt, ohne meine Freundin in die Buchläden auf der anderen Fluss-Seite zu gehen, um ihre Geduld nicht zu sehr auf die Probe zu stellen, und ich war immer wieder nahe an einer der Brücken, die mich hinübergeführt hätten, aber – ich hab mich in dem alten Viertel mit seinen niedrigeren Häusern und kalenderwürdigen Innenhöfen so wohlgefühlt, dass ich einfach nur rumgeschlendert bin. Und im Nachhinein kann ich sagen, dass dieser Nachmittag Erholung pur war.

Genauso wie der Friseurbesuch am nächsten Morgen. Erstens liebe ich es, zum Friseur zu gehen, und es macht drei Mal so viel Spass, das in Paris zu tun… Und dummerweise bin ich auch an einen sehr sympathischen, fähigen Friseur geraten, der meine Haare so behandelt hat, wie sie behandelt werden wollen (nämlich: das tun zu dürfen, was sie wollen. Auch spontan sein und nicht glattgeföhnt zu werden). Er hat zwar eine äusserst seltsame, von mir noch nie erlebte Schnitt-Technik angewendet, aber das Ergebnis macht mich sehr glücklich. So sehr, dass ich dem amüsierten Gatten verkündete, dass ich ab jetzt nur noch in Paris zum Friseur gehen kann. Zu Not auch mal in London, wenn wir im Sommer dort sind, denn dort gibt es diese Salons auch. Und sicher kann kein anderer diese Schnitt-Technik.

Aber lieber würde ich in Paris gehen, weil man den Friseurbesuch wunderbar für dringend notwendige Konversationsübungen nutzen kann. Vor allem, wenn man so ein freundliches, entspanntes Gegenüber hat. Er kommentierte einen monumentalen Fehler – also einen von denen, die ich selber bemerkte – mit: “Das ist nicht schlimm, es ist ja kompliziert.” Und das war pädagogisch unglaublich wertvoll. Es war aufmunternd, nahm Druck von mir und bewirkte, dass ich unbefangen weiterredete. Weil – es ist kompliziert. Nicht nur das Französisch-Sprechen. Eigentlich das ganze Leben, und es wird jedes Jahr noch komplizierter, wie es mir vorkommt. Fehler sind unausweichlich. Aus Stress, aus Überforderung, aus Unaufmerksamkeit, weil man schlecht geschlafen hat, aus Ungeduld – manchmal ist es kompliziert, überhaupt aufzutauchen und das zu tun, was von einem verlangt wird. Und nicht nur für mich, sondern ganz sicher auch für meine Schüler. Es ist wahnsinnig entspannend, dann zu denken: es ist kompliziert, ich kann es wahrscheinlich nicht gleich perfekt abliefern, aber ich versuch’s trotzdem.

Nach dem Friseur ging ich eine Stunde durch St. Germain-des-Prés spazieren, kaufte drei Briefmarken und guckte mir einfach die Leute um mich herum an. Und fragte mich: lebt der auch so? Und diese da, sie sieht so entspannt aus, denkt sie auch: ist nicht schlimm, ist ja kompliziert? Und abends, als wir in einer Bar eine Käseplatte teilten und Wein dazu tranken, fragte ich mich auch, ob der oder jener dieses französische Geheimnis verinnerlicht hatte. Man sieht auf jeden Fall wenig verbissene Gesichter und spürt wenig Eile oder Hektik. Vielleicht, weil ich selber im Urlaubsmodus war. Vielleicht, weil die Franzosen einfach generell entspannter sind. Auf jeden Fall ist es eine Haltung, die ich in meinen Alltag retten will. Mal sehen, wie’s klappt, wenn wieder alles drunter und drüber geht.

Vom Inn an die Seine: Ein Atelierbesuch

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Gestern habe ich mit einem Schüler sein Aufgabenheft durchgeblättert, um zu schauen, wann er ein bestimmtes Stück gespielt hat. Ich fand den Eintrag und sagte:

“Da, schau, März 1917, da haben wir den Debussy gemacht.”

Er: “Im März 1917 war ich noch nicht bei Ihnen.”

Ich halte ihm verwirrt das Heft hin:

“Aber da steht…?”

“Ausserdem war 1917 gar kein gutes Jahr.”

Es dauerte immer noch etwas, bis ich kapierte. Der Gatte hat mich kürzlich ermahnt, ob ich nicht das Jahrhundert dazu sagen kann, wenn ich ihm was erzähle, statt nur “Fünfziger Jahre” oder so zu sagen. Jetzt versuch ich’s mal, und – auch verkehrt. Aber seit ich in Paris im Rodin-Museum war und im Atelier eines seiner Schüler, hänge ich etwas in der letzten Jahrhundertwende fest. Auch gedanklich, wie ich feststellen musste… (Es ist aber auch verblüffend, wie die Zeit rast, oder?)

Der Grund, warum ich festhänge, sind nicht nur die eindrucksvollen Statuen Rodins, sondern auch der nicht weniger eindrucksvolle Besuch im Musée Antoine Bourdelle, mit dem ich den Rodin – Tag startete. Das ist eine wunderbare Kombination, die man auch theoretisch leicht zu Fuss machen könnte, wenn man es vorher kapiert hätte – von der Rue Antoine Bourdelle am Tour Montparnasse zur Rue de Varenne bräuchte man etwa 25 Minuten, durch eines der schönsten Viertel von Paris. Mir liefen auch in beiden Museen die gleichen Japaner vor der Kamera rum und umgekehrt – ein beruhigendes Zeichen, dass man die Hauptsehenswürdigkeiten gewissenhaft abklappert…

Die Skulpturen Bourdelles sprachen mich ehrlich gesagt nicht so unmittelbar an wie die seines Lehrers, da sie leicht ins Gigantische gehen und für mich einen Hauch faschistische Ästhetik hatten, obwohl er bereits 1929 starb. Einfach – sehr gross, sehr vereinfachte und grobe Züge, Verherrlichung von körperlicher Kraft und Kampfbereitschaft. An sein Wohnhaus, in dem das Museum untergebracht ist, ist ein sehr grosser Ausstellungsraum angebaut mit dem Charme einer deutschen evangelischen Kirche, auch mit einer Art Chorraum, in dem die übergrossen Skulpturen untergebracht waren. Das hat mich, wie gesagt, nicht unbedingt umgehauen. Es war interessant, zu sehen, wie weit sich Bourdelle von seinem Lehrer entfernt hat und dass er eine ganz eigene Ausdrucksart gefunden hat. Aber dann – durch den rosenbewachsenen Innenhof, in dem auch etliche Skulpturen zwischen den Blüten stehen und Bänke zum Verweilen einladen – und durch eine kleine Passage in einen zweiten Innenhof, und in der Passage eine unscheinbare, geschlossene Tür mit einem kleinen Schildchen “Atelier”, das man fast übersehen könnte. Und weil ich neugierig bin (und mich grad keiner sehen konnte…), hab ich an die Tür gedrückt, und – sie ging auf…

