Oliver Sacks

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Ticken Musiker anders? Definitiv. Ich hab’s immer geahnt, fand jetzt aber eine wunderbar lesbare Bestätigung in Oliver Sack’s “Der einarmige Pianist”. Ich hätte nie gedacht, dass ein quasi wissenschaftlicher dicker Wälzer eines Neurologen so ein Pageturner sein kann, aber ich war am Ende fast enttäuscht, als die Seiten unter meiner Hand immer weniger wurden und ich irgendwann den Buchdeckel endgültig zuklappen musste. Ein perfektes Buch für lange Schneeabende, eins, das unterhaltsam und packend geschrieben ist und trotzdem voller Einsichten, die man sich ständig anstreicht, um sie wieder zu finden – hier gibt es Argumente zuhauf, warum sich schon Kinder mit Musik beschäftigen sollten. Und man ein Leben lang nicht aufhören sollte.

Was mich sehr beeindruckt hat, ist, dass die Beschäftigung mit Musik tatsächlich zu messbaren körperlichen Veränderungen im Gehirn führen kann. Aus neurologischer Sicht ist es sinnvoll und wertvoll für die Entwicklung als kompletter Mensch, möglichst früh und konsequent mit dem Musizieren zu beginnen: “Die anatomischen Veränderungen, die an Musikergehirnen beobachtet wurden, korrelieren in starkem Maße mit dem Alter, in dem die musikalische Erziehung begann, und mit der Intensität von Unterricht und Üben.” (Sacks, S. 125). Den letzten Satz würde ich am liebsten noch mal fettgedruckt wiederholen, für alle meine Pflänzchen. Das Corpus callosum, der Nervenstrang, der beide Gehirnhälften verbindet und u.a.  für die Koordination der Hirnhälften zuständig ist, ist bei Musikern messbar dicker. Gut, es ist Geschmackssache, welche Körperteile man trainiert. Es ist genau so in Ordnung, wohlgeformte Oberarme oder viele Bauchmuskeln zu haben. Aber ich finde es erstaunlich, dass in einem Organ, das sich definitv nicht ausdehnen oder sichtbar verformen kann, durch regelmässiges Training doch Veränderungen vorgehen können. Positive Veränderungen, die zum Beispiel beim Sprachenlernen und der allgemeinen Koordination helfen können. Interessant ist auch der folgende Ausschnitt: “Heutige Anatomen täten sich schwer, das Gehirn eines bildenden Künstlers, eines Schriftstellers oder Mathematikers zu erkennen – aber sie könnten ohne Zögern sagen, ob es sich um das Gehirn eines Berufsmusikers handelt.” (S. 124)

Mindestens so erfreulich ist, dass selbst geringer Übeaufwand positive Wirkungen haben kann. Als Beispiel nennt Sacks elementare Fünf-Finger-Klavierstücke, die mich an meine Fünftonübungen erinnern, mit denen ich ausnahmslos alle kleinen Schüler beglücke. Ich hatte bisher keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass sie sinnvoll sind – ausser meiner eigenen Beobachtung, dass Schüler, die sie regelmässig machen, viel schneller vorankommen als die, die sie nur einmal in der Woche unter meiner Aufsicht hinter sich bringen. Die Hände sind besser koordiniert und werden schneller unabhängig, Muster werden schneller erkannt, folglich geht Blattlesen schneller, man ist fitter in verschiedenen Tonarten, die Finger werden beweglicher – die Liste der Vorteile, wie ich sie in meiner Unterrichtspraxis erlebe, wäre endlos. Sacks setzt noch einen drauf mit der Beobachtung, “dass der motorische Kortex schon nach minutenlangem Üben solcher Sequenzen Veränderungen aufweisen kann.” (S. 125) Und, das wirklich Erstaunliche: nicht nur bei physischem, sondern auch bei mentalem Üben. Man kann also durch blosses Drandenken den Blutfluss in verschiedenen Gehirnregionen erhöhen. Das ist für mich als grosser Fan des mentalen Übens eine ganz wunderbare Nachricht (“Absichtliche, bewusste, willkürliche Vorstellungstätigkeit bezieht nicht nur den auditorischen und den motorischen Kortex ein, sondern auch Regionen des für Entscheidung und Planung zuständigen frontalen Kortex.” S. 54) Auf meinen fast täglichen einsamen Spaziergängen übe ich in Wirklichkeit. Ich gehe meine Musik noch mal durch, richtig detailliert und mit Fingersätzen und so. Am wertvollsten ist es, wenn ich unmittelbar nach dem Üben rausgehe, wenn alles noch in meinem Kopf flattert und extrem aktiv ist (seit der Lektüre weiss ich: da wurden Gehirnareale aktiviert, die tatsächlich noch nachschwingen). Dieses noch mal Durchgehen, noch mal Durchdenken hilft enorm, damit sich alles setzen kann und in tiefere Bewusstseinsschichten gelangt. Ich bilde mir sogar ein, dass ich dadurch die Übezeit am Instrument merklich verringern kann. Wartezeiten irgendwo, im Zug oder an einer Schlange, sind deshalb kein Graus für mich, weil ich immer was dabei habe, an dem ich im Kopf weitermachen kann.

Die entsprechenden Hirnareale sind genau so aktiv, wenn man einen musikalischen Lückentext hört oder ein Stück, das abrupt abbricht, im Kopf ergänzt. Sacks zitiert spannende Studien zum sogenannten “perzeptuellen Ergänzen” – manchen Probanden war gar nicht klar, dass sie einen Lückentext vorgespielt bekamen, weil ihr Kopf nahtlos den Rest ergänzte. Was für eine gute Nachricht, dass man Musik auch komplett und auf eine befriedigende Weise nur innerlich erleben kann! “Die Vorstellung von Musik oder Rhythmus kann also neuronal ebenso wirksam sein wie tatsächliches Musikhören.” (S. 296)

Die Kapitel über Aphasie, Amnesie, Parkinson, Alzheimer oder  “Musik, Wahnsinn und Melancholie” zeigen, was für ein wichtiger und heilsamer Begleiter im Leben Musik sein kann. Und dass es tatsächlich sehr unterschiedliche musiktherapeutische Ansätze für die einzelnen Erkrankungen braucht – was zu einem Demenzpatienten durchdringt, bringt einem Parkinsonpatienten vielleicht gar nichts. Sacks hat ein Leben lang in verschiedenen Krankenhäusern gearbeitet und sein dichter, fundierter Erfahrungsbericht liest sich spannend wie ein Krimi. Trotzdem scheint auf allen Seiten durch, dass hier ein Musikliebhaber, ein ausübender Musiker schreibt, der regelmässig selber auf dem von seinen Eltern geerbten Bechstein von 1894 spielt. Bei aller Wissenschaftlichkeit wirkt die Magie der Musik noch auf ihn. Und das macht das Buch für mich auch so authentisch und nachvollziehbar. Denn: “Die Kunst ist keine Droge”, schrieb E. M. Forster einmal. “Es gibt keine Garantie für ihre Wirkung, wenn wir sie einnehmen.” (S. 365). Dass sie trotzdem wirkt, trotz täglicher Beschäftigung damit, trotz akribischer medizinischer Untersuchungen und Tests, trotz absolut rationaler Analyse, ist für mich noch wundersamer als alle kognitiven Fähigkeiten unseres Gehirns.

