Die Erleuchteten

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Je mehr Zeit ich mit Erwachsenen verbringe, desto öfter frage ich mich, ob dieses ganze Gequatsche eigentlich sein muss. Autos, Urlaube, Häuser, Zweithäuser, Immobilien zur Anlage (und der Ärger mit den Mietern), Erfolge der Kinder, eigene bedeutende Kontakte – puh. Ich kann höflich zuhören und nicken, aber ich kann inzwischen auch gut geistig wegdriften und trotzdem interessiert aussehen.

Beitragen kann ich zu solchen Unterhaltungen wenig bis nichts, und ich sehe schon den Tag kommen, an dem ich wegen Langweiligkeit nicht mehr eingeladen werde. Manchmal klappt es, die Unterhaltung von Schein zu Sein zu wenden, manchmal klappt es nicht. Und ich sehne mich danach, wieder in meinem ganz normalen Alltag zurückzukehren, unter Menschen, die deutlich unter 18 sind und sich überhaupt nicht scheren um alles, wofür wir später so hart arbeiten, uns vielleicht sogar aufarbeiten. Nur um anderen imponieren zu können.

In meiner eigentlichen Welt ist es imposanter, Mathe-Kanguru zu werden, die Vorzeichen von E-Dur zu kennen oder eine Freundin zu haben, mit der man nachmittags Radfahren geht. Das sind die wirklich wichtigen Dinge des Lebens, die gefeiert werden und über die man sich freut. Ein feines Essen gehört auch dazu. Manchmal erfahre ich, dass es mittags Pfannkuchen gab, die total lecker waren, oder jemand freut sich schon aufs Abendessen gleich nach der Stunde. Dann denke ich gern an einen sehr wohlhabenden Bekannten, der mal meinte, mehr als drei Mal am Tag gut essen könne er auch nicht trotz der ganzen Kohle – dann ist es irrelevant, ob einen im Moment eher Garnelen oder ein Marmeladepfannkuchen glücklich machen. Und wenn ich sehe, wie sehr sich die Kinder über den kleinsten Radiergummi oder Buntstift zum Geburtstag freuen, merke ich, wie unverdorben und bedürfnislos die meisten von ihnen leben. Ich habe eigentlich ständig mit Leuten zu tun, die selber überhaupt kein Geld haben – vielleicht prägt das einen? Vielleicht bekommt man ein anderes Gespür dafür, was die Dinge wirklich wert sind? Und welche Dinge es wert sind, dass man sich dafür verbiegt?

Mit meinen Schülern geht es einzig und allein ums Sein. Ums Machen, ums Selber-Machen und Erleben. Eigentlich sind sie die wahren Erleuchteten, oder? In ihren abgerappelten Turnschuhen und oft gewaschenen Band- oder andere Helden-T-Shirts, mit ihren ausgebeulten Rucksäcken und ihren Fahrrädern. Sie sind genau an dem Punkt, den uns Webseiten oder Zeitschriften als Ziel des Angekommenseins, des wahres Erreichens der inneren Ruhe darstellen. Sie gehen ganz auf in einer Tätigkeit, bemühen sich um Wissen und Fertigkeiten und spüren sich selber dabei viel mehr, als wenn man entmenschlichten Tätigkeiten nachgehen muss. Sie haben Freizeit, und sie nutzen sie. Dürfen nach Herzenslust Tätigkeiten nachgehen, die sie erfüllen und bereichern, ohne an den Nutzen zu denken (sind an dem Punkt, an den manche Erwachsene in der Lebensmitte und vielleicht nach einer Krise kommen, wenn sie sich urplötzlich zum Klavierunterricht, Töpferkurs oder Schnitzkurs anmelden). Wachsen  nicht nur äusserlich, sondern werden innerlich auch ständig reicher, und in einem Tempo, das man später im Leben nie mehr erreicht. Sie sind unbestechlich – naja, relativ – und konzentriert auf das, was sie wirklich erfüllt. Bis sie eines Tages in die übliche Mühle geraten. Man lernt nicht mehr, weil es Spass macht. Leistung wird zum Selbstzweck, und man hört immer öfter, dass man einen guten Abschluss braucht, um einen guten Job zu finden, in dem man schnell genug Geld verdient, um ein passendes Haus und Auto zu kaufen. Und wenn man nicht aufpasst, findet jetzt eine Verschiebung der Wertigkeiten statt und man braucht Jahrzehnte, um wieder in den vorherigen, seligen Zustand zu kommen. Falls es einem überhaupt noch wichtig ist.

Ich bin auf jeden Fall dankbar, dass meine Schüler mir immer wieder zeigen, auf was es ankommt. Ich fühle mich besser, wenn ich bewusst solche kleinen Momente geniesse, die den Kindern auch was geben: ein besonderer Klang, der noch mal andächtig wiederholt wird, ein ausgiebiges Katzenkraulen, ein leeres türkises Vogelei, das am Boden liegt… Die Kleinen haben es raus, zu erkennen, was am Ende des Tages bleibt.

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Für R. und S. – es wird genug Verbenentee geben nächstes Jahr!

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Steinway 495938, Teil III

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Der Flieder verblühte, die Akeleien öffneten sich. Die feine Mondsichel wuchs wieder. Über Nacht sprangen die Rosenknospen auf, und mit einem Schlag war es Sommer. Ich dachte manchmal an die gescheiterte Aufnahme, versuchte aber, nach vorne zu schauen und mir andere Projekte zu suchen. Bis der Gatte zufällig eine Mail von einem Kollegen von sich bekam, der am Ende in einem PS meinte, dass er sich einen Traum erfüllt und im neu gebauten Haus ein Tonstudio eingerichtet habe. Wir könnten ja mal kommen und alles anschauen, Haus, Katze, Tonstudio. Das war zu seltsam. Vor zwei Monaten hatte ich verzweifelt nach einem Studio mit Flügel gesucht, und jetzt war eins quasi um die Ecke?

Wir fuhren hin. Ich kannte Walter nur als ehrgeizigen Kardiologen, der nebenbei mit grossem Enthusiasmus Saxophon spielt und regelmässig in verschiedenen Formationen auftritt. Das Studio ist aufs Feinste eingerichtet, mit allem, was das Herz begehrt und auf absolut professionellen Niveau. Der einzige Wermutstropfen war der nicht so berauschende Flügel, aber sonst waren Walter und ich gleich so im Einklang, hatten so sehr die gleiche Vorstellung von One-Take-Aufnahmen ohne Schnitte, dass ich einen Termin ausmachte für in ein paar Wochen später. Und wieder anfing zu üben wie eine Blöde. Denn jetzt musste es endlich klappen.

Zehn Tage vor der Aufnahme bekam ich einen Anruf: sie hätten einen Pianisten aus Paris dagehabt, der ihnen ins Gesicht gesagt habe, dass ihr Flügel nicht dem sonstigen Niveau des Studios entspricht. Kurz: dass er einen anderen brauche. Und zwar morgen. In ihrer Not riefen sie Claudia Sohnemann an, die ich ihnen als Klavierstimmerin empfohlen habe. Und sie lieferte ihnen zwei Tage später einen Steinway, den ich angeblich auch kennen sollte. Ich glaube, mein Herz setzte kurz aus – diese verrückte Schwarze Lady! Was für eine Rumtreiberin! Also, wenn ich nichts dagegen hätte, würden sie den Flügel noch für meine Aufnahme stehen lassen. (Inzwischen ist noch mehr Zeit vergangen, und eventuell, ganz vielleicht bleibt er dauerhaft dort. Ich kann’s nicht fassen!)