Und jetzt wurde es richtig spannend. Das ist auch der Grund, warum ich im Jahr 1917 festhänge: der grosse, dämmrige Raum mit der hohen Fensterfront nach Norden wirkte, als hätte ihn Bourdelle eben erst verlassen, um vielleicht Pause zu machen. Ein perfekt eingerichtetes, grosses leeres Atelier, mit einem wunderschönen alten Fischgrat-Holzboden, verschiedenen Büsten auf Tischen und Sockeln, einem kleinen, runden Holzofen mit einem windschiefen Ofenrohr, alte, grosse Tische, denen man ansieht, dass sie benutzt und zerkratzt wurden… Ich hab wirklich den Atem angehalten, weil es sich anfühlte, als ob man in eine andere Zeit eintritt. Oder in eine perfekte Filmkulisse. Und ich ging allein über den leicht knarzenden Boden und konnte so richtig vergessen, dass draussen am Boulevard Montparnasse der Verkehr toste und irgendwo unter uns die Metrolinien verliefen – es war ein unerwarteter Ausflug in eine andere Epoche. Und allein wegen dieses intakten Ateliers und der magischen Atmosphäre dort lohnt es sich, in dieses Viertel zu pilgern.

Vom Inn an die Seine: Verbundenheit

 

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Die vier Tage in Paris mit der besten Trauzeugin von allen waren wieder eine Genussreise allererster Güte. Im Rückblick frage ich mich, wie wir es geschafft haben, so viele kulinarische Erlebnisse verschiedenster Art in den paar Tagen unterzubringen, gleichzeitig die französische Wirtschaft anzukurbeln und auch noch den Fuss in einige Museen zu setzen. Es waren übervolle, strahlende Tage bei allerbestem Wetter. Die Rosen blühten in einer Pracht, die unvergesslich bleibt. Von allen Seiten stürmten Eindrücke und Inspirationen auf uns ein. Aber was bleibt, wenn man die ganzen wunderbaren Erlebnisse filtert, wenn man entscheiden möchte, was am Allerschönsten war – das war das Musée Rodin, und dort die weltbekannte, oft kopierte, hunderttausendmal gesehene Skulptur “Der Kuss”. Und die erstaunliche Einsicht, dass sich dieses Erlebnis so ins Herz eingebrannt hat. Das ist ungefähr, als würde man auf einmal die “Mona Lisa” schön finden. Was ist los?! Passe ich mich auf meine alten Tage noch dem Mainstream – Geschmack an?

Vielleicht lag es auch daran, dass dieser Museumsbesuch einer der wenigen auch optischen Ruhepunkte in dieser quirligen Stadt war. Selbst im Park vor dem Museum wurden wir noch überfallen von einer unerhörten Rosenfülle, eine schöner als die andere, und keine Farbe oder Sorte doppelt. Von Weiss über alle Rosa- und Gelbtöne bis zum tiefsten Lila war das ganze Spektrum vertreten, und es war ehrlich gesagt eine Farbattacke vor dem tiefblauen Himmel, die man erst mal verarbeiten muss. Und dann innen diese unglaubliche, weiss – schimmernde Skulptur der beiden Liebenden, die seit über hundert Jahren in ihrer innigen Umarmung verharren und einfach – still sind. Scheinbar unbeweglich, obwohl die Muskeln und Sehnen so wirken, als ob sie sich gleich weiterbewegen würden. In genau diesem Moment eingefangen und dafür bestimmt, sich in alle Ewigkeit zu küssen. Nicht davor in der ganzen Ungeduld und dem Herzklopfen, das dem Kuss sicher vorausging, oder danach, wenn es noch inniger und aufregender wird, sondern – der Kuss ist das Ziel und die Erfüllung. Das hat mich unglaublich berührt und glücklich gemacht. Ausserdem ist es ja nicht irgendein schnöder Kuss, sondern ein Symbol für die ultimative Verschmelzung und das komplette Einswerden mit einem anderen: die Körper der Figuren sind deutlich bis ins kleinste Detail dargestellt, jeder Finger, jede Zehe, jeder Muskel am Rücken. Aber bei den Gesichtern “zoomt” sich Rodin raus. Sie sind schon auch deutlich zu erkennen, trotzdem erscheinen sie wie in einem Zustand der Auflösung, des Ineinander-Übergehens. Die Körper gehören zwei Individuen, die Köpfe scheinen eins zu werden.

Ich hatte Bedenken, ob es nicht zu intim wäre, so eine Statue anzuschauen. Es gibt ja definitiv im Museum Momente, in denen man sich als ungebetener Eindringling fühlt und sich fast dafür entschuldigen möchte, dass man in diese Szene reingeplatzt ist. Mir geht es hauptsächlich so, wenn jemand auf einem Bild trauert oder verzweifelt ist, gar nicht unbedingt in solchen extrem erotischen Situationen wie dieser. Trotzdem habe ich mich gewundert, dass ich relativ wenig Hemmungen hatte, genauer hinzuschauen und mich auch räumlich so nah wie möglich zu den beiden zu gesellen. Bei aller Mystik und allem Zauber und aller Zweisamkeit: ich glaube, Rodin wollte diese starke körperliche Verbindung auch feiern und unsterblich machen. Sichtbar machen und aus der Intimität herausheben als Symbol für – hm. Die Notwendigkeit, viel und oft zu küssen? Den Fortbestand der Menschheit? Oder – dem wunderbaren Gefühl, nicht allein zu sein, sondern in Verbindung mit anderen zu stehen?

Denn: wenn man an andere berühmte Statuen denkt, stellt man fest, dass sie ein sehr einsames Leben auf ihren Sockeln führen. Von ganz wenigen berühmten Gruppen abgesehen, ist doch meistens ein einzelner Mensch, Held oder Gott dargestellt. Und haufenweise Krieger, Kämpfer, Feldherren. Michelangelo’s David steht für Mut und Kraft, der Belvedere-Apollo für Schönheit. Nelson, Bismarck, Max von Bayern, Ludwig der 14. – alles Einzelleistungen, und alle wären furchtbar einsam ohne die gelegentliche Taube auf dem Kopf. Aber die beiden Küssenden dürfen für den Rest der Zeiten zusammen sein und ihre Verbundenheit geniessen. Was für eine nette Nation, die so einen Moment auf diese Art feiert und ausstellt (die Statue wurde vom französischen Staat in Auftrag gegeben).