Oliver Sacks, Der einarmige Pianist (rororo)

(Foto: oliversacks.com)

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Schneetage

 

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Seit ich hier wohne, ist es noch nie vorgekommen, dass die Schule im ganzen Landkreis witterungsbedingt ausgefallen ist. Und auch noch zwei Tage hintereinander. Die Schneemassen waren aber auch enorm, und ich wäre selber gar nicht mit dem Auto weggekommen. Aber – dass gleich die Schule abgesagt wird? Wegen ein paar Millionen Schneekristallen? Das gab es wirklich noch nicht. Ich habe auch keine entsprechende Formulierung in meinem Vertrag, was dann mit meinen Privatschülern passiert, aber es kam, wie ich es erwartet hatte: jeder einzelne tauchte auf – und jeder freute sich, dass doch was los ist an diesen unerwarteten Pausentagen. Selbst die Kinderchen, die normalerweise chauffiert werden, stapften tapfer allein zu Fuss zu mir durch das Winterwunderland in unserer Siedlung, warm eingepackt und mit roten Wangen. Ich bekomme ja oft kleine Geschenke gleich an der Haustür, die meine Schüler auf dem Weg gefunden haben: eine riesige Magnolienblüte, oder Kastanien, oder ein grosses buntes Ahornblatt. Diesmal waren es ellenlange Eiszapfen, die wie Diamanten glitzerten – gibt es wohl oben an der Bushaltestelle, und irgendwie hatten mehrere die Idee, mir diese Riesenteile mitzubringen. Wir steckten sie im Vorgarten in die Erde und ich bekam im Lauf der beiden schulfreien Tage eine nette bizarre Sammlung zusammen.

Ausser Eiszapfen brachten etliche meiner Schüler ungefragt ihre Geschwister mit. Ich kenne ja die meisten, und ich fand es lustig, wie sie wortlos und ohne Erklärung auch ihre Schuhe und Mäntel auszogen, sich Bilderbücher aus dem Korb holten und sich ebenso wortlos und mucksmäuschenstill zum Lesen aufs Sofa legten. Die Lichterkette über der Terrassentür war an, der Christbaum leuchtete, die Kerze auf dem Tisch flackerte, und es gibt nichts Netteres als ein stilles, braves Kindchen, das sich Kissen in den Rücken knüllt und in einem Buch versinkt. Wenn ich den Müttern manchmal sage, dass ihre Kinder die reinsten Engelchen seien, ist die normale Reaktion grosses Staunen und der Kommentar “aber nur bei Ihnen.” Ich kann mir gut vorstellen, was in den schulfreien Tagen gelaufen ist, wie sehr manchen die Decke auf den Kopf fiel oder die Kinder zu lebhaft wurden und die Mütter dachten: ach, schicken wir doch gleich beide zur Frau Sommerer, dann ist hier mal Ruhe… Mir macht das überhaupt nichts, im Gegenteil. Ich finde es immer schön, wenn die Kinder was anderes als elektronische Teile in den Händen haben – und ich bin froh, wenn ich dieser Generation diskret zeigen kann, dass Anderes auch Spass machen kann. Ein Minibeitrag, aber immerhin.

An diesen beiden Schneetagen zu unterrichten war auch in anderer Hinsicht interessant: die Zeit, dieses seltsame Phänomen, verging viel langsamer. Bei jedem einzelnen hatte ich das Gefühl, uns bleiben spürbar mehr Minuten als sonst, wir können in Ruhe viel mehr unterbringen als an normalen Schultagen. Da habe ich erst gemerkt, was für einen Tribut die Schule fordert. Die Kinder kommen grade in schulaufgabenintensiven Zeiten oft wie ausgequetschte Orangen bei mir an, sind überfordert und pausenreif und nicht sehr kooperativ, wenn sie das Gefühl haben, ich will noch den letzten Tropfen aus ihnen rauspressen. Es kann viel Zeit vergehen mit Diskutieren, Bitten, Verhandeln… Jetzt dagegen sassen lauter leere, aufnahmewillige Schwämme vor mir. Kein Wunder nach den langen Ferien! Jeder wollte die alten Sachen gut ablegen und hatte Lust auf was Neues. Und das wurde auch mit so viel Elan und Neugier angepackt, dass uns immer noch Zeit blieb und ich viel mehr Theorie als erwartet unterbringen konnte (einen Sechstklässler habe ich schriftlich durch acht verschiedene Dur-und Molltonleitern gejagt – so was ist sonst utopisch). Und selten habe ich so oft “ach so ist das!” gehört, wenn mit Bleistift und Papier irgendwas klar wurde. Die kleinen Köpfchen waren frei und bereit, Neues aufzunehmen. Was für ein Unterschied!

Am Freitagabend, nach dem entspannten zweiten Schneetag, als der Schnee weiter rieselte und wie Diamantenstaub unter der Strassenlaterne glitzerte, habe ich spasseshalber im Schulportal geschaut, ob meine Erdinger Schule auch ausgefallen war. Mir fiel wirklich das Kinn runter, als ich gleich auf der Startseite las: auch am Montag ist im ganzen Landkreis kein Unterricht. Es klingt unglaubwürdig, aber: ich war wirklich enttäuscht. Und mein Wochenende praktisch ruiniert. Wirklich, null Ironie hier! Ich hatte meine Montagsschüler nach den viel zu langen Ferien erst einmal gesehen, und jetzt sollte schon wieder Pause sein?! Aber es war nicht zu ändern. Trotzdem hoffe ich, dass in Erding auch bald wieder Schule ist. Bald ist Montagskonzert, Additumsprüfungen, Klassenvorspiel, und der ausgefallene Tag wird uns furchtbar fehlen. Und mir fehlen die Schüler, jeder einzelne. Wenn man sich nur ein Mal in der Woche sieht, ist jede Stunde so wertvoll und wichtig. Für mich vielleicht mehr als für die hoffungsvollen Sprösslinge, aber – Routine hat auch was Beruhigendes und Stabilisierendes.

Und wenn es im Moment die Routine des Schneeschaufelns ist… Am Montag gab es dann tatsächlich einen mehrstündigen Schneesturm, wie ich ihn noch nie erlebt habe, und ich war doch dankbar, dass ich in dem Wetter nicht Autofahren musste und vor allem meine Erdinger Schüler nicht in ihre entlegenen Dörfer schliddern mussten. Ich habe geübt – vor dem Schneeschaufeln, denn danach ist es schwierig – , gehofft, dass die Kinderchen eventuell auch auf diese Idee kommen, und es mir dann auf dem Sofa gemütlich gemacht mit einem Roman von 1918: “Die Rückkehr des Soldaten” von Rebecca West, eine desolate Geschichte über einen traumatisierten Engländer, der von der Front heimkommt und nicht mehr weiss, dass er verheiratet ist. Trotz des ernsten Themas auch wunderbar englisch und ein weiteres Mosaiksteinchen für ein kompletteres Bild der Zwanzigerjahre.

Foto: christmas-winter.tumblr.com

Frieden

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Spät am Abend gehe ich zum letzten Mal auf die Terrasse, um die Lichterkette vor dem Haus auszuschalten. Kalte, nach Schnee duftende Luft umhüllt mich. Die kahlen Eichen sind grade noch erkennbar vor dem grauen Nachthimmel im Westen. Ich verschränke die Arme gegen die Kälte und schaue in den stillen, dunklen, verschneiten Garten. Plötzlich hüpft das Kätzchen aus dem Nichts zu mir und erschrickt mich fast, bevor sie um meine Beine streicht und leise zu schnurren beginnt. Dann ist wieder alles still. Der Garten schläft unter seiner Schneedecke, die Sterne schlafen über der Wolkendecke.

Ich schaue kurz über die Schulter ins erleuchtete Wohnzimmer. Wie ruhig meine Schüler sich gegenseitig zugehört haben beim Weihnachtskonzert. Wie nett sie sich in die Sofaecken gekuschelt und in die Kerzen gestarrt haben, während ein anderer gespielt hat. Wie viele Becher Glühwein habe ich danach für die Eltern warm gemacht? Wie viele Orangen für die Kinder geschält und auf Tellerchen weitergegeben, während wir in einer grossen Runde um den Tisch sassen und friedlich und gemütlich geplaudert haben? Alles war so ruhig und entspannt dieses Mal. Keiner hat aufgedreht oder nach dem Konzert die anderen gejagt. Irgendein Weihnachtsengel hat es dieses Jahr geschafft, dass alles äusserst gemütlich ablief und ich noch total gern an diesen Abend denke. Wird die Bande einfach älter? Wobei ja immer neue Kleine dabei sind… Ist das Aufstellen von zehn Stühlen um den Tisch doch nicht zu unterschätzen? Alle blieben auf jeden Fall länger als beim sonst üblichen Stehempfang.

