Der Rebell mit der wilden Mähne wird 250

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In den letzten Wochen war ich so mit Üben und Leben beschäftigt, dass ich direkt vergessen habe, darüber zu schreiben. Was immer ein gutes Zeichen ist.

Es begann eigentlich schon im Sommer, mit meiner neuen Cellobekanntschaft. Weil es so Spass macht, treffen wir uns regelmässig und erarbeiten auch ständig neues Repertoire – eine absolute Bereicherung in meinem Leben, auch wenn es zeitmässig so gar nicht vorgesehen war. Unmerklich haben wir, neben Brahms und Debussy, drei Beethoven-Sonaten erarbeitet. Das war damals noch zum reinen Vergnügen, bis mir langsam dämmerte, dass auch Beethoven dieses Jahr wieder ein Jahr älter wird und ein sehr besonderes Jubiläum erreicht. Da dachte ich: kann nicht schaden, etwas Beethoven parat zu haben, ich übe mal noch eine Klaviersonate. Weil ich mich schwer entscheiden konnte, wurden es zwei – op. 31/2, die sogenannte Sturm-Sonate, und op. 31/3, einer meiner Lieblinge.

Kurz vor Weihnachten überlegten zwei Kollegen an der Schule und ich, dass wir im Anmelde- und Werbezeitraum im Frühjahr eigentlich auch mal zusammen spielen und ein nettes Kammerkonzert in unserer Schule aufführen könnten. Und warum nicht Beethoven, zum Geburtstag? Also kam noch eine Geigensonate dazu, und eine Cellosonate (natürlich nicht eine der drei, die ich mir grade draufgeschafft habe – nein, die horrend lange op. 5/2. Ich fürchte, mit 550 Takten dürfte das einer der längsten ersten Instrumentalsätze der Klassik sein. Die ersten Sätze meiner beiden Solosonaten sind je 250 Takte lang. Selbst im ersten Satz der 5. Symphonie kommt Beethoven mit 500 Takten aus. In der 9. braucht er 550. Als mein Cellokollege diese Sonate vorschlug, dachte ich im ersten Moment: was hat er gegen mich? Warum?? Jetzt überlege ich, ob mir das Schicksal was damit sagen will – ob ich vielleicht einen längeren Atem bekommen soll, mehr in die Breite als in die Tiefe denken soll, an meiner Ausdauer arbeiten soll? Wie auch immer, die Sonate ist gelernt. Aber es hat gedauert. Und unsere gemeinsamen Proben werden lang sein.)

So schlichen sich unmerklich immer mehr Sonaten in mein Leben. Aus Spätherbst wurde Advent, aus Weihnachten Januar und Ende Januar. Erst als der Gatte mich kürzlich fragte, was ich da eigentlich dauernd alles durcheinander spiele, wurde mir selber bewusst: ich übe grade sieben Beethoven-Sonaten gleichzeitig. Natürlich nicht alle an einem Tag, aber über die Woche verteilt halte ich mich in jeder etwas auf und grabe weiter und denke nach und radiere Fingersätze, um hoffentlich bessere zu finden. Mir war nicht bewusst, dass es so viele sind. Es war ja auch nicht geplant, aber unmerklich bin ich in diesen wunderbaren Zustand hineingerutscht. Ich merke schon, dass ich ständig dicke, fette blaue Bände mit mir rumschleppe zu meinen verschiedenen Übeorten, und dass grade der zweite Band der Klaviersonaten noch mal furchtbar gealtert ist und gar nicht mehr gut aussieht. Im Gegensatz zu dem, was drinsteht – die Musik ist noch älter, aber zeitlos und frisch und lebendig wie 1801. Und so aufregend, selbst nach monatelangem Üben.

Ich bin auch überzeugt davon, dass das die ultimative Anti – Ageing – Strategie für Frauen meines Alters ist. Kein Fitnessprogramm, keine Cremes in Töpfchen könnten mir dieses Gefühl von Lebendig- und Fitsein geben wie das Universum dieser Sonaten. Ich fühle mich wie eine Studentin, weil ich wirklich ständig üben muss und immer noch so viel Neues entdecke. Technisch bin ich gezwungenermassen in Hochform, weil – was bleibt einem anderes übrig. Beethoven lässt einen nicht mogeln. Und grade in dieser üblen op. 5 – Sonate fährt er die ganze Palette auf. Die einzige Rettung ist da, wieder gewissenhaft gebrochene Dreiklänge und ähnliche Scherze zu üben, mit Rhythmen, mit Metronom, demütig und geduldig, als wäre man wieder 15. Aber es tut mir unheimlich gut und gibt mir das Gefühl, ganz in der Materie zu sein. Und das ist nur die körperliche Seite des Spasses. Wenn ich daran denke, wie Fragmente dieser Musik Tag und Nacht durch meinen Kopf spuken, fürchte ich: auch das bleibt nicht ohne Folgen. Und auch wenn es zum Teil wilde und abgründige Musik ist, ist sie doch durchdrungen von einer wunderbaren Klarheit und Ordnung, die in mir auch wieder Ordnung schafft. Und mich davon abgesehen einfach glücklich macht – es gibt nichts Schöneres, als sich in solche imaginären Landschaften zu begeben und dort ausgedehnte Spaziergänge zu unternehmen.

Dazu kommt der schwer fassbare Aspekt des Transzendenten, Weltanschaulichen, der Ersatz-Religion, die Musik sein kann. Beethoven zu spielen gibt mir Kraft, Zuversicht, Optimismus und Mut. Wenn ich ihn höre, wird der manchmal verloren geglaubte Glaube an hehre humanistische Ideale wieder lebendig. So lange es Beethoven und seine edlen, zeitlosen Melodien gibt, kann es mit der Welt nicht ganz so schnell bergab gehen, wie es manchmal scheint. Oder ich könnte sie, Leonore – mässig, im Alleingang retten, allein dadurch, dass ich mich innerlich von einer seiner Melodien aufrichten lasse (kurzer Exkurs: wie fortschrittlich ist das, dass eine Frau in Beethovens einziger Oper die Heldin ist?! Er war seiner Zeit in so Vielem voraus.). Kein anderer Komponist hat diese Wirkung auf mich, nicht mal Bach. Der transportiert einen so schnell ins Jenseits, in eine pure, reine andere Wirklichkeit, dass man die Welt darüber zu schnell aus den Augen verliert. Beethoven ringt und kämpft noch mit den Widrigkeiten des Daseins und siegt so glanzvoll, dass es einem einfach Mut macht, sein Leben selber anzupacken. Man trägt den Kopf höher und fühlt sich innerlich stärker, weil man weiss: man kann nicht nur diese verflixten B – Dur-Triolen im Tempo, sondern kann hoffentlich auch anderen etwas von diesem Optimismus abgeben. Und irgendwie ist das unser Lebenszweck, oder? Schönheit und Optimismus zu verbreiten. Und auch gute Übetechniken.

Meine Kollegen und ich werden es am Mittwoch, dem 1. April um 19 Uhr im Ensembleraum des Korbinian – Aigner – Gymnasiums Erding versuchen. Danach folgen zwei Hauskonzerte – wer daran interessiert ist, kann sich gerne bei mir melden!

Foto: allcolorsofwhite.tumblr.com

“Will der jetzt auch Klavierunterricht?”