 

Die Aufnahmesession Ende Juni war so völlig anders als Ende März: kein Schnee, sondern 34 Grad. Keine schweren Klamotten in mehreren Lagen, sondern Sommerkleid und Sandalen – ich bilde mir ein, man hört den Schwung und die Leichtigkeit. Ein erschreckend kongenialer Tonmeister, der einfach mein Tempo hat, sehr effektiv und zielorientiert ist und sich, wenn was war, an den exakt gleichen Stellen gestört hat wie ich. Obwohl er ein Jazzer ist und die meisten Stücke noch nie im Leben gehört hat. Aber er weiss was vom Flow und legte grössten Wert darauf, dass der erhalten bleibt. Natürlich gab es Ausrutscher, aber entweder spielte ich noch mal alles (so viel auf der CD ist wirklich die erste und einzige Aufnahme! Der erste und letzte Debussy. Die Bach-Fuge. “Schafe können sicher weiden”. Da bin ich richtig glücklich.) oder wir setzten zwei sehr grosse, minutenlange Teile an einer logischen Stelle zusammen. Wir haben vielleicht zehn Mal geschnitten, und jedes Mal war ich dabei und konnte mithören. Ich bilde mir ein, dass man keinen einzigen Schnitt hört.

Alles ging flott und schwungvoll, ohne eine vergeudete Minute. Die Schwarze Lady gab ihr Bestes und beflügelte mich zusätzlich. Nach dem Debussy und Beethoven zwangen wir uns zu einer Pause, sassen im Garten unter einem Baum im Schatten, tranken Espresso und assen Aprikosen. Und dann ging’s genau so beschwingt weiter. Das Bach-Präludium hat den Sommer und die Aprikosen in sich, und eine gute Prise Koffein – es wurde auf Anhieb so, wie ich mir es vorstelle, ohne Tüfteln oder vorher noch mal probieren, einfach rein aus dem Garten und ran ans Klavier. Ich kann einfach nicht acht Stunden lang gut spielen. Bin wohl eher eine Sprinterin als eine Marathonläuferin – selbst wenn das der einzige Nutzen ist, den die verkorkste Aufnahme haben soll, bin ich dankbar für diese Erkenntnis. Nach dreieinhalb glücklichen Stunden war alles im Kasten. Und ich fühlte mich gut, auch am nächsten Tag noch. Keine Katerstimmung wie beim letzten Mal.

Und jetzt wird es eine CD geben! Die ich natürlich allen armen Bekannten aufs Auge drücken werde. Sollte noch jemand Verlangen danach haben – einfach schreiben!

Foto: windows-in-art.tumblr.com

Steinway 495938, Teil II

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Und – es war noch nicht aller Tage Abend. Die seltsame Geschichte um den Ausnahmeflügel ging weiter und mäanderte in erstaunlichen, unerwarteten Windungen mal hier hin, mal dort hin. Aber egal, welche Kapriolen die Schwarze Lady schlug – sie hat mein Herz in die gleiche Richtung mitgezogen. Ich konnte nicht unbeteiligt bleiben oder das Kapitel innerlich abschliessen, ganz im Gegenteil.

Ich versuche eine Kurzfassung. Denn schliesslich spielte sich alles über zwölf verwirrende, aufregende und schöne Wochen ab, und wenn ich alle meine schwankenden Emotionen in Worte fassen würde, würde ich bald Homer Konkurrenz machen… Denn es war eine wilde Reise.

Erst kam die Nachricht, dass ich mein Konzertprogramm auf ihr noch aufnehmen kann, bevor sie fünf Tage später an ihre neue Besitzerin geliefert werden würde. Halt vor Ort, in der Klavierwerkstatt und unter nicht ganz optimalen Bedingungen, aber ich war mit Enthusiasmus dabei, weil es damals so aussah, als wäre das meine letzte Chance, auf diesem Trauminstrument zu spielen. Habe meine Schüler verlegt, weil es an einem Werktag passieren musste, was mich immer sehr stresst und viel Organisationshorror bedeutet. Als es in der Nacht davor schneite und ich, so dick eingepackt wie möglich, über die weissen Hügel in den Bauernhof fuhr, sagte ich mir immer vor: Schnee Ende März kann nicht so ernst sein. Gleich kommt die Sonne und wir frieren kein bisschen. Aber – keine Sonne. Und kaum Heizung da im ehemaligen Stall. Mit Winterstiefeln zu pedalisieren ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Und nach sechs Stunden gab ich dem armen Tonmeister meine (geblümten) Pulswärmer, weil er langsam einfror. Nach acht Stunden waren wir beide mehr als klamm. Und leider klingt es auch so: zu lahm, zu langsam, leider todlangweilig trotz des tollen Flügels.

Ich war frustriert und versuchte, die Aktion als Erfahrung und Lehrgeld abzuhaken. Was aber nicht so einfach ist, wenn das ganze Herzblut drangehangen hat und das erwartete Ergebnis ausbleibt.

Der Schnee taute. Die Osterglocken und Palmkätzchen nahmen einen zweiten Anlauf. Ich übte und übte und fragte mich, warum ich an dem Tag so schlecht gespielt hatte. War wild entschlossen, es zumindest in den Konzerten besser zu machen, wenn es schon keine Aufnahme geben sollte.

Zwischendurch bekam ich so nebenbei von meiner Klavierbauerin mit, dass die ursprüngliche Käuferin des Flügels abgesprungen war und sich für einen B-Flügel entschlossen hatte, der ihr noch mehr zusagte. Irgendwie war das auch frustrierend, denn dann hätten wir nicht bei arktischen Temperaturen auf dem Hügel rumsitzen müssen. Armer Tonmeister.

(Kurzer Ego-Exkurs, also noch mehr Ego-Exkurs als ohnehin schon: Ende Mai, an einem wunderbaren milden, regnerischen Abend, spielte ich mein Programm noch mal im Haus einer Bekannten, auch auf einem sehr schönen Steinway. Das alte Parkett schimmerte, die dicken Mauern flüsterten, und als mein Debussy in den regenverhangenen Garten hinausschwebte und dort mit Frühlingsdüften und allen möglichen kaum sichtbaren Wasserelfen tanzte, war ich glücklich und eins mit mir wie schon lange nicht mehr. Und dachte: warum überhaupt eine Aufnahme. Was zählt, ist der Moment. Dieser Moment. Und die greifbaren, atmenden Menschen, die schlagenden Herzen, die um mich herum sitzen und mit mir diesen Moment erleben.)

 

*

 

Am nächsten Tag spielte die Tochter dieser Bekannten ein Konzert in Mühldorf. Sie ist unglaublich jung und unglaublich begabt, und ich hätte sie mir angehört, auch ohne dass mir Frau Sohnemann erzählt hätte, dass sie um einen Flügel für die Kirche gebeten wurde und dass sie die Schwarze Lady reinstellen würde. Die unglaublicherweise immer noch nicht verkauft war. Mein Herz zuckte zusammen. Noch mehr, als ich den Flügel in der Kirche sah. Und als Frau Sohnemann nach dem Konzert sagte, dass er morgen abgeholt würde, sie die Klaviatur aber heute schon mitnimmt, damit sie nicht hochkant transportiert wird. Und ob ihr jemand helfen könnte, sie rauszutragen. Und es war wie immer, wenn ich mich mit ihr über diesen Flügel beuge: nicht wie eine Klavierbauerin und eine Musikerin, sondern einfach – zwei Frauen, die mit mütterlichen und zärtlichen Gefühlen auf einen besonders gelungenen Sprössling schauen. Frau Sohnemann ist so zart und ruhig. Sie spricht zwar lebendig und lacht viel, aber vieles geht auch ganz still und nonverbal ab, und ich liebe es, wenn ich mit ihr und dem Objekt unserer Aufmerksamkeit in so einem besonderen Dreieck verbunden bin, in dem so vieles ungesagt bleibt, aber alles klar ist. Als wir beide die Klaviatur langsam und vorsichtig den Mittelgang entlang trugen, fühlte ich mich sehr seltsam. Irgendwie war es der ultimative Akt an Fürsorge, die wichtigen, wertvollen Innereien des geliebten Instruments, das, was ihren besonderen Anschlag und Ton ausmacht, so nackt und bloss durch die Kirche zu tragen, und ich hätte es mir nicht nehmen lassen, da mit an zu packen. Aber innerlich amüsierte ich mich über diese verrückte Schwarze Lady und hatte so das Gefühl, dass das sicherlich unsere intimste, aber nicht die letzte Begegnung sein würde.