Das Kätzchen reibt seine Wange an meinem Knie. Es ist kalt. Sie will auch rein. Jetzt nur die Lichterkette nicht vergessen, wegen der ich eigentlich gekommen bin. Wobei – ich mag es, wenn sie mal über Nacht anbleibt. Wir sind so ordentlich und keine Verschwender, und es kommt viel zu selten vor – aber wenn, finde ich, dass es nach wildem, vollen Leben aussieht. So wie bei normalen Leuten! Trotzdem, für heute – Ende mit dem Funkeln vor dem Haus. Ein letzter Blick in die schneeverhüllte Dunkelheit und zurück ins Warme. Ausblasen von Kerzen, Ausschalten vom Christbaum und der Leselampe, ein letzter Blick – alles ist gut. Wir können ruhig schlafen in unserem schneebedeckten Haus.

Foto: forever-winter-wonderland.tumblr.com

Die Bäckerin

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Ganz gelegentlich kommen Patienten notfallmässig zu uns nach Hause. Der Gatte geht dann mit ihnen in unser Gästezimmer im ersten Stock, das ungeheizt, aber normalerweise präsentabel ist. Als er es Anfang Dezember unerwartet für eine Patientin brauchte, während ich Klavier unterrichtete, wäre ich fast aufgesprungen. Mein erster Gedanke war: hoffentlich räumen sie die Backbleche mit Pfefferkuchen von den Sesseln, bevor sie sich hinsetzen. Mein zweiter: Stollen überall. Wie sieht das nur aus? Und er war wirklich überall, schon beschneit, aber noch nicht eingepackt: auf den Fensterbrettern, weil‘s da schön kühl ist, und auf dem kleinen Schreibtisch. Auf dem langen Sideboard an der anderen Wand, in dem Noten sind, lagen ungefähr 80 Lebkuchenherzen, schon beschriftet für meine Schüler, als Platzkarten für diverse Weihnachtsfeiern, und einfach so. Es sah, gelinde gesagt, leicht masslos aus. Das Zimmer ist unglaublich praktisch für solche Gelegenheiten wegen der räuberischen Katzen, die beschlossen haben, hier zu wohnen. Und der Duft, wenn man die immer geschlossene Tür öffnet, ist einfach himmlisch. Aber jetzt war es mir irgendwie etwas unangenehm.

Aber es war gut so. Zufällig kamen die beiden wieder runter, als ich Stundenwechsel hatte, die Patientin sichtlich verlangsamt und vorsichtig mit der Hand am Treppengeländer (sie ist etwas älter als ich, aber es wird sehr wahrscheinlich ihr letztes Weihnachten sein). Als sie mich sah, lächelte sie trotzdem und meinte: „Die Bäckerin…“ Und alles fühlte sich normal und gut an, trotz ihres Zustands. So viel Stollen ist irgendwie auch Normalität,  Zuversicht und Lebensfreude. Es gibt Tage, an denen man für simple Normalität dankbar ist. Ich freue mich, dass ich ihr das geben konnte. Und von der Einstellung her ist der einzige Unterschied zwischen ihr und mir, dass sie weiss, dass es ihr letztes Weihnachten ist – ich gehe einfach so davon aus, dass ich noch etliche habe. Aber woher will ich das wissen?

Egal, wie viele noch: es macht mich stolz und glücklich, “Bäckerin” genannt zu werden. Obwohl der Klavierunterricht hörbar gewesen war, kam ich als Bäckerin rüber – das ist doch immer die Parallelkarriere, von der ich träume! Weil es so wunderbar vorzeigbare und allgemein verständliche Ergebnisse gibt. Die in einer kalkulierbaren, begrenzten Zeit produziert werden und relativ vorhersagbar sind. Die endlos gleichen Repetitionen haben hier einen sichtbaren Effekt. Das Resultat ist ähnliche Seelennahrung wie Musik und macht das Leben schöner. Ich fühle mich nicht angegriffen oder verkannt, wenn jemand mich als Bäckerin bezeichnet, ganz im Gegenteil.

Wenn ich in Filmen Köchinnen oder Bäckerinnen sehe, bin ich immer ganz fasziniert. Dürfte ich mir eine Rolle in „Downton Abbey“ aussuchen, wäre es Mrs Patmore, die rundliche, resolute Herrscherin über die riesige Küche im Untergeschoss. Ganz sicher nicht eine der adeligen Damen von oben, die sich drei Mal am Tag umziehen und frisieren müssen. Ich möchte auch so eine riesige Küche haben mit Kupferpfannen und Steingutschüsseln und genug leeren Arbeitsplatten. Und es würde mich glücklich machen, jeden Tag was anderes, neues herzustellen.

Was ich auch so toll finde an Mrs Patmore: ihre Uniform. Falls ihre Rolle schon vergeben wäre, wäre ich gern eines der Hausmädchen – auch wegen der Uniform. Was für eine Erleichterung und Einsparung von Lebenszeit, wenn man einfach jeden Tag weiss, was man anziehen soll! Die Gedankenenergie, die man hier spart, kann man dann voll und ganz in die Pasteten und Torten stecken.

Mein anderes Stilvorbild ist die kleine Konditorin im wunderbaren „Grand Budapest Hotel“. Auch wegen ihres immer gleichen grauen Kleidchens, das sie selbst bei ihrer Hochzeit anhat, den Kniestrümpfen und den hochgezwirbelten Haaren. Und weil sie immer photogen Zuckerguss im Gesicht hat, während sie die kleinen feinen Törtchen verziert. Ich mag auch den Kontrast zwischen der düsteren, niedrigen Backstube und den farbenfrohen kleinen Kunstwerken, die unter ihren Händen entstehen. Und den Bergen von pastellfarbenen Schachteln, in die sie dann verpackt werden. Eine unauffällige graue Maus, die im Akkord Lebensfreude produziert – was für eine Traumrolle. Man muss doch sehr zufrieden ins Bett gehen, wenn man so einen Beruf hat.

Deshalb – genug geschrieben. Die Butter für die Vanillekipferl ist weich genug, der Schnee wirbelt vor den Fenstern und die Katze schläft zusammengerollt und kriegt hoffentlich nichts mit. Wo ist meine Schürze?

Photo: myhistoryfix.com

Herzensangelegenheiten

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Zufällig las ich kürzlich, wie schaurig-romantisch der Dichter Percy Shelley beigesetzt wurde, nachdem er bei Viareggio im Meer ertrunken war: er wurde im Beisein einiger Dichterfreunde direkt am Strand verbrannt, und bevor die Flammen ihn ganz erfassten, riss einer der Freunde angeblich das Herz aus dem angekokelten Leichnam. Klingt richtig archaisch, obwohl es kaum 200 Jahre her ist, und steht ähnlichen Szenen in der “Ilias” in nichts nach. Oder bin ich nur zimperlich? Leider war dann nicht zu erfahren, was seine Kumpels mit dem Herz angestellt haben. Vielleicht will man es auch nicht genauer wissen – ein kurz gebratenes Herz in Italien im Juli, ohne Kühltasche, ohne Kühlschränke… Auf seinem Grabstein in Rom steht jedenfalls “cor cordium”, Herz der Herzen. Was bedeuten soll, dass er geliebt wurde, das Zentrum für alle war, lebenswichtig war? Mehr konnte und wollte ich nicht rausfinden, denn bevor ich über fünfzehn Umwege auf diese Shelley-Schauergeschichte gekommen war, hatte ich einen inspirierenden Artikel gelesen, wie man weniger Zeit im Internet vergeudet. Und den wollte ich doch irgendwann anwenden…

Beim Üben danach musste ich aber ständig an diese Geschichte denken. Es ist vielleicht ein bizarres Detail aus dem Alltagsleben um 1820, aber man darf nicht vergessen, dass die Männer, mit denen ich mich ständig beschäftige, in diesem Umfeld lebten: Schubert, Schumann, Chopin wären wahrscheinlich gar nicht zu bestürzt gewesen, wenn sie Zeugen dieser Szene geworden wären, die auf uns so gruselig wirkt. Das Herz hatte damals vielleicht einen anderen symbolischen Stellenwert. Und man wusste weniger über Anatomie und Physiologie und hielt das Herz diffus für das Zentrum von Gefühlen. Goethe dichtete über Freunde, die man am Busen hält – wahrscheinlich waren damals die Beziehungen inniger und gefühlvoller, weil man wusste, wie kurz das Leben ist und wie machtlos man dagegen ist, dass einer plötzlich aus der Mitte gerissen wird. Trotzdem – das mit dem Herz… Hätte es nicht in bewährter viktorianischer Manier einfach eine Locke sein können?