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Seit über zehn Jahren überbrücke ich die Zeit zwischen dem Unterricht in Erding und dem ersten Montagskonzert Ende November damit, in das hell erleuchtete, tannenbaumgeschmückte Einkaufszentrum zu fahren, um meine Backzutaten für Weihnachten zu kaufen. Ich werde regelmässig erschlagen vom Kontrast zu unserer Schule, dem Gedudel, den Menschen, Konsumverheissungen links und rechts. Ohne meine Liste wäre ich verloren. Montagskonzert heisst also nicht nur: die Schüler rechtzeitig ins Programm einzutragen, sondern auch meine Lichterketten zuhause aufzuhängen und bei einer gemütlichen Tasse Tee meine Backbücher durchzublättern. Es gibt Standards, die immer dabei sein müssen, aber jedes Jahr probiere ich auch was Neues (dieses Jahr aus meinem schönen weihnachtlichen New York-Kochbuch). Wie bei meinen Schülern kann ich nicht einfach die Liste vom letzten Jahr übernehmen, sondern muss sie neu durchdenken, überlegen, was noch passt und schauen, was es nettes Neues gäbe.

Jedes Mal bin ich froh, wenn ich mit Butter, Marzipan und gemahlenen Nüssen im Kofferraum aus dem Glitzerwahnsinn wieder in die Schule und die Normalität zurückkomme. Dieses Jahr war es besonders nett: es war neblig und dunkel, als ich an der Ampel vor der Schule halten musste. Normal sehe ich mein Zimmer nie bei Dunkelheit, aber jetzt war es erleuchtet – ein braves Kindchen spielte sich schon ein – und überlebensgross guckte Van Dyck von seinem Ausstellungsplakat freundlich und neugierig direkt auf die Strasse. Mein Herz hüpfte – ich hatte keine Ahnnung, dass man ihn von draussen sehen konnte. Ich hatte ihn so aufgehängt, dass wir vom Flügel aus den perfekten Blick auf ihn haben, aber, noch viel besser, auch er hat einen perfekten Blick nach Süden und kann den lieben langen Tag beobachten, was in Erding so los ist. Das ist doch eine willkommene Abwechslung nach vierhundert Jahren Museum?

In den Herbstferien war ich in der wunderbaren Van Dyck-Ausstellung in der Alten Pinakothek und musste das Plakat einfach kaufen. Es zeigt ihn auf einem ganz frühen Selbstportrait – schon mit sechzehn malte er sich auf eine Weise, die grösste Erwartungen weckt. Wenn man dann erst das umwerfende Selbstportrait mit 21 sieht, das normalerweise in New York hängt (und das allein schon den Ausstellungsbesuch wert ist), kann man kaum fassen, wie früh vollendet und meisterlich von Anfang an manche Künstler waren. Aber der Sechzehnjährige hat mich unglaublich angesprochen, weil sein Blick so besonders ist: ruhig, wissend, in sich ruhend und trotzdem neugierig aus dem Rahmen blickend. Der Blick über die Schulter und zur Seite gibt dem Bild etwas Spontanes und Lebendiges. Man kann sich ihm nicht entziehen und fühlt sich persönlich und direkt angesprochen. Ich spürte es wieder ganz stark, als ich das Plakat nach sechs, sieben Tagen im Auto in meinem Zimmer zum ersten Mal aufrollte – ich habe fast die Luft angehalten, als die Farben mir entgegenglänzten. Eigentlich ist alles im Dunkel, vor einem dunklen Hintergrund, aber die Augen, die Lippen, der Hautton leuchteten und schimmerten, als wären sie grade erst gemalt worden. Als ich das Plakat liebevoll aufhängte, entschuldigte ich mich leise bei Van Dyck, dass es hier manchmal ziemlich zugeht und vor allem montags nebenan leider Schlagzeugunterricht ist, aber nur bis 16.15. Aber nachts würde er seine Ruhe haben, versprochen.

Ich war sehr gespannt, was meine Sechzehnjährigen sagen würden. Einer der ersten Kommentare –  “Will der jetzt auch Klavierunterricht?” – war vielversprechend, weil sie ihn ganz offensichtlich als Gleichaltrigen ansehen. Nicht als irgendeinen toten Maler. Man kann sich der Lebendigkeit des Bilds nicht entziehen. Ein anderer meinte nach ein paar Minuten: “Der weiss was.” Was mich sehr amüsierte, denn – das gleiche habe ich in der Ausstellung auch gedacht. Er weiss was, aber er wird es uns nicht sagen. Alles in allem haben meine Teenager den neuen Klasskameraden sehr wohlwollend aufgenommen. Es gab keine einzige flapsige Bemerkung – das will was heissen bei einem Rudel Pubertierender.

Eigentlich hätte ich das Rudel auch gern in der Alten Pinakothek dabei gehabt. Sie sind alle nett und gut zu haben, und sie hätten den besten Einblick überhaupt in barockes Leben bekommen. Die seidenen, kostbaren Kleider, die üppigen Brokatmuster, Schmuck um den Hals und an den Fingern, die kunstvollen Frisuren – eine Bach-Invention kann sehr lebendig und spannend sein, aber auch einfach schwer und kompliziert. Hier hätten sie “verschachtelt und kompliziert” auf eine andere, sinnlich erlebbarere Weise sehen können. Und möglicherweise einen anderen Zugang zum Soundtrack der Epoche erhalten.

Ich hatte ihn, mal wieder: die Bilderrahmen sind für mich wie Türen, wie grosse, bequeme Terrassenfenster, die eine Instant-Zeitreise erlauben. Und ich kann mich völlig drin verlieren, vor allem wenn die Dargestellten so rosig und lebendig wirken wie wir selber. Und ihre Augen einen so wach anblitzen. Van Dyck war ja hauptsächlich Portraitmaler, und abgesehen von einigen biblischen und religiösen Gemälden besteht die Ausstellung aus sprechenden und eindrucksvollen Einzelportraits. Als ich, an einem der ersten Ausstellungstage, in den leeren Vorraum der Pinakothek ging und ohne Anstehen meine Karte bekam – die ganze Louvre-Massenhysterie ist einfach mysteriös! – freute ich mich besonders auf das schöne Portrait der Gambenspielerin aus Schleissheim. Da vieles ohnehin aus dem Bestand der Pinakothek war, war ich sicher, dass sie beim grossen Familientreffen dabei sein würde. Ist sie doch eines der hübschesten Bilder Van Dyck’s. Aber – keine Gambenspielerin. In keinem der Räume. Durch einen ging ich extra noch mal, weil ich dachte, ich hätte was übersehen, aber – nein. Ich war ehrlich enttäuscht. Die Ausstellung war viel kleiner, als ich erwartet hatte und als ich um halb zwölf schon wieder draussen unter den kahlen Bäumen stand und das Ausstellungsplakat in mein Auto legte, dachte ich im ersten Moment: ich fahr raus nach Schleissheim. Ich will jetzt auch Miss Lemon sehen. Hab ich dann doch nicht gemacht. Aber auf dem Fussweg in die Stadt habe ich mich geärgert – wir können jederzeit nach Schleissheim fahren und die einsame Gambenspielerin besuchen, aber was ist mit Besuchern aus dem Ausland? Ohne Auto neben der Pinakothek? Oder mit nicht genug Zeit, um noch einen Tag dranzuhängen? Da hat man schon eine so schöne Van Dyck Ausstellung, und dann fehlt ein Glanzstück, das auch in bayerischem Besitz ist?

