Loslassen

tumblr_oy0w08YWXw1sxv0ito1_500Mitte Dezember hat mein Computer endgültig den Geist aufgegeben. Er hatte im ganzen letzten Jahr suizidale Tendenzen, was mich veranlasst hat, tatsächlich ein paar wichtige Texte und Bilder extern zu speichern – eher eine untypische Tätigkeit für mich, aber jetzt bin ich froh darum. Aber es war nur eine minimalistische Auswahl, vielleicht fünf Prozent von dem, was sich im Lauf von zehn Jahren angesammelt hat. Halt das, was mir spontan wirklich wichtig ist. Hätte ich gewusst, dass die Dokumente das sind, was bleibt, wäre ich vielleicht gründlicher vorgegangen. Andererseits ist die spontane Herzensentscheidung oft die beste, egal, ob es ums Kleiderausmisten, Textaussuchen oder die ganz grossen Fragen des Lebens geht.

Erst mal habe ich fast einen Monat ohne Computer in vollen Zügen genossen. Ich konnte meine Mails mit einem Tablet abrufen und noch einen fertigen Blogartikel mit einem Klick in die Welt hinausschicken, aber das war’s dann auch an online-Zeit. Und es war himmlisch! Noch mal eine Steigerung der entdigitalisierten Zeit in Italien letztes Jahr. Anfangs denkt man noch an die Kiste, durchaus auch mit dem Unterton, ob man nicht was verpasst (was ja der grösste Blödsinn ist), und dann fängt man an, wie ganz früher zu leben, so wie in der Schulzeit: alles echt und anfassbar, echte Briefe, echtes Tagebuch, Tintenflecke an den Fingern und Telephonhörer in den Händen. Ich hätte ohne Probleme so weitermachen können.

Obwohl ich die ganze Zeit in dem Bewusstsein lebte, dass vielleicht alle Daten weg wären. Denn ich war mir nicht sicher, ob ich das mit der externen Speicherung richtig gemacht habe. Und dann bekommt alles einen anderen Wert: die wenigen ausgedruckten Fotos sind auf einmal unschätzbar. Ich schaue das Foto auf meinem Schreibtisch von einem entspannten Caféstündchen mit zwei strahlenden Freundinnen, oder das andere von einem genau so strahlenden Ausflug mit einer anderen Freundin, mit ganz anderen Augen an. Das ist jetzt das einzige seiner Art, ich kann es nicht hundertfach nachmachen oder digital verschicken. Es ist jetzt ganz wertvoll. Und brauche ich tatsächlich dutzenfache Backups von glücklichen Momenten? Brauche ich überhaupt greifbare und vorzeigbare Beweise dafür, dass ich glücklich gewesen bin? Oder dicke lange Textdokumente mit eindrucksvollen Wortanzahlen, um zu beweisen, dass ich gern schreibe? Und: wem beweisen? Das hier ist ja das allerpersönlichste Notizbuch, da muss man eigentlich niemand beweisen, wie produktiv oder phantasievoll man ist. Oder – doch?

Der andere Effekt, wenn man im Bewusstsein lebt, vielleicht alle Daten verloren zu haben, ist wunderbar entspannend. Denn ich bin gut im Ausmisten, tue mich leicht, Sachen wegzugeben. Und auch hier fiel es mir, zugegeben nach etlichen Schockmomenten, leicht, zu denken: na und, dann sind sie eben weg. Dann kommt was Neues. Und habe ich wirklich alles gebraucht, was ich gehortet habe? Das ist unglaublich befreiend. Ich hätte es nicht gedacht. Vielleicht ist man als Musiker geübt darin, sich mit Nicht-Greifbarem zu umgeben und trotzdem daran zu glauben, dass es da ist. Meine Kunst kommt mir oft wie ein Hokus-Pokus vor. Ich beschäftige mich den ganzen Tag mit was Unsichtbarem und bin auch noch überzeugt davon, dass es sinnvoll ist. Seit Jahrzehnten. Das bereitet einen auf seltsame Art auf spezielle Lebenssituationen vor… Und letztlich ist ja alles, was zählt, irgendwo in mir gespeichert, nicht auf einer Festplatte oder wie das Ding heisst. Ich brauche keine Fotos von Momenten, die so schön waren, dass ich sie jederzeit in mir abrufen kann. Oder Konzertprogramme, um zu beweisen, was meine Schüler oder ich können. Das sind schwache Abklatsche von wirklichen, sinnlich erlebten Momenten. Warum klammert man sich an so was?

Und so habe ich, ganz unklammerig, noch gar nichts auf meinen nagelneuen Computer hier rübergespielt. Ich habe mich schon vergewissert, dass die Sachen auf der kleinen externen Festplatte drauf sind, aber da können sie erst mal bleiben. Und ich fange ganz neu an, wie in einem wirklich leeren Notizbuch. Und ich mache neue Fotos, wenn mir danach ist. Und bis ich welche habe, muss ich nette Bilder im Netz suchen. Und meinen eskapistischen Tendenzen frönen, wie mein ideales Leben / Arbeitszimmer ausschauen sollte. (Bild: natalieallen.co))

Und mich um einen neuen Drucker kümmern, irgendwann… Denn ich habe es schon geahnt: so eine Neuanschaffung zieht andere Investitionen nach sich. Dieses Bürschchen hier, noch grün hinter den Ohren, behauptet, meinen Drucker nicht zu kennen. Dabei ist der keine zwanzig Jahre alt – naja, 22 – und funktioniert einwandfrei. Und er ist so schick und klein, so was gibt es heutzutage doch gar nicht mehr. Ich will keinen Monsterdrucker! Ist das ärgerlich!

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Goldberg und Vanillekipferl

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November, das war: noch mal rausgehen, Eindrücke sammeln wie die letzten reifen Pflaumen, die man einmacht für dürftigere Zeiten, raus ins Auto und rein in die Stadt, egal wie eklig das Wetter war. November war: Literaturfest, ein vornehmes, wunderschönes Mittagessen im Restaurant am Chinesischen Turm mit anschliessendem Spaziergang durch den immer noch gelben Englischen Garten zur Schack-Galerie mit ihren eindrucksvollen Gemälden, von denen jedes einzelne einen Roman in meinem Kopf anschubst.

Dezember ist: nach innen gehen, ruhig und langsam werden. Und weil es witzlos ist, wenn Heiligabend und der vierte Advent zusammenfallen, habe ich der rieselnden Zeit ein Schnippchen geschlagen und das letzte Novemberwochenede schon zum ersten Adventswochenende erklärt. Komplett mit Lichterketten, Weihnachts-CD, Pfefferkuchenbacken und dem ersten Schnee – der war ein Geschenk von oben, sozusagen, eine unerwartete Zugabe, die mein Herz mit ganz viel weihnachtlicher Vorfreude erfüllt hat.