(Die andere dringende Frage: Shelley hatte angeblich einen Band Keats in der Tasche, als er ertrank. Wo ist der jetzt?!)

Zwei Tage, nachdem mich diese Herzenssache so beschäftigt hatte, erzählte mir ein zwölfjähriger Schüler, dass sie in Biologie grade die fünf Sinne durchnehmen. Der Sehsinn war der erste, und sie durften Schweineaugen sezieren. Nach einem längeren Exkurs, wie interessant und gleichzeitig eklig das war, meinte er: “Ich bin gespannt, ob unsere Lehrerin dann auch ein Herz zum Aufschneiden mitbringt.” Ich: “Ein Herz?” “Ja. Wenn wir zu Liebe kommen.”

Ich war platt und gerührt. Gerührt, weil – wie kann man mit 12 so naiv sein? Er muss doch mitgekriegt haben, was das Herz eigentlich für eine Aufgabe hat? Und was ist romantischer – dass er denkt, das Herz sei nur zum Lieben da, oder dass er Lieben für einen Sinn hält, eine unwillkürliche Wahrnehmung und Reaktion, die man gar nicht vermeiden kann? Wie behütet und geborgen muss dieses Kindchen aufgewachsen sein, dass er so konkrete Vorstellungen von Liebe hat und sich nicht schämt, die auch auszusprechen. Ich hoffe, dass er mir erzählt, in welchen Winkeln und Kammern er die Liebe beim Sezieren gefunden hat.

Und es beruhigt mich. Die Romantiker sind noch unter uns. Auch wenn sie nicht mehr langhaarig und tuberkulosekrank sind und viel zu früh sterben. Aber mein Schüler hätte sich mit Keats und Shelley auf Augenhöhe unterhalten können, da bin ich mir sicher. Und jetzt müssen wir gucken, wie wir diese Einsichten in sein Klavierspielen bringen. Und davor muss ich meine Lebkuchenherzen backen für unser Adventskonzert – ich glaube, ich werde sie dieses Jahr anders anschauen beim Verschenken.

P.S. Die Aktion “Wie verbringe ich weniger Zeit im Internet” wurde unterbrochen zugunsten weiterer Infos: Shelley’s Frau Mary hat sein Herz ihr Leben lang mit sich rumgeschleppt, eingewickelt in eines seiner letzten Gedichte (aber sie hat ja auch “Frankenstein” geschrieben und war vielleicht etwas anders drauf). Es wurde erst lange nach ihrem Tod 1889 endgültig beerdigt. 

Photo: xmas-wonderland.tumblr.com

Der Wissenstest

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Nachdem uns vor zwei, drei Jahren von der Stadt die blaue Papiertonne aufs Auge gedrückt wurde, sollte dieses Jahr die braune Biotonne folgen. Wir wollen keine Tonnensammlung auf unserem Grundstück und haben deshalb einen “Antrag auf Befreiung von der Anschlusspflicht” gestellt. Nachdem wir neun Monate lang nichts gehört hatten, dachten wir, wir wären in Gnade aufgenommen in den Kreis der eigensinnigen Eigenkompostler. Aber – so leicht lässt sich die Stadt Bioabfälle nicht entgehen! Die zuständigen Beamten waren nicht untätig, sondern haben im letzten Dreivierteljahr einen kniffeligen Fragebogen ausgearbeitet, mit dem festgestellt werden soll, ob man wirklich geeignet dafür ist, im eigenen Garten einen Kompost zu unterhalten. Der Gatte wedelt apoplektisch mit dem elfseitigen Konvolut, das uns als Einstimmung auf ein gemütliches häusliches Wochenende Samstag mittag zugestellt wurde:

“Die wollen die Nährstoffwerte unseres Bodens wissen! Geht’s noch?”

Ich stutze. Ich weiss ja nicht mal meine eigene Blutgruppe. Ich schnappe mir den Blätterstapel, überfliege ihn – leicht fassungslos, muss ich gestehen – und versuche, Souveränität vorzutäuschen:

“Lass mal, ich mach das. Ich kenn doch unseren Kompost.”

Und das ist wahr. Seit zehn Jahren wird hier auf harmonische Weise kompostiert, in zwei Lattenkompostern (Grösse: ca. 2 Kubikmeter). Jedes Frühjahr fülle ich die Terracottatöpfe für die Terrasse ausschliesslich mit Kompost und muss praktisch nie Erde in Säcken kaufen. Unsere Kräuter darin gedeihen sagenhaft. Avocadokerne fühlen sich so pudelwohl auf dem Kompost, dass sie regelmässig spriessen und wachsen. So falsch kann der pH-Wert wohl nicht sein. Falls mal zu viel Kompost übrig ist, schaufele ich den Rest unter die Johannisbeeren und den Holunder. Und schon ist wieder Platz fürs nächste Jahr. Alles bestens?

“Äh, wir sollen da einen Wissenstest zur fachgerechten Kompostierung ausfüllen.” Ich blättere: “Zweiseitig. Multiple choice.” Die niveauloseste Art von Test, voll von fiesen Fragen, die einen nur aufs Glatteis führen sollen. Muss das sein?

Wir schauen uns betreten an. Führerschein, Abitur, Studium, Facharztprüfung – wir dachten, wir wären langsam aus dem Alter für Prüfungen raus. Hm. Bevor der Gatte erneut in die Luft geht, werfe ich schnell ein:

“Und Photos vom Kompost wollen sie auch. Mindestgrösse 9 mal 13.”

“Das ist nicht dein Ernst. Haben wir mal den Kompost photographiert?”

“Äh, nein. Ich glaub nicht. Warum auch. Doch, wart mal – als die Flecki mal so süss auf dem Rand balanciert ist, weisst du noch?”

“Ja! Das sind so süsse Photos! Zeig noch mal” – Photo wird geholt – “mei, ist das eine süsse Katze. Schau mal die Pfötchen!”

“Ja! Und der Fleck auf der Nase! Und wie sie so schön auf dem Rand sitzt!”

“Sieht eigentlich aus wie ein Gartenzaun.”

“Nein, das ist ein Kompost.”

“Aber wenn man’s nicht weiss, erkennt man’s vielleicht nicht. Also – ich mein ja nur, man sieht eigentlich mehr die Katze als den Kompost.”

“Macht nix. Schau mal die Ohren!”

Zufrieden hole ich das Photo aus seinem Goldrahmen und lege es auf den Prüfungsstapel. Ich muss auch noch einen Lageplan unseres Gartens anfertigen unter genauer Angabe der Quadratmeter und der Aufteilung in Nutzflächen, Beet und Rasen, ebenfalls mit Quadratmeterangabe. Okay. Aber zuerst mache ich mich frohgemut ans Ausfüllen des Wissenstests. Was weg ist, ist weg. Hm, eine Vorbemerkung: “Ist Ihre Fehlerquote zu hoch, behalten wir uns vor Ihrem Antrag auf Befreiung von der Biotonne nicht stattzugeben. Informationen finden Sie z.B. in der Kompostfibel des Umweltbundesamtes.” Informationen zur Kommasetzung finden Sie sicher auch irgendwo, liebe Stadtverwaltung. Und eine Kompostfibel – also bitte, das ist doch wie spicken. Ich werde den Test ehrlich und spontan ausfüllen. Ausserdem hat die Fibel sicher den Sexappeal von Aufklärungspamphleten der späten Achtzigerjahre, mit denen wir damals konfrontiert wurden – vielen Dank.