Und eigentlich will das doch im Grunde seines Herzens jeder Mensch, damals und heute: nicht isoliert zu sein, sich nicht einsam zu fühlen, sondern eine Verbindung zu anderen zu spüren. Es muss ja gar kein monumentaler, film- oder museumsreifer Kuss sein. Es muss gar keine wirkliche körperliche Berührung sein, sondern das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Die vielen Augenkontakte, die man in Frankreich so viel einfacher hat – vielleicht laufe ich hier auch anders durch die Gegend, weil ich weiss, dass die meisten Menschen abweisend reagieren oder den Blick senken. Aber mir ist schon vor zwei Jahren in Paris aufgefallen, dass Männer gern einfach gucken. Jetzt bin ich noch älter und runzeliger, und – sie gucken trotzdem. Mit Absicht und einem halben Zwinkern. Und komplett harmlos, einfach als Spiel. Hier passiert mir das nie.

Oder auch die Tatsache, wirklich wahrgenommen zu werden als die, die man ist, und auf diese Art eine Verbindung zu anderen aufzubauen. Selbst wenn sie hauptsächlich kommerzieller Art ist und quasi zum Geschäft gehört, aber es ist nett, wenn eine Verkäuferin wirklich hinguckt und sagt: also, mit Ihrer Haarfarbe… Oder der Buchhändler im vollgestopften “Abbey Bookshop”, der mich fast verschwörerisch fragte, ob ich eine seriöse Leserin sei und mich dann über eine halsbrecherische, enge Treppe in den noch vollgestopfteren Keller führte, in einen Raum, in dem man sich fast nicht mehr umdrehen konnte, und zu meinem Entzücken antiquarische Sekundärliteratur zu E. M. Forster zutage förderte – mit Preisen noch in Francs… Und der Bemerkung, dass diese Bücher genau auf mich gewartet haben. Guter Geschäftssinn, aber auch sehr beglückend, in diesem jahrhundertealten Gewölbekeller einen Freudenanfall zu bekommen (glücklicherweise war das vor dem Crepe – ich konnte wahrhaftig nur noch seitlich durch die Regalreihe da am Ende. Nichts für Leute mit Platzangst!). Es mag bescheuert klingen, in so einer Stadt nicht einfach mal was ganz anderes zu lesen zu kaufen, oder gar was Französisches, aber es fühlt sich auch gut an, an dem Netz weiterzuarbeiten, das man zuhause begonnen hat und so besondere Fäden dazuzuknüpfen. Auch das ist eine Art von Verbundenheit, die dazu beiträgt, dass man sich nicht isoliert fühlt. Und viel besser und spannender, als wenn ich Bücher hier vor dem Computer bestelle. Auch wenn ich fast steckengeblieben wäre in dem Laden…

 

Eine Generation von…?

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Vielleicht erinnert sich jemand, dass ich im Herbst fast in Therapie musste, weil ein Mädchen während des benoteten Vorspiels geweint und weitergespielt hat. Dass Schüler bei mir im Unterricht weinen, ist glücklicherweise immer noch so selten, dass es mich ziemlich verstört. Aber die letzte verrückte Woche hat mich abgehärtet: vier haben geweint, aber richtig. Und ganz klar aus Leistungsdruck – Gründen. Denn wir hatten wieder Gruppenvorspiel – Woche, und irgendwie kam das wieder so überraschend. Wie Weihnachten, oder Muttertag. Und die hohe Anzahl der in Tränen – Zerflossenen lag auch daran, dass ich die Schüler eines abwesenden Kollegen mitprüfen musste – also 43 insgesamt. Prozentual sind die Nervenzusammenbrüche fast noch im Rahmen. Aber trotzdem ungewöhnlich und schon fast verstörend – wenn ich mich nicht doch fragen müsste, woher es kommt.

Erst mal die gute Nachricht: es weinte keiner während des Spielens. Das hätte ich echt nicht nochmal gepackt. Aber danach, und umso ausdauernder. Ich hatte zum Beispiel die schwere Aufgabe, einem Mädchen zu verkünden, dass es eine 1 hat – worauf sie in Tränen ausbrach und überhaupt nicht mehr aufhörte. Und ich mir langsam nur noch an den Kopf fasste. Denn die anderen Verzweifelten weinten genau so grundlos und wahrscheinlich hauptsächlich aus pubertäre Verwirrung. Eine nannte mir auch den Grund ihres Zusammenbruchs: “Ich hab Hormone!” Ach ne. (Das ist übrigens neu in meinem Schülerkreis – dass Hormone als Krankheitsbild genannt werden. Wie Kopfweh oder Bauchweh. Hat bisher nix genutzt, wenn ich das erklärt habe.) Und der war besonders heftig. Nachdem ich die zweite Taschentuchpackung angerissen hatte, fragte ich in der Pause einen hauptamtlichen Kollegen, ob irgendwas los sei an der Schule, weil grad alle zusammenbrechen. Er meinte ganz trocken: “Wir ziehen da eine Generation von Memmen gross.” Und liess sich darüber aus, dass die Anmeldezahlen für unsere Montagskonzerte stetig zurückgehen, während die Selbstdarstellung in den sozialen Medien zunimmt. Jeder möchte gern im Mittelpunkt stehen, bewundert und geliket werden – aber bitte ohne Leistung und Anstrengung. Da ist ganz sicher was dran. Und er meinte auch, der Nachahmungseffekt spiele eine Rolle – wer von uns, also der älteren Generation, hat denn jemals in der Schule geweint? Ich ganz sicher nicht. Das war einfach nicht üblich. Und auch wenn ich sonst absolut dafür bin, dass meine Schüler einen Zugang zu ihren Gefühlen haben und die auch ausdrücken können – könnten wir das nicht bitte am Klavier sublimieren? Wär auch besser für die Umwelt als diese Tonnen an Wegwerf-Taschentüchern…