Dezember ist auch, bei aller besinnlicher Introvertiertheit: planvoll vorgehen. Früh wie immer ohne Wecker aufzuwachen, aber im Kopf zu haben, das ich nur eine halbe Stunde mit dem ersten Tee im Bett lese, dann eine Stunde bei Kerzenlicht am Schreibtisch verbringe, bevor es hell wird, und in Ruhe und Musse jeden Tag an meiner Weihnachtspost weiterschreibe. Und die lange Dunkelheit und langsame, widerstrebende Dämmerung aus vollem Herzen geniesse. Und möglicherweise haben die vier Kerzen auf dem Adventskranz nicht nur eine liturgische Bedeutung, sondern sind von jemand erfunden worden, der auch in der Dunkelheit schreibt? Ich scheine auf jeden Fall jede Woche eine mehr zu brauchen! Dann, wenn es hell ist (= normale Menschen langsam auf sind und Lärmbelästigung akzeptiert werden muss), eine halbe Stunde Bach gegen das allgemeine Überschnappen und dann, wenn keine Vormittagsschüler kommen, tatsächlich nach in den Kalender eingetragenem Plan Backen: 28.11. Elisenlebkuchen, 1.12. Millionaire’s Shortbread, 8.12. Vanillekipferl… Anders geht es nicht, und diese neurotisch klingende Durchplanen gibt mir eine wunderbare Seelenruhe. Das und der konsequent durchgehaltene Bach. Denn die Wochenenden und Freitagabende sind voll belegt mit Weihnachtsfeiern und anderen Einladungen – da ist nichts mit Ruhe und genussvoll introvertiert und wortkarg sein. Deshalb muss ich mir diese Oasen unter der Woche schaffen, und es hat gut geklappt dieses Jahr. Es gab Jahre, an denen habe ich am 23.12. bis 19 Uhr unterrichtet, obwohl bei Sonnenuntergang alles in mir gerufen hat: ich möchte einfach nur oben eine Viertelstunde allein im Sessel sitzen, zuschauen, wie der Himmel hinter den kahlen Eichen orange aufflammt und verstehen, dass morgen schon Weihnachten ist. Und wie oft habe ich mich gewundert, wo der Advent geblieben ist. Aber einsame, stille Morgenstunden, langsame dunkelblaue Dämmerung, dicke Zopfmusterstrickjacken im zu kalten Schreibzimmerchen sind das Beste überhaupt und bereiten einen genau so sanft auf Weihnachten vor, und der Vorteil ist, dass diese Zeit wirklich mir allein gehört.

Die wollen doch nur spielen!

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Vor den praktischen Abiturprüfungen werden unsere Schüler ganz formell gefragt, ob sie gesundheitlich auf der Höhe sind und die nächsten zehn Minuten ohne Abbrechen durchstehen werden. Vorher noch einen Schwächeanfall kriegen wäre okay, Abbrechen nach dem Anfangen wird sich negativ auf die Note ausüben.

Das Gleiche beten wir unseren ganz Kleinen vor, die als unschuldige, redebedürftige Fünftklässler zu uns kommen – und wir wissen, warum. Mehr als einmal kam es vor, dass sich jemand verspielte, aufhörte, sagte: “Oh ich hab mich verspielt, wo soll ich noch mal anfangen?”… Leider gibt es keinen Radiergummi und kein noch mal Durchlesen in praktischen Prüfungen, deshalb versuchen wir von Anfang an, die Schüler daran zu gewöhnen, dass das eine sehr ernste Angelegenheit ist.

Aber letzte Woche hatte ich so ein katastrophales, furchtbares Erlebnis, das mich immer noch verfolgt, dass ich beschlossen habe, den Kleinen diesen Sachverhalt noch mal ausführlicher zu erklären. Denn: es ist nur eine Prüfung. Es geht nicht ums Überleben. Wenn es nicht anders geht, soll man in Gottes Namen aufhören, durchatmen und dann erst weiterspielen.

Eine Sechstklässlerin spielte ein kurzes Barockmenuett, verfranste sich im zweiten Teil, dachte offenbar nur daran, dass sie um keinen Preis aufhören soll, und spielte weinend weiter. Und spielte auch noch die Wiederholung. Immer noch weinend. Ich bin fast gestorben! Ich würde sagen, ich habe mindestens so viel gelitten wie das Mädel. Das war definitiv eines der schlimmsten Klaviererlebnisse meines Lebens, grandiose eigene Gedächtnislücken eingeschlossen. Und ich dachte nur, wie furchtbar das Klavierleben der Gymnasiumsschüler eigentlich ist: immer unter Zeitdruck, weil die nächste Prüfung schon wieder lauert, nie genug eigene Ansprache wegen der Gruppensituation, dann noch unser grauer Betonkasten mit dem Flachdach, der im Sommer zu heiss und im Winter zu kalt und schlecht schallisoliert ist, und dann die gefühlten (und tatsächlichen) zehn  Prozent Unterrichtsausfall durch Wandertage, Skilager, Sportfest, Basteln für den Adventsbasar und daraus resultierend noch mehr Zeitnot. Wahrlich: mehr Stress als Freude scheint das oft zu sein. Und ich bin auch tatsächlich anders drauf als mit meinen Privatschülern. Die ersten des Nachmittags dürfen im Moment feierlich die Zimtkerze anzünden, später dann noch die Adventskerze. Die um 16 Uhr dürfen die Lichterkette an der Haustür anschalten, die um 18 Uhr dürfen/ müssen die Katze füttern (nur zur Beruhigung: sind an beiden Tagen Schwestern. Eine spielt, eine füttert. Kein Unterrichtsausfall deshalb.) Wir haben tatsächlich kleine Zeitfenster für so was, wie benehmen und kennen uns als Menschen, und trotzdem läuft was im Unterricht.

In der Schule habe ich zwei Dreiergruppen in 45 Minuten, ansonsten Zweiergruppen. Mir bleibt gar nix anderes übrig, als ohne viel Spass zielstrebig vorzugehen und die Uhr immer im Auge zu behalten. In der Schule bin ich nur der Kontrollator, die Mahnerin, die Aufseherin – eine furchtbare Version meiner selbst. Zeit zum eigentlichen Spielen – Vorspielen, vom-Blatt-Spielen, Vierhändigspielen –  bleibt eigentlich nie. Ausser – die Schüler nehmen sie sich einfach. So wie diese Woche. Nach dem benoteten Vorspiel letzte Woche und dieser Erfahrung, die mir noch in den Knochen sitzt, wollte ich extra nett und trotzdem zielstrebig sein, um sie aufs nächste Vorspiel im Januar gut vorzubereiten. Wir haben wunderbare breite Fensterbänke, auf denen man Geigenkästen auspacken oder Partituren ausbreiten kann, und da hatte ich meine Notizen und Noten für den durchgeplanten Tag bereitgelegt. Ein Weihnachtsheft für eine glückliche Privatschülerin lag auch dabei, und genau das schnappte sich einer meiner Schüler. Ausgerechnet der, der sehr gut spielt, aber ansonsten ein richtiger Lümmel ist (ich darf das sagen, weil es darüber schon ein Gespräch mit seinen Eltern gab) und mir mehr als ein paar graue Haare bereitet hat. Also nicht unbedingt jemand, dem man noch Extra-Privilegien einräumen oder den man verhätscheln möchte. Trotzdem landeten wir am Klavier, mit dem vierhändigen Weihnachtsheft vor uns, und spielten zum ersten Mal, seit wir uns kennnen, einfach so und vom Blatt. Und das Kindchen war so glücklich, dass wir weiterspielten (und ich merkte: er ist ja gar nicht immer ein Lümmel). Und dann fing er an, mitzusingen, mit der glockenhellsten Knabensopranstimme, die ich je live gehört habe. Ich guckte direkt neben mich, ob wirklich er noch da sitzt und nicht ein Engel seinen Platz eingenommen hatte. Und sagte: “Du kannst ja singen.” Und er: ja, er sei ausgebildet, singt im Chor und immer wieder Solos, schon seit Jahren. Und dann haben wir gemeinsam weitergesungen, wie Mama Bär und Baby Bär, ich so tief wie immer, er mühelos eine Oktave über mir. Und ich schämte mich und dachte: super, erst spielen meine Schüler weinend weiter, während sie fast einen Nervenzusammenbruch haben, und dann kriege ich zwei Jahre lang nicht mit, ob und wie meine Schüler singen können. Ich bin eine tolle Lehrerin.

Wenigstens an dem Tag habe ich versucht, besser und aufmerksamer zu sein. Hab alle Pläne komplett über den Haufen geschmissen und mit ausnahmslos jedem Weihnachtslieder gespielt und gesungen. Wir haben uns sozusagen auf Staatskosten amüsiert – denn es hat jedem enorm Spass gemacht, vor allem, weil es so was noch nie gab. Aber ich dachte mir: Lehrplan hin oder her, wir können nicht nur dauernd Bach und Mozart und Schumann spielen, die Kinder dürfen auch mit allgemeinerem Kulturgut in Berührung kommen. Zur kompletten Legitimation habe ich auch die zweiten Strophen mit ihnen gesungen, denn die sind wirklich gefährdetes Kulturgut, oder? Und das Schönste war: alle haben richtig gespielt, richtig ihren Spieltrieb ausgelebt und dabei gelächelt. Keinem sind die Tränen runtergeflossen (bin echt traumatisiert!). Ich habe sogar ein Mädchen und einen Jungen aus der Neunten dazu gebracht, aus Spass zusammenzuspielen. Das klingt harmlos, ist aber so selten wie eine Waffenruhe im Nahostkonflikt. Und er durfte sogar zu ihr sagen: “Nimm da 3-5, das geht echt leichter.”, ohne dass eine Bombe hochgegangen ist!