Eine Viertelstunde später: der Bleistift ist etwas angenagt, und mir geht definitiv der Platz aus. Auch wenn es simple Ankreuzfragen sind, freuen sich die Beamten vielleicht über persönliche und aus dem Leben gegriffene Erfahrungsberichte und Reaktionen. Unter der Frage “Folgende Produkte darf ich auf meinen Kompost werfen” schreibe ich neben “Knochen mit Fleischresten” vehement: “Tote Tiere gehören auf den Friedhof, nicht in den Kochtopf!” Und überhaupt, wie scheusslich klingt das! Ich hatte meine morgendliche Dosis drastischen Homer heute schon, vielen Dank. “Kaffee- und Teefilter”: den Kaffee aus dem Espressokännchen wasche ich im Ausguss runter, denn hyperaktive Wühlmäuse will doch keiner. Zu den Teebeuteln musste ich etwas ausholen, denn ich würde nur die kompostieren, die keine Bändchen und Anhängerchen haben. Also bestimmte von Twinings oder Celestial Seasonings. Aber davon abgesehen: wir haben hauptsächlich offenen Tee. Und unser Kräutertee ist unverpackt, weil er von den eigenen Kräutern kommt. Äh, ich bin immer noch am Anfang von Frage 1 und das Blatt ist schon fast vollgekritzelt. Kann’s selber kaum mehr lesen.

Noch eine Viertelstunde, und mein Optimismus ist verflogen. Die Fragen werden zunehmend schwieriger und doppeldeutiger. Ich fange tatsächlich an, an mir zu zweifeln. Staubsaugerbeutel auf den Kompost? Kleintierbefall? Anlocken von Wanderratten? Saurer, unangenehmer Faulungsgeruch? Jetzt wird es wirklich speziell, und ich habe mich bei der Frage bzw. meinem Kommentar zu den Staubsaugerbeuteln derart verzettelt, dass der Fragebogen ein einziges Desaster ist. Wahrscheinlich wird er wegen Unleserlichkeit nicht anerkannt. Ich seufze und lese noch mal nach: “Die Entscheidung über die Befreiung von der Biotonne hängt von der Beantwortung des Fragebogens ab.” Ich sehe es schon: wahrscheinlich muss ich in die mündliche Prüfung. Das ist mir zwar noch nie im Leben passiert, aber bei der Komplexität dieser Materie fühle ich mich nicht mehr so überlegen. Und dann haben sie sicher ein ganz strenges Komitee. Wahrscheinlich eine Ökotrophologin oder so, die restlos alles über Würmer und Mikroben weiss und mir mit ihren Fangfragen das Genick brechen wird. Einen Vertreter einer Ökopartei, der vehement für die Reinhaltung des regionalen, bayerischen Komposts ist und unseren Mango- und Avocadokonsum zu genau unter die Lupe nehmen wird. Und ganz sicher einen Stadtkämmerer oder so, der für die Einhaltung der Überlassungspflicht von Bioabfällen zuständig ist, denn hier geht es um bares Geld. Wo käme die Stadt hin, wenn jeder seinen Biomüll in den eigenen Garten schmeisst? Ich sehe ihn direkt vor mir – er denkt nur an Bilanzen und die Milliardensummen, die der Stadt durch renitente Bürger wie uns entgehen, und sehe hier eine Chance, die Prüfung vielleicht für mich zu entscheiden: durch Beamtenbestechung. Ich könnte die Kartoffelschalen hier und die Kürbisinnereien und die zwei Apfelbutzen in eine (kompostierbare) kleine Tüte tun, offen auf den Tisch legen und sie ihm mit einem Lächeln und der charmanten Frage, ob wir uns nicht anders einigen können, zuschieben… Aber, oh  Gott, ich sehe mich schon in den Fängen des Sicherheitsdienstes und auf dem Weg zu unserem mittelalterlichen Pranger, praktischerweise auch hier im 1. Stock unseres gotischen Rathauses. Und dann: die Bildzeitung. Voll auf dem Titel natürlich: “Unternehmersgattin in dubiosen Abfallskandal verwickelt.” Und Seite drei: “Der fassungslose Ehemann: “Ich hatte keine Ahnung, dass meine Frau die Biomüllüberlassungspflicht auf diese leichtsinnige Weise hintergehen wollte. Meine Aufträge sind drastisch zurückgegangen und ich stehe kurz vor der Insolvenz.” Mir bricht der Angstschweiss aus. Nein, so weit darf es nicht kommen.

Geknickt schleiche ich die Treppe zum Gatten hoch:

“Du, ich glaube, ich bestelle doch diese Kompostfibel. Und vielleicht sollten wir sie beide durcharbeiten, falls sie uns unabhängig voneinander befragen.”

Er nickt. Wir haben in unserem langen gemeinsamen Leben schon etliche Prüfungen zusammen durchgestanden. Aber das hier ist ein Damoklesschwert mit besonderen Dimensionen. Es ist besser, wenn wir uns gut vorbereiten.

“Aber danach – nicht auf den Kompost, gell? Blaue Tonne?”

Sammler II

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Nachdem ich jetzt zum vierten Mal einen Artikelanfang gelöscht habe, muss ich mir eingestehen: Eichhörnchen verursachen eine Schreibblockade bei mir. Und so komme ich nicht weiter. Ich wollte krampfhaft an der “Sammler” – Fortsetzung, dem fatalen “II” festhalten, weil ich eventuell Erwartungen bei meinen drei Lesern geweckt habe. Aber seltsamerweise stellte sich heraus, dass das Zugucken beim Sammeln und Verbuddeln der Beute im Rückblick eine andere, nicht sehr berichtenswerte Qualität kriegt… Selbst wenn uns die Tierchen im Wilmington Park nach drei Tagen schon kannten und furchtlos auf unsere Hände krabbelten, mit warmen, ledrigen kleinen Pfötchen – da, es geht schon los. Es würde nur niedlich und süss werden. Und selbst wenn wir an wunderschönen und idyllischen Orten willkommene Ruhepausen und Entspannung fanden und ich langsam den Eichhörnchen-Führer für London schreiben könnte (wir fütterten im Hyde Park, Regent’s Park, Hampstead Heath, dem Park neben dem Highgate Cemetery, Lincoln’s Inn Field und ungezählten kleineren Parks) – es will kein Blogartikel kommen. Vielleicht auch, weil man im Urlaub nicht Rituale und Vorhersehbares schätzt, sondern unerwartete, besondere Momente im Rückblick eine ganz andere Magie entwickeln. Ich denke gern an die kleinen Felltierchen, die mit vollem Körpereinsatz ihre Vorräte verbuddelten. Ich träume jetzt nicht davon oder sehne mich nach diesem Erlebnis zurück. Aber irgendwie muss ich doch eines der ungezählten Eichhörnchen-Photos in den Blog schmuggeln!

Es ist nicht verwunderlich, aber von der wirklichen besonderen, traumhaft schönen halben Stunde am letzten Abend, die im Rückblick Ausnahme-Dimensionen annimmt,  gibt es kein Photo. Desto eindringlicher hat sich die Abendstimmung in mein Herz eingebrannt. In dem Moment weiss man es ja meistens nicht, aber – ich war glücklich. Vielleicht verkläre ich es auch im Rückblick, was ja schnell passiert. Aber wenn ich durch Zauberei einen der Momente des Urlaubs noch mal erleben können dürfte, würde ich die blaue Stunde in Bloomsbury am letzten Abend wählen. Ich war allein mit einer Freundin essen gewesen, die zufällig auch in London war. Natürlich in Bloomsbury, weil wir beide viel lesen, und überhaupt… Gegen halb neun machte ich mich zu Fuss auf den Rückweg zur Ferienwohnung im melancholischen Bewusstsein: das sind meine letzten Stunden auf dieser so schwer erreichbaren Insel. Wer weiss, wann ich wieder komme. Der immer dunkelblauer werdende Himmel, die seidige Luft, die ruhigen Strassen machten’s nicht leichter. Ein paar Leute waren noch auf dem Heimweg von der Arbeit, aber ich hatte ganze Blocks für mich und genoss jeden einzelnen Schritt auf dem trockenen Asphalt. Ich sehe noch meine Schuhe vor mir, weil ich mir vorsagte: ich bin noch in London. Noch bin ich in Bloomsbury. Morgen nicht mehr. Die dunkelblaue Dämmerung hüllte mich immer mehr ein, als mein Blick auf Ottoline’s blaue Erinnerungsplakette am Bedford Square fiel. Und ich konnte nicht anders, als Gute Nacht zu sagen. Und wenn ich mich schon von ihr verabschiedete, durfte ich jetzt keinen mehr auslassen: lieber Morgan, der mir so viel Freude bringt mit seinen Romanen – träum schön, schlaf gut. Charles – gute Nacht. Ein Extra-Abstecher zu Virginia, der sich mehr nach Auf-Wolken-Gehen anfühlt, obwohl ich an dem Tag schon so viel gelaufen bin: was wäre ich ohne deine Bücher. Besonders süsse Träume. Winifred und Vera – super Idee, dass ihr zusammen gezogen seid, sonst müsste ich mich zwei Mal verabschieden und wäre langsam wirklich traurig. Schlaft gut. Ich erreichte unser Backstein – Art – Deco – Haus in der ruhigen Margery Street auf Schwaden von Abschieds-Melancholie und fragte mich, wie das sein kann, dass so viele der Schriftsteller, die ich mag, derartig geballt in einem Viertel gewohnt haben. Gibt es in München was Vergleichbares? Ich glaube nicht. Nicht in der Dichte. Und vor allem nicht: diese Schriftsteller, die mir so viel bedeuten. Und ich bilde mir ein, dass ihre guten exzentrischen ideenreichen Geister immer noch über den gepflegten altmodischen Häuserblocks schweben und irgendwie anwesend sind. Und mein Gutenacht-Lied gleich mal in viel schönere Versform gebracht haben. So wie es einen in Rom an manchen Stellen überfällt, weil vor den Christen und den Römern noch frühere Generationen an dieser Stelle einen Kultplatz hatten und der immer noch besondere Schwingungen hat. Oder sich unvermittelt auf einer sonnenverbrannten Wiese im Nirgendwo plötzlich eine Seele aus der Antike meldet und man sicher ist: das kann nur an diesem Ort passieren.

Bloomsbury war magisch an diesem Abend, so viel steht fest. Die Dämmerung scheint hier viel langsamer und sanfter zu sein als bei uns, aber während ich heimgelaufen war und über Geister nachdachte, war es fast ganz dunkel geworden. Und dann stand vor unserem Haus, mitten im Wohngebiet, mitten in der Millionenstadt, ein wunderschöner Fuchs und schaute mich fragend, aber freundlich an. Ich hatte noch nie einen Fuchs in London gesehen, aber – irgendwie war das an dem Abend völlig normal für mich. Grade waren noch so viele Geister um mich getanzt, da war ein kleiner Waldgeist nicht weiter seltsam (und wer sich spätestens hier fragt: nein, kein Alkohol. Den ganzen Abend nicht.). Ich blieb stehen und sagte erst mal nichts. Kein Mensch war auf der Strasse, und wir schauten uns entspannt an. Bis ich es nicht vermeiden konnte, den Fuchs anzusprechen – das war ihm dann leider doch zu viel. Oder vielleicht hätte ich Englisch sprechen sollen? Auf jeden Fall drehte er sich um und lief elegant und entspannt langsam in Richtung einer Grünfläche, die ich (trotz Eichhörnchen) noch nicht kannte. Ich folgte ihm mit ein bisschen Abstand, verlor ihn aber auf dem kleinen Fussweg zwischen den Hecken. Da stand ich, allein im Dunkeln unter einer Laterne in einem Minipark, in dem ich noch nie gewesen war. Und dachte: wäre ich in einem Murakami-Roman, wäre das erst der Anfang und nicht das Ende… Der Fuchs war für mich ein Symbol dafür, dass es eine Verbindung gibt. Dass es mehr gibt, als wir tagsüber sehen können. Und dass wir durch unsere Phantasie jederzeit in andere Welten gelangen können.

 

Sammler I

Kenwood House

Unser London-Urlaub hat mich dem Minimalismus noch mal näher gebracht. Nicht, weil ich selber in einem Konsumrausch zu viel Zeugs gekauft hätte und jetzt nicht weiss, wo ich’s unterbringen soll. Auslöser waren drei Museen, in denen die Hauptstadt auf eindrucksvolle Weise zeigt, welche Blüten eine übersteigerte Sammelleidenschaft treiben kann.

Am eindrucksvollsten, eigentlich die echte Instant-Kur für jeden hemmungslosen Sammler, war das Haus von John Soane, einem Londoner Architekt des 19. Jahrhunderts, der seine Bude gegenüber vom Lincoln’s Inn Field buchstäblich bis unters Dach vollstopfte. Mit prinzipiell einzigartigen, wertvollen Kunstgegenständen – hauptsächlich antiken Vasen und Statuen und Fragmenten von allem Möglichen. Die Objekte türmen und stapeln sich an Wänden, Decken, Galerien, jedem verfügbaren Zentimeter Raum bis so hoch oben, dass man sie überhaupt nicht mehr mit Genuss anschauen kann. Nach dem anfänglichen Schock und der Bestürzung über dieses wirklich krankhafte Anhäufen fingen wir beide an, pietätlos zu werden. Und sind dadurch auch etwa aufgefallen. Aber – echt: eine Wand voll einzelner abgebrochener Füsse? Hände? Schienbeine? Einfach, weil’s irgendwo rumgelegen hat und man nicht nein sagen konnte? Der Gatte meinte: “Da, du hast doch gesagt, dein Knie tut weh. Das hier könnte passen. Und an welchem Fuss waren die Blasen? Sollen wir den dranschrauben?” Die Prothesenwand war amüsant, aber irgendwie auch – sehr seltsam. Genau wie Soane’s Neigung, die allerkleinsten Winkel und Nischen für seine Objekte zu nutzen. Hier kann man lernen, wie man nicht nur erfolgreich das Nachbarhaus kauft, die Wände durchbricht und auch das zweite Haus voll mit Zeugs stopft – man bekommt auch Inspirationen, unter welchen Fenstersitzen / in welchen Türnischen man noch schmale, aber hohe Bücherregale anbringen kann. Mein nagelneues Regal ist ja zu meinem grossen Kummer schon wieder voll (was eine völlig unnatürliche Bücherkaufhemmung hervorgerufen hat. In England, ich fass es nicht!), aber der Gatte meinte wohlgemut, ich solle mir jetzt keine Sorgen mehr machen, unser Haus besitzt noch sehr viel Potential für Bücherregale. Mir wurde ehrlich gesagt schummerig bei der Aussicht… So will ich nicht enden. Vor Schreck purzelte ich fast von der Galerie zwei Stockwerke tief in den bereitstehenden ägyptischen Alabastersarg und keuchte nur: “Ich muss hier raus, ich pack’s nicht!”