Was diese emotionalen Ausbrüche auch zeigen, ist ein anderes beklagenswertes Phänomen, und das meine ich jetzt ganz ohne Ironie: viel zu viele Kinder sind mit dem Gymnasium überfordert und einem ziemlichen Druck ausgesetzt. Der beginnt oft schon vor dem Übertritt, wenn sie wirklich noch Kinder sind, und manifestiert sich dann in solchen Verzweiflungsausbrüchen. Mit zwölf Jahren. Die armen Kinder. Das ist tatsächlich anders als zu meiner Zeit. Aus meiner Grundschulklasse gingen vier Leute aufs Gymnasium, und wir waren irgendwie alle bereit, die Zähne zusammenzubeissen. Heutzutage, würde ich sagen, gehen vier NICHT aufs Gymnasium. So kommt es mir zumindest vor, denn wir schleppen eine lange Latte an Kindern mit, die dekoriert sind mit einem Wust an psychologischen Gutachten über ihre Lern – und Verständisdefizite, die wir bitte bei der Benotung respektieren sollen. Diese Kinder sind konstant überfordert und werden drei Jahre mehr oder weniger gequält, um dann endlich auf die Realschule zu dürfen. Hätte auch einfacher gehen können, zumal man ja auch nach der Realschule wunderbar Abitur machen könnte…

Zwei weitere Highlights der Woche waren, dass unser Schulleiter seinen fälligen Beurteilungsbesuch bei mir ankündigte. Grade ist wirklich so viel los, dass das auch schon egal war. Vor zwanzig Jahren rief eine solche Ankündigung eine fieberhafte, perfekte pädagogische Vorbereitung des möglicherweise errechneten Tags hervor: was ziehe ich an? Und sollte ich mir einen dezenteren Lippenstift kaufen? Jetzt hab ich nur zwei Extrapackungen Taschentücher eingepackt und inständig gehofft, dass die Kinder sich wenigstens vor ihm zusammenreissen.

Und dann wurde ein Schüler während des Unterrichts von der Polizei rausgeholt, weil er tatsächlich was ausgefressen hatte, wie ich danach erfuhr. Das hatte ich auch noch nicht erlebt, und ich konnte es mir nicht verkneifen, bei seiner Rückkehr zu sagen: “Ich hab dir doch gesagt, du sollst dis spielen!” Die Chance hat man als Klavierlehrer doch zu selten. Er war etwas weiss um die Nase, aber – keine Tränen. Trotzdem war die Klavierstunde gelaufen, weil er die ganze Zeit darüber reden wollte. Das mit dem dis ist immer noch nicht angekommen, fürchte ich.

Ach so, und unser jährliches Klassenkonzert war auch noch. Das musste ich einfach mit links machen, weil so viel anderes auf mich einstürmte. Aber ich darf stolz verkünden, dass ich die ganze Woche keinen Zusammenbruch hatte. Wahrscheinlich, weil ich einfach kein Zeitfenster zum Weinen hätte.

Bis – ja, bis ich nach dem Konzert von Erding heimfuhr und mir in der milden Maidämmerung kurz vor Wasserburg ein neues Hinweisschild auffiel: die B304 wird gesperrt. Das war zu viel. Es gibt seit 12. März eine Umleitung der B12 wegen Bauarbeiten, die jetzt noch bis 18. Mai ausgedehnt wurde. Das hiess, immer zehn Minuten früher los, in Wirklichkeit 15, weil es bei Hohenlinden einen bislang unüblichen Stau gibt. Kurz nach den Osterferien begannen dann Bauarbeiten und Vollsperrung der B15 bei Wasserburg. Der Rückstau beeinträchtigte auch meinen Schulweg – nochmal fünf Minuten dazu. Und jetzt der Bahnübergang Reitmehring – das bedeutet eine wirklich riesige Umleitung quer durch die Pampa. Ich war am Ende. Hatte Hormone und Verzweiflung gleichzeitig und nur noch ein Taschentuch für mich übrig… Zeit, dass die Ferien kommen!

William Gillock

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Seit ich bei meinem damaligen Lehrer die Zeitschrift “ClavierCompanion” kennengelernt habe, wollte ich auch ein Abonnement. Denn bei ihm standen gefühlte Meter um Meter dieser Zeitschrift wohlgeordnet im Regal, und er wusste sofort auswendig, wo dieser Artikel ist, der mich gerade weiterbringen würde. Und er zog die schmalen Hefte immer vorsichtig mit seinen eleganten langen Fingern aus dem Regal, um sie uns zu leihen, und deshalb gingen wir auch immer sorgfältig damit um – weil wir so vorgelebt bekamen, dass sie was Besonderes sind.

Ich weiss gar nicht, wie lange ich mein luxuriöses, zeitverzögertes Übersee-Abo schon habe. Die Regale füllen sich auf jeden Fall auch bei mir. Und zu den aktuellen Heften habe ich mir über die Jahre alte Jahrgänge gekauft. Wie bei allem, was so erscheint – Reiseführer, Unterrichtsliteratur und so fort – bin ich überwältigt von der Qualität und dem Gehalt der Artikel aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Das Heft ist immer noch gut, keine Frage, aber diese alten Artikel toppen alles. An manche habe ich mich tatsächlich aus meiner Studienzeit erinnert, so eindrucksvoll und informativ sind sie.

Wie es sich erklären lässt, dass das geschätzte und mit Sehnsucht erwartete Heft dann monatelang auf dem Stapel mit anderer Fachliteratur liegt, ist etwas rätselhaft. Anfangs war es ganz sicher dieses “die beste Praline bis zum Schluss aufheben” – Gefühl – ich wollte das geliebte Heft nicht zu schnell durchgelesen haben. Aber irgendwann kam das nächste… und dann was anderes zwischendurch… Und so erzeugt man über die Jahre einen künstlichen Überhang und hinkt den aktuellen Ereignissen etwas hinterher.

Deshalb habe ich meinen Schülern eines Tages im Frühling verkündet: “Wir feiern dieses Jahr den 101. Geburtstag von William Gillock!” Kindern ist es glücklicherweise egal, ob das unrund klingt. Und 100 oder 101 – alt ist alt. Sie nahmen diese Unregelmässigkeit stoischer auf, als ich erwartet hatte. Wunderbar. Aber die nächste Frage war die, die sich wahrscheinlich alle stellen: wer ist William Gillock?!

Deutsche Klavierlehrer kennen ihn wahrscheinlich nur von zwei Stücken: Der “Fiesta” im “Tastenkrokodil” und “Blue Mood” in “Toll in Moll”. Zumindest ging es mir jahrelang so. Vielleicht hat es Urheberrechts-Gründe, warum so wenig von ihm in Sammlungen abgedruckt wird. Aber es ist schade, denn es gibt Wunderbares von ihm zu entdecken! Und so enorm viel davon! Nach dem informativen Artikel in meiner Zeitschrift habe ich mir die neu aufgelegt, dicke “Recital Collection” angeschafft, die mehrere andere Hefte ersetzt und wirklich alles bietet, was das Herz begehrt. Das perfekte Heft für Einsteiger, sozusagen.