Heute gibt’s eine kleine Süssigkeit vom Nikolaus und, wie immer vor Weihnachten, mein Advents-Raumspray. Das ist immerhin etwas, aber ich wünschte, wir könnten uns öfter solche Spielstunden am Klavier erlauben.

Elitär – und auch noch privilegiert

tumblr_ow0nl1rSjO1rs8b72o1_500Seit ich den letzten Artikel geschrieben habe, denke ich täglich darüber nach, wie und ob es elitär ist, sich mit Kunst, Musik oder Literatur zu beschäftigen. Es lässt mich nicht los und ich habe das Bedürfnis, mich zu rechtfertigen. Gleichzeitig weiss ich, dass es überflüssig ist. Denn die, die die Erfahrung gemacht haben, wie lebensnotwendig und lebensspendend die unmittelbare Begegnung mit Kunst ist, muss ich nicht überzeugen. Und die anderen haben wahrscheinlich so tiefsitzende Vorurteile und womöglich auch keinen Elan, sich eingehender damit zu beschäftigen, dass ich sie ohnehin nicht umstimmen könnte.

Möglicherweise spielte in dem berüchtigten Interview auch die Tatsache eine Rolle, dass das Konzert im Rahmen der Opernfestspiele stattfand und natürlich alle Arten von Gerüchten zirkulieren über Schwarzmarktpreise und (zugegeben) hohe Premierenpreise. Und man kann, auch als ganz positiv eingestellter, kunstliebender Mensch, die Krise kriegen, wenn man an einem sommerlichen Premierenabend in München die Reichen und Schönen vor der Oper flanieren sieht. Da kann man sich schon fragen, um was es eigentlich geht, wer eigentlich die Hauptpersonen des Abends sind. Aber das ist nur eine Seite der Medaille, und nur eine ganz oberflächliche und unwichtige. Die Begegnung mit Kunst kann auch in völlig alltäglicher Umgebung stattfinden und ist dann oft umso essentieller und lebendiger. Ich höre beim Backen meistens Mozart-Opern, und die “Zurück”-Taste des CD-Spielers ist regelmässig mehl- oder hefeteigverklebt, weil ich (zum 800. Mal im Leben) noch mal diese eine Arie aus “Cosi” hören muss. Oder meine Schüler: die stürzen mit klebrigen oder erdverschmierten oder sonstwie sichtlich dreckigen Pfötchen an meinen Flügel und legen los, während ich japse: “Erst Hände waschen”! und sie “Gleich, ich spiel’s dir nur kurz vor, es hat so Spass gemacht!” Aber vielleicht sind wir wirklich privilegiert, in unserem ganz banalen und unperfektem und ungestylten Alltagszustand, weil wir für etwas brennen, das ewig und immer schön ist?

Und das “privilegiert” bringt mich in positivere Fahrwasser und erinnert mich an eine meiner Lieblingsstellen aus Tartt’s “Goldfinch”: “It’s a privilege to love what Death doesn’t touch.” (Ich zitiere elitär auf englisch, weil sich das grossgeschriebene “Tod” nicht wirklich übersetzen lässt – dabei ist das Detail so wichtig). “Privilegiert” klingt etwas weniger verurteilend als “elitär”, oder? Ein kleines bisschen?! Tartt, oder ihrem Held Theo, der mit diesem Satz auf sein desaströses kurzes Leben zurückblickt, geht es um die Essenz der Dinge, um Schönheit um der Schönheit willen, und um das Bewusstsein, dass Kunstwerke das einzige sind, was bleiben kann von uns, wenn wir diese Welt verlassen. Und dass sie ewig sind und nicht nur uns berühren, sondern Generationen vor uns und hoffentlich viele nach uns. Und dass sie eine Verbindung, vielleicht die letzte und einzig greifbare, zu einem geliebten Menschen darstellen können, der uns verlassen hat. Theo denkt an seine tote Mutter und den älteren Antiquitätenhändler, den er kurz vor seinem Tod kennenlernen durfte, wenn er Fabritius’ “Distelfink” sieht. Ich denke unweigerlich und immer an meinen Vater, wenn ich die grosse Treppe in der Alten Pinakothek raufgehe. Es lässt sich nicht vermeiden, Menschen zu lieben, die genau so sterblich sind wie wir, obwohl wir wissen, dass uns irgendwann das Herz brechen wird, weil der Tod jemand berührt. Aber es gibt darüber hinaus eben noch die Möglichkeit, unsterbliche, ewig junge Begleiter im Leben zu haben, wenn man sie denn sehen, verstehen, begreifen kann. Das ist fast so mysteriös wie die Liebe selbst. Und es gibt einem eine wunderbare, leise Hoffnung, dass irgendwie doch alles gut ist, auch wenn die Welt manchmal gar nicht danach aussieht. Manchmal fühlt man sich isoliert und einsam mit seinen Ansichten und Vorlieben, aber dann gibt es Momente, in denen man schlagartig sieht: man ist doch verbunden mit einer ganzen jahrhundertelangen Kette von Menschen, die das Gleiche geliebt haben. Man ist Teil von einem wunderbaren Ausschnitt der Menschheitsgeschichte, egal ob man aktiv als Künstler tätig ist oder “nur” privilegiert genug, Kunst zu geniessen. So lange das einem so viel gibt und das Leben so viel lebenswerter macht, ist es eigentlich egal, wie andere darüber denken.

Foto: theoosterbook.tumblr.com

Elitär?

tumblr_onl2cmNmUc1sgrduho1_1280Letzten Sommer gab der Bariton Thomas Hampson einen Liederabend bei den Münchner Opernfestspielen. Ursprünglich war ein Programm unter dem Motto “Die Götter Griechenlands” vorgesehen. Deshalb lud ihn die Süddeutsche Zeitung zu einem Interview in die Glyptothek ein, um in Anwesenheit der Götter über sie zu sprechen. Die ganzseitige, mit vielen in der Glyptothek entstandenen Fotos versehene Serie nennt sich “SZ Kultursalon”. Dies nur vorneweg, weil ich mich gleich aufregen muss. Denn ich liebe Thomas Hampson und seine amerikanische “alles ist machbar” – Herangehensweise seit vielen Jahren. Er ist mit einer wunderbaren Stimme gesegnet, aber das ist nur die halbe Miete: ohne Disziplin, Mut und Optimismus kommt man als Musiker nicht weit, und er strahlt optisch und musikalisch einfach eine Riesenportion Optimismus aus, aber eben auf diese für mich typisch amerikanische Art. Die ich in meinem Studienjahr dort eindrucksvoll kennenlernen durfte. Es ist zwar lange her, aber dort herrschte eine andere Grundeinstellung, an der sich glaube ich nicht viel geändert hat: staatliche Leistungen gibt es kaum, jeder ist in einem viel grösseren Umfang als hier für sich selbst und sein Wohlergehen verantwortlich. Und jeder wächst in diesem Wissen auf. Wer weiterkommen will, muss halt was dafür tun.

So, jetzt zu diesem Artikel. Hampson wird gefragt, ob Liederabende überhaupt eine Zukunft haben. Und er antwortet so wunderbar, dass man es rahmen und aufhängen möchte:

“Es ist die Frage, was wir in unserer Freizeit tun und wie weit wir sie für Bildung nutzen wollen. Bildung heisst ja nicht nur, etwas zu wissen, sondern sich weiterzuentwickeln, mehr zu erfahren und jeden Tag danach zu streben, ein besserer Mensch werden zu wollen.”