Etwas weniger klaustrophobisch, aber trotzdem exzentrisch ist das Wohnhaus des Malers Frederic Leighton. Gegen Leighton’s wunderschöne eigene Gemälde, seine kleine, aber feine Büchersammlung oder das grosse Musikzimmer mit Blick über den Garten, in dem schon Clara Schumann gespielt hat, gibt es wenig zu sagen. Problematisch ist eher sein Expansionsdrang. Das diskrete quadratische Haus fügte sich unauffällig in die Nachbarschaft im vornehm-spärlich besiedelten Kensington, bis Leighton durch erfolgreiches Malen zu immer mehr Geld kam und seine Phantasie gleichermassen zu wuchern begann. Das Haus bekam über die Jahrzehnte mehrere Anbauten und wuchs immer mehr in die Breite und in den Garten hinein. Heutzutage ist die Ursprungsform nicht mehr zu erkennen. Der skurrilste Anbau erfolgte um 1880. Auslöser war, dass Leighton nicht mehr wusste, wohin mit seiner Sammlung – eigenhändig vor Ort gesammelt! – von türkisen Kacheln aus Syrien. Kacheln von um 1600, übrigens. Ich stelle mir vor, wie er sich zum zwanzigsten Mal morgens barfuss die Zehen an noch einem Stoss Kacheln angehauen hat, fluchte und dachte: was mach ich mit dem Zeug? Was ist da naheliegender als der Anbau einer kleinen moscheeartigen Halle ans Haus? In der die Kacheln ordentlich an den Wänden kleben, geschätzte sechs Meter hoch? Und warum nicht gleich noch ne arabische Kuppel? Leighton war ein grosser Fan des Nahen Ostens, den er selber häufig bereist hatte. Damals war es vielleicht plausibel, exotisches, orientalisches Flair nach London zu bringen. Aber im politischen Klima von heute ist so eine Minimoschee im Privathaus doch eher ein Klotz am Bein, der sich womöglich auch negativ auf die Grundstückspreise der Umgebung auswirkt. Und alles nur, weil man bei der 999. Kachel auf dem Bazar von Aleppo nicht nein sagen konnte…

Edward Cecil Guinness, aus altem Bieradel, war ein Altruist und Philantrop, der zu einer Zeit niederländische Meister sammelte, als kein Hahn nach ihnen krähte. Im Laufe der Jahre kaufte er 200 Gemälde ersten Ranges. Das Selbstportrait von Rembrandt, das er 1888 anschaffte, hatte damals schon einen gewissen Wert – den kleinen Vermeer hingegen bekam er für einen Tausender quasi dazu. Ich weiss gar nicht, ob sich heutzutage der Wert eines Vermeer überhaupt noch in Geld ausdrücken lässt? Auf jeden Fall standen wir vor der Gitarrenspielerin im gelben Jäckchen und waren überwältigt. Selten kommt man so nah und unkompliziert an einen Vermeer ran – ausser uns waren kaum Besucher im Kenwood House, obwohl die hohe Qualität der Gemälde denen im Louvre in nichts nachsteht. Aber: so eine kleine Gitarrenspielerin ist nicht selfie-würdig. Und überhaupt: kostenloser Eintritt, keine Schlangen… Kann nichts taugen. Wir genossen die Ruhe. Ich war von verschiedenen Emotionen gebeutelt: eine unerwartete, warme Wiedersehensfreude mit dem Bild, das bei uns im Goldrahmen über dem Flügel hängt, und meiner normalerweise unterdrückten skrupellosen Ader. In meinem Kopf ratterte es: Erdgeschoss, windige einglasige Fenster, ein dunkler Park drumrum, muss noch mal checken, ob die Tore geschlossen werden, aber das ist auch kein Problem, mein Bild in einen Rucksack und nachts einfach schnell austauschen – vielleicht bemerkt’s ja nie jemand? Die Gedanken des Gatten waren auf ähnlichen Abwegen, aber er zeigte mal wieder, dass er der edlere von uns ist: “Meinst du, dass sie es uns verkaufen, wenn wir einen Hunderter drauflegen?”

Naja, das Bild hängt noch in Kenwood House. Hoffe ich zumindest. Wir hatten dann noch viel Spass in der Museumspädagogik in der Orangerie, wo Kostüme der verschiedenen ausgestellten Gemälde auf einem Kleiderständer hingen und zum Rumalbern einluden. Ich muss gestehen: ich wollte schon immer mal das berühmte gelbe Vermeer-Jäckchen mit dem Hermelinkragen anziehen. Tat ich auch. Der hellblaue weite Rock war drangenäht. Hm. Die Kinder haben mich gar nicht beachtet. Oder – einfach verstanden?

Auch bei der Guinness-Sammelleidenschaft stellte sich irgendwann die Platzfrage, die aber für einen Grossindustriellen kein Problem ist: er kaufte das alte Herrenhaus in seinem riesigen Park in Hampstead. Leider starb er sehr bald darauf, hatte aber noch verfügt, dass das Haus und die Sammlung der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung stehen soll. Das gilt bis heute. Würde ich Bier trinken – “prost”! Aber wir genossen einen wunderbaren Tee und Scones im idyllischen Gartencafé. Das war ein ebenso ruhiger und entschleunigter Abschluss eines entspannten Museumsbesuchs, ein Nachmittag wie auf dem Land. Ich glaube, das Problem der anderen Sammler war einfach, dass sie etwas wenig Raum für ihre Objekte hatten und man leicht Platzangst bekommen konnte. Ist alles auf einem etwas grosszügigeren Massstab ausgestellt, erträgt man auch die verrückteste Sammelfreude.

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Oxford

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Wie kann man Oxford in Worte fassen? Es ist so ein eigentümlicher Widerspruch.  Es streckt sich nach dem Himmel, mit fast jedem seiner Gebäude und den hunderten von gotischen Türmen, Türmchen, Dachspitzen, noch extra draufgesetzten Verzierungen. Alles greift nach oben, in die Wolken, möchte optisch noch höher sein als die eigentliche Struktur. Gleichzeitig liegt es ruhig und stabil in den gelblichen spätsommerlichen Wiesen, schon seit Jahrhunderten, und wird noch lange so entspannt in der lieblichen Landschaft träumen. Wenn wir uns zu Fuss näherten – nach einer langen Themse – Wanderung, oder nach einem kürzeren Spaziergang im Wildpark des Magdalen College – bot sich uns ein Anblick wie vor 200 Jahren. Oder 400 Jahren. Der jeweilige monumentale gelbe Sandsteinkirchturm, hohe Bäume, langsam gelb werdende, nicht gemähte Sommerwiesen, eine Herde weisser Rinder oder ein Rudel Rehe. Keine Autos, keine Busse. Vogelzwitschern statt Sirenen oder Hupen. Zeitloses Schlummern im spätsommerlichen Abendlicht. Trotz des gotischen Streckens und Reckens: selbstvergessenes in-sich-Ruhen, in grösst möglicher Schönheit und Gelassenheit. Versprechen von Schutz und Beständigkeit durch die vielen Zinnen und Mauern und Tore und die gigantischen alten Türschlösser.

Aber ist diese Ruhe und Unbeweglichkeit nicht eine optische Täuschung? Oxford wird umarmt von zwei Flüssen, die seit Urzeiten in Bewegung sind. Tag und Nacht in Bewegung. Bewegung, wenn der Mond scheint, Bewegung, wenn die Sonne darauf glitzert. Die Flüsse aus Wasser bleiben normalerweise vor der Stadt und in ihrem vorgezeichneten Lauf, ausser sie entscheiden sich für ein malerisches Hochwasser, das die Wiesen von Christ Church überflutet und Gelegenheit für ebenso malerische Spiegelungen bietet. Die Flüsse aus Menschen, hunderte, tausende, die auf der Suche nach Schönheit für einen Tag in die Stadt kommen, strömen wie eine andere Art von Hochwasser durch jede noch so kleine Gasse. Schwappen in die gotischen Prunktreppenhäuser mit ihren Fächergewölben, rauf auf die höchsten Türme, und gleich wieder hinunter und zur nächsten Sehenswürdigkeit. Und im Lauf der Jahrhunderte war Oxford Durchgangsstation für Tausende, Zehntausende von Menschen, die hier gelebt, gelernt, gelehrt haben und dann weitergezogen sind. Ständige Einzüge und Auszüge, ständig neue junge Gesichter. Wechsel als einziges kontinuierliches Element.