William Gillock begann mit fünf Jahren, Klavier zu spielen, weil in seinem Elternhaus ein schönes altes, verschnörkseltes Instrument stand, das ihn faszinierte. Er erreichte keine grossartigen Ehren oder gut bezahlte Positionen an Universitäten, sondern führte ein eher bescheidenes, aber enorm produktives Leben als privater Klavierlehrer. Von Beginn an schrieb er Stücke für seine Schüler, für Anfänger sowohl als auch Fortgeschrittene, und befindet sich damit in der Tradition der reinen Pädagogik-Komponisten, die in meiner Achtung sehr hoch stehen. Es kennt sie zwar kaum einer, und es muss deprimierend sein, wenn man im Himmel auf seiner Wolke sitzt und ständig mitanhören muss, dass ein “Wer?” hinter den eigenen Namen gesetzt wird, aber – was für ein Segen für uns Lehrer! Ich bin ein ganz grosser Fan von Leopold Mozart, Friedrich Burgmüller, Stephen Heller und Dimitri Kabalewksi (es gibt sicher noch mehr, aber das sind die Pädagogik-Komponisten, die mir auf Anhieb einfallen, weil sie unser täglich Brot sind). Und Gillock wird von nun an definitiv dazugehören. So wichtig es ist, Kinder so früh wie möglich in Berührung mit richtig guter Musik und Originalkompositionen zu bringen, so wichtig ist es, die passende Brücke für den Übergang zu finden. Und Gillocks Stücke sind wie eine breite, gemütliche Brücke, auf der man sich lange aufhalten und in alle Richtungen gucken will, weil sie so viel Freude machen und so schön klingen.

Gillock sagte selber, dass es ihm ein Anliegen war, in verschiedenen Stilen zu schreiben, um die Schüler auf diese Komponisten vorzubereiten. Es gibt zum Beispiel das zart verwobene “Festive Piece” als Hinführung zu Bach oder Scarlatti, oder das geniale und offensichtlich viel geliebte “Fountain in the Rain”, das man stellenweise mit Ravel verwechseln könnte. Und er wollte, dass die Stücke von Anfang an pianistisch klingen, und das meistert er auf eine Art, die mich sehr fasziniert. Sehr originell und speziell, aber man findet alle Elemente, die man später als Pianist so braucht, und man kann wunderbare kleine Lerneinheiten daraus machen und den Schülern wichtige Konzepte nahebringen, ohne dass sie mitkriegen, dass sie grade etwas Elementares oder eigentlich Schweres lernen: Dreiklänge und ihre Umkehrungen, die kreative veschoben und gerückt werden, die verschiedensten Tonleitern in virtuosen kleinen Ausschnitten (die so Spass machen, dass die Schüler von selber üben wie wild. Wirklich.), wogende Arpeggien über’s ganze Klavier, die gar nicht so schwer sind, wie sie sich anhören, leichtes und schnelles Überkreuzen und Ablösen der Hände, eine ausdrucksvolle Melodie mit einer flirrend leichten Begleitung, die leise sein soll… Kurz, alles, an dem wir sonst mit Schumann und Haydn und Debussy scheitern, erscheint in Gillock einfach und machbar. Es ist ein Rätsel. Oder ganz einfach? Für das andere war es zu früh, und der entscheidende Zwischenschritt hat gefehlt? Auf jeden Fall ist es enorm erfreulich für uns Lehrer.

Und was sagen die Versuchskaninchen? Die Reaktion meiner Schüler war die ultimative Bestätigung, dass Gillock so viel Spass macht, wie ich selber ihn schon beim Ausprobieren der Stücke hatte. Ich habe also sorgfältig unser Konzert zum 101. Geburtstag geplant und meinen Schülern vor den Osterferien die unterschiedlichsten Stücke aufgegeben, ein repräsentativer Querschnitt durch Gillock’s Werk, machbar für alle vom Grundschüler bis zum 18jährigen. In der nächsten Woche kamen die ersten drei ganz begeistert an und sagten, dass sie ganz viel geübt hatten, weil es so Spass gemacht hat. Sind ohnehin brave Kinder, also dachte ich mir nichts. Am nächsten Tag wieder drei begeisterte neue Gillock – Fans. Beim neunten Kind, das geübt hat und alles richtig und flott spielt, wird einem ein bisschen zweierlei, weil man denkt, das geht nicht mit rechten Dingen zu. Sagt zu einem Kollegen verstört in der Pause: “Irgendwas stimmt nicht. Meine Schüler üben auf einmal.” Sein Kommentar: “Gib sie mir, wenn du sie nicht mehr willst.” Beim zwölften Kind in der einen Woche ist man nur noch fassungslos, aber restlos beglückt und kapiert: das ist Gillock. Jetzt weiss ich, wer er ist. Ein Zauberer.

Ich denke, was meine Schüler so angesprochen und motiviert hat, war die überraschende Tatsache, dass ihre Stücke auf einmal richtig gut und “erwachsen” klingen. Und sich sehr gut unter den Fingern anfühlen. Und: sie lieben die phantasievollen, ungewöhnlichen Titel. Kein Menuett, Etüde, keine Sonatine mehr, sondern Titel, unter denen man sich was vorstellen kann: Der verwunschene Baum, Reise durch die Nacht, Flamenco, Schlittenfahrt… Jeder wollte über sein Stück sprechen und das, was er sich darunter vorstellt. Und das ist immer das beste Zeichen: wenn man diese Art der Verbindung hat, sich etwas zu eigen macht, indem man ihm Zutritt  in seine persönliche Phantasiewelt gibt, identifiziert man sich damit und übernimmt Verantwortung dafür. Und dann vergisst man auch nicht, es liebevoll zu üben. Was für ein Gewinn für uns Lehrer.

Magnolienmeer

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Der Arbeitsplatz des Gatten im Moment, beziehungsweise der Blick aus den Fenstern im ersten Stock: in einem uralten Haus in Wasserburg, mit Blick auf die uralte Kirche, der im Moment verdeckt wird von hunderten von handtellergrossen rosanen Magnolienblüten. Man hat das Gefühl, direkt im Baum zu wohnen, wie eine Baumelfe. Sieht die Blüten fast ans Fenster rücken und zart anklopfen, wenn sie sich leicht im Wind bewegen.