Die Gegenfrage der SZ ist wie eine kalte Dusche:

Das klingt ein bisschen elitär. Ist Klassik elitär?

Hampson konterte Gott sei Dank mit “Nein, das ist absoluter Blödsinn.” Ich wäre noch deutlicher geworden und stand und stehe kurz vor einem Leserbrief. Wie kann man jemand in den absoluten Musentempel einladen und dann so depperte Fragen stellen? Wer ist jetzt elitär?! Die, die einen sogenannten Kultursalon unterhalten, oder die, die mit ihrem ganzen Herzblut für eine immer unwichtiger werdende Sache kämpfen und dabei noch völlig vernünftige Ansichten haben?

Vielleicht wollten die beiden Journalisten auch von einem unangenehmen Aspekt von Hampson’s Äusserung ablenken: es steht ja wirklich jedem frei, wie er seine freie Zeit verbringt. Aber es ist eventuell etwas anstrengender, etwas für seine Bildung zu tun, auf welchem Weg auch immer, als sich ein Fussballspiel anzusehen oder drei Stunden lang fernzusehen. Aber jeder Mensch hat 24 Stunden am Tag, und jeder kann entscheiden, wo seine Prioritäten liegen. Man sollte es niemanden neiden, wenn bei den einen vielleicht was hängen bleibt, was das Leben bereichert. Die anderen haben dafür was für ihre Tiefenentspannung getan und fühlen sich deshalb so gut wie jemand, der ein paar Stunden im Museum verbracht hat. Und Zugang zu den vermeintlich elitären Einrichtungen hat inzwischen eigentlich jeder: jeder darf in jede Bibliothek reinspazieren und dort Bücher lesen, sonntags kann man für einen Euro in die Münchner Museen. (Und ich verkneife es mir, darauf hinzuweisen, dass komplett freier Eintritt in Museen und Theater – die ultimative Abschaffung von Schranken vor einer vermeintlich nur einer Elite zugänglichen Art der Unterhaltung – von Empfängern von Sozialleistungen so gut wie nicht in Anspruch genommen wird. Da spielen natürlich Berührungsängste und die fehlende Vertrautheit/ die fehlende Schulbildung mit hinein – gegen die gewisse Zeitungen eigentlich was tun könnten. Aber dann müssten diese Zeitungen auch gelesen werden… Es ist ein Teufelskreis.)

Und “Bildung” klingt doch tatsächlich nach Anstrengung, stundenlangem Büffeln, unangenehmen Erinnerungen an die Schulzeit, Bedauern, die Zeit nicht für was Netteres nutzen zu können. Das ist auch so ein Problem – dass viel zu wenige erfahren, wie spannend und beglückend es sein kann, was Neues zu lernen oder tiefer einzutauchen in ein Thema, das einen fasziniert. Und der Anstoss, sich mit etwas eingehender zu beschäftigen, muss nicht unbedingt von Menschen kommen, die extra dafür ausgebildet sind, also Lehrern oder Professoren. Bildung findet gar nicht immer in Klassenzimmern statt. Es kann die Begegnung mit einem Musiker wie Hampson sein, die dazu führt, dass man sich mit Schuberts Welt beschäftigt. Oder die Abbildung in einem Kunstgeschichtebuch, die einem fast den Schlaf raubt und einen veranlasst, irgendwann im Leben an diesen Ort, in dieses Museum zu fahren und zuvor so viel wie möglich drüber zu lesen. Oder die Faszination für eine Sprache… Oder eine Epoche oder einen Baustil… Alles, was man sich abends oder am Wochenende in Eigeninitiative aneignet, bleibt ganz anders hängen. Und beglückt einen auch ganz anders als damals eine schnöde Schulaufgabe, bei der man ja mehr um der Note als um des Wissens willen gelernt hat. Und diese Art von Bildung, die täglich und in jedem Alter stattfinden kann, ist wirklich nicht elitär und dank Internet komplett kostenlos.

Mir gefällt auch, dass Hampson andeutet, dass es keine limitierte Zeitspanne im Leben gibt, um Wissen zu erwerben. Es geht weiter, nachdem man sein Abschlusszeugnis oder Unidiplom in der Tasche hat. Und wenn man Lust hat, kann es ein ganzes Leben lang weitergehen, dieses Wachsen und Reicher-Werden. Ich bin immer heilfroh, wenn ich bei einer Einladung neben jemand sitze, von dem ich weiss, dass  er oder sie ein lebenslanger Lerner ist, egal welches Alter – diese Gespräche sind viel interessanter und müheloser. Und inspirieren mich oft selber, irgendwas nachzuschauen, über das wir gesprochen haben.

Ich bin froh, dass es Menschen wie Thomas Hampson gibt, die die Fackel noch hochhalten. Weil es lebenswichtig ist und er so viele Menschen wie möglich erreichen will, singt er weiter. Und ich bewege mich am anderen, ganz bescheidenen Ende der Skala und lege mit kleinsten Bausteinen den Weg zum grossen Ganzen und frage jeden Herbst wieder: “Hör mal zu, ich spiele dir zwei Akkorde vor. Welcher klingt trauriger?” Und es wird nie unwichtig oder langweilig. Weil ich überzeugt davon bin, dass es sinnvoll und wichtig ist. Musik, Kunst überhaupt darf nichts für eine Elite sein. Ich möchte so vielen Menschen wie möglich helfen, zu erkennen, was ewig ist und was bleibt. Was andere vor uns geliebt haben und andere nach uns hoffentlich auch noch.

(Foto: neverwordless)

Vom Inn an den Tiber: Einsam oder gemeinsam?

FerentoGestern hat der Wind ein gelbes Blatt genau auf mein Fensterbrett geweht, während ich mit einer Tasse Earl Grey am Fenster stand und den herrlich grauen Himmel angeschaut habe. Das Blatt war der perfekte Herbstgruss und fast zu schön, um echt zu sein. Es wird Zeit für den wirklich letzten Italien – Artikel, bevor ich jedem hier auf den Geist gehe!

Als wir zurück waren, las ich in der Frankfurter Allgemeinen einen Artikel über eine Mittelmeerkreuzfahrt, der erst mal schön klang: viele Tage auf dem blauen Meer, Ausflüge nach Genua, Rom und Neapel vom Schiff aus, gutes Essen. Etwas teuer. Aber dann die ganze Wahrheit: man ist umgeben von 4500 anderen Passagieren auf dem Schiff, und beim Landgang nach Rom von Civitavecchia aus lagen noch zwei Schiffe der Grössenordnung vor Anker und 14 000 Menschen machten sich (gleichzeitig?!) auf nach Rom. Für einen Tag. Das bedeutet: abends findet das, was für mich nach geplanter Massenevakuierung klingt, in umgekehrter Reihenfolge wieder statt. Und ich kann mir kaum ausmalen, wie viele Busse man für 14 000 Menschen braucht. Und wie sie alle gleichzeitig in Rom einfallen.

Interessant, was manche Menschen auf sich nehmen im Urlaub, oder? Ich glaube, ich wäre nach so einem Ausflug urlaubsreif. Es macht schon Spass, gelegentlich andere Touristen zu sehen, und an einem Abend in Rom, als wir etwas erledigt waren, haben wir uns einfach eine Stunde vors Kolosseum gesetzt und hunderten von Leuten beim Selfieproduzieren zugeschaut. Aber ständig? Und gleich zu Tausenden?

Jeder soll nach seiner Art glücklich werden. Unsere Art von Glück sah ganz anders aus – und im Nachhinein kann ich kaum glauben, dass wir zeitgleich völlig allein in Férento, etwa 60 km nördlich von Rom, im Amphitheater sassen, während sich weiter südlich solche Szenarien abspielten.