Immerhin habe ich in der Stadt unvermutet eine lebendige, auch schöne Geigerin getroffen, wenn es schon keine Gambenspielerin an dem Tag gab, und hatte mit ihr ein ungeplantes nettes Caféstündchen. Ausgleichende Gerechtigkeit? Aber ich war so empört, dass ich tatsächlich eine Grantler-Mail über das Kontaktformular des Museums schrieb. Und Antwort bekam von der Kuratorin der Ausstellung höchstpersönlich, was mir wirklich peinlich war – die Frau hat garantiert Besseres zu tun. Zumal sie mir ungefähr in der Länge dieses Blogartikels die Beweggründe für die Entscheidung dagegen erklärte. Sie haben das Bild mit neuesten Techniken untersucht und können für die Echtheit bürgen (das ist ja mal eine erfreuliche Nachricht?!? Ich war davon ausgegangen, dass Max Emanuel damals kein Plunder angedreht wurde!). Trotzdem fällt es im Vergleich zu den anderen ausgestellten Werken in der Qualität ab. Einige Farbschichten, besonders im Gesicht, sind nicht so, wie sie sein sollten.

Hm. Es ist nachvollziehbar, aber eben aus einer ganz anderen Warte gesehen. Wir normalen Sterblichen können nie so nahe an ein Lieblingsbild ran, um überhaupt Unvollkommenheiten zu entdecken. Ich finde das Bild nach wie vor wunderschön und eben: auch so wunderbar lebendig. Als wäre sie nicht 380 Jahre oder was tot, sondern würden jeden Moment den Bogen über die Saiten heben und die süssesten Töne produzieren. Und ich konnte nicht vermeiden, zu denken: wenn den bayerischen Staatsgemäldesammlungen das Bild zu popelig ist, so sehr, dass man es lieber in obskuren Aussenstellen versteckt, statt zur Party einzuladen – also wir hätten noch Platz über dem Kamin. Wir würden ihn dann auch nicht mehr anzünden. Versprochen. Das habe ich der Kuratorin aber nicht geschrieben…

Bild: sammlung.pinakothek.de

Die Ausstellung ist noch bis zum 02.02.2020

Bleistifte

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Was ich noch von meinem Vater Greifbares geerbt habe, neben den geschätzten Büchern, die ihr ganz eigenes Regal haben, und einigen LPs, an die ich mich seit allerfrühester Kindheit erinnern kann, ist ein Teil seiner Bleistiftsammlung. Er nimmt viel, viel weniger Platz ein als die anderen Erinnerungsstücke, erfüllt mein Herz aber mit genau so viel Freude. Was jetzt in meiner Schreibtischschublade ruht, zum Teil in der banalen, mit Werbung bedruckten kleinen Papiertüte aus dem Schreibwarenladen, auf dem wir verschiedene Stifte ausprobiert haben, war früher der ganz grosse Schatz für mich in der Schreibtischschublade meines Vaters. Der Tisch war für ein Kind massiv und gigantisch, ein glänzendes, schiffsartiges Modell aus den Dreissigerjahren. In der Mitte war eine Aussparung für die Knie des Schreibenden, rechts und links waren Schubladen und eine Tür, die Fächer verbarg: kein Platz für die Knie eines Mädchens, das gefühlt kaum über den Tisch blicken konnte. Trotzdem war es wie Weihnachten für mich, wenn mein Vater einen Stuhl für mich neben seinen stellte und wir zusammen die Bleistifte anschauten. Und ich wollte jedes Mal die gleichen Geschichten hören: was ein Stenostift war. Wofür man die weicheren brauchte. Wer ihm den besonderen gelben aus Amerika mitgebracht hatte.

Über ein Einzelstück redeten wir nie, und ich habe keine Ahnung, warum ich mir das alles so zusammengereimt hatte, aber es gab eine blauen, auf dem in Gold “Stadt Augsburg” eingraviert war. Und als Kindergartenkind war ich überzeugt, dass genau zwei Leute auf der Welt diesen Stift hätten: der Bürgermeister von Augsburg, und mein Vater. Weil er ein so besonderer Mann war. Der Stift hatte schon seine Geschichte und wir mussten nicht darüber reden. Diesen Stift drehte ich immer mit besonderer Ehrfurcht in den Händen.

Mein Vater hat seine Bleistiftsammlung sicher schon früh begonnen, aus einer Passion für schöne und gute Schreibgeräte heraus (die offensichtlich auf den Genen sitzt…) Er hat ja sein Leben lang viel schreiben und notieren müssen. Ich habe ihn entweder mit seinem grünen Pelikan-Füller schreiben sehen, oder mit verschiedenen Bleistiften. Auch auf seinem Schreibtisch in der Praxis waren immer Bleistifte in einem Zinnbecher.

Wenn man die Sammlung anschaut, merkt man einen gewissen Aufschwung, eine Zunahme an Stiften ab den späten Siebzigerjahren. Die Bleistifte davor waren hauptsächlich aus Deutschland oder der Schweiz, hauptsächlich grün, gelb, schwarz-rot gestreift. Die üblichen und trotzdem geschätzten Fabrikate, die, obwohl in mehrfacher Ausfertigung gekauft, hauptsächlich zum Benutzen da waren. Nachdem sich mein Vater selbständig gemacht hatte (und nicht mehr als städtischer Angestellter in den Genuss von “Stadt Augsburg” – Bleistiften kam), fingen seine Patienten an, ihm Bleistifte aus der ganzen Welt mitzubringen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das auf dezente Hinweise meines Vaters hin geschah. Er war immer freundlich und um andere besorgt, und ich erinnere mich, dass einzelne Flaschen Whisky oder Cognac, die ihm Patienten, in edle Holzkartons verpackt, zu Weihnachten brachten, mehr Bestürzung als Freude auslösten. Weil er wusste, dass sie ein besonderes finanzielles Opfer für den Schenkenden bedeuteten. Ich kann mir gut vorstellen, dass das der Grund war, warum er das Gerücht unter die Leute brachte, dass er sich am allermeisten über Bleistifte freuen würde. Es war typisch für meinen Vater: Bleistifte sind winzig und unkompliziert in jedem Handgepäck unterzubringen. Sie kosten fast nichts. Und sie sind was Einzigartiges, Besonderes, das man so bei uns nicht bekommen konnte (das war zu Zeiten, als Urlaube mit dem Flugzeug noch was Aussergewöhnliches waren).

Und so nahm die Sammlung zu, und wenn wir die Bleistifte aus ihrem Schlafplatz in der Schublade ans Tageslicht holten, wurden die Geschichten immer länger. Denn die Patienten reisten beruflich nach Amerika, Russland, China. Frankreich, Japan, England. Es gab gekaufte Bleistifte und solche mit Werbeaufdruck. Manche hatten chinesische oder kyrillische Schriftzeichen, was ich ganz besonders fand. Manche waren gleich in knisternden Zwölferpacks gekauft worden, aber die fand ich nicht so toll, weil sie in der Verpackung blieben und nicht ausprobiert werden konnten. Denn das war auch eine heimliche Freude: vorsichtig ein paar Krakel zu schreiben, um den Unterschied zwischen weichen und 2B und harten Stiften zu erfahren. Oder, die ultimative Freude: wenn wir die Stifte ein winziges bisschen anspitzten, um am frischen Holz zu riechen. Das nämlich je nach Land sehr unterschiedlich duftet. Das ist ein Spleen, der mir geblieben ist. Als ich kürzlich einen Stift spitzte und ihn unwillkürlich danach kurz unter die Nase hielt, schaute mich meine Schülerin etwas befremdet an. Aber ich fürchte, ich kann nicht anders.

Ab den Neunzigerjahren nahm die Sammlung noch mal zu mit Stücken, die ich meinem Vater von meinen Reisen mitbrachte. Und auch wenn Besonderheiten dabei sind wie der amerikanische Klassiker Dixon Ticonderoga, der heute nur noch in China und Mexico produziert wird (beide riechen laut Kennern anders als der ursprüngliche amerikanische), sind meine mitgebrachten heute nicht mehr interessant für mich, weil ich keine gemeinsamen Bleistiftstunden damit verbinde. Das war nur zu seiner Freude, und gelegentlich sah ich einen davon in Gebrauch, aber wir haben sie nicht mehr so liebevoll und intensiv gemeinsam angeschaut und ausprobiert wie den frühen Grundstock der Sammlung.

Und auf einmal ist es das, was von einem Menschen bleibt: ein dickes Bündel Bleistifte, von denen ich mit Gewissheit sagen kann, dass seine und meine Finger sie berührt haben. Mein Vater ist nicht mehr da, und statt dass es besser wird, wie die Leute sagen, ist es immer noch so traurig wie am ersten Tag. Aber wenn ich einen der Bleistifte in die Hand nehme, ist ein Stück von ihm doch noch da und ich fühle mich getröstet. Ich habe bestimmte Stücke aus seiner Sammlung auf Rotation in dem Becher mit Stiften auf meinem Schreibtisch – nicht, um mit ihnen zu schreiben, sondern um mit ihnen zu spielen, wenn ich beim Schreiben mal nicht weiter weiss und etwas mehr tun will als in die Luft zu starren. Es hilft tatsächlich.

Aber es gibt einen Teil der Sammlung, den ich nur selten zur Hand nehme. Ich habe ihn in einer kleinen separaten Tüte ausgelagert, wie eine verschlossene Grabkammer, in der, staubfrei und ungestört für immer, alles so bleiben soll wie am ersten letzten Tag: die benutzten und kleiner gewordenen Stifte zum Zeitpunkt seines Todes. Mir würde nie einfallen, sie weiter zu verwenden oder gar weiter zu spitzen. Sie sind ein Zeugnis dafür, wie oft er mit ihnen geschrieben hatte. Wie viel Zeit einem im Leben bleibt, um mit einem bestimmten Bleistift zu schreiben. Das ultimative Symbol für Vergänglichkeit – nur weiss man es nicht, so lange man unbekümmert mit einem halben Stift eine Telephonnummer notiert. Man lebt immer in der Erwartung, diesen Stift noch ganz zu Ende zu schreiben und dann mit dem nächsten nagelneuen zu beginnen. Aber manchmal ist einem nicht so viel Zeit vergönnt. Gut, dass wir nicht wissen, wie viele Zentimeter Bleistift wir noch vor uns haben. Gut, dass wir unbekümmert und nach Herzenslust immer wieder weiterschreiben können.

 

Ich denke, selbst ohne den Einfluss meines Vaters wäre ich über kurz oder lang darauf gekommen, was Bleistifte doch für geniale Schreibinstrumente sind. Sie schreiben in jedem Wetter, in jeder Klimazone, selbst kopfüber, falls man mal im Bett Notizen in einem Buch machen will (mein Füller schafft das nicht). Und für Musiker sind sie schlichtweg unentbehrlich. Zum ersten Mal wurde mir das bewusst, als der Konzertmeister vom Augsburger Orchester mir als Teenager einen Druckbleistift schenkte, weil ich eine seiner Schülerinnen beim Beethoven-Konzert begleitete, und dazu sagte: “Als Musiker brauchst du immer einen Bleistift.” (Den Bleistift habe ich verloren, den Manesse-Band Maupassant-Novellen, der das Hauptgeschenk war, ist eines meiner geschätztesten Bücher geblieben). Ich weiss noch, wie ich gleich in dieser Probe den Bleistift stolz neben meine Partitur legte und tatsächlich die ersten zaghaften Anmerkungen selber rein schrieb. Bisher war ich es gewohnt gewesen, dass einzig und allein meine Lehrerin in meine Noten schrieb. In meinem Kosmos kam es nicht vor, dass ich selber in dieser Art Besitz von meinen teuren Heften ergreifen durfte. Überhaupt die Kompetenz hatte, zu sagen, was ein guter Fingersatz ist. Aber – kaum ist der Bleistift mal da, hält man Dinge fest. Denn – das ist wahrscheinlich seine beste Eigenschaft – man kann  weiter ausprobieren und das erste Ergebnis radieren, wenn man was Besseres findet. Deshalb sind Bleistifte mit einem kleinen Radierer am Ende das allergenialste für Musiker. Und: sie müssen weich genug sein. Am besten weicher als HB, je nach Papierqualität der Noten (die sich tatsächlich von Verlag zu Verlag auch eklatant unterscheidet, aber das wäre jetzt noch mal ein ganz eigener Artikel). Inzwischen bin ich bei 3B oder sogar 4B, wobei die schnell stumpf werden und für Fingersätze wirklich gut gespitzt sein müssen. Und was tatsächlich auch eine Rolle spielt, auch wenn das im Gegensatz zum Übezimmer nur Stunden sind, in denen es wichtig ist: es gibt Bleistifte, die auf der Bühne im Scheinwerferlicht nur noch reflektieren und schlecht lesbar sind. Falls man in der Aufführung auf seine Notizen noch angewiesen sein sollte, muss man das auch noch bedenken. Mein spiegelfreier, tiefschwarzer Favorit in der Hinsicht ist der Staedtler Tradition in 3B und noch mehr der japanische Tombow Mono 100 in 3B, aber der ist selten und teuer.

Die weichen Bleistifte, 2B aufwärts, sind perfekt für meine kleinen Anfänger, die noch dicke, grosse runde Noten schreiben. Das würde mit einem harten Bleistift zu krakelig aussehen. Und im ersten halben Jahr werden hier viele, viele Noten geschrieben, denn Kinder müssen selber erfahren, auf welcher Linie sie genau sitzen. Nur lesen und abfragen würde nicht so viel bringen. Ich habe immer drei, vier Bleistifte hier am Flügel und zwei in meiner Schultasche, wenn ich auswärts unterrichte. Und obwohl ich einen gewissen Vorrat habe, muss ich doch immer für Nachschub sorgen. Denn das ist noch eine weiteres sympathisches Merkmal von Bleistiften: sie leben mit einem und zeigen durch ihr Kürzerwerden an, dass man viel mit ihnen gearbeitet hat. Sie verändern sich, während sie bei uns sind, so wie wir uns hoffentlich verändern und immer mehr lernen, immer bessere Fingersätze finden, noch schönere Phrasen einzeichnen. Sie sind gewissermassen ein Teil von uns, für eine kurze Zeit. Und auch wenn sie dadurch, durch ihr Gebrauchtwerden, eines Tages verschwinden, sind sie nicht vergessen – ich habe (natürlich…) eine kleine Dose mit Stummeln, und an manche erinnere ich mich tatsächlich gerne.

Ist das nicht ein seltsames Phänomen – man schätzt an Bleistiften, dass sich das damit Geschriebene rückstandslos wegradieren lässt, und sie werden durch’s Benutzen kleiner und verschwinden irgendwann ganz. Sie sind eigentlich furchtbar flüchtig und vergänglich, und damit meine ich nicht das tatsächlich Verlieren, das ja leider auch all zu oft passiert. Und trotzdem sind sie so wichtig, dass ich mir mein Musikerinnenleben ohne Bleistift nicht vorstellen kann.

Herbstdüfte

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Das Schneckenhaus, das ich in den römischen Ruinen von Aquileia aufgehoben habe, spürt noch den Kuss der salzigen Lagunenluft auf sich. Es erinnert sich nicht an die Mosaike der Quallen, Fische und Oktopusse wenige Meter von dort, wo es lag. Sonnengebleicht und windumhaucht, ist es älter als die ältesten der Mosaike.