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Dafür, dass ich das alte, immer mehr Risse bekommende Haus mit den knarzenden Holztreppen und den ausgesparten Nischen für Kienspanlichter in der Diele so mag, bin ich viel zu selten dort, obwohl es ganz zentral in der Altstadt liegt. Im zweiten Stock residiert zufällig unser Steuerberater, aber den beglücke ich auch viel zu selten mit Belegen und Quittungen. Obwohl ich weiss, dass er, wie immer, restlos begeistert wäre. Ausserdem sieht er die Magnolie eher von oben. Sie ist zwar riesengross und ausladend, die grösste ihrer Art in der Altstadt, aber er bekommt mehr die oberen Spitzen mit, die sich nach dem Himmel strecken. In den Räumen des Gatten ist man komplett untergetaucht in einem Meer von Magnolienblüten.

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Und ich musste mich auch selber daran erinnern, Schönheit vor der eigenen Haustür zu sehen. Am Wochenende sass ich auf der Terrasse, den wunderschönsten Frühling um mich herum, und habe mich in einen opulenten, altmodischen Bildband versenkt. Ein Traumbuch der Art, wie es heute gar nicht mehr gemacht wird: “Merchant Ivory’s English Landscapes”, die Filmkulissen und -orte der wunderbar romantischen Forster-Verfilmungen aus den späten Achtzigerjahren. Bei den meisten Zeitgenossen rufen sie wahrscheinlich Pickel hervor wegen zu viel Rüschen und Spitze. Für mich – genau richtig… Und da sass ich und seufzte über einen charaktervollen, ausladenden alten Baum im Abendlicht in Wilbury Park, träumte mich unter diesen Baum, der 1000 Kilometer weg steht und unerfreulicherweise auf Privatbesitz, als der Gatte so nebenbei bemerkte: “Die Magnolie unten blüht.”

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Deshalb habe ich mir die Kamera geschnappt und bin runter in die Stadt. Habe die Fensterbänke leergeräumt, die Rollwägelchen weggerollt und den Betrieb nur minimal aufgehalten, um Magnolienfotos zu machen. Dafür muss auch Zeit sein, oder? In diesen Räumen wird so viel dokumentiert, in Tabellen eingetragen, der Qualitätssicherung gehuldigt – wenn auch zähneknirschend  – da sollte auch mal festgehalten werden, wie makellos und malerisch die Magnolie dieses Jahr aussieht. Weil sie kaum einen Tropfen Regen abbekommen hat und genau das richtige Mass an Sonne hatte, um alle Blüten in einer gleichzeitigen Explosion wachzuküssen. Und man muss diese Schönheit festhalten, auf Fotos und im Gedächtnis, weil sie so extrem kurzlebig ist. In acht Tagen wird alles anders aussehen… Man muss wirklich jede Minute geniessen.

Stimmungsaufheller

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Als ich mich kürzlich so wunderbar bei Waugh’s “Decline and Fall” amüsiert habe, habe ich an die unzähligen anderen englischen Romane aus den 20er und 30er Jahren gedacht, die mir so viele vergnügliche Stunden bereitet haben: das “Diary of a Provincial Lady”, Miss Pettigrew, Miss Buncle, “Cheerful Weather for the Wedding”, Nancy Mitford… alle zufällig von Frauen und etliche aus dem Dunstkreis des wunderbaren Persephone-Verlags. Ich lächle, wenn ich sie brav und hübsch hier im Regal stehen sehe. Weil ich weiss, dass sie mich jederzeit wieder in eine unbeschwertere, rosigere Welt entführen können, in der alles halb so wild ist. In eine Welt der Teekleider, Radio – Schals und der Nachmittagspost… In der alles etwas bewusster, langsamer und echter zuging. Bilde ich mir zumindest ein. Und obwohl die Heldinnen unsere Urgrossmütter sein könnten, leiden sie an den selben Herausforderungen des Lebens wie wir: unerwartete, nicht gerade willkommene Besucher, die sich häuslich einrichten, Hyazinthen, die nicht rechtzeitig blühen, Hausparties, die anders enden als geplant… Und man identifiziert sich und findet seine eigenen Missgeschicke plötzlich nicht mehr so schlimm.

Warum gibt es das nur in England in dieser Zeit? Humorvolle, fluffig-leichte Romane, die trotzdem geistreich und fesselnd sind und einem ewig im Gedächtnis bleiben? Und die man mit Freuden x-mal verschenkt, weil sie die reinsten Stimmungsaufheller sind, falls jemand mal krank ist?

Natürlich nehmen diese Bücher eine Sonderstellung ein, befinden sich im Graubereich zwischen “echter” Literatur und Unterhaltung. Im wirklichen Kanon kommen sie nicht vor (zu Unrecht, wie ich finde – aber es gibt ja auch Komponisten, die immer in die undankbare seichte Ecke gestellt werden und die man trotzdem wahnsinnig gern hört), obwohl sie brillant und stilvoller sind als vieles, was sich, auch im damaligen zeitlichen Umfeld, Literatur nennt.

Aber warum ist es ein englisches Phänomen? Wenn ich an deutschsprachige Autoren in dieser Zeit denke, fallen mir Thomas Mann, Stefan Zweig, Robert Musil ein. Und Spenglers “Untergand des Abendlandes”… Da ist Vergnügen nicht unbedingt vorprogrammiert, und so gern ich die Herren lese: verschenken würde ich kaum eines dieser Bücher. Warum findet man bei uns keine nette, leichte Literatur aus der Zeit zwischen den Weltkriegen? Und ich lasse mich sehr gern eines Besseren belehren – wenn jemand etwas Ähnliches hier kennt, bitte kommentieren!

Liegt es daran, dass Deutschland nach dem ersten Weltkrieg viel mehr beeinträchtigt war als England? Viel zu sehr damit beschäftigt, wieder Normalität herzustellen und einfach keine Zeit für frivole Unternehmungen oder leichte Lektüre war? Und die politische Stimmung auch in der Weimarer Republik und im heraufziehenden Nationalsozialismus zu besorgniserregend war? Oder ist es ein angeborener teutonischer Ernst? Oder – eine gleichfalls angeborene Unfähigkeit, sich selber halb so ernst und auch mal auf die Schippe zu nehmen? Dabei macht genau das den Charme etlicher der genannten Autorinnen aus. Und der gute Nebeneffekt: es bringt mich dazu, auch mal einen Schritt zurückzutreten und über mich selbst zu schmunzeln. Und schon wird vieles leichter. (Wenn ich an die Heldentat mit dem Autospiegel kürzlich denke – ich könnte es als ärgerliche Katastrophe sehen, aber inzwischen finde ich es nur noch lustig.)

 

Teilzeit ……?