Und trotzdem: diese enorme Konstanz, Bewahrung und Pflege des Vorhandenen. Die Bibliothek, die seit Jahrhunderten jedes in England publizierte Buch aufhebt, angefangen mit ganz frühen, unendlich kostbaren Exemplaren, die sogar angekettet sind. Statischer geht’s kaum. Die zahlreichen Kapellen der Klöster, in denen während des Semesters teilweise seit 1350 tägliche Gottesdienste stattfinden und vor dem Abendessen die gesungene Vesper. Rituale auch im Zusammenleben der Studenten: die immensen gotischen Speisesäle, deren hohe Decken sich kirchenähnlich in der Dämmerung verlieren. Selbst bei nur bedecktem Himmel haben wir verstanden, warum die Tische gespickt sind mit kleinen Lämpchen, wie man sie eher aus Speisewägen kennt – bei Regen oder im Winter wäre es in diesen hohen Hallen sicher richtig dämmrig ohne kleine Extralämpchen. Das Gebet vor dem Essen, überhaupt das gemeinsame Essen zu festen Zeiten – Rituale, Bewahrung, Stabilität.

Dieses extreme Gefühl von Konstanz und Verlässlichkeit hatte ich selten. Nicht mal in Rom, der angeblich ewigen Stadt – man könnte meinen, dass hier die Kontinuität noch grösser und wichtiger ist, aber Rom hat unendlich viele verschiedene Gesichter und hat sich mit den Zeiten sehr geändert und ausgedehnt. Ich würde sagen, das Kontinuierlichste sind noch die orangen Bauzäune, die bei jedem Besuch ein bisschen gewandert sind. Oxford hingegen: es gibt Ecken, die vor 500 Jahren ganz genau so ausgesehen haben müssen. Nicht das kleinste Detail stört oder erinnert an die Zeit, in der wir eigentlich – ausserhalb von Oxford – leben (Apropos Zeit: die Glocken von Christ Church erklingen zur Lokalzeit, fünf Minuten nach Greenwich. Hier gilt der Sonnenstand und nicht irgendwelche neumodischen Vereinbarungen.).

Umso mehr kommt man sich als ganz vorübergehende Erscheinung vor, mit der Oxford leicht auch noch fertig wird. Wir sind längst wieder weitergegangen, irgendwann noch viel weiter gegangen und zu Staub verfallen. Die Bücher werden trotzdem in ihren ehrwürdigen alten Regalen schlummern, die Glocken nachhallen in den engen Gassen, und die Sonne wird in genau einem ganz gewissen magischen Moment das höchste Fenster der Seufzerbrücke in Flammen stehen lassen. Egal, was in der Welt passiert: Oxford wird sich, in Schönheit erstarrt, gleich bleiben. Wie eine wunderschöne Libelle, die unbeweglich in Bernstein eingeschlossen ist.

Und wenn ich bald wieder wie eine Blöde durchs Leben rennen werde und nicht weiss, wo mir der Kopf steht, werde ich kurz innehalten und daran denken, dass Oxford unbeeindruckt davon in seinen Wiesen schlummern wird. Dass die Schatten abends immer noch langsam über die sattgrünen Rasenflächen des Magdalen Colleges wandern. Wie wohltuend und idyllisch es war, an einem warmen Sommerabend nichts weiter zu tun als – den Schatten nachzuschauen und die Sonne noch ein letztes Mal durch einen hohen alten Baum blinzeln zu sehen.

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Eher profan

Jennifer Jones

Ein Freund, der als Arzt ständig mit Fakten und Daten zu tun hat und immer unter Zeitdruck lebt, meinte kürzlich zu mir: “Eigentlich führst du ein total musisches Leben. Du spielst gleich am Morgen Klavier, dann schreibst du deinen Blog, dann machst du diese leckere Orangenmarmelade hier und zwischendurch liest du ein Gedicht. Oder?” Oder – schon wieder in dreckigen Gummistiefeln am Wertstoffhof, schon wieder das staubige Katzenklo, der Abwasch, die Einkäufe – meistens kommt mir mein Leben so gar nicht musisch vor. Obwohl es im Grossen und Ganzen privilegiert und wundervoll ist, das ist mir schon klar. Und für Aussenstehende ist es sicher beneidenswert, wie viel  meiner Zeit ich mir frei einteilen kann, auch wenn die Nachmittage und Abende in einem engen Stundenplankorsett gefangen sind. Trotzdem kriege ich manchmal zu viel, wenn die Muse in küssender Absicht vorbeiflattert und ich merke, dass da eine Idee unbedingt weiterverfolgt werden muss, auch wenn ich überhaupt keine Zeit dafür habe. Das sind dann die Stunden, die ich abgekapselt und im Schaffensrausch verbringe, auch wenn anderes darunter leidet und ich manche Alltagssituationen mit mehr spontaner Disziplin als guter Vorbereitung hinter mich bringen muss. Nicht meinen Unterricht, natürlich nie… Aber ich denke nur ans Solistenkonzert kürzlich und meine Begleitaufgaben an dem Abend. Ich sage nur: Mendelssohnkonzert 3. Satz, Frühlingssonate 2. und 4. Satz. Nicht etwa mal die ersten Sätze, die jeder kann. Ein bisschen Aufregung darf ja sein im Leben.

Und freitags um 14 Uhr ist mein Leben definitiv nicht musisch. Wenn zu viele und zu kleine Kinder beteiligt sind, passt dieses Adjektiv nicht mehr. Klebrige Fingerchen, rauf- und runterkrabbelnde kleine dicke Beinchen, gelegentliches Wutgeheul gehören nicht in ein musisches Leben, oder? Und jede Woche denke ich wieder: Mist, ich bin falsch angezogen. Aber ich liebe den Freitag um 14 Uhr, grade weil es so unmusisch zugeht. An dem Tag fahre ich ausnahmsweise zu einer Familie, um mehrere der Kinder zuhause zu unterrichten. Normalerweise mache ich das aus Zeitgründen nicht, aber diese Familie hält mir seit unglaublich vielen Jahren die Treue, und mit jedem weiteren Kind haben sich die Chauffeurspflichten der Mutter vermehrt. Also komme ich. Und kriege die ganze Dosis ab. Bei dem Neunjährigen, den ich unterrichte, ist seit Jahren der kleinere Bruder dabei. Anfangs auf meinem Schoss und immer heftig atmend und rudernd, weil das alles so aufregend war für ihn. Er ist immer noch gern dabei, darf auch manchmal mitspielen, hat aber inzwischen einen eigenen Stuhl. Denn seit kurzem hat die dreijährige Schwester den Platz auf mir für sich beansprucht – ein kleines, feines Prinzesschen, das nie rudert, unhörbar atmet und unglaublich gesittet und hübsch auf meinem Schoss sitzt. Kürzlich gesellte sich noch eine Freundin meines eigentlichen Schülers zu uns für unser Ritual am Stundenanfang mit dem dicken Kinderliederbuch. Sie hing noch irgendwie links am Klavier. Ach so, und Katze Bonnie ist natürlich immer mit von der Partie. Sie sass hinten auf dem Klavierstuhl, als wir aus vollem Halse “Dornröschen” sangen. In dem Moment ging die Dame des Hauses am Klavierzimmer vorbei, sah die flüchtlingsbootartige Menschentraube am Klavier und meinte nur: “Ach du lieber Himmel.” Oh. Nicht musisch, definitiv. Aber trotz zerknitterter Kleider und etwas angestrengter Stimme: eine schöne Art von Alltag. Ich lebe viel weniger im Elfenbeinturm, als es von aussen so aussieht.

Foto: Pinterest, Actress Jennifer Jones and her sons