So tun als ob: Urlaub im Süden (mit Klavier)

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Diese langen, hellen Tage, die langsame Dämmerung, der süsse, betörende Aprikosenduft unserer weissen Kletterrose und die moderate Hitze lassen mich manchmal vergessen, dass ich eigentlich zu Hause bin. Sobald es wärmer wird, haben wir wegen der Katzen ständig alle verfügbaren Terrassentüren offen stehen. Und schlagartig ist unser Haus ein Sommerhaus und ich fühle mich wie im Urlaub. Ich liebe es, wenn sich die Gardinen zart im Wind bauschen und jede Brise Rosenduft ins Haus weht. Barfuss gehen, in Jeans und dem immer gleichen hellblauen Lieblingshemd, das sofort nach der Wäsche wieder angezogen wird. Überhaupt: Wäsche, die den ganzen Tag in der Sonne trocknen darf. Nicht mit dem Blick auf die Albaner Berge aufgehängt, und nicht in zwei Stunden trocken wie im römischen Ferienhaus, aber trotzdem geniesse ich den typischen Sommergeruch nach frischer Luft und Sonnenstrahlen. Morgens mit dem ersten Kaffee am Teich sitzen, in Augenhöhe mit den Iris und den Akeleien, nachdem man befriedigt festgestellt hat: die Birne ist perfekt reif für heute, und Brie gibt es auch noch. Aber erst ans Klavier. Und wenn ich genug geübt habe, ein bisschen frühstücken, Und dann wieder ans Klavier. Und dann, wenn es mittags zu warm wird und mein Kopf eine Pause braucht, ein luxuriöser Mittagsschlaf, während dem sich das Geübte auf so wunderbare Weise setzt und festigt, dass man danach weitermachen kann, als wäre es ein völlig neuer Tag (eine meiner selbsterworbenen Lebensweisheiten: Schlafen hilft beim Lernen. Mehr noch als andere Pausen. Nur – wann kann man schon tagsüber schlafen?) Nachmittags nochmal ans Klavier, ohne auf die Uhr gucken zu müssen. Abends ein entspanntes Kochen, Essen auf der Terrasse und danach Lesen im Liegestuhl. Wenn man um 21.15 langsam Licht braucht, holen wir die Stehlampe raus. Kurz bevor ich ins Bett gehe, spaziere ich in der langen Dämmerung noch mal langsam durch den Garten, sage den Igeln Gute Nacht und den hunderten weissen Kletterrosen. Ich bin völlig entspannt und zufrieden mit meinem Leben. Habe schon halb das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt, denn – man kann doch nicht einfach so sein Dasein geniessen? Man muss doch wichtig sein, und gestresst sein, und viel zu viel vorhaben? Aber das hatte ich mehr als genug in den letzten Wochen. Ich finde, es ist wahrer Luxus, mal nichts vorzuhaben. Sich nicht zu Ferienbeginn auf die volle Autobahn Richtung Süden zu schmeissen und spätestens im Stau bei Modena sein Schicksal zu bedauern. Und – diese revolutionäre Idee kam mir letzte Woche – einfach so zu tun, als wären wir im Urlaub im Süden. Ohne Pläne, ohne Termine, mit gutem Essen, frischen Tomaten und Erdbeeren, viel Zeit zum Lesen und Üben. Aber eben hier (und das bedeutet, im Gegensatz zu den schönsten vorstellbaren Ferienhäusern: mit Klavier!!)

Die Kräuter in den Töpfen sind gleich dafür zu haben. Ihnen geht’s gut dieses Jahr, und mit Basilikum und Rosmarin ist es leicht, die Illusion eines südlichen Lebens aufrecht zu erhalten. Die Verbene ist in den wenigen Wochen so kräftig gewachsen, dass ich mir abends nach dem Essen einen zart duftenden Tee mache, wie in Frankreich, und mich beim Gequake unserer Frösche und den Fledermäusen, die lautlos dicht an der Terrasse vorbeizischen, problemlos in die Provence träumen kann.

Am ersten Samstag in den Ferien kam ich heim vom Markt mit frischen Radieschen, Spinat, Rhabarber und Erdbeeren. Und einem Pfund Espresso von einer gewissen herrlichen Rösterei hier. Während ich einen Platz für meine Einkäufe suchte, erspähte ich ein dickes, fettes Paket für mich auf dem Esstisch – meine Bestellung beim Henle-Verlag war schon da. So schnell! Was für ein perfekter Ferienbeginn! Ich muss mein Programm noch bis Ende Juni auf Hochglanz poliert in den Fingern haben, aber nach der langen Zeit mit den gleichen Stücken war ich kribbelig auf was Neues. Und schloss einen Kompromiss mit mir: 90 Minuten am Tag Erhaltungsüben, und der Rest ist für Entdeckungen. Und nach dem Motto “wann, wenn nicht jetzt” habe ich mir alle möglichen Hämmer angeschafft, die ich schon immer spielen wollte: die Wanderer-Fantasie, die Diabelli-Variationen und Liszt’s “Bénédiction”. Und beschloss: die erste Ferienwoche ist einsiedlerisches Übecamp. Nichts als Klavier, Essen, Lesen, Schlafen. In der zweiten muss ich mich wieder etwas wie ein soziales Wesen benehmen. Aber in der ersten wird rücksichtslos geübt. Zur Bestätigung, und um Platz auf dem Tisch zu schaffen, legte ich das Pfund Espresso auf die blauen Hefte und dachte mir, als mein Blick später drauf fiel: perfekte Pläne. So machen wir das.

(Kurzes Fazit nach fünf Tagen: es ist mir immer etwas peinlich, das zuzugeben, aber ich liebe Liszt. Kann nicht genug davon kriegen. Ihn übe ich am meisten. Die Diabelli-Variationen sind der Wahnsinn und perfekt, um jeden Tag eine zu üben und technisch fitter zu werden – die Quintessenz von allen ausgefallenen Ideen, auf die Beethoven je in seinem Leben gekommen ist. Also für mich extrem lehr- und hilfreich, aber für’s normale Publikum eigentlich eine Zumutung. Nicht nur wegen der Länge. Die Wanderer-Fantasie ist so kräfteraubend, wie man immer hört. Da muss man wirklich Pausen einlegen. Aber, alles in allem: suchterzeugend schön.)

Es ist erstaunlich, wie Augenblicke, die kurz sein können wie ein Wimpernschlag, Erinnerungen hervorrufen: der Duft der reifen Melone, die ich aufschneide, oder die Tatsache, auf warmen Steinen stehend abends die Wäsche vom Trocknen zu holen, der erste Schluck kühler Rosé des Jahres – in diesen sekundenkurzen Momenten liegt die ganze Essenz des Sommers. Alle Sommer, die ich schon erlebt habe, sind gebündelt in solchen winzigen sinnlichen Erlebnissen. Sie entfalten sich, entfalten ihren ganzen Zauber, wenn man überhaupt nicht damit rechnet. Während man noch dabei ist, neue Sommererfahrungen zu speichern. Sie überlagern sich wie Stimmen in einer Bach – Fuge und fliessen ineinander, bis man sich fragt: war das letztes Jahr? Vor zehn Jahren? Damals bei Oma? Und der Moment dehnt sich und breitet sich aus, entfaltet sich mehr als unsere üppigen Pfingstrosen mit ihren Dutzenden von Blütenblättern. Und ich möchte alles auf einmal in mich aufsaugen und speichern. Nicht für den Winter, sondern für den nächsten Sommer. Damit ich weiterbauen kann an meinen Erinnerungen, so wie ich geduldig jeden Tag weiterübe an meinen endlosen Variationen.

Rue de Fürstenberg

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Der Vollständigkeit halber, und weil es nur ein paar Minuten zu Fuss vom Hotel war, wollte ich am vorletzten Tag in Paris das Wohnhaus und Atelier von Eugène Delacroix besichtigen. Weil es nah und wahrscheinlich überschaubar war, sollte es nur der erste von vielen Punkten an diesem Tag sein. Und so begab ich mich nach dem Frühstück in das Gewirr von uralten Gässchen, die sich, unbehelligt von den Begradigungsplänen des 19. Jahrhunderts, zwischen dem schnurgeraden Boulevard St. Germain und dem Seine-Quai schlängeln. Die Strassen sind eng, die schmalen Häuschen mit offen liegenden Balken offensichtlich uralt, und es wäre das perfekte kleine Viertel, um einfach zu flanieren und sich zu verlieren. So viel gibt es zu sehen: bewachsene Balkone, bunt bemalte oder geschnitzte Haustüren, kurze Blicke in Innenhöfe mit Topfpflanzen, falls man das Glück hat, dass grade die Portale offen stehen, die schmiedeeisernen Gitter vor den Fenstern, altes Pflaster unter den Füssen… Man möchte eigentlich alle zwei Meter ein Photo machen, und es war ein Wunder, dass ich irgendwann doch in der Rue de Fürstenberg und am Museum ankam. Aber – noch konnte ich nicht reingehen, weil der Platz vor dem Museum so überragend hübsch war. Die Adresse ist einfach “Rue de Fürstenberg”, aber eigentlich muss man es “Platz” nennen: die Strasse spaltet sich und beschreibt ein kleines ovales Rondell, in dessen Mitte vier grosse Bäume und eine altmodische, mehrarmige Strassenlampe stehen. Dieses plötzliche Sich-Öffnen, dieses sinnlose Platz-Verschwenden mitten in der Grossstadt hat einen unglaublichen Effekt, wenn man aus dem Gewirr der engen Gässchen kommt. Man schaut unwillkürlich nach oben, durch die Bäume in den Himmel. Und dann wieder um sich herum, weil man nicht fassen kann, wie unglaublich ausgewogen und harmonisch der Ort ist. Umgeben von eleganten Fassaden des frühen 18. Jahrhunderts sieht der kleine Platz wie eine Adventskalenderkulisse aus. Und obwohl die Kastanien blühen und der Himmel blau ist. wünsche ich mir auf einmal, dass es schneit. Was für ein malerischer Ort! Und wäre die Strassenlaterne nicht, die einen auf spätes 19. Jahrhundert festlegt, könnte man sich wirklich ins Barock zurückträumen: keine Autos, keine Räder oder sonstige Anzeichen, wann wir grade leben. Ich liebe solche Portale in eine andere Zeit, an denen man zumindest für Sekunden träumen kann, dass hier ein Übergang möglich wäre…

Delacroix hat gut gewählt. Der Grund für seinen Umzug von Montmartre in dieses Viertel war, dass er den Auftrag für Altargemälde für “unsere” Kirche St. Sulpice bekam und zu der Zeit schon so unter seiner Tuberkulose litt, dass ihm der Fussweg zu weit war (Ich bin die fünf Kilometer am Tag davor gelaufen – ist nicht ohne, selbst mit intakten Lungen). Abgesehen von diesem ultra-romantischen Vorplatz, der schon allein ein Grund wäre, hierher zu ziehen, hatte er die Möglichkeit, im Hinterhofgarten ein grosses, elegantes Atelier anzubauen.

Das Museum ist menschenleer. Ein Wärter stürzt sich auf mich. Er hat einen Anstecker “Delacroix-Fan” an seinem Uniform-Jacket, der eher an eine Jeansjacke oder einen Kanken-Rucksack gepasst hätte. Und er ist ein echter Fan und möchte seine Begeisterung mit mir teilen. Er erzählt mir ungebeten einiges über Delacroix, zum Beispiel über seine Arbeiten in St. Sulpice. Oder wie sehr er unter dem Tod seines engen Freundes Chopin gelitten habe. Und dass er hier, in genau diesem Zimmer, an der gleichen Krankheit gestorben sei, nach nur sechs Jahren in seinem schönen neuen Haus. Ich schaue in den regennassen Garten, der Wärter auch, und wir nicken stumm vor uns hin, bis ich sage: “Alle waren krank damals.” Nicht sehr geistreich, aber dazu reicht mein Französisch grade noch, und irgendwie verstehen wir uns. Nicken noch mehr und haben tatsächlich einen kurzen Delacroix-Moment, voller Mitgefühl und Trauer darüber, dass er und so viele andere schon so früh ihr Erdendasein beenden mussten. Und man sich immer fragt: was für tolle Werke wären da noch gekommen, wenn sie ein bisschen älter hätten werden dürfen. Der Wärter reisst mich aus meinen melancholischen Gedanken und schlägt vor, dass ich jetzt in den Garten gehe und mir das Atelier ansehe. Gute Idee.

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Der Garten war nach einem nächtlichen Regenguss feucht und hellgrün, wie es nur Gärten im Frühjahr sein können. Helle Rosen, weisse Tränende Herzen, hellgrüne Bänke vor der weissen Fassade des Ateliers mit dem grossen Fenster – alles sehr elegant und stimmig. Schon wieder eine Oase, ähnlich wie in der Rue Chaptal, und hier wirklich ganz menschenleer und verwunschen. Und ich spüre, wie sich in mir wieder dieser fatale Wunsch regt: kann ich nicht hier einziehen?

Der Rest des Tages war angefüllt mit schönen und spannenden Erlebnissen. Und trotzdem liess mich der Gedanke an den malerischen kleinen Platz nicht los. Ich erzählte meiner Freundin davon, und als wir nach dem Abendessen noch ein bisschen durch die Strassen schlenderten (wir hatten – zufällig – ganz in der Nähe gegessen), fanden wir uns plötzlich an diesem Platz wieder. Nur so ein bisschen wie vom Magnet angezogen. Wirklich nicht beabsichtigt. Und ich seufze: “Guck mal. Hier will ich wohnen. Du kannst dir schon mal meine neue Pariser Adresse notieren.” Während ich noch versuche, mich davon zu erholen, wie goldig der Platz im Laternenlicht aussieht, hat die praktische Freundin schon ein “Zu Verkaufen”- Schild im ersten Stock in einem der Häuser entdeckt und zückt ihr Handy: “Hast du 3,2 Millionen? Dann kannst du in diese 74 Quadratmeter-Wohnung da ziehen.” Der Gatte meint später, bei solchen Dimensionen könnte man den Steinway, in den ich mich kürzlich verliebt habe, dann aus der Portokasse zahlen. Hm. Noch eine imaginäre Traumadresse in meinem immer dicker werdenden Alternativ-Leben-Adressbuch. Warum auch nicht?

Montmartre um 1840

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Wieder ein Museum, in dem ich gern meine Schüler im Schlepptau gehabt hätte: das Musée de la vie romantique vermittelt ein eindrucksvolleres, farbigeres Bild des Lebens um 1840, als man es je in Worte fassen könnte. Wer in dem kleinen Salon stand, mit dem Kamin und den harmonischen Fenstern, wer die dämmrige enge, gewundene Treppe in den ersten Stock erklommen hat, wer im lauschigen kleinen Innenhofgärtchen sass und die unglaubliche Ruhe genossen hat, kann ganz anders eintauchen in die Dimensionen der Welt von damals. Und sehen und spüren, was damals Priorität hatte. Wir sind grosse  (gigantische) Konzertsäle gewöhnt. Helle loftartige Wohnungen mit vielen Fensterflächen, manchmal vom Dach bis zum Boden. Viele Ausblicke und Einblicke, aber wenig Geborgenheit. Aber hier, in diesem kleinen Salon, der nicht viel grösser ist als unser Wohnzimmer, hat Chopin regelmässig für seine Freunde gespielt. Ebenso Liszt. Ich denke, es würden maximal 20 Zuhörer reinpassen – eher weniger. Das muss man sich wirklich vor Augen führen – man konnte viel delikater und leiser spielen. Kein Forcieren, keine übertriebene Kraftaufwendung waren nötig, um die Ohren und Herzen der Zuhörer zu erreichen. Ich denke, manche von ihnen sassen fast auf Tuchfühlung mit den Musikern. Wie gern wäre ich dabei gewesen!

Wieder zuhause, habe ich gegoogelt: Chopin und George Sand wohnten ab 1841 erst in der Rue Pigalle, wo er auch unterrichtete, und später am Square d’Orléans. 300 respektive 500 Meter entfernt vom Haus des Malers Ary Scheffer, das heute das Museum beherbergt. Ein echter Katzensprung, selbst wenn man die sanfte Steigung des Montmartre und die Beeinträchtigung durch Tuberkulose berücksichtigt. Ich kann nicht anders als andachtsvoll durch solche Viertel zu gehen, während ich mir vorstelle, wer hier ebenfalls täglich lief. Delacroix wohnte ebenfalls nur 200 Meter entfernt in der Rue Notre Dame de Lorette. Liszt war mit seiner Geliebten Marie d’Agoult ein häufiger Gast, ebenso die Sängerin Pauline Viardot. Die kurzen Wege zwischen den einzelnen Wohnorten beweisen, dass es keine sporadischen Abende waren, sondern man wirklich problemlos jede Woche zusammenkommen konnte (und wie wohltuend ist das doch für die eigene Disziplin und Kreativität, wenn man weiss, dass man jeden Freitag was abliefern kann?)

Auch heute umfängt einen die besondere Atmosphäre des Ortes, noch bevor man das Museum betritt. Anfang des 19. Jahrhunderts bestand Montmartre hauptsächlich aus Wiesen, Mühlen  und Bauernhöfen. Wahrscheinlich waren die Wohnhäuser auch noch nicht so hoch wie heute (auch wenn Chopin in einem anderen, zentrumsnäheren Viertel im 5. Stock wohnte). Heute läuft man von der Metro durch die üblichen herrschaftlichen Strassenzeilen mit hohen, balkonverzierten grauen Fassaden. Echte Häuserschluchten, auch wenn sie höchst malerisch aussehen. Die Rue Chaptal macht keine Ausnahme – bis auf eine Kastanie, deren Blüten durch ein schmales Tor nicken. Das lenkt schon den Blick auf sich, und, Tatsache: hier geht es ins Museum! Die blühende Kastanie ist Vorbote des lauschigen grünen Innenhofes, den man durch einen schmalen Gang erreicht. Alles ist so viel kleiner und unauffälliger als andere Museen. Man fragt sich zwei Mal, ob man richtig ist. Aber – doch, hier ist es. Im Innenhof mit der Remise blühen Flieder und Glyzinien, vor dem hellgrünen Spalier der Remise sind schon Topfpflanzen arrangiert. Rechts davon ist der wunderhübsch begrünte Garten, in dem unter hohen Bäumen schon die Rosen und Klematis blühen. Ein ruhiger Ort, an dem man verweilen möchte. Und so ist es auch gedacht: es gibt viele Sitzgelegenheiten auf zierlichen Gartenmöbeln. Rechts neben dem kleinen Wohnhaus ist ein Wintergarten angebaut, der heute ein Café beherbergt, und etliche Gäste haben sich schon Getränke geholt. Wir trinken später auch einen hervorragenden Tee, bleiben aber im Wintergarten. Der Wind rauscht wunderschön in den hohen alten Bäumen, aber es wurde tatsächlich etwas kühl. Eine Wand des Wintergartens ist eine farnbewachsene künstliche Grotte, in der leise Wasser plätschert. Es ist fast leer, die Baristas bewegen sich leise und diskret und ich spüre, wie ich mich mit dem ganzen Grün um mich herum richtig entspanne und durchatme. Wer würde glauben, dass ein paar Strassen weiter der Verkehr braust und die Menschen hektisch in die Metro strömen? Selbst wenn man kein Interesse an Chopin und Konsorten hat, ist dieser Ort sehr zu empfehlen für eine stilvolle Pause abseits des Trubels. (Und, Überraschung: ich muss nicht hier einziehen. Es ist ein Traumort, aber hier sind noch so viele Geister, denen ich nicht in die Quere kommen will.)

Passy

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Seltsamerweise vermisse ich Passy. Um die besten Trauzeugin von allen nicht zu langweilen, wollte ich allein einen kleinen literarischen Spaziergang durch dieses Viertel oberhalb des Eiffelturms machen, nur zwei Stunden lang oder so. Wollte Debussy auf dem Friedhof besuchen und mich einfach ein bisschen umgucken und dann wieder zurückfahren.

Ich musste mich richtig losreissen, so wohltuend und beruhigend war es, nach den Tagen mitten in der Grossstadt, mit allen optischen Verführungen und Ablenkungen, durch ein reines Wohngebiet zu laufen. Im Gegensatz zur Innenstadt gab es gefühlt an jeder Ecke einen Briefkasten und eine ungewöhnliche Dichte an Lebensmittelläden. Das war’s aber auch schon mit Geschäften – an Kreuzungen vielleicht noch eine Apotheke und einen Blumenladen und das obligatorische Eckcafé, aber mehr Betriebsamkeit gab es nicht. Statt dessen: herrschaftliche, majestätische Jahrhundertwende – Miethäuser am laufenden (Kilo)meter und haufenweise blühende Kastanien davor. Kaum Menschen auf den Strassen, so dass ich mir ganz in Ruhe und ohne jemand zu behindern die Verzierungen an den Fassaden und die Schnörkel der Balkone angucken konnte. Und diesen seltsamen Effekt spürte, dass ich gar keine Photos machen muss, sondern die Eindrücke lieber in meinem Herzen speichere – wenn man an diesem Punkt ankommt, diese innere Zufriedenheit spürt, ist alles gut.

Gegen Ende des kleinen Spaziergangs geriet ich an den runden Place de Costa Rica, an dem sternförmig mehrere Strassen zusammenlaufen, setzte mich in ein ruhiges Eckcafé und bestellte einen Kaffee, den ich in aller Ruhe trank, ohne mich von irgendwas ablenken zu lassen. Und dabei stellte ich fest: ich bin hier an einem bilderbuchartig perfekten, typisch französischen Platz gelandet. Diese Architektur, diese Art, Strassen auf einen Punkt zu konzentrieren, diese kleinen Zeitschriftenläden und noch mehr Cafés an den Ecken kann es nur hier so geben. Es hat so Spass gemacht, in diesem Café zu sitzen! Und noch mehr Spass hatte ich, als ich danach den Mini-Schulbedarfs- Schreibwarenladen, den ich vom Café aus erspäht hatte, betrat und kleine Geschenke für meine Schüler aussuchte. Kein Schnick-Schnack hier, kein Merchandise- und Glitzer-Unsinn, sondern einfach Schulartikel. Aber meine Schüler finden es toll, zum Geburtstag einen französischen Radiergummi zu bekommen. Oder ein französisches Notizheft. Und ich bin sicher, dass ich in der Innenstadt nicht so einen netten, direkt altmodischen Laden gefunden hätte.

Auch wenn ich auf dem Friedhof vergeblich herumirrte und Debussy nicht fand (die verstecken ihre wenigen Promis hier wirklich gut), irrte ich unter blühenden Kastanien. Und mit ständigem Eiffelturmblick über den Dächern der Mausoleen. Und ich hatte meine Schreibwarenladen-Einkäufe schon in der Tasche und war einfach glücklich mit meinem Passy-Besuch. Auch wenn ich Debussy nicht wirklich besuchen konnte: ich hab das Gefühl, der Gedanke zählt fürs Werk. Kaum war ich wieder zurück am heimischen Klavier, beschloss ich, die Images mal ein paar Tage ruhen lassen, selbst wenn ich sie bald wieder für ein Konzert brauche. Ohne es geplant zu haben, zog ich die Estampes aus dem Regal, weil ich einfach langsam Lust auf was Neues hatte, und habe seither so viel Vergnügen damit. Ich glaube, das ist ein Gruss von oben…

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Ich hätte gleich auf meine Klavierstimmerin hören sollen. (Wahrscheinlich sollte man generell einfach auf seine Klavierstimmerin hören.) Ich fürchte, ich hab sie wegen eines Instruments und Raums für die CD-Aufnahme in den letzten Tagen arg strapaziert und ihr nach diversen Pleiten immer wieder mein Leid geklagt. Und immer wieder meinte sie, geduldig und grosszügig: “Der Flügel ist noch in der Werkstatt. Kommen Sie doch einfach mal.” Aber der Flügel gehört jemanden und ist, nach seinem Aufenthalt bei ihr, jemand anderem versprochen. Und wenn das Privatleute sind, fühlt sich das ganz anders an, als wenn der Flügel einer Stadt oder Gemeinde gehört und ohnehin alle möglichen Menschen auf ihm spielen. Ich hatte viel zu lang Hemmungen, auf das Angebot einzugehen. Und als ich endlich bereit war und mich Hals über Kopf in das Instrument verliebte, waren unsere Tage schon so gezählt, dass ich von Anfang an wusste: es wird eine bittersüsse Romanze. Acht Tage haben wir noch.

Als ich endlich hinfahre, ist die Werkstatt kalt. Überall stehen Einzelteile von Klavieren herum: goldene Gusseisenrahmen, haufenweise übereinander gelehnt an der Wand. Fein geschnitzte alte Notenpulte. Beine. Nackte, komplette Klaviaturen. An den Wänden hängen die Werkzeuge, ordentlich aufgereiht und griffbereit. Dosen mit Diskantsaiten sind in verschiedenen Regalen aufgereiht, dicke Bündel von umwickelten Basssaiten hängen an der Seite eines Schranks. Über allem der seltsame, leicht süsse Geruch von Lacken und frischem Holz. Trotz eindeutiger Werkstatt-Atmosphäre hat der Raum auch einen sehr weiblichen Touch: durch die alten, hellbraun glänzenden ehemaligen Wohnzimmermöbel, in denen wahrscheinlich noch Arbeitsutensilien stilvoll aufbewahrt werden (im offenen Bücherregal stehen, wie in einer Apotheke, dicht an dicht Fläschchen mit allen möglichen Flüssigkeiten). Es gibt immer irgendwelche üppigen Blumensträusse. Und Frau Sohnemann ordnete grade zierliche antiquarische Teetassen, elfenbeinfarben mit Goldrand, auf einer freien Werkbank an für Kunden aus Köln, die sich gleich ein Instrument ansehen wollten. Sie sagte mir noch, dass sie “meinen” Flügel “schwarze Lady” nennt, weil er für sie eine Dame ist, und holt eine alte Kaffeekanne und Zucker in einem Glas vom Regal. Das war so ziemlich das letzte, was ich von der Aussenwelt wahrnahm – noch ganz dunkel, wie sie leise und stumm hinter mir den Wasserkocher ausschaltete, aber ab da weiss ich nichts mehr. Ausser: das war mein Flügel. Wir waren füreinander bestimmt.

Ich war buchstäblich vom ersten Ton an, von der ersten Realisierung, dass ich endlich mal wieder echtes Elfenbein unter den Fingerspitzen fühlen durfte, hingerissen. Ich durfte schon auf allen möglichen guten und wunderschönen Instrumenten spielen in meinem Leben, in perfekten und akustisch hervorragenden Sälen, aber ausgerechnet dieser kleine Flügel, in einem Bauernhof auf einem Hügel in der Mitte von Nirgendwo, übertrifft die meisten von ihnen. Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet und war total überrollt von der goldenen Klangfülle, dem Volumen und der enormen Ausgeglichenheit in allen Lagen. Ein ungewöhnlich strahlender, farbiger und dennoch warmer Diskant, eine samtige, dunkle Basslage und die perfekte sonore Tenorlage. Wie geschaffen für meine Bachbearbeitung…  Und eine perfekte, leichte und ausgewogene Ansprache – alles spielte sich von selbst, und ich fragte mich mehr als einmal, ob das wirklich noch ich bin. Ganz seltsam. Und ich kam von der ersten Sekunde an mit dem Instrument klar. Kaum ein Ausloten, Ausprobieren, anders Probieren – wir waren wie geschaffen füreinander.

So ein Instrument trifft man vielleicht ein Mal im Leben. Wenn man Glück hat. Und dieses seltsame sich gegenseitig-Erkennen, dieses Gefühl von Nach-Hausekommen, dieses jemand finden, nach dem man überhaupt nicht gesucht hat – das ist auf fatale Weise ähnlich wie Liebe auf den ersten Blick. Nein: es IST Liebe auf den ersten Blick. Und genau so verwirrend, irrational, überwältigend und grad gar nicht passend und – überhaupt, was soll das? Ich wollte hier nur ein Klavier ausprobieren!

Als ich einigermassen wieder in der Realität auftauche, habe ich eine dreiviertel Stunde gespielt. Die Kölner müssten jeden Moment da sein. Ich gehe nach draussen, um nach Frau Sohnemann zu suchen – sie steht vor dem Hof in der Sonne und unterhält sich mit den Bewohnern. Sie kommt erwartungsvoll auf mich zu und ich platze heraus:

“Das ist der beste Flügel, auf dem ich je gespielt habe.”

Sie neigt leicht den Kopf und meinte: “Freut mich.” Ich stutze kurz – weiss sie eigentlich, was für ein Meisterwerk sie da geschaffen hat? Ist ihr klar, wie aussergewöhnlich das Instrument ist? Oder – würde Bernini genau so reagieren, wenn er gerade den Staub von seiner Daphne geblasen hat und man ihm sagt, dass man noch nie was Schöneres gesehen hat? Sind die echten Künstler und Meister einfach bescheiden und sich so sicher, dass sie das Beste gegeben haben, dass sie es nicht nötig haben, viel Lärm drum zu  machen? Wir reden kurz, und da die anderen Kunden noch nicht in Sicht sind, trippele ich hin und her und frage: “Kann ich noch mal…?” Sie grinst und nickt, und ich spiele noch mal was von meinem Beethoven.

Als Frau Sohnemann zum Abschied meinte, ich könne jederzeit auf der schwarzen Lady  spielen, antwortete ich: “Ich fahr nur schnell heim und hol den Schlafsack.” Ganz so schön wurde es dann doch nicht, weil ich ja leider nicht nur Pianistin bin. Aber ich fuhr  in der Woche ganz, ganz oft über Berg und Tal auf den Zauberberg mit der Klavierwerkstatt. Erst über immer kleinere Nebenstrassen, die irgendwann noch schmaler wurden und keinen Mittelstreifen mehr hatten, und am Schluss auf höchstens traktorbreiten Strassen ohne jede Markierung. Selbst die Pfosten an der Seite waren nicht mehr aus Kunststoff, sondern aus Holz. Am Schluss die Schotterpiste zum Hof – keiner würde glauben, dass in diesem behäbigen, alten Bauernhof vier Steinways auf ihre Auferweckung warten.

Es war seltsam, als ich an einem Sonntag morgen, nach fünf Stunden Schlaf nach einem Hauskonzert am Abend davor, gleich in der Früh allein in die dunkle, ruhige Werkstatt kam. Die Hofkatzen, Enten und Esel draussen waren schon wach, der hohe Aprikosen-Spalierbaum neben dem Eingang öffnete seine weissen Büten in der Morgensonne, aber die vier gigantischen, schimmernden Flügeltiere drinnen schienen noch zu schlummern.  Ich bilde mir ein, dass die anderen beiden mitschwangen, als ich auf “meinem” spielte (einer hatte im Moment keine Saiten und war überhaupt in einem gruseligen ausgeweideten Zustand). Ich genoss jede Sekunde mit dem wunderbaren Instrument. Und obwohl ich so oft es ging dort war, konnte ich nicht genug kriegen von ihm kriegen. In der Vollmondnacht im März wälzte ich mich im Bett und war um drei Uhr nah dran, jetzt einfach in die Werkstatt zu fahren. Wäre der Hof unbewohnt, hätte ich’s gemacht.