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Dass ich für meine Schüler alt und immer die Gleiche bin, ist nicht neu für mich. Kürzlich wollte eine Kleine über den Dreissigjährigen Krieg reden, und nachdem ich einige Fragen beantwortet hatte, schaute sie mich lange stumm an und fragte dann leise: “Bist du so alt?” Also, jetzt ist es offiziell: die Tante sitzt schon seit ungefähr vierhundert Jahren am Klavier.

Aber ich fühle mich nicht alt, vor allem, weil ich ständig von kleinen oder plötzlich hochschiessenden Menschen umgeben bin, die sich wöchentlich verändern und ständig im Wandel sind. Und ich kann das nur beobachten und staunen und muss sie fast jeden Monat “neu vermessen” und überlegen, wie ich sie am besten einfange. Von einer Woche auf die andere fehlen vier Milchzähne und auf einmal sitzt ein kleiner Vampir vor mir. Plötzlich kann man eine Oktave ohne Mühe greifen. Der Klavierstuhl wird verzweifelt verstellt und verschoben, um die immer länger werdenden Beine unterzubringen. Und genau so schnell sollte ich auch mitkommen und merken, wann gewisse Bilder nicht mehr passen, gewisse Assoziationen, die früher wunderbar gewirkt haben, ins Leere verlaufen, Anweisungen konkreter – oder assoziativer und freier – sein sollten. Manchmal, vor allem nach langen Ferien, hechte ich nur hinterher und möchte am liebsten “Stop!” schreien, damit wir noch eine gemeinsame Basis haben. Und das ist mehr oder weniger nur die körperliche Seite.

Die Persönlichkeitsentwicklung verläuft noch misteriöser, vor allem, weil sie so ein ganz eigenes Tempo hat und sich oft im Verborgenen abspielt. Viele Facetten meiner Schüler kenne ich nicht, und das ist auch gut so. Wenn dann doch was Unbekanntes ans Licht kommt, kann ich oft nur den Kopf schütteln: was, er nimmt am Bundeswettbewerb Mathematik teil? Sie hat eine Podiumsdiskussion moderiert? Sie schreibt Gedichte und trägt sie auf Poetry Slams vor? Die eine hat Bienen, der andere macht Sitzwache im Krankenhaus? Und – sie üben noch und spielen Klavier?! Letzte Woche sagte ein sehr guter Schüler, der auch in der Schule hervorragend ist, in einem Nebensatz: “naja, ich bin ja auch noch Teilzeit – Schüler…” Was zwei Monate vor dem Abitur eine interessante Gewichtung der Prioritäten ist. Aber der Satz hat mich zum Nachdenken gebracht. Was ist die Hauptsache im Leben, was sehen wir selber nur als Teilzeit? Wer sind wir vollzeitmässig? Da kommt man auf sehr interessante Antworten, wenn man ehrlich zu sich selber ist. Und ich meine damit nicht die diversen Rollen, die jeder von uns im sozialen Gefüge hat wie Kind Schwester Mutter Ehefrau. Sondern die intellektuelle oder körperliche Tätigkeit, über die wir uns am ehesten definieren, bei deren Ausübung wir ganz bei uns sind, egal ob es sich um Arbeit mit finanzieller Belohnung oder Arbeit nur für einen selber handelt. Es ist sicher diplomatischer, nicht öffentlich zu sagen, für was man wirklich brennt, oder wie gross der Anteil an Zeit ist, den wir einer unserer vielen Facetten widmen – aber man ist so viel mehr als nur das, was auf dem Zeugnis steht. Und das finde ich wunderbar und inspirierend. Ich bin, das muss ich gestehen, ganz sicher nur Teilzeit – Fensterputzerin oder überhaupt Hausfrau – aber ich überstehe es besser, wenn ich mir selber sage, dass das nur der Teilzeit – Teil ist. Und dass es danach als Belohnung vollzeitmässig wieder in die Vollen geht und der Alltag im Lot ist. Letztlich ist es auch die Mischung, auf die es ankommt, oder?

Und passend dazu machte ein Schüler letzte Woche eine Bemerkung (manchmal denke ich, bestimmte Themen hängen in der Luft – oder bin ich grade dafür sensibilisiert?). Er kam ungeplant in den Genuss einer 90-Minuten-Stunden, während der sein Telephon immer wieder plingende Geräusche von sich gab. Am Ende zeigte er mir den Bildschirm, scrollte endlos runter und sagte: “Schauen Sie, das sind die Nachrichten, die ich während der Stunde bekommen habe.” Ich meinte: “Gruselig. Hast Du nicht Angst, dass die Deinen Alltag überfluten?” Er stutzte, runzelte die Stirn und stellte fest: “Das IST mein Alltag.” (Noch ein Teilzeit-Schüler, ganz offensichtlich.) Es tat mir ganz gut, das so klar und eindeutig zu hören – ich lebe so komplett anders, aber ich sollte darauf achten, dass ich doch noch gelegentlich Schnittstellen mit den Fünfzehnjährigen habe. Damit die noch ein bisschen länger so was Undigitales wie Klavierspielen schön finden. Trotzdem – diese Woche grübele ich ganz besonders, wie man einen anderen in allen seinen Facetten und Vorlieben und Abneigungen wahrnehmen kann und wie man ihn am besten erreicht. Oder in Ruhe lässt. Und wie sehr man sich jede Woche wieder neu auf jeden einstellen sollte, egal wie anstrengend das sein mag. Es ist ja auch unglaublich spannend.

Ein anderer Waugh

P1110333“One way and another, I have been consistently unfortunate in my efforts at festivity. And yet I look forward to each fiasco with the utmost relish.”

Nein, das sind nicht meine Gedanken, während ich mein nächstes Schülerkonzert plane… Wobei ich mich manchmal nah dran fühle. Es ist nur eine von vielen Stellen aus Evelyn Waugh`s “Decline and Fall”, die man unterstreichen und eigentlich rausschreiben und aufhängen will, weil sie so amüsant sind. Der schmale Roman strotzt von solchen unterhaltsamen Zitaten, und ich bin froh, dass ich ihn im stillen Kämmerchen las, weil ich öfter laut prusten musste. Ich weiss, wovon ich spreche: ich habe “The Diary of a Provincial Lady” auf einer langen Zugfahrt gelesen und mehr als einmal versucht, ein lautes Lachen zu unterdrücken, was auf die Mitreisenden anscheinend etwas befremdlich wirkte. Ganz zu schweigen von den diversen Wodehouses, die fast noch schlimmer sind und kaum in der Öffentlichkeit gelesen werden können. Der englische Humor der Zwanziger Jahre ist schon besonders.