Erinnerungen an einzelne Takte meines Debussy schweben wie zarte Rauchschwaden durch meinen Geist. Die Luft über der Lagune schimmert. Sie ist dicht und feucht, und trotzdem spielt ein Windhauch mit meinem langen Wickelkleid, als ich im Schatten der Zypressen langsam die antike Gräberstrasse entlanglaufe. Stille und Einsamkeit um uns herum, die Art von Einsamkeit, die spricht und flüstert, wenn man bereit ist, ihr zuzuhören. Und dazwischen immer wieder kurze, berückend schöne Takte Debussy. Klangspiralen. Kleine Kaskaden. Ein glitzernder Hauch, der sich in Nichts auflöst. Aber auch solide, feste Blöcke von Akkorden, haltbarer und dauerhafter als die Säulen der Römer hier. Mehr für die Ewigkeit gedacht als alles aus Stein.

Ich schwebe durch meine eigenen Klangwelten, umflimmert vom unwirklichen Licht der Lagune, die kleine Schnecke in meiner trockenen Hand. Die Sonne versinkt langsam und strahlend im Meer, in einem letzten grandiosen Crescendo von Gold und Gelb, bevor die Wasserfläche noch lange rosa schimmert. Alle Übergänge sind langsam und unsichtbar hier, Horizont, Meer und Himmel verschwimmen ineinander wie zarte Klänge, ständig eingehüllt in den seltsamen greifbaren Dunst.

 

Einen Monat später hat sich die Schnecke keinen Millimeter bewegt von dort, wo ich sie in Aquileia auf mein Armaturenbrett gelegt habe. Der Parkplatz neben dem archäologischen Museum war leer und heiss. Während die Schnecke mit uns über die ganzen Alpen gefahren ist, zufrieden zusammengerollt in ihrer Ecke, blickten die Statuen in die stillen leeren Säle. Ein Jahrhundert ist nichts für sie. Sie haben eine andere Einstellung zu Geduld, Zeit, Gestern und Heute. Ich denke an sie, während mein Leben weiter geht. Nur einen Monat später ist alles Schimmernde, Doppeldeutige, Geheimnisvolle nur noch eine Erinnerung.

Zuhause, jenseits der Alpen, ist alles greifbarer und kräftiger. Der Tag verabschiedet sich nicht mit einem grandiosen letzten Aufleuchten. Es gibt kein nennenswertes Schauspiel am Himmel, wenn ein grauer, schwerer Nachmittag in eine tintenblaue Nacht übergeht. Während ich mit meiner neuen Cello-Bekanntschaft eine Beethoven-Sonate übe, ist der Garten auf ein mal schwarz. Als ob jemand hastig ein undurchdringliches Samttuch darübergeworfen hätte. Die dicken Steine seines uralten Bauernhofes hüllen uns ein. Der Holzofen in der Küche, so alt wie das Haus selber, knistert und verbreitet einen rauchigen Geruch, der sich mit dem von gebratenen Speck und Zwiebeln vermischt, als seine Frau mit dem Kochen beginnt, während wir spielen. Keine Pfirsichdüfte mehr, kein schillerndes Meer, kein zarter Debussy. Stattdessen ein Rückfall in alte Suchtzeiten, ein Besuch im höhlenartigen Buchantiquariat und, als Resultat, der Duft eines alten, ledergebundenen Buches, der sich mit dem meines kräftigen Assams beim Frühstück mischt. Nicht nur jahreszeitlich bin ich urplötzlich in einer ganz anderen Welt. Wieder zurück – das Sieben-Uhr-Läuten der Kirche hinter dem Garten ist so vertraut, die Morgennebel, die wenigen rotbackigen Äpfel, die morgens nass im feuchten Gras liegen – und trotzdem in einem immer wieder neuen, anderen Universum. September ist für Neuanfänge. Auch musikalisch. Und alles kommt einem vor wie zum ersten Mal.

 

(Wo soll das noch hinführen, wenn ich gleichzeitig die Kategorie “Unterwegs” und “Zuhause” anklicken muss?)

Foto: llmillie.tumblr.com

Haben oder Sein

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Nachdem mein Vater gestorben war, durfte ich mir aus seiner Bibliothek Bücher aussuchen. Er hatte sehr, sehr viele, da er sein Leben lang gelesen hat. Das ist auch eine meiner liebsten Erinnerungen an ihn: abends lesend am Tisch (er las eigentlich immer im Sitzen), immer einen Bleistift neben sich, manchmal ein Glas Rotwein, an dem ich nippen durfte, als ich älter wurde.

Ich habe mir hauptsächlich die Bücher rausgesucht, die wir zusammen gelesen und über die wir gesprochen haben: Rilke, Thomas Mann, natürlich, Montaigne, Seneca und Marc Aurel. Die Klassiker, quasi. Oft in sehr schönen gebundenen Ausgaben, wie sie heute gar nicht mehr hergestellt werden – genau die Art von liebevoller Investition, die danach verlangt, an die nächste Generation weitergegeben zu werden. Hochwertige Bücher für Jahrzehnte oder noch länger.

Aber es ist auch ein dünnes, abgegriffenes dtv-Taschenbuch darunter, das mein Vater 1981 angeschafft hat (er hatte die Angewohnheit, oft mit Bleistift das Erwerbsdatum vorne in die Bücher zu schreiben). Erich Fromm, Haben oder Sein. Ich habe es zu seinen Lebzeiten schon mal gelesen, aber leider nicht mit ihm darüber gesprochen – warum, ist mir jetzt schleierhaft, denn das war ein Thema, das ihm am Herzen lag und zu dem er sich viele Gedanken gemacht hat. Und zu dem er jederzeit viel zu sagen hatte. Aber in seiner gewohnten feinsinnigen, umsichtigen Art. Mein Vater war nie militant oder missionarisch. Er lebte in der Überzeugung, das jeder für sich selbst entscheiden sollte, und auch deshalb war er so ein angenehmer Umgang.

Mein Vater war ein Mensch mit Weitblick, der sich Gedanken über die Gesamtsituation gemacht hat und schon früh erkannt hat, dass wir mir gedankenlosem Konsum und ständiger Ausbeutung von Ressourcen nicht weit kommen werden. Eigentlich war er eine Art Vorreiter der Öko- und Minimalismusbewegung, lange bevor dieser Lebensstil schick und allgegenwärtig würde. Einfach, weil er aus eigener Erfahrung heraus überzeugt davon war, dass es vernünftiger war, so zu leben.

Auch wenn er wusste, wie wichtig “kleine Freuden” im Alltag sind – ein Espresso am Vormittag, ein schöner Bleistift – und auch Platz für die grösseren war wie sein geliebtes Klepper-Faltboot, definierte sich mein Vater nie über’s Haben, Anschaffen und Besitzen. Er wusste und hat uns in wunderbarer Weise vorgelebt, dass es Wichtigeres gibt.

Als ich diesen Sommer zufällig das schmale Fromm-Buch aus dem Regal nahm und nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen konnte, fand ich darin ganz überraschend eine umfassende Zusammenfassung von vielem, über das mein Vater auch gern gesprochen hat. Die Lektüre war wie ein Wiedersehen mit einem Bekannten, den man schon immer gemocht hat. Und wie immer war es erstaunlich, ein Buch nach zwanzig Jahren wieder zu lesen. Man ist ein anderer Mensch, an einer anderen Stelle im Leben. Manches ist wichtiger und drängender als je zuvor, manches tritt in den Hintergrund. Manches hat man so verinnerlicht, dass man einfach schnell darüber liest, weil es so selbstverständlich ist, als würde man eine Abhandlung über die eigene Augenfarbe lesen.

Fromm’s Beobachtungen über Konsum, Haben, Anhäufen als eigentlichem Lebenszweck waren damals augenöffnend und wegweisend für mich. Inzwischen bilde ich mir ein, zu wissen, dass materieller Besitz und weltliche Güter nicht glücklich machen. Ich brauche keine Bestätigung für diese Lebensweise und muss auch keinen davon überzeugen oder dazu bekehren. Jeder darf auf seine Art glücklich werden.

Aber in den “Seins”-Kapiteln habe ich mir noch mal vieles angestrichen. Zusätzlich zu den früheren Anstreichungen meines Vaters und auch meiner eigenen (die man nur schwer unterscheiden kann, weil wir beide immer Bleistift benutzt haben) (Und wenn ich an den Zustand des Buches denke, muss ich unweigerlich an eines der Lieblingszitate meines Vaters denken: “Habent sua fata libelli”- Bücher haben ihr eigenes Schicksal. Das Schicksal mancher Bücher ist es, noch von der nächsten Generation zerlesen und angekritzelt zu werden.) Ich überlege tatsächlich, ob ich einige der Beobachtungen von Fromm zum Produktiv-Sein, Erfüllt-Sein, Aufgehen in einer Tätigkeit auf meine Webseite stellen soll. Es wären die besten und überzeugendsten Argumente für Instrumentalunterricht.

Denn diese Zitate lese ich tatsächlich mit anderen Augen. Früher, kurz nach dem Studium, ging es mir nicht nur ums Klavierspielen um der Sache willen – ich wollte damit etwas erreichen, etwas beweisen, einen Status und Titel erlangen, der Welt zeigen, dass ich enorm viel Zeit und Mühen investiert habe, um auf diesem Niveau anzukommen. Das Ziel war mir wichtiger als der Weg.

Inzwischen bin ich, bei allem Ehrgeiz, wenn es um eigene Projekte und Konzerte geht, wieder viel mehr in dem glücklichen Zustand wie ganz, ganz lange vor dem Studium angekommen: ich spiele, weil es mich glücklich macht und ich dabei alles um mich herum vergessen kann. Trotz allem, was ich inzwischen weiss. Und das ist genau der Grund, warum viele Eltern ihr Kind ein Instrument lernen lassen wollen. Die allerwenigsten von ihnen wollen, dass dabei ein Konzertpianist herauskommt. Sie wollen ihrem Kind etwas fürs Leben mitgeben, etwas, was über den ganzen messbaren und konkreten Wissenserwerb hinausgeht. Manche wünschen sich ausdrücklich, ihren Kindern etwas für die Seele mitzugeben. Denn es werden Zeiten im Leben kommen, in denen man einen Anker braucht. Und es ist nicht wichtig, auf welchem Niveau man dann spielt. Das Wichtigste ist, eine Fähigkeit zu kennen, in der man ganz im glücklichen, zeitlosen Seinszustand aufgehen kann. Glücklich produktiv sein kann, auch ohne ein wirkliches Ergebnis vorweisen zu können. Das ist laut Fromm das echte Sein, das echte im-Augenblick-Sein. Er unterscheidet zwischen der Produktivität eines Künstlers oder Wissenschaftlers, deren Ziel es ist, etwas Neues und Originales zu schaffen, und Produktivität als “Zustand innerer Aktivität”. Egal, um welche Tätigkeit es sich dabei handelt – jeder weiss, was ihn so ausfüllt und erfüllt, dass man darüber die Zeit vergessen kann. Oft sind es auch völlig banale oder unwichtige Dinge, die einen nachhaltig glücklich machen und wieder ins Lot kommen lassen. So wie damals, als ich als Kind Kiesel in einer Schüssel Wasser hin- und herbewegt habe und gestaunt habe, wie sich die Farben ändern. Man braucht solche kleinen Fluchten. Und man tut damit nicht nur sich selbst einen Gefallen. Laut Fromm erweckt “der produktive Mensch alles zum Leben, was er berührt. Er gibt seinen eigenen Fähigkeiten Leben und schenkt anderen Menschen und Dingen Leben.” Ich glaube, das ist auch das Geheimnis, warum man manche Lehrer lieber mochte als andere oder den Kontakt zu bestimmten Menschen sucht oder eben meidet – man fühlt sich von Wesen angezogen, in denen die Flamme noch am Brennen ist. Die noch Leben und Kreativität in sich tragen und alles damit beseelen können, statt nur mit Anhäufen und Sammeln von kalten Gegenständen beschäftigt zu sein.

Ich habe auch jetzt erst kapiert, dass Fromm Psychoanalytiker war. Er sieht berufsbedingt noch mal ganz andere Zusammenhänge. An einer Stelle merkt er an, dass Menschen, die diesen glücklichen Zustand der Produktivität kennen, psychisch praktisch nicht krank werden, weil sie sich von innen und aus eigener Kraft erneuern können. Das ist doch noch mal ein wunderbares Argument für’s absichtslose und ergebnislose Produktiv-Sein! Es ist keine Zeitverschwendung. Es tut gut, ohne Schielen auf die Wortanzahl, das Metronom, die Stoppuhr trotzdem das zu tun, was einen glücklich macht. Und einfach nur zu sein.

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Um vollzeitmässig und ohne Ablenkung einfach nur zu sein, sind wir ans Meer aufgebrochen. Mit wenig Gepäck, unkompliziert mit meinem kleinen Auto, über Berg, Tunnel und Tal. Und haben in der kurzen Woche so viel Schönes gesehen: glitzernd blaugrünes Meer, den knallblauen Golf von Triest in seiner ganzen Pracht von einem Klippenweg aus, weisse und gelbe Schlösser am Meer, jahrhunderte/jahrtausendealte Mosaiken mit Quallen, Tintenfischen und anderem abenteuerlichem Meeresgetier, das blau-goldene Wunder der Kuppeln der serbisch-orthodoxen Kirche in Triest, und immer wieder Schloss Duino zu jeder Tageszeit vom Klippenweg aus. Ich hatte für mich nur meinen kleinen Rucksack gepackt mit den zwei Büchern, die ich lesen wollte, Block und Tagebuch und Stiften, und einen kleinen Beutel mit Kleidung. Mehr braucht man nicht, um glücklich im Hier und Jetzt zu sein. Diese komplett undigitale Woche, in der wir dafür in Tropfsteinhöhlen hinabgestiegen sind oder drei Stunden einfach nur auf dem Meer Dampfer fuhren, war die perfekte Fermate, das ganz grosse Aufladen, bevor der Alltag wieder beginnt.

 

Erich Fromm, Haben oder Sein

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“Während beim Haben das, was man hat, sich durch Gebrauch verringert, nimmt das Sein durch die Praxis zu. Die Kräfte der Vernunft, der Liebe, des künstlerischen und intellektuellen Schaffens – alle wesenseigenen Kräfte wachsen, indem man sie ausübt. Was man gibt, verliert man nicht, sondern im Gegenteil, man verliert, was man festhält.”

 

Die Erleuchteten

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Je mehr Zeit ich mit Erwachsenen verbringe, desto öfter frage ich mich, ob dieses ganze Gequatsche eigentlich sein muss. Autos, Urlaube, Häuser, Zweithäuser, Immobilien zur Anlage (und der Ärger mit den Mietern), Erfolge der Kinder, eigene bedeutende Kontakte – puh. Ich kann höflich zuhören und nicken, aber ich kann inzwischen auch gut geistig wegdriften und trotzdem interessiert aussehen.