In diesen Tagen liessen mich die Gedanken an dieses Ausnahmeinstrument nicht mehr los. Der Gatte war sofort dafür, dass ich ihn kaufen sollte. Kleine Nebensächlichkeiten wie dass er schon einer Kundin quasi gehört, oder dass ich die Kohle überhaupt nicht habe, oder dass hier schon ein Flügel steht (“Macht doch nix. Den Sofatisch brauchen wir eh nicht, und ein Sofa kann auch raus.” Ich glaub, ich hab den richtigen Mann geheiratet…), wurden schnell beiseite gefegt. Der Gatte weiss als Geiger, was mit einem passiert, wenn man dem Zauber eines Instruments ausgeliefert ist – zahlreiche sich stapelnde Geigenkästen zeugen von seiner Passion. Im Vergleich dazu war ich eigentlich immer sehr zurückhaltend. Er schlägt kurz vor, dass ich meinen Flügel ja in Zahlung geben könnte, aber davon will ich nichts hören und stimme eine kurze Ode auf unsere lange gemeinsame Vergangenheit und Vertrautheit an und dass man das doch nicht aufgibt, weil ein anderer, aufregenderer daherkommt. Er fragt kurz, ob ich noch vom Klavier rede und meint, dass viele Frauen mit ihrem gebrauchten Gatten kürzeren Prozess machen würden als ich mit meinem Flügel. Naja. Trotzdem: es ist unrealistisch, und es stand ja nie zur Debatte.

Eine Woche später fahre ich noch mal in die Werkstatt, um mich von der schwarzen Lady zu verabschieden und für Nachschub an frischen Blumen zu sorgen. Die grossen, oben abgerundeten Glastüren stehen offen und die Sonne fällt direkt auf den Boden. Frau Sohnemanns blonder Lockenkopf taucht aus dem Steinway B auf, der kürzlich gekommen war, und sie lächelt:

“Sie treffen mich bei einer Operation am offenen Herzen an. Kommen Sie her! Ich muss den Rahmen nach Hamburg fahren. Solche Werkzeuge hab ich nicht, das wird in der Firma gemacht.”

“Und wie kriegen Sie den raus?”

“Mit dem Flaschenzug da. Der Rahmen wiegt hundert Kilo. Stellen Sie sich vor, kürzlich hab ich bei einem Brauereibesitzer was am Flügel gemacht und hab ihn gefragt, ob ich statt Bezahlung einen seiner Lieferwagen leihen kann. Und jetzt fahr ich den Rahmen mit einem oberbayrischen Brauereifahrzeug nach Hamburg!” Die Vorstellung ist super. Ich wäre gern im Fabrikhof, wenn das Autochen da antuckert…

Die Hälfte der Saiten hat sie schon entfernt. Sie legt ein Werkzeug aus der Hand, schlägt mit der geballten Faust an verschiedenen Stellen auf den Resonanzboden und fragt: “Hören Sie das?” Ich weiss nicht, was ich hören soll – es hallt lange, aber dumpf nach. Sie strahlt: “Perfekt. Das reinste Geschenk. Was glauben Sie, wie schön der wird.” Und ich glaube ihr. Und bin, trotz Abschiedsschmerz von der schwarzen Lady, wieder etwas getröstet: wenn man so eine hervorragende Klavierbauerin kennt, ist noch nicht aller Tage Abend. Wer weiss, was sich noch ergibt…

Wohltemperiert

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Und immer wieder – Bach. Wenn ich mich morgens ans Klavier setze, wenn ich überlege, was ich dem oder dem vorspiele, wenn ich wütend bin, wenn ich glücklich bin, wenn ich nach zu viel Gartenarbeit die Finger wieder beweglich machen möchte – es vergeht kaum ein Tag ohne Bach für mich. Und habe ich wirklich mal kein Klavier unter den Händen, dann spielt er in meinem Kopf. Manchmal denke ich, ich bin eigentlich mit ihm wirklich verheiratet, in guten wie in schlechten Tagen.

Leider häufen sich in letzter Zeit die schlechten Tage. Liegt nicht an ihm, sondern einzig und allein an mir. Ich dachte mir, ich lerne zur Demenzprävention etwas, was ich noch nie gespielt habe (auch so ein wunderbarer Aspekt: ich spiele wirklich seit Jahrzehnten Bach, und ich habe schon sehr viel von ihm einstudiert – Suiten, Variationen, Präludien und Fugen und andere Einzelstücke – und trotzdem gibt es noch so endlos viele Stücke, die ich noch nie gespielt habe. Immer noch so viel zu entdecken und so viel zu staunen.) Mein erster Band vom Wohltemperierten Klavier fällt fast auseinander, auch, weil er aus der Lebensphase stammt, in der ich ihn als Schülerin und Studentin ständig mit mir rumgeschleppt habe. Der zweite Band ist aus etwas gesetzteren Studententagen, so nach dem Vordiplom – in der Zeit habe ich mehr die Suiten und Partiten gespielt und mehr pro forma zwei, drei Fugen aus dem zweiten Band. Deshalb war der zweite Band die erste Wahl für wirkliches Neuland. Natürlich kennt man mehr oder weniger alle Stücke vom Hören, aber es ist was anderes, sie dann auch zu lernen.

Grossartige Qual der Wahl gab es nicht: D-Dur wollte ich schon immer spielen, weil das Präludium so ausufernd und grosszügig angelegt ist, eine richtig virtuose Ouvertüre. Die Fuge: naja. Schon schön, aber ich mag längere Themen lieber. Bei As-Dur war es genau anders herum: das habe ich mir wegen der genialen, wunderbar verschachtelten Fuge mit dem schön langen Thema ausgesucht. Das Präludium ist auch überhaupt nicht schlecht, aber auf die Fuge habe ich mich besonders gefreut.

Und grade diese Fuge hat mir extrem viel Kopfzerbrechen bereitet und mich so an die Grenzen geführt, dass ich fast dachte, für die Demenzprävention ist es schon zu spät. Und das war so überraschend. Ich hab, ganz vermessen, einfach nicht damit gerechnet, dass Bach für mich schwer sein könnte, und es hat mir ganz gut getan, mal einen Dämpfer zu kriegen. Und die Perspektive ein bisschen zurecht zu rücken. Er ist und bleibt einfach der Genialste. Man sollte viel mehr Ehrfurcht davor haben, was ihm noch alles einfällt, was für architektonische Wunderwerke seine Fugen sind, was für einen Ideenreichtum an Kontrapunkten er aufbringt, was für komplett unerwartete, revolutionäre Modulationen ihm einfallen. Und dann noch dieser kadenzartige Ausflug kurz vor Schluss, und immer wieder das Staunen: wie bin ich jetzt in diese völlig andere Tonart gekommen? Und wo, bitte, geht’s wieder zurück?!

Nach monatelangem geduldigen Üben, Wiederholen, langsam Üben, mental Üben, nochmal normal Üben, Zweifeln, gelegentlichen Haupthaar – Entstellen, Weiterblättern, ob ich nicht doch was anderes nehme, und doch noch mal von vorne anfangen kann ich feststellen: die D-Dur – Fuge, die ich wohl oder übel als Anhängsel des geliebten Präludiums akzeptiert habe, ist ein funkelndes Juwel, ein ganz wunderbares, elegantes Gebäude mit viel Licht und Durchblicken und Ausblicken. Sie ist so transparent und zaubert imaginäre Räume mit vielen Dimensionen, weil das Thema so kurz und prägnant ist. Sie spielt sich wunderbar. Es ist, als ob man mit kristallenen, in der Sonne glitzernden Bauklötzen experimentieren darf. Man ist traurig, wenn sie vorbei ist.