Férento war der reinste Zufallsfund. Wir studierten die Landkarte, um zu schauen, was es in der Nähe von Viterbo noch Schönes gäbe, und da war kursiv gedruckt und mit den drei Pünktchen drunter, die Ruinen verheissen, eben dieses Férento. Es wurde tatsächlich mit drei Zeilen in unserem Latiumführer erwähnt – wenn man mal dort war, fragt man sich, wie man sich da auf drei Zeilen beschränken kann. (Ich kann es nicht!) Da steht ungefähr: gut erhaltene römische Siedlung mit Amphitheater, Thermen, Decumanus und Häusern, 1172 von Viterbo zerstört, seither unbewohnt.

Férento liegt wunderbar einsam in der Pampa. Schon die Umgebung atmet den Hauch von “es war einmal, vor ganz, ganz langer Zeit” aus. Denn jetzt ist da kaum mehr was los ausser etwas Landwirtschaft und schlechten Strassen. Aber – ein Hinweisschild auf eine noch einsamere Strasse. Und dann tatsächlich ein lebendiger Mensch und die Andeutung von Infrastruktur vor dem eingezäunten Gelände: ein garagengrosses Hüttchen, das nach vorne offen war, und drin eine Frau, die an dem grossen, bücherübersäten Tisch am Computer zu arbeiten schien. Der geisteswissenschaftliche Anstrich wurde betont durch zwei Katzen, die uns in aller Form vorgestellt wurden. Férento ist Studienobjekt irgendeiner Uni, und deshalb hatten wir das Glück, dass überhaupt jemand da war und uns aufsperrte (normal ist nur am Wochenende auf, wie sie mir in wunderbarem Französisch erklärte). Und das Aufsperren war sehr symbolisch – sie entfernte ein grosses Vorhängeschloss vom hohen Maschendrahtzaun, das sie nach uns wieder dranhängte. Und mehr brauchen wir nicht zum Glücklichsein als einfach mal eingesperrt zu werden in einem verlassenen Ruinengelände – wir können durchaus mal Ruhe geben und einfach nur da sitzen. Und es war der reinste Luxus, dass wir das durften und keiner was von uns wollte.

Die schwarze Katzendame Domitilla schien einen anderen Weg zu kennen (kein Wunder, ist sie doch benannt nach der Gattin des Kaisers Vespasian, die in Férento geboren war), denn sie empfing uns schon in den Ruinen und schmuste um unsere Beine. Und begleitete uns auf dem Rundgang. Deshalb war der Ort natürlich besonders schön für uns… Aber auch sonst: das gut erhaltene Amphitheater ist wunderschön. Vielleicht nicht das grösste, das man je gesehen hat, aber es hat sehr dekorative Rundbögen, die irgendwie ohne Mörtel zusammengefügt sind und deshalb schon eine Sehenswürdigkeit. Das ganze Gelände war überwachsen von kleinen gelben Blümchen und Thymian. Kleiner lilablühender Thymian, wie es wo anders Rasen gibt. Man konnte gar nicht anders als draufzutreten, und das war der Duft von Férento. Wenn ich an diese Rundbögen denke, rieche ich Thymian. Und der versetzte mich langsam so in andere Sphären, und es war so wunderbar einsam und zauberhaft und betörend schön, dass ich beim Blick in eins der Schwimmbecken in der Therme tatsächlich ein leises Plätschern hörte. Obwohl alles staubtrocken war um uns herum. Da ist ein Römer weggeschwommen, weil er nicht angestarrt werden wollte… Ganz sicher.

In den Ritzen der erhaltenen Pflastersteine der Hauptstrasse: auch Thymian. Und auch in den Fundamenten eines Hauses, in dem wir lange mit Domitilla spielten. Ein wunderschöner Ort, an dem man ganz zur Ruhe kommen kann. Natürlich: Selfies aus Férento hätten keinen hohen Wiedererkennungswert in sozialen Medien, und gelato gab es auch nicht. Wer darauf verzichten kann, kommt bei diesem kleinen und feinen Ausflug in die Antike voll auf seine Kosten.

 

Vom Inn an den Tiber: Noch mehr Sehnsuchtsorte

P1100593Wer in seiner Jugend in den Genuss von Lateinunterricht gekommen ist, stolperte unweigerlich früher oder später über die zweisprachigen “Tusculum” – Ausgaben. Ich dachte anfangs, das ist halt ein poetischer Name für einen idealen Ort, an dem schöngeistige Gespräche stattfinden, oder ein Verlagstrick, um staubtrockene alte Literatur irgendwie an den Mann zu bringen. Bis ich irgendwann mitbekam, dass Tusculum ein realer Ort ist, den man immer noch besuchen kann. Ab da stand er auf der Liste meiner Sehnsuchtsorte weit oben. Ich war und bin kein Cicero – Fan, aber es könnte nicht schaden, den Entstehungsplatz seiner “Tusculanae Disputationes” zu sehen. Ausser ihm wohnten zahlreiche reiche und berühmte Staatsmänner und Dichter auf diesem Hügel im Süden Roms: der legendäre Lucullus, Cato, Caesar (Grund für ähnlich langatmig sich hinziehende Lateinstunden wie Cicero…). Sie hatten sich bewusst diesen hochgelegenen Hügel mit der sagenhaften Rundumsicht in den Albaner Bergen ausgesucht, um Abstand zur Stadt und wahrscheinlich ein besseres Klima zu haben.

Stilecht wäre ich gerne über die Via Tuscolana aus Rom angekommen, aber wir wohnten ja im Osten und waren nach einem Katzensprung in Frascati. Zeitgenossen mit masochistischen Tendenzen könnten hier den Wanderrucksack auspacken und ständig bergan rauf nach Tusculum laufen. Der Weg entlang der einsamen Strasse ist auch wirklich schön, es gibt Oliven und Steineichen und gelegentlich Schatten – ich war aber doch dankbar für mein Auto, das uns mit leichtem Schnaufen innerhalb von Minuten auf die Hügelkuppe brachte. Denn es war unglaublich heiss und trocken. Und wie die anderen Orte, die wir besuchten, ist Tusculum kein Archäologie – Disneyland und kein bisschen für den Tourismus erschlossen. Keinerlei Infrastruktur, keine Bar, kein Wasser. Einzig und allein der menschenleere Parkplatz liess uns ahnen, dass wir hier aussteigen und loslaufen könnten.

Wir fanden einen schattigen, baumbestandenen Hohlweg mit glattgeschliffenen schwarzen Quadersteinen auf dem Boden, und – erstes Zeichen, dass wir doch an einem sehenswerten Ort waren – tatsächlich eine Schautafel, die informierte, dass Tusculum ein wichtiger Ort auf der Grand Tour war und besonders deutsche romantische Maler dieses Panorama schätzten. In der drückenden Hitze hält man es kaum für möglich, dass in den letzten Jahrhunderten überhaupt jemand auf diesem Hügel gewesen war. Wir spazierten leicht bergan, vorbei an überwachsenen Fundamenten und umgekippten Säulen, und die Aussicht auf die Albaner Berge wurde immer schöner. Bis wir am höchsten Punkt den Gipfel des Malerischen erblickten: ein weisses Einsatzfahrzeug einer Art Technischen Hilfswerks, und vier Feuerwehrmänner in voller Montur, die bei geöffneten Türen auf ihren Handys lesen. Wir stellten uns kurz zu ihnen, weil sie unter dem einzigen Baum weit und breit parken, und weil – Menschen! Lebendige Menschen! Man hätte eine perfekte Aussicht in alle Himmelsrichtungen, um Waldbrände zu entdecken. Aber ihre Handys sind ihnen wichtiger… Ihr Funkgerät piept und zwitschert und ich finde diesen Einbruch des 21. Jahrhunderts in die antike Welt ziemlich absurd. Aber natürlich nötig. Wir haben in den letzten Tagen mehrere Waldbrände und Löschversuche mit Hubschraubern erlebt, und die Wiesen von Tusculum sind fast die vertrocknetsten, die wir gesehen haben. Und es ist heiss. So stelle ich mir Griechenland vor.