Beitragen kann ich zu solchen Unterhaltungen wenig bis nichts, und ich sehe schon den Tag kommen, an dem ich wegen Langweiligkeit nicht mehr eingeladen werde. Manchmal klappt es, die Unterhaltung von Schein zu Sein zu wenden, manchmal klappt es nicht. Und ich sehne mich danach, wieder in meinem ganz normalen Alltag zurückzukehren, unter Menschen, die deutlich unter 18 sind und sich überhaupt nicht scheren um alles, wofür wir später so hart arbeiten, uns vielleicht sogar aufarbeiten. Nur um anderen imponieren zu können.

In meiner eigentlichen Welt ist es imposanter, Mathe-Kanguru zu werden, die Vorzeichen von E-Dur zu kennen oder eine Freundin zu haben, mit der man nachmittags Radfahren geht. Das sind die wirklich wichtigen Dinge des Lebens, die gefeiert werden und über die man sich freut. Ein feines Essen gehört auch dazu. Manchmal erfahre ich, dass es mittags Pfannkuchen gab, die total lecker waren, oder jemand freut sich schon aufs Abendessen gleich nach der Stunde. Dann denke ich gern an einen sehr wohlhabenden Bekannten, der mal meinte, mehr als drei Mal am Tag gut essen könne er auch nicht trotz der ganzen Kohle – dann ist es irrelevant, ob einen im Moment eher Garnelen oder ein Marmeladepfannkuchen glücklich machen. Und wenn ich sehe, wie sehr sich die Kinder über den kleinsten Radiergummi oder Buntstift zum Geburtstag freuen, merke ich, wie unverdorben und bedürfnislos die meisten von ihnen leben. Ich habe eigentlich ständig mit Leuten zu tun, die selber überhaupt kein Geld haben – vielleicht prägt das einen? Vielleicht bekommt man ein anderes Gespür dafür, was die Dinge wirklich wert sind? Und welche Dinge es wert sind, dass man sich dafür verbiegt?

Mit meinen Schülern geht es einzig und allein ums Sein. Ums Machen, ums Selber-Machen und Erleben. Eigentlich sind sie die wahren Erleuchteten, oder? In ihren abgerappelten Turnschuhen und oft gewaschenen Band- oder andere Helden-T-Shirts, mit ihren ausgebeulten Rucksäcken und ihren Fahrrädern. Sie sind genau an dem Punkt, den uns Webseiten oder Zeitschriften als Ziel des Angekommenseins, des wahres Erreichens der inneren Ruhe darstellen. Sie gehen ganz auf in einer Tätigkeit, bemühen sich um Wissen und Fertigkeiten und spüren sich selber dabei viel mehr, als wenn man entmenschlichten Tätigkeiten nachgehen muss. Sie haben Freizeit, und sie nutzen sie. Dürfen nach Herzenslust Tätigkeiten nachgehen, die sie erfüllen und bereichern, ohne an den Nutzen zu denken (sind an dem Punkt, an den manche Erwachsene in der Lebensmitte und vielleicht nach einer Krise kommen, wenn sie sich urplötzlich zum Klavierunterricht, Töpferkurs oder Schnitzkurs anmelden). Wachsen  nicht nur äusserlich, sondern werden innerlich auch ständig reicher, und in einem Tempo, das man später im Leben nie mehr erreicht. Sie sind unbestechlich – naja, relativ – und konzentriert auf das, was sie wirklich erfüllt. Bis sie eines Tages in die übliche Mühle geraten. Man lernt nicht mehr, weil es Spass macht. Leistung wird zum Selbstzweck, und man hört immer öfter, dass man einen guten Abschluss braucht, um einen guten Job zu finden, in dem man schnell genug Geld verdient, um ein passendes Haus und Auto zu kaufen. Und wenn man nicht aufpasst, findet jetzt eine Verschiebung der Wertigkeiten statt und man braucht Jahrzehnte, um wieder in den vorherigen, seligen Zustand zu kommen. Falls es einem überhaupt noch wichtig ist.

Ich bin auf jeden Fall dankbar, dass meine Schüler mir immer wieder zeigen, auf was es ankommt. Ich fühle mich besser, wenn ich bewusst solche kleinen Momente geniesse, die den Kindern auch was geben: ein besonderer Klang, der noch mal andächtig wiederholt wird, ein ausgiebiges Katzenkraulen, ein leeres türkises Vogelei, das am Boden liegt… Die Kleinen haben es raus, zu erkennen, was am Ende des Tages bleibt.

Steinway 495938, Teil III

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Der Flieder verblühte, die Akeleien öffneten sich. Die feine Mondsichel wuchs wieder. Über Nacht sprangen die Rosenknospen auf, und mit einem Schlag war es Sommer. Ich dachte manchmal an die gescheiterte Aufnahme, versuchte aber, nach vorne zu schauen und mir andere Projekte zu suchen. Bis der Gatte zufällig eine Mail von einem Kollegen von sich bekam, der am Ende in einem PS meinte, dass er sich einen Traum erfüllt und im neu gebauten Haus ein Tonstudio eingerichtet habe. Wir könnten ja mal kommen und alles anschauen, Haus, Katze, Tonstudio. Das war zu seltsam. Vor zwei Monaten hatte ich verzweifelt nach einem Studio mit Flügel gesucht, und jetzt war eins quasi um die Ecke?

Wir fuhren hin. Ich kannte Walter nur als ehrgeizigen Kardiologen, der nebenbei mit grossem Enthusiasmus Saxophon spielt und regelmässig in verschiedenen Formationen auftritt. Das Studio ist aufs Feinste eingerichtet, mit allem, was das Herz begehrt und auf absolut professionellen Niveau. Der einzige Wermutstropfen war der nicht so berauschende Flügel, aber sonst waren Walter und ich gleich so im Einklang, hatten so sehr die gleiche Vorstellung von One-Take-Aufnahmen ohne Schnitte, dass ich einen Termin ausmachte für in ein paar Wochen später. Und wieder anfing zu üben wie eine Blöde. Denn jetzt musste es endlich klappen.

Zehn Tage vor der Aufnahme bekam ich einen Anruf: sie hätten einen Pianisten aus Paris dagehabt, der ihnen ins Gesicht gesagt habe, dass ihr Flügel nicht dem sonstigen Niveau des Studios entspricht. Kurz: dass er einen anderen brauche. Und zwar morgen. In ihrer Not riefen sie Claudia Sohnemann an, die ich ihnen als Klavierstimmerin empfohlen habe. Und sie lieferte ihnen zwei Tage später einen Steinway, den ich angeblich auch kennen sollte. Ich glaube, mein Herz setzte kurz aus – diese verrückte Schwarze Lady! Was für eine Rumtreiberin! Also, wenn ich nichts dagegen hätte, würden sie den Flügel noch für meine Aufnahme stehen lassen. (Inzwischen ist noch mehr Zeit vergangen, und eventuell, ganz vielleicht bleibt er dauerhaft dort. Ich kann’s nicht fassen!)

 

Die Aufnahmesession Ende Juni war so völlig anders als Ende März: kein Schnee, sondern 34 Grad. Keine schweren Klamotten in mehreren Lagen, sondern Sommerkleid und Sandalen – ich bilde mir ein, man hört den Schwung und die Leichtigkeit. Ein erschreckend kongenialer Tonmeister, der einfach mein Tempo hat, sehr effektiv und zielorientiert ist und sich, wenn was war, an den exakt gleichen Stellen gestört hat wie ich. Obwohl er ein Jazzer ist und die meisten Stücke noch nie im Leben gehört hat. Aber er weiss was vom Flow und legte grössten Wert darauf, dass der erhalten bleibt. Natürlich gab es Ausrutscher, aber entweder spielte ich noch mal alles (so viel auf der CD ist wirklich die erste und einzige Aufnahme! Der erste und letzte Debussy. Die Bach-Fuge. “Schafe können sicher weiden”. Da bin ich richtig glücklich.) oder wir setzten zwei sehr grosse, minutenlange Teile an einer logischen Stelle zusammen. Wir haben vielleicht zehn Mal geschnitten, und jedes Mal war ich dabei und konnte mithören. Ich bilde mir ein, dass man keinen einzigen Schnitt hört.

Alles ging flott und schwungvoll, ohne eine vergeudete Minute. Die Schwarze Lady gab ihr Bestes und beflügelte mich zusätzlich. Nach dem Debussy und Beethoven zwangen wir uns zu einer Pause, sassen im Garten unter einem Baum im Schatten, tranken Espresso und assen Aprikosen. Und dann ging’s genau so beschwingt weiter. Das Bach-Präludium hat den Sommer und die Aprikosen in sich, und eine gute Prise Koffein – es wurde auf Anhieb so, wie ich mir es vorstelle, ohne Tüfteln oder vorher noch mal probieren, einfach rein aus dem Garten und ran ans Klavier. Ich kann einfach nicht acht Stunden lang gut spielen. Bin wohl eher eine Sprinterin als eine Marathonläuferin – selbst wenn das der einzige Nutzen ist, den die verkorkste Aufnahme haben soll, bin ich dankbar für diese Erkenntnis. Nach dreieinhalb glücklichen Stunden war alles im Kasten. Und ich fühlte mich gut, auch am nächsten Tag noch. Keine Katerstimmung wie beim letzten Mal.

Und jetzt wird es eine CD geben! Die ich natürlich allen armen Bekannten aufs Auge drücken werde. Sollte noch jemand Verlangen danach haben – einfach schreiben!

Foto: windows-in-art.tumblr.com

Steinway 495938, Teil II

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Und – es war noch nicht aller Tage Abend. Die seltsame Geschichte um den Ausnahmeflügel ging weiter und mäanderte in erstaunlichen, unerwarteten Windungen mal hier hin, mal dort hin. Aber egal, welche Kapriolen die Schwarze Lady schlug – sie hat mein Herz in die gleiche Richtung mitgezogen. Ich konnte nicht unbeteiligt bleiben oder das Kapitel innerlich abschliessen, ganz im Gegenteil.

Ich versuche eine Kurzfassung. Denn schliesslich spielte sich alles über zwölf verwirrende, aufregende und schöne Wochen ab, und wenn ich alle meine schwankenden Emotionen in Worte fassen würde, würde ich bald Homer Konkurrenz machen… Denn es war eine wilde Reise.

Erst kam die Nachricht, dass ich mein Konzertprogramm auf ihr noch aufnehmen kann, bevor sie fünf Tage später an ihre neue Besitzerin geliefert werden würde. Halt vor Ort, in der Klavierwerkstatt und unter nicht ganz optimalen Bedingungen, aber ich war mit Enthusiasmus dabei, weil es damals so aussah, als wäre das meine letzte Chance, auf diesem Trauminstrument zu spielen. Habe meine Schüler verlegt, weil es an einem Werktag passieren musste, was mich immer sehr stresst und viel Organisationshorror bedeutet. Als es in der Nacht davor schneite und ich, so dick eingepackt wie möglich, über die weissen Hügel in den Bauernhof fuhr, sagte ich mir immer vor: Schnee Ende März kann nicht so ernst sein. Gleich kommt die Sonne und wir frieren kein bisschen. Aber – keine Sonne. Und kaum Heizung da im ehemaligen Stall. Mit Winterstiefeln zu pedalisieren ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Und nach sechs Stunden gab ich dem armen Tonmeister meine (geblümten) Pulswärmer, weil er langsam einfror. Nach acht Stunden waren wir beide mehr als klamm. Und leider klingt es auch so: zu lahm, zu langsam, leider todlangweilig trotz des tollen Flügels.

Ich war frustriert und versuchte, die Aktion als Erfahrung und Lehrgeld abzuhaken. Was aber nicht so einfach ist, wenn das ganze Herzblut drangehangen hat und das erwartete Ergebnis ausbleibt.

Der Schnee taute. Die Osterglocken und Palmkätzchen nahmen einen zweiten Anlauf. Ich übte und übte und fragte mich, warum ich an dem Tag so schlecht gespielt hatte. War wild entschlossen, es zumindest in den Konzerten besser zu machen, wenn es schon keine Aufnahme geben sollte.

Zwischendurch bekam ich so nebenbei von meiner Klavierbauerin mit, dass die ursprüngliche Käuferin des Flügels abgesprungen war und sich für einen B-Flügel entschlossen hatte, der ihr noch mehr zusagte. Irgendwie war das auch frustrierend, denn dann hätten wir nicht bei arktischen Temperaturen auf dem Hügel rumsitzen müssen. Armer Tonmeister.

(Kurzer Ego-Exkurs, also noch mehr Ego-Exkurs als ohnehin schon: Ende Mai, an einem wunderbaren milden, regnerischen Abend, spielte ich mein Programm noch mal im Haus einer Bekannten, auch auf einem sehr schönen Steinway. Das alte Parkett schimmerte, die dicken Mauern flüsterten, und als mein Debussy in den regenverhangenen Garten hinausschwebte und dort mit Frühlingsdüften und allen möglichen kaum sichtbaren Wasserelfen tanzte, war ich glücklich und eins mit mir wie schon lange nicht mehr. Und dachte: warum überhaupt eine Aufnahme. Was zählt, ist der Moment. Dieser Moment. Und die greifbaren, atmenden Menschen, die schlagenden Herzen, die um mich herum sitzen und mit mir diesen Moment erleben.)

 

*

 

Am nächsten Tag spielte die Tochter dieser Bekannten ein Konzert in Mühldorf. Sie ist unglaublich jung und unglaublich begabt, und ich hätte sie mir angehört, auch ohne dass mir Frau Sohnemann erzählt hätte, dass sie um einen Flügel für die Kirche gebeten wurde und dass sie die Schwarze Lady reinstellen würde. Die unglaublicherweise immer noch nicht verkauft war. Mein Herz zuckte zusammen. Noch mehr, als ich den Flügel in der Kirche sah. Und als Frau Sohnemann nach dem Konzert sagte, dass er morgen abgeholt würde, sie die Klaviatur aber heute schon mitnimmt, damit sie nicht hochkant transportiert wird. Und ob ihr jemand helfen könnte, sie rauszutragen. Und es war wie immer, wenn ich mich mit ihr über diesen Flügel beuge: nicht wie eine Klavierbauerin und eine Musikerin, sondern einfach – zwei Frauen, die mit mütterlichen und zärtlichen Gefühlen auf einen besonders gelungenen Sprössling schauen. Frau Sohnemann ist so zart und ruhig. Sie spricht zwar lebendig und lacht viel, aber vieles geht auch ganz still und nonverbal ab, und ich liebe es, wenn ich mit ihr und dem Objekt unserer Aufmerksamkeit in so einem besonderen Dreieck verbunden bin, in dem so vieles ungesagt bleibt, aber alles klar ist. Als wir beide die Klaviatur langsam und vorsichtig den Mittelgang entlang trugen, fühlte ich mich sehr seltsam. Irgendwie war es der ultimative Akt an Fürsorge, die wichtigen, wertvollen Innereien des geliebten Instruments, das, was ihren besonderen Anschlag und Ton ausmacht, so nackt und bloss durch die Kirche zu tragen, und ich hätte es mir nicht nehmen lassen, da mit an zu packen. Aber innerlich amüsierte ich mich über diese verrückte Schwarze Lady und hatte so das Gefühl, dass das sicherlich unsere intimste, aber nicht die letzte Begegnung sein würde.