Und mein Favorit, die lange As-Dur – Fuge? Da bin ich tatsächlich froh, wenn sie vorbei ist und ich unfallfrei durchgekommen bin. Selbst nach dem ganzen vielen Üben ist sie verdammt schwer. Als sich abgezeichnet hat, dass das nicht so läuft wie erwartet und meine Selbstzweifel immer grösser wurden, habe ich ein bisschen drüber gelesen und erfahren, dass sie wirklich schwer ist. Und seltsam. Und verschachtelt. (Kann ich alles unterschreiben.) Irgendjemand verglich sie sogar mit späten Beethoven-Fugen, und das war mein Rettungsanker: sie IST schwer. Ich darf mich anstellen. War ich vorher kurz vor dem Aufgeben, dachte ich mir jetzt: na also, noch mal ganz in Ruhe und von vorn. Das war eine ebenso entspannende Generalabsolution wie diese Feststellung von Sacks, dass musikalische Halluzinationen einfach vorkommen – nichts weiter als eine Feststellung, aber sie hat meine innere Einstellung wirklich verändert. Und ich hab die Fuge noch mal liebevoll und geduldig von ganz vorn begonnen. Hat nur noch mal ein paar Wochen gedauert und viel in-Zeitlupe-Üben beinhaltet. Und jetzt? Läuft sie und schwingt. Die vier Stimmen verheddern sich nicht mehr, sondern tun, was sie sollen, und mit einer ballettartigen Leichtigkeit. Ich mochte die Fuge eigentlich, weil sie kompliziert und intellektuell ist. Jetzt entpuppt sie sich als reinste Tanzmusik. Seltsames Ding. Wunderbares Ding.

Foto: twinings-at-night-tumblr.com

Surreal

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Nach einer ineffektiven Odyssee durch Niederbayern, über die ich berichte, falls ich mich davon erhole, und vielen sinnlos verfahrenen Kilometern auf verlassenen Landstrassen war ich heilfroh, einen Tag später nach München fahren zu dürfen. Ich wohn schon in der Provinz – noch mehr muss nicht sein. Ich war wirklich dankbar, dass ich in unpraktischen feinen Wildlederschühchen in fünfzig Minuten auf meinem Spezialparkplatz in der Prinzregentenstrasse war, fünf Minuten vom Theater, und kurz darauf im erleuchteten Jugendstiljuwel meinen Mantel abgab. Ich bin ein furchtbarer Snob, aber das ist einfach mehr mein Lebensraum als einsam gelegene Sägewerke oder aufgegebene, zugenagelte Bahnhöfe. Und nach der Pampa-Erfahrung war ich besonders froh darüber.

Das Konzert des Emerson Quartets ist das einzige im Jahr, in dem ich es wirklich krachen lasse und mir eine Karte für die zweite Reihe Mitte kaufe. Es ist unvergleichlich, so hautnah dran zu sein, wenn da auf höchstem Niveau musiziert wird. Und ich bilde mir wirklich ein, das Kolophonium zu riechen, wenn die vier Herren die Bühne betreten – ich liebe diesen harzigen Geruch. Der Gatte war nicht dabei. Statt dessen sass neben mir ein verdrossener Zwölfjähriger in Turnschuhen, der als Aussicht auf bessere Zeiten das ganze Konzert durch mit einem kleinen Lego-Raumschiff spielte und schon laut seufzte, bevor es überhaupt angefangen hatte. Armes Kind.

Er hielt tapfer durch – das Raumschiff fiel nur ein Mal zwischen meine Füsse – und als wir aufstanden, um in die Pause zu gehen, wollte ich ihm was Aufmunterndes sagen, aber als ich mich zu ihm umdrehte, sah ich Jewgeni Kissin rechts hinter mir. Und fühlte mich wie vom Blitz gestreift. So, dass man zwei Mal hinschaut, drei Mal und hofft, dass es nicht zu auffällig ist, aber es war unverkennbar er. Und ich strahlte innerlich: was macht einer der grössten Pianisten unserer Zeit, wenn er am Samstagabend mal nicht selber spielen muss? Liegt nicht auf dem Sofa, sondern zieht sich Schostakowitsch rein von einem der besten Quartette, die’s gibt. Das ist doch wunderbar.

Surreal war, dass Kissin wirklich lebt. Und – dass er sozusagen einen minimal schlechteren Platz hatte als ich. Warum?! Das kann doch gar nicht sein! Vor den Ausgängen bildete sich der Pausenstau, und als wir aus der Mitte der Reihe draussen waren, stoppte dort alles. Kissins Holde verschwand auf der Toilette und er drückte sich in einer Ecke an die Wand. Und ich kam nicht weiter wegen Menschenmassen und stand direkt neben ihm. Ich überlegte kurz, ob ich sagen sollte, dass ich 1993 in seinem Konzert in Hamburg war, wo er die Schumann – Toccata und die Chopin – Balladen spielte und plötzlich eine Saite riss und ein Techniker von Steinway fast mehr Podiumszeit hatte als er selber – aber er sah so schüchtern aus, und ich bin noch schüchterner.

Kissin’s Karriere verfolge ich aus ganz persönlichen Gründen: wir sind der gleiche Jahrgang, und sein kometenhafter Aufstieg und mein stetiges Abrutschen in die Provinz hat immer diesen seltsamen Touch von parallelen, aber grundverschiedenen Lebensentwürfen. Dieses neidlose, aber trotzdem wehmütige: so hätte es auch sein können. Also nicht wirklich, weil ich nicht so begabt bin, nicht die Nerven und die Präsenz habe und auch nicht die Bereitschaft, auch die Schattenseiten in Kauf zu nehmen. Aber trotzdem… Man vergleicht sich wie mit einem Kindergartenfreund oder Schulkameraden und denkt, wie unglaublich es ist, wohin er es geschafft hat. Unsere Gemeinsamkeiten: ganz offensichtlich eine Vorliebe für Streichquartette, denn es gibt kein besseres Vorbild und Klangziel für Pianisten (und die Emersons sind an Intensität und Einsatz kaum zu übertreffen – sie haben den Schostakowitsch mit so viel Herzblut und einer enormen Klangfülle gespielt, dass es nur weh tat. So zu spielen wäre ein ganz hehres, vielleicht unerreichbares Ziel.) Kissin sagte kürzlich in einem Interview, dass er jetzt mehr übt als vor fünfzehn Jahren – das könnte ich auch unterschreiben, obwohl ich drüber staune. Wir üben wahrscheinlich besser und effektiver als je zuvor, aber seltsamerweise spart man dadurch keine Zeit. Und/oder es macht so viel Spass, so gut zu üben, dass man nicht aufhören kann. Wir mögen Paris, London und New York – aber (so, das war’s mit den Gemeinsamkeiten. Hab ich erwähnt, dass wir gleich alt sind?!) er wohnt dort. Und ich bin glücklich, wenn ich im Urlaub dort sein darf. Wir geben beide in den nächsten Wochen Soloabende. Aber er im Gasteig und der Carnegie Hall, ich in viel, viiiel kleineren Räumlichkeiten… Er muss sich wahrscheinlich überhaupt nicht kümmern um einen Flügel für seine Aufnahmen, ich gar sehr (Grund der deprimierenden Niederbayerntour). Zwei Pianistenleben… Sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Aber ich denke, wir sind jeder auf seine Art zufrieden. Ich bin es auf jeden Fall. Vor allem, wenn ich gelegentlich in so grandiose Konzerte gehen kann.

Ich war relativ geflasht in der Pause, verdrückte mich in eine andere Ecke und suchte in meiner Handtasche nach einem Labello. Fand aber einen geschliffenen Kristallanhänger wie von einem Kronleuchter. Ich hab absolut keine Ahnung, wie der in meine Tasche kommt. Die Rätsel des Alltags. Und eine Erinnerung an einen surrealen Abend.