Wir sehen uns noch die Reste des Amphitheaters an und schlendern ein bisschen übers Gelände, bekommen aber fast einen Hitzschlag. Fazit: es ist wahnsinnig schön, die Fernsicht ist sagenhaft, aber mir ist es zu exponiert und zu sehr der Sonne ausgesetzt. Und die Geister dieser langatmigen Schriftsteller  – lieber weg von hier, bevor uns ein Feuer den Rückweg abschneidet. Eine Nacht mit Lucullus wäre sicher vergnüglich, aber wenn dann Caesar und Cicero auftauchen und kein Ende finden… Schnell ins Auto!

Und runter von Frascati in die Ebene um Rom und ans Südende der Via Appia Antica, das wir mit mehr Glück als Verstand fanden. Hier wollte ich auch schon ewig hin, und wir hatten es einmal von der Stadt aus versucht, aber das war Fehlanzeige: der Bus bringt einen an den Anfang. Der ist noch touristenüberlaufen wegen der Calixtus – Katakomben und San Sebastiano, das zu den Hauptkirchen gehört und ein begehrtes Pilgerziel ist. Dann: haushohe Mauern, die sich gefühlt kilometerlang hinziehen und Privatgrundstücke abschotten. Wenn man nicht auf eine lange Wanderung eingestellt ist, ist der Abschnitt in Stadtnähe sehr enttäuschend.

Wenn man bereit ist, sich in die geordnete Anarchie des Autobahnrings um Rom zu begeben und nicht davor zurückschreckt, das Auto neben einem wenig vertrauenerweckenden Wohnwagenpark gegenüber vom Flughafen Ciampino abzustellen, kann man das herrliche, einsame Südende der Via Appia finden. Und hier ist sie wie aus dem Bilderbuch: das glattgeschliffene schwarze Pflaster zieht sich schnurgerade und pinienbestanden Richtung Rom. Kein Mensch ist in Sicht bis auf gelegentliche Jogger, und wenn die in ihren grellen Outfits verschwunden sind, könnte man glauben, geradewegs in der Antike zu sein. Und dann tauchen auch noch Schafe auf den vertrockneten Wiesen auf… Es ist Idylle pur. Das Abendlicht wird immer sanfter und wärmer, während wir langsam Richtung Stadt wandern, die warmen, trockenen Piniennadeln knirschen, wenn man drauftritt, und es riecht intensiv nach Harz aus den vielen abgefallenen Pinienzapfen. Ich hebe einen auf und habe fortan einen Harzklumpen an den Fingern, den ich immer wieder zur Nase führe – erinnert mich an meine ganzen Streicherfreunde und den leichten Kolophoniumgeruch, der sie manchmal umgibt. Das Parfüm der Via Appia… Hier kommen wir völlig zur Ruhe. Wollen und Erleben gelangen in einen wunderbaren Einklang und wir sind beide an dem seltenen Punkt, dass wir sagen: so soll es sein. Genau so, wie es jetzt ist, ist es perfekt. Ich würde nichts ändern wollen an diesem Augenblick.

 

Vom Inn an den Tiber: Probewohnen

P1100970Als wir in Blera ankommen, ist es vier Uhr nachmittags. Alles schläft. Das ganze hübsche Städtchen befindet sich im Dornröschenschlaf, und wäre es nicht so gut erhalten und gepflegt, wären da nicht unzählige bepflanzte Blumentöpfe vor den Haustüren und auf den Treppchen, könnte man meinen, die Stadt sei ausgestorben. Wir schleichen in der Spätsommerhitze durch die engen Gässchen und sind begeistert, wie stimmungsvoll und malerisch der kleine Ort ist, selbst wenn alle Fensterläden zu sind.

Blera ist eines der vielen kleinen Städtchen nördlich von Rom, die auf einem langgezogenen Tuffsteinfels thronen. Lauter kleine, hochgebaute Steinhäuschen drängen sich dicht an dicht. Die schattigen Gassen sind so eng, dass man mit ausgestreckten Armen fast beide Häuserzeilen berühren kann. In der Mitte des kleinen Ortes öffnen sich die Gassen auf eine ähnlich kleine und enge Piazza, deren Mittelpunkt ein Brunnen ist. Danach wird es wieder eng, und der Weg führt leicht abwärts auf der alten Via Claudia.

Auch wenn der Ort schlief, hatten wir das Gefühl, ganz in der Zivilisation zu sein. Ein paar Schritte abwärts durchs Stadttor und auf einen kleinen Feldweg, der staubig an Schrebergärten vorbeiführte, und wir entfernten uns mit jedem Meter mehr aus der Gegenwart. Der olivenbestandene Hohlweg führte beständig bergab, die Schatten der Nachmittagssonne warfen das Muster der Olivenzweige in den Staub vor uns. Hier in den Gärten und auch oben in der Stadt hatten wir keine Seele gesehen, aber je näher wir der Etrusker – Nekropole kamen, die laut Landkarte irgendwo hier unten sein musste, desto mehr regte sich in der Luft und in der Atmosphäre. Einbildung? Hitzeflimmern? Zu wenig Wasser dabei? Wie auch immer, der spontane Ausflug wurde eine magische Reise in die Antike. In die richtig ferne Antike. Laut Führer war die Gräberstadt von 700 bis 500 vor Christus in Benutzung – da lebte Homer noch, so ungefähr… Und da waren die Etrusker schon so lange hier sesshaft, dass die Ersten sich ins Jenseits verabschiedeten und angemessene Wohnungen dafür brauchten. Ich liebe solche Orte mit Vergangenheit…

Und unversehens ging es schon los mit den Grabkammern. Wir dachten, die sind alle unten in der Schlucht, aber rechts von uns tauchten die ersten Öffnungen auf, in italienischer Manier als Geräteschuppen oder Viehställe mit halben Türen zweckentfremdet. Dann kamen offene, leere Gräber, kühl und schattig und geräumiger, als ich dachte: Dreiergräber, Fünfergräber, auch mal ein querliegendes Einzelgrab für die eher Introvertierten. Anfangs waren wir ganz leise und ehrfürchtig, schauten uns vorsichtig um, atmeten unwillkürlich langsamer. Dann kam noch ein Grab. Und noch eins. Und der Entdeckergeist wurde etwas übersättigt. Es war auch nett, zwischendurch wieder raus in die Sonne zu gehen und die Wärme zu spüren. Dabei entdeckte ich haufenweise Brombeeren, die aus und über Gräbern wuchsen, und sogar einen Feigenbaum mit dunkellila Früchten. Ich trödelte ein bisschen beim Obst, der Gatte explorierte weiter – “Guck mal hier, das Modell “Andante”!” Mit einer Handvoll Brombeeren schlenderte ich zum nächsten Grab, einem richtig geräumigen, gemütlichen, und dachte mir drinnen spontan: was, wenn ich schwarze Früchte, die aus Gräbern wachsen, in einem Grab esse? Vielleicht tut sich da was? Vielleicht finde ich endlich den Fahrschein in die Vergangenheit? Es ist einen Versuch wert. Ich schliesse die Augen, esse ein paar Brombeeren, wünsche mich ganz sehr ein paar Tausend Jahre zurück und warte. Alles ist still und kühl, aber – das ist es auch schon. Als ich die Augen wieder aufmache, strahlt die Sonne vor dem säuberlich gehauenen Steinrechteck der Türöffung aufs gelbe Gras. Eine Eidechse flitzt vorbei. Ich fürchte, ich bin immer noch hier.

Und auch unten in der eigentlichen Nekropole hat’s mit der Magie nicht geklappt. Obwohl der Ort ohne Zweifel sehr magisch und einsam ist. Wir kletterten an dem gigantischen Felsen aus rötlichem Tuffstein herum, schauten uns noch in ein paar Gräbern um, waren selig und sprachlos, an so einem wunderschönen, besonderen Ort ganz für uns zu sein. Auch hier: Brombeeren, Haselnüsse und wilder Dill, der auch sehr lecker schmeckte, und Pfefferminze in rauhen Massen. (Auch lecker. Und mehr kann man sich bei einer Friedhofsbesichtigung wohl kaum in den Mund stecken zum Zwecke der Zeitreise. Also: Experiment gescheitert.)

Wieder zurück über die kleine gebogene Steinbrücke, und wir probierten einen anderen Rückweg aus, der links steil durch den Wald nach oben führte. Innerhalb kurzer Zeit muss man hier die ganze Steigung bewältigen, die man vorher in einer Viertelstunde bergab gegangen war, und gelangt oben an ein handgeschriebenes Holzschildchen “Belvedere”. Das musste die ursprüngliche etruskische Akropolis gewesen sein, auf die im Ort hingewiesen wurde. Die Siedlung wurde im Mittelalter als Steinbruch genutzt, um Blera etwas weiter hinten aufzubauen – es ist überhaupt nichts mehr von einer Stadt zu sehen. Aber ganz am Ende des Abhangs ein traumhafter Blick auf die Schlucht und die Felsen der Gräberstadt, in der wir grade noch gewesen waren: grün, so weit das Auge blickt, dunkelgrün, und dann die erdfarbenen Tuffsteinfelsen.

Unser völlig ungeplanter Spaziergang von etwa einer Stunde war einer der zauberhaftesten Momente der Reise. Gut, dass uns in Blera keine Bar und keine Katzen abgelenkt hatten. (Und als wir zurückkamen, war der Ort kaum wieder zu erkennen: quirliges Leben, eine moderne Apotheke, ein Optiker, Leute mit Einkaufstaschen, alte Männer vor der Bar… Diese Metamorphose ist immer wieder erstaunlich!)

 

Vom Inn an den Tiber: Villa Adriana

P1100691“Noch nie sah ich so malerische Ruinen”, schrieb Viktor Hehn, als er im 19. Jahrhundert die Villa Adriana in Tivoli besuchte. Ich stehe im ausgehenden Winter in Mantel, Stiefeln und Schal beim Dealer meines Vertrauens und habe eben das Hehn – Buch in einem seiner sich biegenden Regale ausgegraben. Es ist mir ein Begriff, weil es in fast jeder Italien – oder Rom – Bibliographie als eines der ersten auftaucht, neben Goethe und Gregorovius. Und jetzt halte ich es in der Hand? Dieses Juwel? Ich dachte, das gibt es gar nicht mehr! Keine Frage, ich kaufe es. Laufe durch den Schneematsch nach Hause und fange gleich an, drin zu blättern. Und was gibt es Schöneres, als im rauhen Germanien von südlichen Gefilden und ein paar Sonnenstrahlen zu träumen.

Sechs Monate später befinde ich mich auf dem Gelände der Villa Adriana in Tivoli, in weissem Leinen, Sandalen und Sonnenhut. Meine Fussrücken sind braungebrannt, die Füsse staubig, weil es hier wochenlang nicht geregnet hat. Es hat 38 Grad im Schatten und wir sind so ziemlich die einzigen Lebenden hier, abgesehen von den Schildkröten im grün schillernden Wasser des Canopo und einer freundlichen Katze, die in einem Blumentrog döst. Die Hitze, die Trockenheit, alle Anstrengungen sind völlig egal: wir sind beide schlicht überwältigt von der Grösse und Schönheit der Villa oder dessen, was davon noch übrig ist. Wir wandern durchs pinien – und zypressenbestandene Gelände und ich kann nicht anders als zu denken: “Noch nie sah ich so malerische Ruinen.”

Da die Villa Adriana zu den Hauptsehenswürdigkeiten Roms gehört, hatten wir einen ähnlichen Rummel wie in der Villa d’Este oben in Tivoli erwartet. Ausser meinem treuen Gefährt waren etwa zehn andere Autos auf dem Parkplatz. Aber das Areal der Anlage ist so riesig, dass wir nur einmal kurz andere Menschen zu Gesicht bekamen. Wir hatten auch ehrlich gesagt ein viel kleineres Anwesen erwartet. Ein Reiseführer warnte, selbst für den Schnelldurchlauf brauche man einen halben Tag, und ich dachte erst, das ist halt ein gründlicher Enthusiast. Aber: ein halber Tag reicht grade so. In der “Villa” lebten zeitweise 20 000 Menschen, inklusive einer Garde aus 1000 Soldaten. Die hatten natürlich alle Behausungen, und Thermen, und Wandelgänge. Das Gelände entspricht gefühlt dem unseres Städtchens. Die zahlreichen Ruinen werden immer wieder unterbrochen von grossflächigen Olivenhainen, in denen man im Halbschatten ausruhen kann: ein wunderbarer Wechsel aus ergriffen und erstaunt sein und kurz die Seele baumeln und nachkommen lassen. Und drüber reden, was für aussergewöhnliche, kreative, leicht verrückte Ideen dieser Kaiser hatte.

Hadrian lebte in einer der wenigen ausgesprochen friedlichen Zeiten des römischen Kaiserreichs. Er reiste sehr viel in seinem immensen Reich, das damals die grösste Ausdehnung hatte: von Schottland (wo er seinen Wall baute) über Spanien (wo er geboren war), seinem Lieblingsaufenthalt Ägypten, Palästina, Syrien und Griechenland, das ihm auch besonders am Herzen lag. Als er älter und ruhiger wurde, beschloss er, all seine Lieblingsorte in der Nähe von Rom nachzubauen – aber nicht in Rom, um nicht ständig gestört zu werden. Und so findet man in der Ebene bei Tivoli die irrwitzigsten Nachbauten von damals berühmten echten Orten, oder Bauten, die von existierenden Vorbildern inspiriert wurden. Hadrian liess es sich auch nicht nehmen, die meisten der Gebäude selber zu entwerfen. Mir gefällt seine Vorliebe für ungewöhnliche Grundrisse: lange Ovale, komplett rund, mehreckig, und oft mit sehr hohen Kuppeln. Was ich nicht wusste: auch die Engelsburg in Rom ist ein Entwurf von ihm. Sie war ursprünglich sein Mausoleum und wurde erst in späteren Jahrhunderten umgebaut. (Und wer meint, er war ein bisschen grössenwahnsinnig, sollte dran denken, dass Hadrian gern in Ägypten unterwegs war und die Pyramiden kannte. So werden halt Herrscher beerdigt.) Das “Teatro Marittimo” ist so ein netter exzentrischer Ort. Rund, mit einer Insel in der Mitte, die von Wasser umgeben ist und nur über Zugbrücken erreicht werden kann. Hierhin zog er sich zum Lesen und Nachdenken zurück.

Hier wie in allen anderen zahlreichen künstlichen Seen und Wasserflächen schwammen Schildkröten, die träge unter Wasser paddelten oder ihre Köpfchen kurz mal nach oben streckten. Das fand ich einerseits richtig nett, weil ich noch nie so viele Schildkröten gesehen habe – andererseits hat ihre Anwesenheit eine gewisse tragische Komponente, die alles mit Melancholie erfüllen könnte. Hadrians junger Geliebter, der von herausragender Schönheit gewesen sein muss, ertrank auf einer der Reisen beim Schwimmen im Nil. Zum Andenken an ihn gestaltete Hadrian das sogenannte Canopo, der Fleck der Villa, der mir am besten gefallen hat: unglaublich malerisch und ausgewogen und perfekt. Ein sehr langes, ovales Becken (mit noch mehr Schildkröten und einer Krokodilsstatue) soll an den Nil erinnern, am einen Ende ist eine Nachbildung eines Serapis – Heiligtums, in dem regelmässig abendliche Parties stattfanden (angeblich mit geheiztem Sand, damit man sich wirklich wie in Ägypten fühlt – ein Gedanke, den ich bei 38 Grad schnell von mir schiebe…), und am anderen die meistfotographierte Ansicht der Villa, ideale Statuen in Bogengängen, die sich im grünen Wasser spiegeln. Ich könnte mir vorstellen, dass Viktor Hehn, diese Stelle meinte, als er das mit den malerischen Ruinen schrieb… Eine Steigerung ist kaum noch möglich.

 

Vom Inn an die Bandusia: Villa d’Orazio

P1100824Einer der Orte, an den ich mich schon lange gesehnt habe und den man ohne Auto wirklich nicht erreicht, war das Landgut von Horaz in den Sabiner Bergen. Maecenas schenkte ihm das Anwesen. Horaz schenkte Maecenas in den folgenden Jahren eine Fülle an Oden. Das waren noch Zeiten, für beide Seiten! Horaz genoss seine Aufenthalte in den waldreichen Bergen, wie viele seiner Gedichte belegen. Überhaupt schien er regelmässig Abstand von der Grosstadt zu brauchen – vor seinem Sabinum, wie er das Gut nannte, hatte er schon eine Villa in Tivoli, deren Standort heute aber unklar ist. Die erhaltenen Ruinen der Villa bei Licenza sind aber eindeutig seine Villa, und es war für mich mehr als magisch, tatsächlich dort zu sein.

Auch wenn es streberhaft klingt, aber: ich mochte Horaz schon in der Schule. Einmal wegen des wunderbaren Rhythmus seiner Gedichte, und dann wegen der greifbaren, nachvollziehbaren und lebensnahen Themen. Damals wie heute fühle ich mit ihm, wenn ihm ein aufdringlicher Schwätzer einen Spaziergang verdirbt. Mir gefällt, dass er sich dann und wann in die Natur zurückziehen muss, um wieder aufzutanken, in Ruhe den Kreislauf der Jahreszeiten betrachtet und einfach den Augenblick geniesst. Dass er dann aber auch wieder die grosse Stadt braucht und ein Gelage mit Maecenas und Vergil persönlich, bei dem die neuesten Werke vorgelesen werden (wenn ich mir das vorstelle, kriege ich Gänsehaut!).

Der Vater von Horaz war ein freigelassener Sklave, der wusste, dass Bildung die einzige Chance für seinen Sohn wäre, im Leben weiterzukommen. Er tat alles dafür, um dem Jungen eine gute Schulbildung in Rom zu ermöglichen. Danach studierte Horaz in Athen und kam mit der Lehre der Stoiker und Epikurs in Berührung. Das lebensbejahende, genussvolle Auskosten des einzelnen Augenblicks, das ganz im Jetzt – Sein, ist eine Konstante in seinen Gedichten. Von ihm stammt auch der berühmte Rat “Carpe diem”, ebenfalls beeinflusst von Epikur. Und er betont immer wieder, dass derjenige glücklich ist, der zufrieden ist mit dem, was er hat, statt immer noch nach mehr zu streben.

Horaz ist und bleibt einer meiner liebsten Begleiter im Leben, und es ist immer was besonderes, tatsächlich an den Ort zu pilgern, an dem der verehrte Mensch gelebt und geschrieben hat. Eine Mischung aus Ehrfurcht und zappeliger Vorfreude begleitete mich, als ich das Autole die Serpentinen von Vicovaro Richtung Licenza entlangsteuerte, immer höher hinauf in die bewaldeten Berge. Kurz vor Licenza das verheissungsvolle braune Schild, das in Italien archäologische Denkmale ankündigt, und ich bog auf eine schattige, baumbestandene gepflasterte Strasse, die in noch mehr sanften Kurven weiter nach oben führte. Dunkel, geheimsnisvoll, umgeben von Grün – und so viel gepflegter, als ich erwartet hatte. Die übliche Zufahrt zu den obskureren Denkmälern in Latium ist oft eine staubige, schlaglochübersäte Schotterstrasse in wenig vertrauenerweckenden Gegenden, und meistens fährt man am Ziel vorbei, weil man gar nicht erkennt, dass da was sein soll. Horaz hat, wie es eines Dichterfürsten würdig ist, eine stilvolle Auffahrt und einen netten kleinen Parkplatz. Und dann – ist man erst mal baff und begeistert, wie gepflegt die Anlage ist. Das ganze grosse Grundstück ist umgeben von einem schönen grünen Zaun. Nachdem die Italiener manchmal erstaunlich sorglos mit ihrem kulturellen Erbe umgehen, hatte ich erwartet, dass die Ruinen halt im Wald sich selbst überlassen sind und es ohnehin niemand interessiert. Aber wenn man die Mosaike gesehen hat, ist man nur froh, dass der Zaun Wildschweinchen abhält, da nachts drüberzutrappeln.

Gelbes, trockenes Gras, eine dicke Schicht an verdorrten Piniennadeln, die beim Drauftreten einen herrlichen harzigen Geruch ausatmeten, kleine Lärchenzapfen auf dem Boden, gelbe, vertrocknete Eichenblätter, scheinbar endlos sich erstreckende Grundmäuerchen, Treppen und tiefer liegende Reste von Gebäuden (wie war das noch mal mit dem bescheidenen Landgut?!), und kein Mensch ausser uns. Und wir waren vor Ehrfurcht und wegen der Magie, die dieser verlassene, vergangene Ort ausstrahlte, sprach – und atemlos. Gingen vorsichtig übers Gelände, stiegen über die Mäuerchen, schauten ungläubig die schwarz – weissen Mosaike an, die da einfach seit 2000 Jahren unter freiem Himmel liegen. Hatten das Gefühl, völlig allein zu sein auf diesem besonderen Ausflug in die Antike. Bis auf einmal am anderen Ende des Geländes ein untersetztes, rundliches Männchen auftauchte,  der mit einem riesigen Buch auf uns zuwatschelte. Das dauerte, und während er näher kam, öffnete er den Band, trug ihn auf zwei Händen wie ein Messdiener die Heilige Schrift, hielt ihn uns feierlich hin und bat uns, uns ins Gästebuch einzutragen. Wie süss. Er trug ein weisses Poloshirt mit dem offiziellem Aufdruck irgendeiner archäologischen Vereinigung und sagte, dass es für sie sehr wichtig sei, einen Überblick über die Besucherzahlen zu bekommen. (Und man muss sagen: sie drängen sich nicht grade, die Besucher… Wir waren die ersten seit neun Tagen. Und auch davor war es eher übersichtlich…) Anscheinend gehört sein ganzes Herzblut der Anlage. Er liess es sich nicht nehmen, uns in einer kleinen Führung das Mosaik im Schlafzimmer von Horaz zu zeigen, die Therme mit ihren verschiedenen Becken, und das Fischbecken. Er beschrieb uns auch den Weg zur in Gedichten unsterblich gewordenen Bandusia – Quelle und watschelte dann betriebsam wieder davon. Und wir hatten das Gelände wieder ganz für uns. Ich hob ein paar gelbe, gezackte Blätter auf und einige Lärchenzapfen, die jetzt vor mir liegen, und wusste schon, als ich sie aufhob: das sind ganz besondere Andenken. Ich werde mich ewig an diesen friedlichen, abgelegenen Ort in den Bergen zurücksehnen.

Auf dem Hinweg waren wir von Tivoli und Vicovaro gekommen, voll durch die Zivilisation. Jetzt dachten wir, wir fahren durch das Naturschutzgebiet da auf der Landkarte Richtung Orvinio. Könnte ja ganz nett sein. Die folgende halbe Stunde wurde unversehens eine der spektakulär schönsten Autofahrten der Reise: keine Ortschaft weit und breit, aber dunkelgrün bewaldete Hügel ohne Ende. Dunkles Grün, so weit das Auge reichte. Das ist für mich die Farbe und Essenz von Latium. Und es war so verdammt einsam – die ganze Zeit kam uns nicht mal ein Auto entgegen, und wir sagten uns, dass es in Kanada ähnlich sein müsste. Zu Zeiten von Horaz gab es hier Wölfe und Bären, und wenn man die Einsamkeit und Abgeschiedenheit des Landstrichs erlebt hat, glaubt man, dass das heute noch der Fall sein könnte. Ich trage die unglaublich schönen Aussichten immer noch im Herzen und bin froh über den spontanen Umweg.