“Decline and Fall” ist pure Satire, durchaus auch bösartig, aber extrem amüsant. Es erschien 1928 als zweites Werk des noch ganz jungen Evelyn Waugh und ist seinem exzentrischen Kommilitonen Harold Acton gewidmet. Waugh beschreibt die Zustände in einer zu Tode gesparten, schäbigen und schlecht ausgestatteten Schule irgendwo in Wales (allein die Ortsnamen, die fast nur aus Konsonanten bestehen!) und baut etliche autobiographische Erfahrungen mit ein. Der Held wird wegen “indecent behaviour” in Oxford exmatrikuliert und muss notgedrungen für seinen Lebensunterhalt sorgen. Die übliche Laufbahn für Leute, die öffentliches Ärgernis erregt hatten und deswegen in Ungnade gefallen waren, schien der Lehrerberuf zu sein. Ohne irgendeinen Abschluss oder das kleinste Interesse an Pädagogik wird Paul Pennyfeather angestellt und darf u.a. Deutsch, Französisch, Orgel und Sport unterrichten – alles Fächer, von denen er keine Ahnung hat. Er macht es trotzdem und beweist ein gewisses pädagogisches Geschick, indem er mit seiner Klasse ausmacht, dass er sie in Ruhe lässt, wenn sie ihn in Ruhe am Pult lesen und Briefe schreiben lassen. Es ist ein doppelbödiges Vergnügen, ihn auf seine Reise in die Abgründe der englischen Internatswelt zu begleiten. Man ist hin und hergerissen zwischen echtem Mitleid, Horror und Kicheranfällen und wundert sich nicht, warum die ältere Generation bisweilen düstere Erinnerungen an die eigene Schulzeit hat.

Der Roman ist enorm unterhaltsam, zeichnet aber auch ein vernichtendes Bild eines undankbaren Berufs, bevor irgendwelche Standards für die Ausbildung festgelegt wurden und offensichtlich jeder, ob er sich berufen dazu fühlte oder eher dazu gezwungen war, Lehrer werden konnte. Das Gehalt war dementsprechend – die beiden Kollegen von Paul und er fristen ein ärmliches Dasein, offenbar nahe am Existenzminimum, wie Lebensstil und Kleidung zeigen. Auch wenn es Satire ist, aber irgendein Körnchen Wahrheit wird dran sein, deshalb einige Zahlen: in der Anzeige, die ihn geködert hatte, werden 120 Pfund im Jahr in Aussicht gestellt. Schon beim Vorstellungsgespräch lässt sich Paul auf 90 Pfund herunterhandeln. Zum Vergleich: der Erzähler aus Waughs Klassiker “Brideshead” hat im Jahr 1923 550 Pfund zur Verfügung als Student, und Virginia Woolf fordert 1929 500 Pfund und ein eigenes Zimmer für ihre visionäre unabhängige und schöpferisch tätige Dame. Ohne dass man diese Summen in heutige Währung umrechnet, was aus mehreren Gründen ja eher schwierig ist, sieht man, dass da eine gewaltige Diskrepanz besteht. Und wenn man dann noch bedenkt, dass die beiden Letztgenannten dafür nicht arbeiten mussten, im Gegensatz zum guten Paul, der in den besonderen Genuss kommt, ein Sportfest mit desaströsen Folgen organisieren zu müssen… (Später gibt es noch einen beachtlichen Karrieresprung für den ehemaligen Theologiestudenten: er managt das Bordellimperium einer Schülermutter.)

Ich kannte von Waugh bisher nur das grandiose “Brideshead revisited”, das ich selber erst kürzlich wieder besucht habe. Dabei bin mal wieder zur Einsicht gekommen, dass es für jedes Buch, jedes Kunstwerk das genau richtige Lebensalter gibt. Als ich es vor zwanzig Jahren zum ersten Mal las, fand ich es wunderschön, aber nur deprimierend. Und die Romantik blieb definitiv auf der Strecke. Jetzt finde ich es wunderschön und noch deprimierender als je zuvor und absolut perfekt für Leute in meinem Alter mit der üblichen langweiligen Midlife-Krise. Charles ist mein partner in pain und ich sehe so viel mehr in dem Buch. Und kann mich noch daran hochziehen, dass ich immerhin nicht in den Krieg muss… Ausgehend von diesem gehaltvollen Klassiker dachte ich, Waugh ist immer der Mann für ernstere Töne. Inzwischen weiss ich, wie weit ich daneben lag und bin froh, mich ein bisschen weitergebildet zu haben. Wieviel Vergnügen wäre mir entgangen! Und, wie mir ein Freund gesagt hat: es gibt noch etliche andere amüsante Romane von ihm. Wunderbar!

Parallel dazu las ich eine flüssig geschriebene Waugh – Biographie, “Mad World” von Paula Byrne. Das war eine wunderbare, wenn auch manchmal ernüchternde Unterfütterung des Stoffs. Erst mal zum erwähnten Roman: es war nett, zu erfahren, dass Waugh beim Schreiben und dem ersten Vorlesen seines Erstlings anscheinend selber sehr viel Spass hatte und manchmal vor Lachen nicht weiterlesen konnte. Zwei andere Freunde von ihm, die sich den Roman gegenseitig vorlasen, lagen ebenfalls unter dem Tisch vor Lachen und kamen deshalb nur langsam voran. Diese alberne Lebensfreude  kommt auf jeden Fall rüber, selbst nach 90 Jahren…

Aber Oxford in den 20er Jahren, und davor natürlich auch – was für eine unglaubliche Männerbastion. Und was für unreife, verwöhnte Männer sich da tummelten. Für die Aristokratie gehörte es dazu, ihre Söhne für drei Jahre nach Oxford zu schicken, egal, ob sie überhaupt intellektuelle Neugier hatten. Für die meisten schien die Uni eine Art erwachsenerer Spielplatz zu sein. Wie es in “Brideshead” heisst: das Spielzeug waren Seidenhemden, Zigarren und Alkohol, die Laster die schlimmsten im Katalog. Es ist wirklich anstrengend, über diese exklusiven Männerclubs zu lesen, und ich glaube Nancy Mitford sofort, wenn sie in “Love in a Cold Climate” schreibt, dass Frauen in Oxford nur zum Bettenmachen gebraucht werden. Diese Umgebung könnte mich auf die Palme bringen – allerdings verdanken wir ihr einen sagenhaft schönen Roman und einen wahnsinnig lustigen. Irgendwie muss ich also meinen Frieden damit machen. Aber ich bin wirklich dankbar dafür, dass sich mutige Frauen dafür eingesetzt haben, diese gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern.